Lichtenbergs letzter Brief

Letztes überliefertes Schreiben Bernhard Lichtenbergs aus dem Lazarett des Strafgefängnisses Tegel an Schwester Stephana Ostendorf

Original: Diözesanarchiv Berlin

Berlin-Tegel, den 27. September 1943
+ Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit, Amen.

Ehrwürdige Schwester Oberin.

Der liebe Gott hat mich zum drittenmal ins Lazarett des Gefängnisses geschickt. So muß ich meinen wahrscheinlich letzten Gefängnisbrief im Bett schreiben. Wenn ich von hier aus die letzten zwei Jahre überblicke, will u. muß ich Gott aus ganzer Seele danken, auch allen, die Seinen heiligen Willen an mir zur Ausführung brachten. Es ist mein fester Entschluß, die Exercitienvorsätze mit Gottes Hilfe zur Ausführung zu bringen, die ich vor Jahren nach den dreißigtägigen Exercitien gefaßt habe, nämlich: ich will alles, was mir widerfährt, Freudiges u. Schmerzliches Erhebendes u. Niederdrückendes im Lichte der Ewigkeit ansehen, ich will meine Seele besitzen in meiner Geduld, ich will in keinem Gedanken, in keinem Worte und in keinem Werke sündigen und alles aus Liebe tun und alles aus Liebe leiden. Lebensmut habe ich noch für 20 Jahre, aber wenn der liebe Gott will, daß ich noch heute sterbe, so soll Sein heiliger Wille geschehen.

1000 Grüße meinem hochwürdigsten Bischof, dem Domkapitel, dem Pfarrhaus, der Pfarrwohnung , der St. Hedwigsgemeinde, allen, die für mich gebetet und mir geschrieben und mich dadurch getröstet haben. Es geschehe, werde gelobt und in Ewigkeit hochgepriesen der süßeste, heiligste u. gerechteste Wille Gottes, unerforschlich in Seinen Höhen und Tiefen, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

Der Gefangene im Herrn
Bernhard Lichtenberg,
Dompropst von St. Hedwig