Ignatz Bubis, Vorsitzender des Direktoriums des Zentralrates der Juden
in Deutschland
Ansprache bei der Begegnung mit Papst Johannes Paul II. im Bernhard-Lichtenberg-Haus
in Berlin
am Sonntag, den 23. Juni 1996
Eure Heiligkeit,
Es ist nunmehr das 3. Mal, daß Sie anläßlich eines Deutschlandbesuchs
den Wunsch ausgesprochen haben, mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland
zusammenzukommen.
Wir sind hierauf gerne eingegangen, weil es unser Wunsch ist, den
christlich-jüdischen Dialog auch auf höchster Ebene fortzusetzen, und
wir wissen es zu würdigen, daß dieses auch Ihr Anliegen ist. Sie haben
die mit dem II. Vatikanischen Konzil unter Johannes XXIII. begonnene
Politik des Dialogs und der gegenseitigen Verständigung konsequent fortgesetzt.
Dazu gehört auch die Erklärung der Synode der Europäischen Bischöfe
von 1991 in Rom, in der die "besondere Beziehung zum Judentum" betont
wird. Dieses Dokument besagt des weiteren: "Beim Aufbau einer neuen
Ordnung in Europa und in der Welt ist das Gespräch zwischen den Religionen
von größter Bedeutung, besonders mit den ,älteren Brüdern', den Juden,
deren Glaube und Kultur ein konstitutiver Teil der Entwicklung der europäischen
Humanität sind."
"Nach dem schrecklichen Holocaust in unserem Jahrhundert, den die
Kirche aus tiefstem Herzen bedauert, sind neue Anstrengungen zu einem
tieferen Kennenlernen des Judentums zu unternehmen und alle Formen des
Antisemitismus, die sämtlich entweder im Gegensatz zum Evangelium oder
zum Naturrecht stehen, zurückzuweisen - Denn die gemeinsame Bemühung
von Christen und Juden in verschiedenen Bereichen, unter Beachtung der
Unterschiede und eigenen Lehren beider Religionen, kann höchste Bedeutung
haben, die für die religiöse und gesellschaftliche Zukunft Europas und
für Europas Aufgabe im Blick auf den übrigen Teil der Welt zu beachten
ist."
Wir kommen diesmal im Bernhard-Lichtenberg-Haus zusammen, dem Haus,
das den Namen eines Menschen trägt, der sich in der Zeit der dunkelsten
Epoche der deutschen Geschichte dem System widersetzt hat und unter
anderem auch jüdischen Menschen in Not geholfen hat und ihnen beigestanden
ist. Mit der Seligsprechung Bernhard Lichtenbergs und Karl Leisners
bekennt sich die katholische Kirche zur Humanität und dankt ihren Söhnen
für deren Standhaftigkeit in Notzeiten, die vielen ein Beispiel sein
kann. Wir wissen auch, daß Tausende von Priestern in der Zeit des
Nationalsozialismus sich diesem widersetzt haben und dabei schwerstes
Leiden, bis hin zum Verlust des eigenen Lebens, haben ertragen müssen.
Wie uns allen bekannt ist, hat es in dieser Zeit und noch nach 1945
auch andere Erscheinungen gegeben. Als abschreckendstes Beispiel will
ich den Pogrom von Kielce, dessen 50. Wiederkehr wir in wenigen Tagen
gemeinsam mit der katholischen Kirche Polens gedenken werden, nennen.
Mit Bedauern stellen wir fest, daß der Antijudaismus vielerorts weiter
existiert, und deshalb ist unsere gemeinsame Arbeit zur Eindämmung solcher
und ähnlicher, in ethnischen und religiösen Vorurteilen begründeten
Verbrechen, wie sie bis zum heutigen Tag vorkommen, von großer Wichtigkeit.
Hier muß es zu einer engen Zusammenarbeit aller Religionsgemeinschaften
kommen.
Sie, Eure Heiligkeit, waren der erste Papst, der die Synagoge in Rom
besucht hat. Aufgrund Ihres Einwirkens haben die Ordensschwestern letztendlich
die Räumlichkeiten vor dem Konzentrationslager Auschwitz I freigemacht.
Leider haben sie das Gebäude unberechtigterweise einer Firma "Maya"
überlassen, die von dort aus den Bau eines Supermarktes betreibt. Wir
wären Ihnen dankbar, wenn Sie hierzu öffentlich Stellung beziehen würden,
denn es ist sicher unser aller Wunsch, daß dieser Ort des Martyriums
für so viele europäische Völker, insbesondere für das jüdische und das
polnische Volk, in einem größeren Bereich von jeglicher profanisierender
Bebauung freigehalten wird, wie es auch der Wunsch der UNESCO war und
ist.
Wir wissen es zu würdigen, daß in der Zeit Ihres Pontifikats die Aufnahme
von diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat
Israel erfolgt ist. Mit großer Genugtuung können wir feststellen, daß
in die Präambel die gemeinsame Bekämpfung von Antisemitismus und Fremdenhaß
aufgenommen wurde. Israel ist das Land, das die Juden vor mehr als 1.900
Jahren verlassen mußten und in die Diaspora gegangen sind. Wir wünschen
uns sehr, daß Sie dieses Land, dessen geschichtlicher Boden uns allen
heilig ist, bald besuchen werden.
Wir wünschen Ihnen ein langes Leben und, wie es im Judentum heißt,
bis 120 bei voller Gesundheit und noch ein langes Wirken für die katholische
Kirche.