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Dompropst Bernhard Lichtenberg
aus einem Buch von Benedicta Maria Kemper

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Im Mai 1965 ging durch die Presse die folgende Nachricht:

»Der katholische Erzbischof von Berlin, Alfred Bengsch, hat von der Ritenkongregation in Rom die Erlaubnis erhalten, die Vorarbeiten für den Seligsprechungsprozeß für den römisch-katholischen Märtyrer des Naziterrors, Bernhard Lichtenberg, Dompropst der Berliner Kathedrale, zu beginnen. Die Seligsprechung, die einer der Schritte für die Heiligsprechung ist, wird für den Dompropst der Berliner Kathedrale, Bernhard Lichtenberg, vorbereitet, der auf dem Transport nach dem Konzentrationslager Dachau, zusammen mit einer Gruppe von Juden, am 5. November 1943 starb. Er war für seine öffentlichen Proteste gegen die Naziverfolgung und die Ausrottung der Juden zwei Jahre im Gefängnis gehalten worden. Der Priester, der bei seinem Tode 67 fahre alt war, ist in Ostberlin in der St.-Hedwigs-Kathedrale begraben. Eine Krypta in der Kirche Regina Martyrium in West-Berlin, die eine Gedächtniskirche für von den Nazis hingerichtete Katholiken ist, ist für seine Asche hergerichtet worden. Die in Vorbereitung befindliche Seligsprechung wird für die Berliner Diözese die erste seit ihrer Gründung im Jahre 1929 sein.«

»Gott sucht solche Anbeter«, so hatte der Dompropst in seinen Gefängnisnotizen geschrieben, in der Erinnerung an seine Begegnung mit einem im Gebet versunkenen Mohammedaner am Teiche Bethesda in der Nähe der Hahnenschreikirche im Heiligen Land, das er besucht hatte. Gott fand einen solchen Anbeter - in Bernhard Lichtenberg, vor dessen Gestalt wir in Erschütterung stehen. Gottes Anbeter, der zu Tode gemartert wurde, weil er ein Heiliger und ein mutiger Kämpfer für seinen Glauben war.

Sein ganzes Priesterleben war ein unablässiges Gebet, mehr als dreißig Jahre lang betete er mit seiner Gemeinde die Abendgebete, er betete Unter den Linden, sein Brevier lesend, in der Untergrundbahn, in Zügen, er betete für Kranke, Verlassene, Arme, Gefangene, für die Verachteten und Verfolgten, und an dem berüchtigten 8. November I938, als die Synagogen zerstört wurden - für die verfolgten »nicht-arischen« Christen und die Juden. Er betete durch die Gefangenenzeit bis zu seinem Ende, auf dem Wege zum Konzentrationslager, im Fieber, aber »laut und deutlich, zum Teil deutsch, zum Teil lateinisch«, und begann seine eigenen Sterbegebete am Ende seines Lebens. Seine Gebete und Taten für die Juden brachten Denunziation und Tortur der Verfolgung, die zu seinem Tode führte und seine Stimme verstummen ließ. Wir alle aber können diesem Zeugen Christi unsere eigene Stimme leihen und sein Gebet fortsetzen.


Bernhard Lichtenbergs Lebenswerk war über 40 Jahre aufs engste mit dem Leben der Reichshauptstadt Berlin verbunden, zur kaiserlichen Zeit, zur Weimarer Zeit und schließlich unter dein Schreckensregime.

Er wurde in Ohlau, Schlesien, am Feste des Bekenners Franz Xaver, dem 3. Dezember 1875, geboren, kam aus einer frommen Familie mit vier Brüdern und wuchs in einem Kleinstadtmilieu auf, von Liebe und Fürsorge umgeben. 1895 mußte er sich von seinem geliebten Elternhaus zum Studium in Prag, München und Innsbruck trennen; später ging er nach Breslau, um seine theologischen Studien fortzusetzen. In dieser Studentenzeit bewies er bereits seine völlige Anspruchslosigkeit und Einfachheit in persönlichen Dingen; später trug der Dompropst unbekümmert einen mehr als 3o Jahre alten Mantel, stopfte sich selbst die Strümpfe und sagte stolz: »Der Bischof kann stricken - der Dompropst kann stopfen ... « - Seine Soutane hatte Museumswert; er schnitt sich selbst die Haare, um zu sparen und anderen mehr Hilfe geben zu können.

Am 21. Juni 1899 empfing Bernhard Lichtenberg die Priesterweihe im Dom zu Breslau mit seinem Gelöbnis der Treue zur Kirche: ». .. Nie soll sie sich beklagen über mangelnde Treue« - mit dem Einsatz seines Lebens hat er dieses Versprechen erfüllt. Ein Freund der Familie hielt die Predigt: »... Ein Priester bleibt Priester, und wäre er in Ketten und Banden.« Dies wurde die Devise von Bernhard Lichtenbergs Leben!

Ein Jahr durfte Kaplan Lichtenberg in Neiße, dem »oberschlesischen Rom« mit Kleinstadttradition, mit alten Kirchen und Brunnen an der 500 Jahre alten St.-Jakobus-Kirche wirken, bis er am 13. August 1900 nach dem »Dorfe« Lichtenberg bei Berlin an die St.-Mauritius-Kirche versetzt wurde, damals noch als Delegaturbezirk zur Erzdiözese Breslau gehörig. Ein priesterlicher Freund schrieb ihm, »Du wirst nicht mehr als fünfzig Pfarrkinder« haben. Es war eine Arbeiterpfarrei und fern vom Glockenläuten von St. Jacobus und den verwinkelten Straßen von Neiße - eine Diasporakirche, nur halb fertig gebaut, mit meist alten Kirchgängern und Vorurteilen gegen die »Schwarzen«. Hier machte der Kaplan in muffigen Stuben, in Kellerwohnungen und auf Hinterhöfen seine Erfahrungen: Ablehnung, Spott und Großstadtelend gehörten zum täglichen Erlebnis. Nach zweiundeinhalb Jahren kam er an die Herz-Jesu-Kirche, dann nach St. Michael im Berliner Osten, 1905 als Kuratus nach Karlshorst, 1910 nach Berlin-Pankow und im März 1913 als Pfarrer nach Berlin-Charlottenburg.

Aus dieser Zeit wurden später in seinem Nachlaß Fastenpredigten gefunden, die von der Schwere der Verantwortung dessen sprechen, der den Entschluß gefaßt hat, Christi Kreuz zu tragen, eines Kriegers des Herrn, mit brennender Verantwortung für die ihm anvertrauten Seelen. Dieser bescheidene, zartempfindende, hilfsbereite Mensch konnte zu einem donnernden Verfechter des Wortes Gottes in seinen Predigten werden, dessen Temperament seine Zuhörer erschrecken ließ, »er würde mal von der Kanzel springen«. Aber um ihn hören zu können, wollte er eine Kirche haben, die die Mengen fassen konnte; aus dem Kämpfer wurde auch der Bettler - für den Herrn. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg entstanden zuerst provisorische Gotteshäuser in einer Reitbahn, in Vereinssälen und Schulaulen. Auf seine Bettelbriefe und Bettelpredigten für Geld zum Kirchenbau wurden St. Canisius, Maria Himmelfahrt und St. Camillus gebaut. Keine Mühe war ihm zuviel, um die Pfennige zusammenzutragen. Der treue Buchhalter vermerkt eines Tages: »25. II. 1925.- Predigt vor 80 Leuten (Kollekte 0,10 RM)«; unablässig sammelte er für neue Kirchbänke, Kirchdächer, Grund und Boden.

Im Jahre 1926 wurde er päpstlicher Geheimkämmerer, 1931 Domkapitular, am 27. Dezember 1932 Dompfarrer von St. Hedwig in Berlin und 1938 Dompropst des Domes von Berlin, mitten im Kern der Stadt, zwischen dem roten Backsteinbau des Berliner Rathauses und den Regierungsgebäuden Unter den Linden.
Er, der Glaubensstarke, Mutige, machte keine politischen Kompromisse, er betete für alle: »Mein Gebet war ja katholisch, das heißt einfach: allgemein, und ich dachte einfach, die Sorgen der andern sind auch meine Sorgen ... « Er kannte keine Trennung zwischen seiner Pfarre und der Welt, sie waren eins für ihn, und sein Einsatz als Diener Gottes war zu allen Zeiten erfordert.

Bereits vor der sogenannten Machtergreifung durch die NSDAP war er Anfeindungen und Angriffen rechtsradikaler Gruppen ausgesetzt. Diese verübelten ihm, daß er als Vorstandsmitglied des Friedensbundes deutscher Katholiken eine Einladung zur Filmvorführung von Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« unterschrieben hatte, und das NS-Blatt »Der Angriff« überbot sich in Schmähartikeln. In einer Versammlung in den Pharussälen zeigte er in einer scharfen Diskussion mit seinen Gegnern, die ihn physisch bedrohten, so viel persönlichen Mut und solche Überzeugungskraft seiner Argumentation, daß die Angreifer verstummten.

Der Bekennermut des Dompropstes und seine Wahrheitsliebe hatten schon den späteren Propagandaminister Goebbels zu einer Zeit gereizt, als beide Berliner Bezirksverordnete waren. Goebbels bedauerte, daß die Bestimmungen für Zwangserziehung von Jugendlichen gegen Lichtenberg »wegen seines Alters nicht mehr anwendbar seien«.

Seit der Ermordung seines Freundes, des Leiters der Katholischen Aktion Berlin, Dr. Erich Klausener, am 30. Juni I934, blieben die Seiten seines Tagebuches leer, das er so sorgfältig zeitlebens geführt hatte. Eine geringe zeitweilige Hoffnung auf eine Milderung des NS-Regimes erwies sich als trügerisch. Von diesem Moment an gab es nur mehr den schärfsten Kampf gegen den Antichrist.

Es war eine offene Kampfansage an das NS-Regime, als Prälat Lichtenberg das Referat des Bischöflichen Hilfswerkes für nichtarische Christen übernahm, ein Amt, das eine Gefährdung durch Identifizierung mit den Verfolgten mit sich brachte, von ihm jedoch als Auszeichnung angesehen wurde. Seine Hilfe für die Geächteten, Gefolterten und von den Nazis Gejagten kannte keine Grenzen, sei es durch Vermittlung von Unterkünften, durch Geldspenden und Auswanderungshilfe oder durch persönliche Beratung.

In diese Zeit fiel auch sein berühmt gewordenes Abendgebet vom 8. November I938, nach der »Kristallnacht«, als die Synagogen ausgebrannt und die jüdischen Läden zertrümmert waren: »Lasset uns beten für die verfolgten nicht-arischen Christen und für die Juden.« - »Was gestern war, wissen wir, was morgen ist, wissen wir nicht, aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt: draußen brennt der Tempel - das ist auch ein Gotteshaus.« Zu dieser Zeit der Judenverfolgungen prangerte er die Judenfeinde in seiner Predigt an: »... Und sie werden mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen, und wem das nicht paßt, mag draußen bleiben ... « Als später einmal eine katholische Frau jüdischer Abstammung, Zwangsarbeiterin in einer Fabrik, zu ihm kam und ihm die Verordnung über das Tragen des Judensterns vom 17. September 194I zeigte, erzählte er ihr von seiner Abendandacht mit den Gebeten für die Juden. »... Hochwürden, das lassen Sie aber in Zukunft lieber bleiben! ... « - »Nein, im Gegenteil«, war seine Antwort. Er lehnte es ab, sich »anzupassen« man sah ihn, wie immer, sein Brevier betend, auf den Straßen und mit »Gelobt sei Jesus Christus« grüßend. Der offene Zusammenstoß der beiden Welten, der des Glaubens des Dompropstes und der des Nazi-Unglaubens, war nur eine Frage der Zeit; er machte keinen Versuch, ihm auszuweichen.

Jeden Abend wiederholte er sein Gebet für die Juden, niemand konnte diesen flehenden Worten entgehen, es war in den Ohren der Mitbetenden und derer, die vorgaben - damals und noch heute-, daß sie »nichts gewußt« haben.

Immer mächtiger erhob er seine Stimme zum Schutze der Juden. Im September forderte er von den Behörden die Aufhebung einer Verfügung, die den Juden das Aufsuchen von Luftschutzkellern verbot. Später telefonierte er an Göring - nach Erhalt eines Berichtes über die Grausamkeiten in den Konzentrationslagern - und brachte persönlich einen Bericht in Görings Büro. Mit großen Buchstaben schrieb er darauf bei der Deponierung des Berichts im Büro des »Reichsmarschalls«: »Überreicht durch Domkapitular Prälat Lichtenberg, Berlin.«

Der Löwe des Mutes und des Glaubens, Bernhard Lichtenberg, war vielleicht einer der wenigen, die zu dieser Zeit der Herrschaft des NS-Terrors es wagten, ihr Leben durch eine Bitte für das Leben anderer aufs Spiel zu setzen. Nicht genug damit, erhob er am 28. August I94I schriftlichen Protest gegen die NS-Maßnahmen »zur Tötung unwerten Lebens«, der ein geschichtliches Dokument wurde:

An den Herrn Reichsärzteführer Dr. Conti
im Reichsministerium des Innern
Berlin NW 7
Unter den Linden 72

Der Bischof von Münster hat am 3. August 194I in der St. Lambertus-Kirche in Münster eine Predigt gehalten, in der er behauptete, es sei ihm versichert worden, daß man im Reichsministerium des Innern und auf der Dienststelle des Reichsärzteführers Dr. Conti gar keinen Hehl daraus mache, daß eine große Anzahl von Geisteskranken in Deutschland vorsätzlich getötet worden ist und in Zukunft getötet werden soll.

Wenn diese Behauptung unwahr wäre, hätten Sie, Herr Reichsärzteführer, den bischöflichen Prediger schon längst als Verleumder öffentlich gebrandmarkt und gerichtlich Klage gegen ihn angestrengt, oder die Geheime Staatspolizei hätte sich seiner bemächtigt. Das ist nicht geschehen. Sie geben also die Richtigkeit der Behauptung zu. Wenn auch die heiligen zehn Gebote Gottes öffentlich ignoriert werden, so hat doch das RSTGB noch Gesetzeskraft. § 211 des RSTGB bestimmt: »Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird, wenn er die Tötung mit Überlegung ausgeführt hat, wegen Mordes mit dem Tode bestraft.« § I39 bestimmt: »Wer von dem Vorhaben eines Verbrechens wider das Leben ... glaubhafte Kenntnis erhält und es unterläßt, der Behörde oder den Bedrohten hiervon zur rechten Zeit Anzeige zu machen, wird ... bestraft.«

Wenn die mit der Strafverfolgung und Strafvollstreckung betraute staatliche Behörde hier keinen Anlaß einzugreifen erkennt, muß jeder deutsche Staatsbürger, den Gewissen und Amt dazu drängen, sich zum Worte melden. Ich tue es hiermit.

Vor kurzer Zeit war eine fassungslose Mutter in meinem Büro. Sie wollte meinen Rat und meine Hilfe in Anspruch nehmen. Sie hatte vor einer Woche aus einer Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt die Nachricht bekommen, daß ihr 38-jähriger Sohn an Lippenfurunkel und Hirnhautentzündung gestorben und verbrannt worden sei. Er befand sich in dieser Anstalt erst seit einer Woche. Er war aus einer anderen Anstalt dorthin transportiert worden, die nur eine Sammelstelle für die zum »Tode Verurteilten« war. 18 Jahre hatte er in einer anderen Pflegeanstalt zugebracht, deren Arzt der Mutter vor einem Monat das Anerbieten gemacht hatte, ihren Sohn nach Hause zu beurlauben. Der Vater des Patienten hatte, sobald ihm seine Frau nach der Rückkehr von ihrem Krankenbesuch davon Mitteilung machte, durch einen eingeschriebenen Brief sein Einverständnis mit der Beurlaubung des Sohnes ausgesprochen; dieser Brief kam zu spät an, der Sohn war schon nach der Sammelstelle transportiert worden, ein zweiter eingeschriebener Brief nach der Sammelstelle kam auch zu spät, der Sohn war schon zur »Hinrichtungsstelle« geführt worden, die Mutter fuhr ihm nach, verlangte den Sohn, wie mit dem Arzt der ersten Pflegestelle verabredet war, zu wiederholten Malen heraus, der Arzt weigerte sich, ihn zu entlassen, die Mutter fuhr zurück, der Vater verlangte durch eingeschriebenen Brief die sofortige Herausgabe des Sohnes, als Antwort erhielt er wenige Tage darauf die Mitteilung seines Todes, die Asche könne zur Verfügung gestellt werden. Wieviel tausend- oder zig-tausendmal sich diese Fälle wiederholt haben, weiß Gott allein. Die Öffentlichkeit darf es nicht wissen, und die Angehörigen fürchten, wie auch in diesem Falle, für ihre Freiheit und ihr Leben, wenn sie öffentlich Einspruch erheben.

Auch auf meiner priesterlichen Seele liegt die Last der Mitwisserschaft an den Verbrechen gegen das Sittengesetz und das Staatsgesetz. Aber wenn ich auch nur einer bin, so fordere ich doch von Ihnen, Herr Reichsärzteführer, als Mensch, Christ, Priester und Deutscher Rechenschaft für die Verbrechen, die auf Ihr Geheiß oder mit Ihrer Billigung geschehen und die des Herrn über Leben und Tod Rache über das Deutsche Volk herausfordern.

Ich gebe von diesem Brief der Reichskanzlei, den Reichsministerien und der Geheimen Staatspolizei Kenntnis ... «

 

Natürlich erhielt der Dompropst niemals eine Antwort vom »Reichsärzteführer« Conti, der sich nach dem Kriege das Leben nahm.

Aber die Antwort der Gestapo und der Justiz ließ nicht lange auf sich warten. Es bedurfte nur noch eines Anstoßes durch die Denunziation zweier BdM-Studentinnen, die Propst Lichtenberg wegen seines täglichen Abendgebetes für die Gefangenen der Konzentrationslager und die Juden anzeigten.

Das »Pfaffenschwein«, wie man ihn bei der Vernehmung nannte, wurde am ,3. Oktober 1941 verhaftet und nach Plötzensee eingeliefert (L 7 41/06). ihn, den Unerschütterlichen, der selbst in Gefängniskorridoren das »Salve Regina« mit lauter Stimme sang, bewegte der johanneische Bekennergeist, der mit seinem Zellengenossen, einem polnischen, tuberkulösen Arbeiter, in Zelle 48 des Gefängnisses Plötzensee ein Requiem sang. Spott und Hohn der Wächter, Beschimpfungen bei Vernehmungen und Nahrungsentzug konnten ihm nichts anhaben, obwohl die Herzanfälle des Sechsundsechzigjährigen immer häufiger wurden. Sein Bischof, Graf von Preysing, versuchte, durch einen Antrag auf Verlegung in eine private Krankenanstalt sein Los zu erleichtern, doch die dazu »nötige Gesinnungsänderung« war nicht bewiesen worden.

». . daß ich mich nicht geändert habe und genauso reden und handeln würde wie vorher, das, Herr Staatsanwalt, ist akkurat richtig ... « Er unterzeichnete sogar ein Protokoll bei der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Berlin, am 25. Oktober 1941, daß ich »... meinem Gewissen folgen und alle Konsequenzen mit in Kauf nehmen (wolle), die sich daraus für mich persönlich ergeben ... «

Diese Erklärung zeichnete er nach langen, sich immer mehr verschärfenden Verhören - Zeugnis eines priesterlichen Mutes ohnegleichen. Der Sachbearbeiter der Geheimen Staatspolizei berichtete damals dem Auswärtigen Amt, daß Lichtenberg »sich als grundsätzlicher Gegner des Nationalsozialismus bekannt und erklärt (habe), er wolle das Los der nach dem Osten verschickten Juden teilen, um dort für sie zu beten«. Diese Grundsätze verteidigte er vor der Gestapo:

»Ich bekämpfe falsche Grundsätze, aus welchen falsche Taten entstehen müssen, man denke an die Beseitigung des Religionsunterrichtes aus den Schulen, Kampf gegen das Kreuz (wie Entfernung der Kreuze aus den Schulen), Beseitigung der Sakramente, Verweltlichung der Ehe, absichtliche Tötung angeblich unwerten Lebens (Euthanasie), Judenverfolgung etc.

Frage: Vertreten Sie diesen Standpunkt auch von der Kanzel herab?
Antwort: Ja.
Frage: Danach geben Sie zu, daß Sie die staatlichen Maßnahmen nicht billigen?
Antwort: Die aus den eben genannten Grundsätzen fließenden Maßnahmen billige ich nicht.
Frage: Es dürfte Ihnen auch klar sein, daß durch die soeben geschilderten Ansichten, die von Ihnen auch öffentlich vertreten werden, eine Beunruhigung der Volksgemeinschaft eintreten kann?
Antwort: Diese Beunruhigung kann nur verhindert werden, indem man falsche Maßnahmen unterläßt... «


Sechs Monate hatte bereits die illegale Untersuchungshaft gedauert, denn es lagen weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr vor. Körperlich von Herzschwäche geplagt, oft nachts im Bett sitzend, war der Prälat geistig aktiv, übersetzte in dieser Zeit sogar 147 Hymnen. Am 10. März I942 intervenierte der Apostolische Nuntius beim Auswärtigen Amt, um unter Hinweis auf Lichtenbergs Krankheit auf eine beschleunigte Hauptverhandlung hinzuwirken. Es war eine der häufigen Vorsprachen des Nuntius, die meist mit unwahren Behauptungen beantwortet wurden oder wegen angeblicher Unzuständigkeit nicht einmal einer Antwort gewürdigt wurden.

Endlich fand am 22. Mai I942 die Hauptverhandlung vor dem Sondergericht I beim Landgericht Berlin unter Ausschluß der Öffentlichkeit wegen Kanzelmißbrauchs und Vergehen gegen das Heimtückegesetz statt. In der Anklage hieß es:

»Der Angeklagte hat in Ausübung seines Berufes als Geistlicher am 29. August 1941 in einer Kirche auf der Kanzel in einer Abendpredigt Angelegenheiten des Staates in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise vor mehreren Personen öffentlich zum Gegenstand einer Verkündigung gemacht, indem er für die christlichen Nichtarier, für die Juden sowie für die Häftlinge in Gefängnissen und Konzentrationslagern, insbesondere für seine Amtsbrüder, gebetet hat ...

Der Angeklagte hat in einer gehässigen, hetzerischen und aufreizenden Art und Weise leitende Persönlichkeiten der Partei und des Staates angegriffen sowie ihr Ansehen und die Ratssicherheit in der Öffentlichkeit gefährdet ... «

Dieser zweite Punkt betraf ein NS-Flugblatt, das auf Anordnung des Propagandaministeriums hergestellt worden war und eine wütende antijüdische Hetze enthielt. Nach seiner Lektüre entwarf der Dompropst eine Mitteilung, die in allen Messen von der Kanzel am Sonntag verlesen werden sollte und zur Nächstenliebe nach dem Gebote Jesu Christi aufforderte.

Das Urteil lautete nach dreistündiger Verhandlungsdauer auf zwei Jahre Gefängnis - für den schwer herzkranken alten Priester ein Todesurteil. Die Urteilsbegründung zeigte die Entschlossenheit des Sondergerichts zur Vernichtung dieses unbequemen Zeugen Christi, denn es hob hervor, daß er »eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellt« und, wie sein Schlußwort zeigt, »nicht eingesehen habe, daß sein Verhalten strafwürdig sei. Es muß daher damit gerechnet werden, daß er auch in Zukunft seine Stellung als Priester mißbraucht ... Hierin liegt eine Gefahr, die nicht unterschätzt werden darf. Ihr muß mit Nachdruck begegnet werden.. .« Das bedeutete eine Aufforderung an die Gestapo, den Priester keinesfalls freizulassen, falls er die zwei Jahre überleben würde.

Der Gefangene trat seine Strafe im Strafgefängnis Berlin-Tegel an mit: »Wie Gott will - ich halte still.« Das Urteil hatte sich bald herumgesprochen - wie sein Mitgefangener, Superintendent Lic. Alberts, berichtete, die »andern Gefangenen, die sonst ziemlich rauh und hart zu urteilen pflegten, waren alle bewegt von der Unmenschlichkeit der Justiz, einen solchen alten kranken Mann überhaupt ins Gefängnis einzuliefern«. Ergeben fügte sich der Gefangene, wie er sagte, in das Leben eines »Kartäusermönches«.

»Frühmorgens helfe ich unserer lieben Frau von Nazareth beim Aufräumen, dann dem heiligen Joseph in der Werkstatt, links von mir steht ein Kleistertopf, rechts 1150 wohlsortierte und geklebte Couverts.« (Brief vom 4.7. 1942)

Er litt an Kälte und Hunger, die tägliche Ration bestand aus 150 Gramm Brot mit einem halben Liter schwarzen Kaffees, morgens und abends, und einem Liter fettlosen wäßrigen »Eintopfs«. Welch kindliches Glück über eine Mohrrübe, die ihm geschenkt wurde, die »er sich auf zwei Mal eingeteilt« hatte ... Er durfte nur jeden zweiten Monat Besuch bekommen, dem er mit Freude von seinen Stunden der Arbeit erzählte, von Predigtentwürfen und Heiligen-Biographien. Stets war er besorgt, genug Schreibfedern, Tinte und Papier zu haben. Die monatlichen Briefe, die ihm erlaubt waren, schrieb er »in der Hoffnung fröhlich, beharrlich im Gebet, in der Trübsal geduldig, früh und spät« (Brief vom 13.2.1943). Er selbst hatte sich sein Leben lang darin versucht, kleine Zweizeiler zu schreiben, oft sehr humorvoll; aus dieser Zeit ist unvergessen sein Vers:

»Ich will nichts andres haben, als was mein Heiland will, Drum hält der Strafgefangene bis an sein Ende still. Und was der Heiland will, das steht schon lange fest, Apokalypse Zwei vom zehnten Vers den Rest ... «

Er ermahnte eines Tages seinen Mitgefangenen an dieses »nichts anderes haben, als der Heiland will«, als sie beide wegen eines verbotenen, geflüsterten Geburtstagsgrußes mit Stockschlägen nackt geprügelt und mit dem Kopf in den Kotkübel gesteckt wurden: »Ruhe, lieber Doktor - unser Heiland ist auf seinem Wege zum Kreuz angespien worden.«

Im September 1943, vier Wochen vor dem Ende seiner Gefängnishaft, nahm seine Schwäche merklich zu. Damals schrieb er die letzte und erschütterndste Botschaft seines Lebens:

»Gefangenenbuch Nr. 7I7       Berlin Tegel den 27. September I943
Strafgefängnis Tegel

Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit. Amen.

Ehrwürdige Schwester Oberin.

Der liebe Gott hat mich zum dritten Mal ins Lazarett des Gefängnisses geschickt. So muß ich meinen wahrscheinlich letzten Gefängnisbrief im Bett schreiben. Wenn ich von hier aus die letzten zwei Jahre überblicke, will und muß ich Gott aus ganzer Seele danken, auch allen, die Seinen heiligen Willen an mir zur Ausführung brachten. Es ist mein fester Entschluß, die Exerzitienvorsätze mit Gottes Hilfe zur Ausführung zu bringen, die ich vor Ihm nach den dreißigtägigen Exerzitien gefaßt habe, nämlich: ich will alles, was mir widerfährt, Freudiges und Schmerzliches, Erhebendes und Niederdrückendes im Lichte der Ewigkeit ansehen, ich will meine Seele besitzen in meiner Geduld, ich will in keinem Gedanken, in keinem Worte und in keinem Werke sündigen und alles aus Liebe tun und alles aus Liebe leiden. - Lebensmut habe ich noch für 20 Jahre aber wenn der liebe Gott will, daß ich noch heute sterbe, so soll Sein heiliger Wille geschehen. 1000 Grüße meinem Hochwürdigsten Bischof, dem Domkapitel, dem Pfarrhaus, der Pfarrwohnung, der St. Hedwigsgemeinde, allen, die für mich gebetet und mir geschrieben und mich dadurch getröstet haben.

Es geschehe, werde gelobt und in Ewigkeit hochgepriesen der süßeste, heiligste und gerechteste Wille Gottes, unerforschlich in seinen Höhen und Tiefen jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

Der Gefangene im Herrn
Bernhard Lichtenberg,
Dompropst von St. Hedwig«

 

Die Staatsanwaltschaft des Sondergerichts in Berlin informierte die Gestapo über das bevorstehende Ende der Strafverbüßung.

Am 23. Oktober I943 um 9 Uhr morgens, dem Tage seiner »Entlassung« aus dem Strafgefängnis Tegel, begann die Geheime Staatspolizei-Leitstelle Berlin C2 (IV - 8 - 2.3387/4i) anschließend die polizeiliche Freiheitsberaubung unter dem Rubrum: Rücksistierung, Überführung nach dem Konzentrationslager Dachau.

Eine Durchgangsstation nach Dachau war das Lager Wuhlheide. Ein Wachmann erzählt, was er dort am 24. Oktober 1943 erlebte!

»Als ich mit meinen Häftlingen von der Arbeit zurückkam, sah ich einen Mann vor dem Aufnahmebüro stehen, achtete aber weiter nicht darauf, weil dieses etwas Alltägliches war. Auch konnte ich die Person nicht erkennen. Ich schaute nochmals hin, und es fiel mir dann auf, daß der Mann sichtlich schwer krank sein mußte. Er ging gebeugt, auch machte er den Eindruck eines Geistlichen. Er war mit einem schwarzen Mantel mit einem Samtkragen bekleidet, nicht rasiert, stark bewachsen, in der Hand hatte er einen kleinen Koffer. Er stand vor der Tür zum Büro. Die Tür war offen. Die Aufnahme hatte der leitende SS-Mann anscheinend schon erledigt, doch hörte ich noch, wie der SS-Mann den Geistlichen fragte: »Wer bist du denn?« Darauf antwortete der Geistliche: »Ich bin ein Deutscher.« Darauf der SS-Wachtmeister: »Ein Jude bist du, aber kein Deutscher.« Jetzt rief der SS-Wachtmeister den Kapo herbei und murmelte etwas zu ihm. Darauf faßte der Kapo den Geistlichen bei der Hand und führte den Geistlichen zu der Kammer, die der Wachstube gegenüberlag. Der SS-Mann schloß die Tür, und alle drei gingen in die Kammer, das heißt, den Geistlichen schob man hinein ... Nach etwa zehn Minuten kamen der SS-Mann und der Kapo aus der Kammer heraus, schlossen sie ab, und der Geistliche blieb allein drin. Die Kammer war nicht für Häftlinge eingerichtet. Es war sozusagen eine Rumpelkammer. Auch Mohrrüben und Kartoffeln waren dort untergebracht. Auch entsinne ich mich, ein Bettgestell darinnen gesehen zu haben.«

Der Wachmann, der dies berichtet, hatte an jenem Wochenende dienstfrei. Als er am Montag mit den Häftlingen von der Arbeit zurückkam, erfuhr er, daß der Geistliche in einem Wagen abgeholt worden sei:
»Mehrere Tage später war die Nachricht laut geworden, daß der Prälat Lichtenberg in Hof verstorben war. Jetzt erst wußte ich, daß der Geistliche, der damals im Arbeitserziehungslager Wuhlheide zwei Tage und zwei Nächte in der Rumpelkammer verbringen mußte, der Prälat Lichtenberg gewesen ist.«
Als sich der Bischof und Verwandte um Auskunft bemühten, wo der Prälat eigentlich sei, hieß es »Auf Transport«. Dem Ordinariat wurde am 5. November I943 mitgeteilt, der Prälat sei haftfähig und auf dem Wege nach Dachau. Der Todkranke wurde am 3. November als »Schubgefangener Lichtenberg« mit zweihundert meist jüdischen Gefangenen zur Übernachtung im Gefängnis Hof in eine Zelle mit 23 anderen Häftlingen eingewiesen, die nur für höchstens 6 Platz hatte. Die anderen boten dem Schwerkranken die einzige Pritsche an. Nach dem Bericht des Domvikars Schwerdtfeger wurde der Gefangene von einem Oberwachtmeister Fuß gefragt, ob er sich so krank fühle, daß er nicht an dem Weitertransport teilnehmen könne. Der Dompropst antwortete, er wolle keine Ausnahme machen ... in der Nacht verschlimmerte sich sein Zustand durch hohes Fieber erheblich, und die Überführung ins Krankenhaus Hof wurde angeordnet. Evangelische Diakonissen nahmen sich seiner an; nur mit Mühe konnte er sich für deren Pflege mit den Worten bedanken: »Was seid ihr doch für liebe, gute Menschen.«

Am Freitag, den 5. November 1943, um 6 Uhr früh - er hatte den Geistlichen Rat Gehringer noch klar erkannt und seine eigenen Sterbegebete laut mitgebetet - wurde wahr, was er in seinem Tagebuch als Student niedergeschrieben hatte: »... Deus, Deus meus, ad Te de luce vigilo.« - »Mein Gott, zu Dir erwache ich am frühen Morgen.«

Seine Mitbrüder brachten ihm die priesterlichen Gewänder, und am 6. November I943 wurde Bernhard Lichtenberg in der Liesenstraße in Berlin auf dem St.-Hedwigs-Friedhof zur Ruhe gebettet. Jetzt ist sein Grabmal in der wieder instandgesetzten und neu eingeweihten Kathedrale St. Hedwig.

Alfons Erb, dem wir eine sorgfältige und ehrfürchtige Biographie Lichtenbergs verdanken, berichtet, daß nach dem Begräbnis ein Unbekannter, ein Nichtkatholik, der mit Lichtenberg im Gefängnis war, auf einen Mann zutrat und sagte: »Sie haben heute einen Heiligen begraben.«

Quellen

Veröffentlicht: Benedicta Maria Kemper - Priester vor Hitlers Tribunalen 1966, 1970, 1996 by C. Bertelsmann Verlag GmbH, München

Dokumentation der deutschen Bischofskonferenz
Herausgeber:
Prälat Wilhelm Schätzler
Sekretär der Deutschen
Bischofskonferenz
Redaktion:
Dr. Rudolf Hammerschmidt
Dipl.-Theol. Heike Thome
Anschrift:
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