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Bischof Dr. Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Dankesworte bei der Verabschiedung des Heiligen Vaters am Brandenburger Tor in Berlin

am Sonntag, den 23. Juni 1996

Heiliger Vater,
Herr Bundeskanzler,
verehrte Damen und Herrn,
liebe Schwestern und Brüder!

Wir haben in diesen beiden Tagen ein Fest des Glaubens gefeiert, das große Bedeutung hat für den Alltag des Lebens, in den wir nun wieder dankbar, froh und mutig hineingehen.

In Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner bekamen wir exemplarische Zeugen des Glaubens auch für unsere Gegenwart geschenkt. Sie haben sich nicht konformistisch an die mächtigen Trends ihrer Zeit angepaßt, sondern durch ihre Treue und die Unbeirrbarkeit ihres Gewissens neue Grundlagen für unser Land geschaffen. Mit seinem Tod hat Bernhard Lichtenberg das höchste Zeugnis abgelegt, das einem Christen zugeteilt werden kann. Es ist und bleibt eine kritische Anfrage nicht nur an die Zeitgenossen von damals, sondern nicht weniger an uns. Wo ist unsere Standfestigkeit, wenn es z. B. um den Anfang und das Ende des Lebens geht? Karl Leisner erweist, daß dieser heilige Mut auch jungen Menschen zukommen kann. Ohne eine solche neue Zeugenschaft entschiedenen Glaubens stirbt das Christentum in unserem Land. Eine radikale spirituelle Erneuerung tut not.

Wir haben Probleme mit der Neugestaltung unserer wirtschaftlichen Situation und unserer sozialen Lebensverhältnisse. Wir tun uns schwer, unsere ureigene Verantwortung anzunehmen, einmal mit Herz und Sinn des anderen zu denken und Lebenschancen wirklich mit anderen zu teilen. Bernhard Lichtenberg hat im Gebet und in der Tat des Lebens sich nicht gescheut, für Menschen in Bedrängnis, Verfolgte, Gefangene, Verwundete, Sterbende, Flüchtlinge und Arbeitslose einzutreten. Darum hat er am Abend des 9. November 1938, als die jüdischen Gotteshäuser brannten, öffentlich für die Juden gebetet. Können wir — gewiß in einer anderen Situation — nicht von dieser radikalen Solidarität lernen, die sich selbst nicht schont und gerade so das ganz Unwahrscheinliche leistet: der Verzicht nimmt nicht, er gibt.

Wir sind wieder einmal als Christen zur Einheit zusammengerufen worden. Unser gemeinsames Zeugnis des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe macht uns viel stärker, durchbricht manche Verneblungen und zeigt quer zu aller Polemik, daß das gemeinsame christliche Zeugnis in einer Gesellschaft, die sich sonst eher in grenzenloser Beliebigkeit verliert, immer noch die stärkste geistige Kraft ist. Laßt uns den Kleinmut ablegen, der uns stets eingeredet wird! "Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt" (Joh 16,33).

Heiliger Vater, wir danken Ihnen für diese Ermutigung zum christlichen Zeugnis, zum kompromißlosen Eintreten für die Menschenwürde und für eine immer noch tiefere ökumenische Gemeinsamkeit. Wir danken Ihnen für die Ankündigung einer zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa.

Auf dem Weg zum Jahr 2000 rufen wir Ihnen zu: "Vergelt's Gott" und "Auf Wiedersehen".