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Papst Johannes Paul II.
Ansprache zum Abschied am Brandenburger Tor in Berlin
am Sonntag, den 23. Juni 1996
Liebe Berliner,
meine Damen und Herren!
- Es ist die Stunde des Abschieds und für mich ein zutiefst bewegender
Augenblick, in den heutigen Abendstunden mit Ihnen hier am Brandenburger
Tor im Herzen Berlins zusammentreffen zu können. Lassen Sie mich beginnen
mit einem vielfachen Dank. Mein Dank gilt zuerst dem Herrn Bundespräsidenten
für seine Einladung, Deutschland zu besuchen. Die überaus freundlichen
Worte, mit denen er mich am Freitag bei meiner Ankunft auf dem Flughafen
Paderborn/Lippstadt willkommen geheißen, und die Herzlichkeit, mit
der er mich heute morgen auf Schloß Bellevue hier in der Bundeshauptstadt
empfangen hat, haben mich unter Ihnen wie zu Hause fühlen lassen.
Herr Bundeskanzler, ich bin sehr glücklich über Ihre Anwesenheit.
Sie sind der Baumeister der neugewonnenen Einheit Ihres Volkes. Sie
haben die weltgeschichtliche Chance genutzt, siebzehn Millionen Landsleuten
die Freiheit zu erringen und die Einheit des deutschen Volkes zu vollenden.
Sie haben es gewagt, den Menschen Ihres Landes um der Einheit in Freiheit
willen nicht geringe Opfer zuzumuten. Möge Gott Ihnen und Ihrem deutschen
Vaterland die Kraft geben, dieses Werk zu vollenden. Mein aufrichtiger
Dank geht ebenso an Sie, Herr Regierender Bürgermeister, der Sie mit
dem Herrn Bundeskanzler so bedenkenswerte Worte an uns alle gerichtet
haben. Ferner begrüße ich die Präsidentin des Deutschen Bundestages
sowie den Parlamentspräsidenten von Berlin, die Mitglieder der Bundesregierung,
des Berliner Senats sowie die Damen und Herren Abgeordneten des Deutschen
Bundestages und des Parlaments von Berlin. Mein inniger Dank gilt
dem deutschen Episkopat, Euch, meinen Mitbrüdern im Bischofsamt, die
Ihr diese Reise wesentlich mitgestaltet habt. Für Euch ist diese Reise
auch eine Reise dessen,
- — der im Auftrag Christi, des Hauptes der Kirche, die Gläubigen
aufsucht, um sie im Glauben zu stärken und zu ermutigen,
- — der mit den Sprechern der getrennten Schwestern und Brüder
zusammentrifft, um die Suche nach der Einheit zu vertiefen,
- — der den Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft in diesem
Land begegnet, um ihnen nochmals die Hochachtung der katholischen
Kirche zum Ausdruck zu bringen,
- — der allen Menschen nichts anderes als die befreiende Botschaft
des Evangeliums verkündigen möchte und die Erkenntnis Jesu Christi,
die alles übertrifft (vgl. Phil 3,8).
Eure Nähe, liebe Brüder im Bischofsamt, erfüllt mich mit Zuversicht:
Es ist die Sendung des einen Herrn, die Euch und mich beseelt, es
ist die eine Liebe, die Euch und mich erfüllt: daß nämlich die Botschaft
von der Liebe Gottes, die auch vor dem Kreuz nicht zurückschreckte,
die Herzen aller Menschen erreicht und sie in selbstloser Liebe antworten
läßt. Mein Dank geht insbesondere an meine Mitbrüder Georg Maximilian
Kardinal Sterzinsky und Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, deren
Erzdiözesen ich besuchen durfte. Danken möchte ich ferner dem Herrn
Vorsitzenden Eurer Bischofskonferenz für die sehr herzlichen Worte
zum Abschied. An dieser Stelle danke ich all denen, die diesen Besuch
in mühevoller und sorgfältiger Arbeit vorbereitet, und denen, die
den reibungslosen Ablauf gewährleistet haben, sowie den Mitarbeitern
der Medien, die ihn begleitet haben. Die Berliner und die Deutschen
haben mich bei diesem Besuch ihre Verbundenheit und Nähe spüren lassen.
Ihnen allen sage ich meinen herzlichsten Dank.
- Es war von allem Anfang an mein aufrichtiger Wunsch, bei diesem
Pastoralbesuch in Deutschland auch nach Berlin zu kommen. Zunächst
wollte ich natürlich den Gläubigen dieses Erzbistums begegnen, die
wie alle Berliner die schmerzvolle Spaltung ihrer Stadt über Jahrzehnte
erdulden mußten und trotzdem sich nicht haben beirren lassen und in
innerer Verbundenheit und Solidarität erfuhren, daß die Macht der
Gewalt und des Zwanges, der Mauern und des Stacheldrahtes die Herzen
der Menschen nicht auseinanderreißen konnte. Nirgendwo sonst haben
sich während der gewaltsamen Teilung Ihres Landes die Sehnsüchte nach
Einheit so sehr mit einem Bauwerk verbunden wie hier. Das Brandenburger
Tor wurde von zwei deutschen Diktaturen besetzt. Den nationalsozialistischen
Gewaltherrschern diente es als imposante Kulisse für Paraden und Fackelzüge,
und von den kommunistischen Tyrannen wurde dieses Tor mitten in dieser
Stadt zugemauert. Weil sie Angst vor der Freiheit hatten, pervertierten
die Ideologen ein Tor zur Mauer. Gerade an dieser Stelle Berlins,
die zugleich zur Nahtstelle Europas wurde, zur unnatürlichen Schnittstelle
zwischen Ost und West, gerade an dieser Stelle offenbarte sich für
alle Welt sichtbar die grausame Fratze des Kommunismus, dem die menschlichen
Sehnsüchte nach Freiheit und Frieden suspekt sind. Vor allem aber
fürchtet er die Freiheit des Geistes. Auch sie wollten die braunen
und roten Diktatoren zumauern.
- Menschen waren durch Mauern und tödliche Grenzen voneinander getrennt.
Und in dieser Situation wurde das Brandenburger Tor im November 1989
Zeuge davon, daß Menschen das Joch der Unterdrückung abschüttelten
und zerbrachen. Das geschlossene Brandenburger Tor stand da wie ein
Symbol der Trennung; als es endlich geöffnet wurde, wurde es zum Symbol
der Einheit und zum Zeichen dafür, daß die Forderung des Grundgesetzes
nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands in freier Selbstbestimmung
erfüllt ist. So kann man zu Recht sagen: Das Brandenburger Tor ist
zum Tor der Freiheit geworden. An diesem so geschichtsträchtigen Ort
fühle ich mich veranlaßt, an Sie alle, die Sie hier anwesend sind,
an das deutsche Volk, an Europa — das auch zur Einheit in Freiheit
gerufen ist — an alle Menschen guten Willens einen dringenden Appell
für die Freiheit zu richten. Möge dieser Appell auch jene Völker erreichen,
denen bis heute das Recht auf Selbstbestimmung verweigert wird, jene
nicht wenigen Völker — es sind sogar viele -, bei denen die Grundfreiheiten
der Person — die Glaubens- und Gewissensfreiheit und die politische
Freiheit — nicht gewährleistet sind.
- Freiheit bedeutet nicht das Recht zur Beliebigkeit. Freiheit ist
kein Freibrief! Wer aus der Freiheit einen Freibrief macht, hat der
Freiheit bereits den Todesstoß versetzt. Der freie Mensch ist vielmehr
der Wahrheit verpflichtet. Sonst hat seine Freiheit keinen festeren
Bestand als ein schöner Traum, der beim Erwachen zerbricht. Der Mensch
verdankt sich nicht sich selbst, sondern ist Geschöpf Gottes; er ist
nicht Herr über sein Leben und über das der anderen; er ist — will
er in Wahrheit Mensch sein — ein Hörender und Horchender: Seine freie
Schaffenskraft wird sich nur dann wirksam und dauerhaft entfalten,
wenn sie auf der Wahrheit, die dem Menschen vorgegeben ist, als unzerbrechlichem
Fundament gründet. Dann wird der Mensch sich verwirklichen, ja über
sich hinauswachsen können. — Es gibt keine Freiheit ohne Wahrheit.
- Die Idee der Freiheit kann nur da in Lebenswirklichkeit umgesetzt
werden, wo Menschen gemeinsam von ihr überzeugt und durchdrungen sind
— in dem Wissen um die Einmaligkeit und Würde des Menschen und um
seine Verantwortung vor Gott und den Menschen. Da — und nur da -,
wo sie zusammen für die Freiheit einstehen und in Solidarität für
sie kämpfen, wird sie errungen und bleibt sie erhalten. Die Freiheit
des einzelnen ist nicht zu trennen von der Freiheit der anderen, aller
anderen Menschen. Wo die Menschen ihren Blick auf das je eigene Lebensfeld
begrenzen und nicht mehr bereit sind, auch ohne Vorteile für sich
selbst sich für andere zu engagieren, da ist die Freiheit in Gefahr.
In Solidarität gelebte Freiheit demgegenüber wirkt sich aus im Einsatz
für Gerechtigkeit im politischen und sozialen Bereich und lenkt den
Blick auf die Freiheit. — Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität.
- Die Freiheit ist ein überaus kostbares Gut, das einen hohen Preis
verlangt. Sie verlangt Hochherzigkeit, und die schließt Opferbereitschaft
mit ein; sie verlangt Wachsamkeit und Mut gegenüber den Kräften, die
sie von innen oder von außen bedrohen. In der Haltung der Opferbereitschaft
sind im alltäglichen Leben viele Menschen mit Selbstverständlichkeit
zum Verzicht bereit — in der Familie oder unter Freunden. Opfer für
die Freiheit bringen die, die für die Verteidigung nach innen oder
nach außen Nachteile in Kauf nehmen, die anderen erspart bleiben —
bis hin zu Gefahren für Leib und Leben. Keiner kann sich von seiner
persönlichen Verantwortung für die Freiheit dispensieren. — Es gibt
keine Freiheit ohne Opfer.
- Berlin ist eine zutiefst lebendige und in vielerlei Hinsicht kreative
Stadt. In ihrer unübersehbaren Internationalität treffen hier vielfältige
Traditionen und Lebensformen aufeinander. Berlin ist eine anerkannte
Stadt der Kultur und der Kunst, des Filmes und der Museen, ein Ort
des Austausches und der Vermittlung. Mir liegt sehr viel an der Aussagekraft
dieser Formen menschlicher Kultur, ist es doch die Gabe, mit unseren
Kräften die göttliche Schöpfung weiterzuführen und zu konkretisieren.
Ich rufe daher alle Künstler und Wissenschaftler auf, ihre Gaben zum
konstruktiven Aufbau einer umfassenden "Zivilisation der Liebe", wie
ich es, nach meinem Vorgänger Paul VI., gelegentlich genannt habe,
zu nutzen, einer Zivilisation "die auf den universellen Werten des
Friedens, der Solidarität, der Gerechtigkeit und der Freiheit gegründet
ist. Die ,Seele' der Zivilisation der Liebe ist die Kultur der Freiheit,
die Freiheit des einzelnen und die Freiheit der Nationen, die in einer
selbstgegebenen Solidarität und Verantwortung gelebt werden kann"
(Ansprache vor der UNO-Vollversammlung, 5.10.1995, 18). Wenn einer
die Erfahrung der Liebe hat, hat er auch die Erfahrung der Freiheit.
In der Liebe überschreitet der Mensch sich selbst, er läßt sich los,
weil ihm am anderen liegt, weil er will, daß das Leben des anderen
gelingt. So fallen die Schranken der Selbstbezogenheit, und so findet
man die Freude am gemeinsamen Einsatz für höhere Ziele. Achtet die
unantastbare Würde eines jeden Menschen, vom ersten Moment seiner
irdischen Existenz bis hin zum letzten Atemzug! Erinnert Euch immer
wieder an die Erkenntnis, die Euer Grundgesetz allen anderen Erklärungen
voranstellt: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Befreit Euch
zur Freiheit in Verantwortung! Öffnet die Tore für Gott! Das neue
Haus Europa, von dem wir sprechen, braucht ein freies Berlin und ein
freies Deutschland. Es braucht vor allem die Luft zum Atmen, geöffnete
Fenster, durch die der Geist des Friedens und der Freiheit eindringen
kann. Europa braucht nicht zuletzt deshalb überzeugte Türöffner, also
Menschen, die die Freiheit schützen durch Solidarität und Verantwortung.
Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa braucht dazu den unentbehrlichen
Beitrag der Christen. Den Berlinern und allen Deutschen, denen ich
dankbar bin für die friedliche Revolution des Geistes, die zur Öffnung
dieses Brandenburger Tores führte, rufe ich zu: Löscht den Geist nicht
aus! Haltet dieses Tor geöffnet für Euch und alle Menschen! Haltet
es geöffnet durch den Geist der Liebe, durch den Geist der Gerechtigkeit
und den Geist des Friedens! Haltet das Tor offen durch die Öffnung
Eurer Herzen! Es gibt keine Freiheit ohne Liebe. Der Mensch ist zur
Freiheit berufen. — Ihnen allen, die Sie mich jetzt hören, verkündige
ich: Die Fülle und die Vollkommenheit dieser Freiheit hat einen Namen:
Jesus Christus. Er ist der, der über sich bezeugt hat: Ich bin die
Tür. In ihm ist den Menschen der Zugang geöffnet zur Fülle der Freiheit
und des Lebens. Er ist der, der den Menschen wirklich frei macht,
indem er die Finsternis aus dem menschlichen Herzen vertreibt und
die Wahrheit aufdeckt. Er vollendet seinen Weg als unser Bruder und
seine Solidarität mit uns in der Hingabe seines Lebens für uns. So
befreit er uns von Sünde und Tod. Er läßt uns in unserem Nächsten
sein eigenes Angesicht, das Gesicht des wahren Bruders, erkennen.
Er zeigt uns das Antlitz des Vaters und wird für alle das Band der
Liebe. Christus ist unser Erlöser, ist unsere Freiheit.
- Der Tag neigt sich dem Abend zu. Aber wir bewahren in unseren Herzen
das Licht, dessen wir uns heute haben erfreuen dürfen. Und wir bleiben
eins in der Hoffnung, die uns beseelt. Vor meiner Rückkehr nach Rom
lade ich Sie herzlich ein zu einem Wiedersehen in der Ewigen Stadt
beim großen Jubiläum des Jahres 2000. Gott segne Berlin, Gott beschütze
Deutschland!
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