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Eberhard Diepgen, Regierender Bürgermeister von Berlin

Ansprache anläßlich der Eintragung von Papst Johannes Paul II. in das Goldene Buch der Stadt am Brandenburger Tor in Berlin

am Sonntag, 23. Juni 1996

Ganz herzlich möchte ich Sie, Eure Heiligkeit, in Berlin willkommen heißen. Wir freuen uns über den ersten Besuch eines Papstes in Berlin. Schon lange war es, wie wir wissen, Ihr Wunsch, die deutsche Hauptstadt zu besuchen. In den schweren Zeiten der staatlichen Teilung war das ungeteilte Bistum Berlin eine wichtige innerdeutsche Klammer, ein Unterpfand der Einheit. Was im jahrzehntelang getrennten Berlin nicht möglich war, gelingt nun in unserer wiedervereinigten Stadt. Das geeinte Berlin steht auch beispielhaft für das zusammenwachsende Europa.

Große Worte wurden hier am Brandenburger Tor, vor diesem Symbol der Teilung und der Einheit gesprochen. Von der Westseite des damals noch verschlossenen Tores mahnte der amerikanische Präsident Ronald Reagan 1987 die Öffnung an. Auf der Ostseite des geöffneten Tores sprach Präsident Clinton 1994 von der Einheit des Kontinents. Es gehört zur Gerechtigkeit der Geschichte, daß heute Sie an dieser historischen Stelle zu den Berlinern, zu allen Deutschen, ja, zu allen Europäern sprechen. Es war der römische Papst aus Polen, der zwar nicht mit Divisionen im stalinistischen Sinne, wohl aber mit der Kraft des Wortes und der Wahrheit das totalitäre System des Kommunismus erschüttert hat. Auch dem Papst verdanken wir die friedliche Revolution in Mitteleuropa und die Öffnung der Grenzen.

Wir sehen in Ihrem Besuch eine Anerkennung der neuen Rolle der deutschen Hauptstadt und eine Ermutigung in schwieriger Zeit. Der Gottesdienst im Olympiastadion hat das deutlich gemacht. In Zeiten zunehmender Bindungslosigkeit und Neuorientierung brauchen die Menschen geistige Unterstützung und Hilfe. Ohne feste Wertebezüge kann auch eine offene Gesellschaft nicht funktionieren. Eine wertfreie Gesellschaft ist letztlich eine wertlose Gesellschaft. Die heute seliggesprochenen Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner sind Beispiele für viele. Sie legen Zeugnis ab für Freiheit und Verantwortung des menschlichen Gewissens.

Berlin wird zunehmend ein Ort des Dialogs der großen monotheistischen Weltreligionen. Ich freue mich daher über Ihren Besuch und darf Sie nun bitten, sich als Zeichen der Verbundenheit in das Goldene Buch der Stadt Berlin einzutragen.