


 |
Papst Johannes Paul II.
Predigt bei der Eucharistiefeier auf dem Flugplatz Senne/Paderborn
am Samstag, 22. Juni 1996
Liebe Schwestern und Brüder!
- "Was ist das für ein Mensch, daß ihm sogar die Winde und der See
gehorchen?" (Mt 8,27). Es schien, als ob jener Wind, der auf dem See
Genezareth losgebrochen war, das Boot versenken würde. Als die Wogen
das Deck überfluteten, weckten die Apostel Jesus, der aufgrund seiner
Erschöpfung schlief. "Herr, rette uns, wir gehen zugrunde! (_) Warum
habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen? Dann stand er auf, drohte
den Winden und dem See, und es trat völlige Stille ein" (Mt 8,25-26).
Seit zweitausend Jahren lesen wir von diesem Ereignis. Es ist das
Bild der Kirche: das Schifflein Petri, das apostolische Schiff. Die
Kirche angesichts von Kräften, die sie von außen treffen. Die Kirche
in unserem Jahrhundert. Wem kommt da nicht die Gefahr in den Sinn,
in der sich gerade die Kirche in Deutschland befunden hat. Hier, in
diesem Land. Die Gefahr dehnte sich aus: Am 1. September 1939 begann
der Zweite Weltkrieg. Fast ganz Europa in Flammen. Ich gehöre zu der
Generation, die sich daran erinnert. "Rette uns, Herr, wir sind verloren!"
Das Flehen in den Kirchen: "Heiliger Gott, heiliger, starker Gott,
heiliger unsterblicher Gott, erbarme dich unser! Vor Seuchen, Hunger,
Ungewitter und Krieg bewahre uns, o Herr!" Wir erinnern uns auch an
die Menschen, die in jener Zeit der Verachtung die Würde der Personen
und der Nationen retteten.
- Wir gehen auf das große Jubiläumsjahr 2000 zu ohne Angst und Verzagtheit,
im Gegenteil, mit großer Zuversicht und einig in der Hoffnung. Denn
wir wissen, daß der Herr mit im Schiff sitzt und uns die Kraft gibt,
Kleingläubigkeit und Mutlosigkeit zu überwinden, seinem Wort zu vertrauen
und so das Ziel zu erreichen. Die Kirche geht ihren Weg durch die
Zeit in der Vielfalt der Völker und Kulturen. Sie bleibt aber immer
das eine Volk Gottes. Sie weiß sich geführt durch den Geist Gottes,
der sie durch die Geschichte hindurch in der Einheit und Wahrheit
hält (vgl. LG 25). Hier an diesem Ort, liebe Schwestern und Brüder,
wird uns dies besonders bewußt. Fast zwölfhundert Jahre ist es her,
daß der Frankenkönig Karl der Große und mein Vorgänger, der heilige
Papst Leo III., hier in Paderborn diese für das Wohl der Menschen
so notwendige Zusammenarbeit von Papst und Kaiser oder, wie wir heute
sagen, von Staat und Kirche grundgelegt und bekräftigt haben. Das
christliche Abendland hat dadurch für Jahrhunderte eine entscheidende
Prägung erhalten. In einigen Jahren werdet Ihr das zwölfhundertjährige
Jubiläum der Erzdiözese Paderborn feiern. Es soll auch daran erinnern.
Deshalb möchte ich gerade hier an diesem so wichtigen Ort Paderborn
der ganzen Kirche in Deutschland zurufen: Laßt Euch nicht durch Sturm
und See in Mutlosigkeit und Resignation stürzen! Seid vielmehr einig
in der Hoffnung und stärkt Euch im gemeinsamen Glauben! Erinnert Euch
an die lange Geschichte des christlichen Glaubens in diesem Land!
Laßt nicht zu, daß dieser Glaube schwächer und kraftloser wird! Habt
keine Angst um die Zukunft des christlichen Glaubens und der Kirche!
Im Gegenteil: Schreitet mutig und im Vertrauen auf Jesus Christus
ins nächste Jahrtausend. Wir wissen, daß sich in Zukunft viele äußere
Bedingungen des privaten und öffentlichen Lebens verändern werden.
Dies läßt auch die Kirche nicht unberührt. Aber niemals dürfen an
Bord des Kirchenschiffes Ängstlichkeit und Klagen die Herzen beherrschen.
Wir vertrauen auf den Herrn, weil wir an seine lebendige Gegenwart
in der Kirche glauben.
- Liebe Schwestern und Brüder, laßt uns gemeinsam unsere christliche
Berufung leben, wozu uns der Apostel Paulus, Gefangener um des Herrn
willen (vgl. Eph 4,1), in der heutigen Lesung ermahnt hat: "_ ein
Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging. Seid
demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und
bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden,
der euch zusammenhält" (Eph 4,1-3). "Ich, der ich um des Herrn willen
im Gefängnis bin." So heißt es im Epheserbrief. Dies ruft uns erneut
so viele Gefangene in Erinnerung, die die zeitgenössischen Seiten
der Kirchengeschichte geschrieben haben. Bernhard Lichtenberg — Dompropst
von Berlin —, Karl Leisner — ein Diakon, der als Gefangener im Konzentrationslager
Dachau zum Priester geweiht wurde. Morgen werde ich sie in Berlin
zu Seligen erklären. Sie waren jedoch nicht allein. Schon vor neun
Jahren konnte ich hier in Eurem Land, in Köln, Schwester Teresia Benedicta
a Cruce, besser bekannt als Edith Stein, und in München Pater Rupert
Mayer seligsprechen. Auch deren Martyrium war ein Zeugnis für Christus
und ein Zeichen des Widerstandes gegen die dämonischen Mächte einer
gottfernen Welt. Die vier Seligen stehen stellvertretend für die vielen
katholischen Frauen und Männer, die sich unter vielfältigen Opfern
der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verweigerten und der
braunen Ideologie widerstanden haben. Sie sind somit ein Teil des
Widerstandes, den die gesamte Kirche jenem gott- und menschenverachtenden
System gegenüber geleistet hat. Und sie stehen letztlich auch für
die vielen Menschen, die durch ihren Widerstand und ihre Opfer das
Vertrauen in das Gute im Menschen und in ein anderes und besseres
Deutschland wachhalten konnten. Auch unser Jahrhundert hinterläßt
ein reiches Martyrologium (vgl. Apostolisches Schreiben Tertio Millennio
Adveniente, 37). Beeilen wir uns, damit alle diese Zeugnisse einer
echten Größe des Geistes und der Heiligkeit nicht in Vergessenheit
geraten. Ein Martyrologium ist nicht nur eine Registrierung von Tatsachen.
Es ist eine Ermahnung. Auch das Martyrium unseres Jahrhunderts ist
eine Ermahnung. Ist aus ihr nicht das Werk des Zweiten Vatikanischen
Konzils entstanden? Der jährliche Weltgebetstag für den Frieden? Und
auch so viele apostolische Initiativen? Zum Beispiel die Weltjugendtreffen?
Durch das Martyrium, das die Erfahrung unseres Jahrhunderts darstellt,
hat die Kirche ein besseres Verständnis von sich selbst und von ihrem
Auftrag in der Welt gewonnen.
- Im Apostolischen Schreiben Tertio Millennio Adveniente habe ich
auch die Notwendigkeit betont, sich besonders um die Anerkennung der
heroischen Tugenden von Männern und Frauen zu bemühen, die ihre Berufung
in der Ehe verwirklicht haben (vgl. 37). Die Berufung zum Leben in
der christlichen Ehe und Familie erfordert den Dienst der Liebe und
den Dienst des Lebens. Liebe und Leben bilden den Wesenskern der Heilssendung
der christlichen Familie in der Kirche und für die Kirche (vgl. Familiaris
consortio, 50). Sie hat entscheidend als Ort der Erziehung aufzutreten.
Vernachlässigt als Eltern die Kinder nicht! Und kümmert Euch um Eure
Eltern, vor allem wenn sie alt und gebrechlich werden! Als Familien
sollt Ihr auch eine evangelisierende Gemeinschaft sein, in der das
Evangelium empfangen und in die Praxis umgesetzt wird, in der das
Gebet gelernt und gemeinsam gepflegt wird, in der alle Mitglieder
durch Wort und Tat und ihre Liebe zueinander Zeugnis für die Frohe
Botschaft der Erlösung ablegen. "Ein Leib und ein Geist, wie euch
durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein
Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem
und durch alles und in allem ist" (Eph 4,4-6). Diese "Einheit des
Geistes" (Eph 4,3) ist kein Traum, keine bloße Idee, sondern sichtbare
Realität in der Gemeinschaft der Kirche. Die "gemeinsame Hoffnung"
(Eph 4,4) ist in der "communio" der einen Kirche erfahrbar. Der Blick
auf die Geschichte des Volkes Gottes zeigt uns, wie wichtig es ist,
diese "Einheit des Geistes" und die "gemeinsame Hoffnung" sichtbar
zu bezeugen.
- Deshalb bitte ich vor allem Euch Bischöfe und Priester, dem ganzen
Volk Gottes zu helfen, immer neu dem Herrn zu begegnen, auf sein Wort
zu hören und seinem Beispiel zu folgen. Ihr Priester und Bischöfe
seid in besonderer Weise Diener der Einheit des Volkes Gottes, das
eins sein soll im Glauben und im gemeinsamen Leben mit der Kirche
aller Zeiten. Ich bitte Euch herzlich, mit ganzem Herzen dieser Einheit
zu dienen. Ermutigt alle Schwestern und Brüder, ihrer christlichen
Berufung treu zu bleiben. Weist den Zweifelnden den Weg! Ermutigt
und begleitet die jungen Menschen! Seid den Gescheiterten und Resignierten
nahe! Euch alle, liebe Schwestern und Brüder, rufe ich auf, für geistliche
Berufe zu beten. Haltet den Sinn für die besondere Nachfolge Christi
wach, damit die Berufung Gottes zum Dienst der Einheit nicht ungehört
verhallt. Blickt auf die Lebensart Jesu in den evangelischen Räten:
Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit; und erkennt in ihr einen Weg zu
wahrer Freiheit und persönlicher Erfüllung. Laßt Euch nicht einreden,
daß die zölibatäre Lebensform der Priester überholt sei. Wie kann
etwas überholt sein, was dem Beispiel Jesu entspricht? Die Einheit
mit Christus finden wir nur, wenn wir dem Vorbild seines Lebens folgen.
Zu dieser Nachfolge und lebendigen Einheit mit dem Herrn sind nicht
nur Priester und Ordensleute, sondern alle Christen aufgefordert.
Erfahrbar wird dies, wenn wir neu ja sagen zu unserer Taufe, zur Firmung,
zum Eheversprechen. Wir alle sollten die Chance dieser Stunde ergreifen
und neu eins werden mit Jesus Christus und untereinander.
- Liebe Schwestern und Brüder, die "gemeinsame Hoffnung" und die "Einheit
des Geistes" verbinden uns als katholische, das heißt universale Kirche.
An diesem Ort, der nicht zuletzt durch den Einsatz des unvergessenen
Kardinals Jaeger für die Ökumene von großer Bedeutung ist, rufe ich
erneut alle Christen zur Einheit auf! Gerade im Blick auf das Heilige
Jahr 2000 wendet sich die Kirche mit inständiger Bitte an den Heiligen
Geist und erfleht von ihm die Gnade der Einheit aller Christen (vgl.
Tertio Millennio Adveniente, 34). Liebe Schwestern und Brüder, die
Kirche ist nicht für sich selbst da, sondern für das Heil der Welt.
Ihre Einheit kann nicht die einer "geschlossenen Gesellschaft" sein.
Sie soll vielmehr eine missionarische Gemeinschaft bilden, die mitten
in der Welt Zeugnis ablegt von der größeren Hoffnung, die uns Christen
bewegt. Lumen Gentium sagt: "Die Kirche ist ja in Christus gleichsam
das Sakrament, das heißt, Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung
mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" (LG, 1). Deshalb
gehört es zur Berufung der Kirche, nicht teilnahmslos an den Sorgen
und Nöten der Menschen vorbeizugehen, sondern die Gesellschaft im
Geist des Evangeliums zu inspirieren. Der christliche Glaube strebt
danach, daß Gottes Wille geschieht im Himmel und auf Erden. Darum
muß er auch die Bereiche der Politik, der Wirtschaft und der Kultur
beseelen; sonst wird er seiner Berufung nicht gerecht. Der erste Satz
der Konzilskonstitution Gaudium et spes ist das Leitmotiv dieses Einsatzes:
"Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders
der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung,
Trauer und Angst der Jünger Christi" (GS, 1).
- Liebe Schwestern und Brüder, das Jahr 1989 hat die Welt radikal
verändert. Die eine Welt wächst immer enger und schneller zusammen.
Wir sollten diesen Prozeß begrüßen, denn er gibt unzähligen Menschen
eine neue Lebensperspektive. Aber dieses Zusammenwachsen von Nord
und Süd, Ost und West muß menschenwürdig gestaltet werden. Es darf
nicht eine Welt entstehen, die erneut von einer "radikalen kapitalistischen
Ideologie" (Centesimus annus, 42) geprägt werden könnte. Die Welt
hofft auf ein Miteinander der Nationen und Staaten, das die Lebensrechte
aller Menschen respektiert und ihre Entwicklung fördert. Besonders
für die reichen Länder bedeutet dies: teilen zu lernen und den benachteiligten
Völkern nicht nur zu helfen, sondern sie als Partner zuzulassen und
anzunehmen. Dieser unausweichliche Wandel muß und kann in Solidarität
und Gerechtigkeit gestaltet werden. In diesem Zusammenhang möchte
ich den deutschen Katholiken danken für ihre Hilfe, die den Menschen
und der Kirche weltweit zugute kommt. Besonders freue ich mich über
die solidarische Tätigkeit Eurer jüngsten Hilfsaktion "Renovabis"
mit den Nachbarn in Mittel-, Südost- und Osteuropa. Ihr fördert damit
auch Kontakte zwischen den Menschen in West und Ost.
- Solidarität und Gerechtigkeit gelten auch für die Entwicklung in
Eurem eigenen Land, das nach der Wiedervereinigung seinen Weg in eine
gemeinsame Zukunft sucht. In diesem Prozeß gibt es heute noch Probleme,
die viele Menschen bedrücken. Es darf sich nicht ein radikaler Individualismus
durchsetzen, der am Ende die Gesellschaft zerstört. Ein harmonisches
Zusammenleben kann aber nur gelingen, wenn Ihr gemeinsame Werte und
Orientierungen behaltet, wenn Gerechtigkeit und Solidarität, Menschenwürde
und Barmherzigkeit nicht nur das Ideal einer kleinen Gruppe sind,
sondern Ziele für die ganze Gesellschaft bleiben. Auch deshalb ist
es für Euer Land wichtig, daß der christliche Glaube und seine Botschaft
präsent bleiben, daß Christen sich in Politik und Gesellschaft einsetzen,
daß unser Glaube Orientierung für alle sein kann. Auch für die Nichtglaubenden
gilt die Soziallehre der Kirche, die Grundsätze des Naturrechts enthält.
Ebenso ist es mit der Einheit Europas. Sie darf nicht nur in einer
Gemeinsamkeit der materiellen Interessen bestehen. Ihre Grundlagen
sind: der Konsens in den grundlegenden Zielen und Wertvorstellungen,
das gemeinsame kulturelle Erbe und nicht zuletzt eine Verbundenheit
des Geistes und der Herzen. Ohne den christlichen Glauben wird Europa
die Seele fehlen. Wir Christen sind berufen, Sorge zu tragen für den
Geist, der das künftige Europa eint und gestaltet. Dies ist eine große
Verantwortung und Herausforderung, der wir uns über die Grenzen hinweg
ernsthaft stellen wollen und müssen. Mit diesem Wunsch wende ich mich
vor allem an die Mitbrüder im Bischofsamt, denen mein herzlicher Gruß
gilt. Besonders begrüße ich die anwesenden Herren Kardinäle, den Herrn
Erzbischof von Paderborn, den Herrn Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz
sowie alle Bischöfe aus Deutschland und der Welt. Sehr herzlich grüße
ich auch die Vertreter des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen
sowie der Stadt Paderborn.
- Liebe Schwestern und Brüder, auch am Ende des zweiten Jahrtausends
ruft uns Christus in das Schiff seiner Kirche. Er lädt uns ein, mit
ihm durch das Meer der Zeit zu fahren, ihm zu glauben und zu vertrauen,
eins zu sein in der Hoffnung und in der Liebe. Im Blick auf das Heilige
Jahr 2000 und die damit eröffnete neue Epoche will uns der Geist Gottes
zusammenfügen in "einem Leib, einer Berufung, einer gemeinsamen Hoffnung"
(Eph 4,3-4). Er will die eine Kirche für die Einheit der Welt wirksam
werden lassen. Dabei haben wir eine starke und hilfreiche Begleiterin:
Maria, die Mutter des Herrn und die Mutter der Kirche. Unter den Schutz
von Maria wollen wir die Kirche und uns selbst stellen. Gott, der
Vater aller Menschen, zeigt uns einen Weg. In Jesus Christus hat er
sich mit allen Menschen verbunden, besonders mit den Armen und Leidenden
(vgl. Redemptor Hominis, 14). Im Vertrauen auf seinen Heiligen Geist
dürfen wir der Zukunft entgegengehen. Dieser dreifaltige Gott segne
und behüte Euch: der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
|