liebe Berlinerinnen und Berliner,
liebe Landsleute von nah und fern,
verehrte Gäste!
Dies ist ein Tag der Freude für unser Land, insbesondere für die deutsche
Hauptstadt Berlin! Heiliger Vater, Sie sind ein Freund der Deutschen.
Sie kennen unser Land, sie kennen seine Menschen. Sie sind uns in Deutschland
immer herzlich willkommen! Als Sie 1980 und 1987 die Bundesrepublik
als Oberhaupt der katholischen Kirche besuchten, war Deutschland noch
geteilt. Das polnische Volk, Ihr Volk, lebte noch unter kommunistischer
Diktatur.
Wir Deutsche verdanken Ihnen viel. An der Überwindung der totalitären
und glaubensfeindlichen Ideologie, durch die unser Kontinent, Deutschland
und diese Stadt Berlin gespalten wurden, haben Sie entscheidenden Anteil.
So haben Sie ganz wesentlich mit dazu beigetragen, daß der Traum von
der Wiedervereinigung Deutschlands in Erfüllung ging.
Sie haben sich nie mit der widernatürlichen Teilung Europas durch
den Eisernen Vorhang abgefunden. Gerade Sie haben Millionen von Menschen,
die bis vor wenigen Jahren unter dem kommunistischen Regime leben mußten,
ermutigt, die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit nicht aufzugeben. Sie
haben der Freiheitsbewegung in Polen, aber auch in anderen Staaten Mittel-
und Osteuropas moralischen Rückhalt und damit immer wieder Selbstvertrauen
gegeben. Sie wußten, daß das scheinbar unerschütterliche kommunistische
System vor der Geschichte letztlich keinen Bestand haben konnte, weil
es dem Wesen des Menschen widerspricht.
Heiliger Vater, wir sind soeben gemeinsam durch das Brandenburger
Tor gegangen. Für uns war das ein tief bewegender Augenblick. Es ist
keine sieben Jahre her, da stand hier noch die Berliner Mauer, eine
der unmenschlichsten Grenzbefestigungen der Erde. Sie fiel wie die Mauern
von Jericho — allein durch den lauten Ruf nach Freiheit. Heute symbolisiert
das Brandenburger Tor Freiheit, Verständigung, Völkerfreundschaft und
Frieden.
Heiliger Vater, Sie haben soeben in einer feierlichen Zeremonie im
Olympiastadion zwei Märtyrer aus unserem Volk seliggesprochen — Bernhard
Lichtenberg und Karl Leisner. Beide stehen für einen unerschrockenen,
lebendigen Glauben auch während der dunkelsten Jahre unserer Geschichte.
Nur wenige Schritte von hier setzte sich Dompropst Lichtenberg für die
verfolgten Juden ein, die Sie, Heiliger Vater, einmal die "älteren Brüder"
der Christen genannt haben. Die Besinnung auf diese beiden herausragenden
Persönlichkeiten unserer Kirche wird dazu beitragen, die Erinnerung
an das andere, bessere Deutschland wachzuhalten, das auch die Nazi-Barbarei
nicht zerstören konnte.
Die Erinnerung an den Widerstand gegen Unrecht und Unterdrückung gehört
zum moralischen Fundament unserer Bundesrepublik Deutschland. Ganz bewußt
haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes die "Verantwortung vor
Gott und den Menschen" an den Beginn unserer Verfassung gestellt, die
heute auch für unser wiedervereinigtes Vaterland gilt. Auf diesen Satz
sollten wir uns immer wieder neu besinnen. Wir müssen gemeinsam dafür
Sorge tragen, daß die Freiheit in unserer Gesellschaft nicht in Orientierungslosigkeit
umschlägt.
Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung, sonst schlägt sie in neue
Formen der Abhängigkeit um. Gelebte Verantwortung braucht die Besinnung
auf das eigene Gewissen, auf den Mitmenschen und vor allem auf Gott.
Gerade in diesem Sinne ist die Stimme der christlichen Kirchen auch
in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft unverzichtbar. Die Frohe
Botschaft Christi ist eine Quelle der Kraft; sie gibt Menschen Orientierung
und Halt.
Ich wünsche mir, daß von diesem Papstbesuch in Deutschland ein Signal
ausgeht — ein Signal der Ermutigung für Christen, Verantwortung in Politik,
Wirtschaft und Gesellschaft zu übernehmen. Christenpflicht und Bürgerpflicht
sind nicht voneinander zu trennen! Das gilt nicht zuletzt für den Bau
des vereinten Europa. Es waren vor allem in ihrem Glauben tief verwurzelte,
der Ökumene verpflichtete Christen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
darangingen, im freien Teil unseres Kontinents die Europäische Gemeinschaft
aufzubauen. Sie handelten in vollem Bewußtsein der geistig-kulturellen
Traditionen, die alle Völker Europas miteinander verbinden. Wir dürfen
niemals aus den Augen verlieren, daß wir in Europa vor allem eine Werte-
und Kulturgemeinschaft bilden. Sie selbst, Heiliger Vater, haben in
diesem Zusammenhang einmal vom "Genius Europas" gesprochen.
Ich wünsche mir, daß die katholischen und die evangelischen Christen
noch stärker als bisher die neuen Chancen zum Dialog mit den orthodoxen
Christen in Europa nutzen. Es geht gewissermaßen darum, einen ökumenischen
Bogen von den Klöstern und Kapellen Irlands bis hin zu den Kirchen und
Kathedralen von Kiew und Moskau zu schlagen. Für eine gute Zukunft unseres
Kontinents ist es ebenso wichtig, daß sich die drei großen monotheistischen
Weltreligionen — Judentum, Christentum und Islam — auf ihre gemeinsamen
Wurzeln besinnen und sich auch im Alltag vom Geist der Brüderlichkeit
leiten lassen.
Jetzt, am Ende dieses Jahrhunderts, das so viel Leid und Elend gesehen
hat, haben wir die großartige Chance, das Haus Europa wetterfest für
die Zukunft zu bauen. Das ist die beste Voraussetzung für Frieden und
Freiheit im 21. Jahrhundert. Ich setze darauf, daß die christlichen
Kirchen die Menschen überall in Europa ermutigen, sich an diesem Friedenswerk
zu beteiligen.
Heiliger Vater, Sie haben mit Ihrem Besuch bei uns in Deutschland
Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs gesetzt. Sie haben vielen Menschen
in Paderborn, hier in Berlin und in ganz Deutschland Freude gebracht
und Mut gemacht. Ihr Zuspruch hat vielen neue Kraft gegeben. Im Namen
all dieser Mitbürgerinnen und Mitbürger danke ich Ihnen von ganzem Herzen.