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Papst Johannes Paul II.
Ansprache bei der Begegnung mit den Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz
im Collegium Leoninum in Paderborn
am Samstag, den 22. Juni 1996
Verehrte, liebe Mitbrüder im Bischofsamt!
- Im vergangenen Dezember waren es dreißig Jahre, daß am Ende des
Zweiten Vatikanischen Konzils der Briefwechsel der polnischen und
deutschen Bischöfe erfolgte. Dieser Briefwechsel stellte einen bedeutenden
Schritt dar für die Versöhnung zwischen dem polnischen und dem deutschen
Volk. Sie haben damit eine Zukunft in Aussicht gestellt, die die beiden
Völker in Frieden und Freundschaft, in Eintracht und Zusammenarbeit
verbinden. Dazu reichten sie sich damals die Hände, sie gewährten
Vergebung und baten um Vergebung. Ihr habt im vergangenen Jahr dieses
historischen Schrittes vor 30 Jahren eigens gedacht im Bewußtsein
und in der festen Entschlossenheit, alles zu begünstigen und zu fördern,
was dazu beiträgt, die Bestrebungen der Freundschaft zu einer stets
lebendigen Wirklichkeit werden zu lassen. Dieser Schritt, den die
Bischöfe beider Länder getan haben, muß beispielhaft sein für ganz
Europa und den europäischen Einigungsprozeß. Brüderlichkeit, gegenseitiges
Verständnis und Zusammenarbeit, vor allem auch auf kirchlicher Ebene,
sind ein wesentliches Element zur Einigung. Die Kirche hat hier eine
Vorreiterrolle einzunehmen, auch im Bewußtsein, daß alles nur mit
Gottes Hilfe gelingen kann: "Damit ... die Versuche der Menschen zu
ihrer Verwirklichung Erfolg haben, braucht es das Geschenk der Gnade,
die von Gott kommt. Durch sie vollzieht sich im Zusammenwirken mit
der Freiheit der Menschen jene geheimnisvolle Gegenwart Gottes in
der Geschichte, die die Vorsehung ist" (Centesimus annus, 59).
- Am Ende des ausgehenden zweiten Jahrtausends wird sich die Kirche
immer mehr ihrer Sendung in der von Christus erlösten Welt bewußt,
um mit noch stärkerem Einsatz die ihr zukommende Sendung innerhalb
der Gesellschaft wahrzunehmen, wobei Gesellschaft natürlich nicht
als kollektive, den Menschen und sein Schicksal verschlingende Größe
verstanden werden kann. Viele von uns haben selbst erfahren, daß "politische
Messianismen ... meist in die schlimmsten Tyranneien [münden]. Die
Strukturen, die die Gesellschaften sich geben, sind niemals endgültig;
... insbesondere können sie nicht das Gewissen des Menschen und auch
nicht seine Suche nach der Wahrheit und nach dem Absoluten ersetzen"
(Ansprache vor dem Europäischen Parlament in Straßburg, 11.10.1988).
Wir müssen als Kirche verstärkt die Aufgabe des moralischen Gewissens
der Gesellschaft wahrnehmen. Als Christen müssen wir wieder "Salz
der Erde" und "Licht der Welt" (Mt 5,13.14) werden. Kirchliches Leben,
das sich ausschließlich auf den Wahrheiten des Glaubens zu gründen
hat, muß Christus und der Botschaft des Evangeliums treu bleiben,
wenn wir den Gliedern der Kirche helfen wollen, die sich in einer
Gesellschaft befinden, die alle Lebensbereiche zu relativieren und
zu säkularisieren versucht. "Tatsächlich besteht heute die Gefahr,
die Demokratie auf einen sittlichen Relativismus zu gründen, der jede
Gewißheit hinsichtlich des Sinnes des menschlichen Lebens und seiner
Würde sowie hinsichtlich der grundlegenden Rechte und Pflichten des
Menschen verwischt. Wenn sich eine solche Mentalität breit macht,
kommt es früher oder später zu einer sittlichen Krise der Demokratie.
Der Relativismus verhindert die notwendige Unterscheidung zwischen
den verschiedenen Erfordernissen, die an der Basis der Gesellschaft
zutage treten, sowie die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Das
Leben einer Gesellschaft beruht auf Entscheidungen, die notwendigerweise
feste sittliche Überzeugungen voraussetzen" (Ansprache beim internationalen
Treffen der Führer der Christdemokraten in Rom, 23.11.1991). Das Evangelium
ist eine inspirierende und erhellende Kraft für das Leben des Gottesvolkes.
Wo der Inhalt des Evangeliums geschwächt wird, sind die Konsequenzen
für den Menschen — für die Einzelpersonen und die Gesellschaft — schwerwiegend.
Nur auf einer soliden Grundlage können die Christen ihre Verantwortung
im kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben wahrnehmen.
Dabei gilt es, das Propagieren von Werten zu vermeiden, die zwar mehrheitsfähig
sind, die aber die wahre Natur des Evangeliums verdunkeln können.
Die Wahrheit des Glaubens muß ruhig und überlegt verkündet werden,
"opportune, importune".
- Die Gesellschaft in Deutschland ist durch kein Ereignis der vergangenen
Jahrzehnte so tiefgreifend verändert worden wie durch den Fall der
Mauer, die Euer Land definitiv und sichtbar gespalten und ganz Europa
in zwei Teile gerissen hatte. So sehr für Deutschland die wiedergewonnene
politische und staatliche Einheit ein Geschenk darstellt, so bietet
sie gleichermaßen eine bedeutsame Herausforderung, für die Zukunft
verläßliche Formen der friedlichen Nachbarschaft in Europa zu entwickeln.
Doch stellen sich hier nicht nur politische und wirtschaftliche Aufgaben,
die oft unter großen Mühen und im solidarischen Mittragen der unverschuldet
überkommenen Belastungen zu bewältigen sind, die die Herrschaft der
totalitären Diktatur des Kommunismus hinterlassen hat. Durch den Fall
von Stacheldraht und Mauer wurde unsere Aufmerksamkeit auch auf die
verheerende Situation gelenkt, in der der DDR-Staat die Menschen in
ihrem religiösen Sehnen und Suchen zurückgelassen hat. Durch die Unterdrückung
und Verächtlichmachung öffentlicher Religionsausübung ist eine große
Fremdheit bei vielen eingetreten, die der Kirche und dem überkommenen
Glauben der Vorfahren positiv gegenüberstanden. So traten die unendlich
schmerzlichen Wunden und Verletztheiten in den Blick, die die damaligen
Machthaber im Leben und in den Herzen der Menschen verursacht haben.
Viele von ihnen sind noch längst nicht verheilt und prägen noch immer
den Alltag zahlloser Menschen. Dabei hat der staatlich verordnete
Atheismus der DDR versucht, den Menschen auch die Freiheit des Glaubens
und die Beheimatung in der Kirche zu nehmen. Auch wenn der ausgeübte
Druck bei nicht wenigen seine Wirkung nicht verfehlt hat, so vermochte
das Regime doch nicht die oft verborgene und gar verschüttete Sehnsucht
nach Gott vollkommen auszulöschen. Zurückgeblieben sind allerdings
ein großes Vakuum an Glaubenswissen und an christlichem Lebensgefühl
sowie eine große Orientierungslosigkeit, die den Menschen im privaten
Bereich und auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene spürbar
und wahrnehmbar zu schaffen machen. Laut verschiedenen Statistiken
sind mehr als siebzig Prozent der Menschen in den neuen Bundesländern
konfessionslos. Religion und Kirche waren in der DDR über weite Strecken
ideologisch stigmatisiert und gesellschaftlich ausgegrenzt. Kirchenaustritt
oder sichtbare Distanz empfahl sich allen, die im gesellschaftlichen
Leben eine Rolle spielen wollten. Allerdings will heute kaum jemand
mehr einräumen, daß er selber der antiklerikalen Propaganda oder dem
politischen Druck nachgegeben, geschweige denn sich an der Ausübung
des Druckes beteiligt habe. Deswegen herrscht auch heute noch weitgehend
das Bedürfnis vor, den Kirchenaustritt als wohlüberlegte, persönlich
und frei getroffene und deswegen dauerhafte Entscheidung zu rechtfertigen.
Bisweilen wurde religiöse Tradition sogar als Herrschaftsinstrument
des Westens interpretiert.
- In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung waren vor allem
politische und wirtschaftliche Fragen zu lösen und eine Angleichung
der äußeren Lebensbedingungen der Menschen in Ost und West zu meistern;
dies war ein Bemühen, das unter großen Anstrengungen und solidarischem
Mittragen der Lasten in beachtlichem Maße zu Erfolgen geführt hat
und dem ein dauerhafter, gerechter und wirtschaftlich tragfähiger
Erfolg zu wünschen ist. Hierbei konnten die Menschen lernen, sich
in der neuen offenen und freien Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik
mit ihren unübersehbaren materiellen Angeboten und vielfältigen Herausforderungen
zurechtzufinden. In jüngster Zeit zeigt sich jedoch zunehmend deutlich
das sehr persönliche Bedürfnis und die innerlich drängende Notwendigkeit
nach einer geistigen, ethischen und religiösen Sinnvermittlung. Nicht
nur bei denjenigen, die nach der politischen Wende aus dem Osten in
westliche Teile Eures Landes übergesiedelt sind, sondern auch bei
denen, die in ihrer ursprünglichen Umgebung verblieben sind, erweist
sich inzwischen ein deutlich wahrnehmbares neues Interesse an Religion.
Deshalb ist es entscheidend, den missionarischen Geist zu fördern
und ihn in den Gemeinden neu zu beleben. Es ist Aufgabe aller Glieder
der Kirche, die Fernstehenden und Ungetauften zu Christus zu führen,
wie ich es den jungen Menschen anläßlich des Weltjugendtreffens in
Denver aufgetragen hatte: "In dieser historischen Stunde liegt die
befreiende Botschaft des Evangeliums vom Leben in euren Händen. Und
ihre Sendung, es bis an die Grenzen der Erde auszurufen, ist Eurer
Generation aufgetragen. Wie der Völkerapostel Paulus so müßt auch
Ihr die ganze Dringlichkeit des Auftrags spüren: "Weh mir, wenn ich
das Evangelium nicht verkünde" (1 Kor 9,16). Habt also keine Angst,
auf die Straßen und Gassen zu gehen, wie die ersten Apostel, die Christus
und die Frohe Botschaft vom Heil auf den Plätzen der Straßen, in den
Zentren und Dörfern verkündet haben. Jetzt ist nicht die Zeit, sich
des Evangeliums zu schämen (vgl. Röm 1,16). Es ist die Zeit, es von
den Dächern zu rufen (vgl. Mt 10,27)". Die Sicherung der Institution
Kirche und ihrer Sendung in Staat und Gesellschaft ist notwendig;
aber das Christentum lebt in der Hauptsache von der Vitalität des
Glaubens der Christen, von ihrer persönlichen Christusverbundenheit
und ihrer Zeugniskraft. Die Kirche dient dem Menschen und der Menschheit,
wenn sie Christus verkündet. "Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich
erneuert, Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten
neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe"
(Redemptoris missio, 2). Nicht unerwähnt sei in diesem Zusammenhang,
daß es nicht nur Männer und Frauen aus den östlichen Teilen Deutschlands
sind, die in die Kirche ihre Hoffnung setzen, sondern auch Menschen,
die aus weiten östlichen Gebieten des ehemaligen sowjetischen Machtbereiches
stammen und die in Eurem Land eine neue Heimat suchen. Bei aller emotionalen
Fremdheit, die sich diesen Aussiedlern bei der Ankunft in Deutschland
auftut, suchen viele Familien zuerst den Kontakt zur Kirche und bitten
oft auch um die Taufe, um auch ganz zu den Gemeinden gehören zu können.
Häufig ist mit der Suche nach äußerer neuer Beheimatung und innerer
Geborgenheit die noch tiefere Freude und Dankbarkeit verbunden, nach
Jahren unmenschlicher und glaubensfeindlicher Unterdrückung endlich
den oft nur sehr rudimentär ererbten Glauben der Vorfahren in Freiheit
leben zu können. Wo Aussiedler um den Empfang der Sakramente der Kirche
bitten, wird dieser Wunsch auch für die Pfarreien selber zum Geschenk,
wenn sie sich dafür zu öffnen vermögen und dadurch leibhaftig vermitteln,
daß Gott in seiner Kirche allen Heimatrecht schenkt, die ihn gläubigen
Herzens suchen.
- Zwar sind es in vielen Gemeinden bisher meist nur einzelne, die
nach oft langer Suche und aus sehr unterschiedlichen Beweggründen
um die Eingliederung in die Kirche bitten. Doch wo die Suchenden auf
das gelebte christliche Zeugnis in den Gemeinden aufmerksam werden
und eine intensive Begegnung mit Christus entsteht (vgl. Evangelii
nuntiandi, 21-24), kommt es durch Gottes gnadenhaftes Wirken zu einer
Einladung und Chance für immer mehr christliche Gemeinden, sich von
der Bekehrung einzelner neu anstecken und herausfordern zu lassen.
Die sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen für das gläubige
Leben der Kirche in Eurem Land und die Bitte einer zunehmend größer
werdenden Zahl von Erwachsenen um die Taufe erinnern an die Zeit der
frühen Kirche und die Lebendigkeit der christlichen Gemeinden, wie
sie oft gerade durch das Katechumenat der Taufbewerber hervorgebracht
wurde. Deshalb ist es so wichtig, daß sich auch in Deutschland die
Kirche in ihren Pfarreien für die mancherorts noch ungewohnt und als
außergewöhnlich empfundene Bitte jugendlicher und erwachsener Menschen
um die Taufe öffnet und den Weg der Vorbereitung mit ihnen gemeinsam
geht. Denn viele, die als Kinder getauft wurden, sind auch hier "Quasikatechumenen"
(vgl. Catechesi tradendae, 44). Die Bekehrung der Taufbewerber inmitten
der Gemeinde vermag gerade auch die getauften Christen in ihre "zweite
Bekehrung" zu führen. Überlassen wir uns also, wie seit den Anfängen
der Kirche, in Zuversicht und Vertrauen der Führung des Geistes, der
der Kirche auch in Zeiten mancher Schwierigkeiten und Müdigkeit neue
Lebenskraft schenkt. Sein Wirken zeigt sich auch heute in der Verwirklichung
des Sendungsauftrages der Kirche, dem sich die Apostel seit dem Pfingsttag
verpflichtet wissen (vgl. Redemptoris missio, 24).
- Die Kirche kann ihren Auftrag nur verwirklichen, wenn sie sich als
Hort der Freude am Glauben und des Vertrauens in die Zukunft darstellt.
Die Aufgabe der Selbstprüfung und Reinigung, wie sie vom II. Vatikanischen
Konzil gefordert wurde, ist bei nicht wenigen Gliedern der Kirche
leider in zersetzende Kritik an den Institutionen und in Verbreitung
von Unzufriedenheit umgeschlagen, die noch von einem gereizten Subjektivismus
der "postmodernen" Kultur gefördert wird. Trotzdem besteht kein Grund
zur Angst, wenn wir Glauben haben: "Das ist der Sieg, der die Welt
besiegt hat: unser Glaube" (1 Joh 5,4). Der Glaube entfernt uns nicht
von der Welt. Er bringt uns im Gegenteil ihren Problemen und Hoffnungen
näher. Der wahre Glaube an den Erlöser entfernt uns nicht von den
Menschen — im Gegenteil: "Zur Förderung dieser Gemeinschaft der Personen
bietet die christliche Offenbarung eine große Hilfe; gleichzeitig
führt sie uns zu einem tieferen Verständnis der Gesetze des gesellschaftlichen
Lebens, die der Schöpfer in die geistliche und sittliche Natur des
Menschen eingeschrieben hat" (Gaudium et spes, 23). Der Glaube nährt
sich an der Quelle der Wahrheit und bezieht aus ihr Leben und Kraft.
Es wird notwendig sein, die Aufmerksamkeit der Gläubigen neu auf den
Mittelpunkt der geoffenbarten Wahrheit zu lenken: Christus und das
Leben in Christus. Natürlich ist nicht zu erwarten, daß sich die Menschen
an der Kirche begeistern und in ihr die Freude am Glauben finden,
wenn Fragen, die eigentlich sekundärer Natur und Bedeutung sind, in
den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt werden; und dies
um so mehr, wenn solche Fragen den Gläubigen unter Vortäuschung einer
objektiven und sachlichen Argumentation und mit instrumentalisierenden
Methoden unterbreitet werden. Es ist gerade Aufgabe der Bischöfe,
Diener des frohen Glaubens der Kirche zu sein. Es ist ein Dienst,
der Wachsamkeit erfordert und nicht von der Ausübung der Autorität
dispensieren darf und ferner weder in Foren noch in Pastoralgesprächen
zur Disposition gestellt werden kann: Der Dienst muß zwar versehen
werden im Dialog und immer mit großer Liebe, aber auch mit Klarheit
und Entscheidungskraft.
- Traditionsgemäß haben Verkündigung und Predigt in Eurem Land einen
hohen Rang. Auch die Feier der Sakramente wird nicht zu Unrecht gerühmt.
Achtet besonders auf die Eucharistie und das Bußsakrament. Die Synode
der Bischöfe hatte das individuelle Bekenntnis 1983 als unersetzlich
herausgestellt. In einer Zeit der Mechanisierung menschlicher Beziehungen
und der Anonymisierung aller Kontakte erscheint es als eine der wenigen
Möglichkeiten individuell-persönlicher Begegnung. Versucht daher,
es den Gemeinden neu zu erläutern und nahezubringen. Priester und
Seminaristen sind anzuhalten, es selbst zu empfangen; denn sie werden
niemanden für dieses Sakrament gewinnen, wenn sie selbst nicht seine
Gnade suchen und erfahren. Und mancher Priester hat gerade als Beichtvater
erlebt, daß sein Priesterdasein einen Sinn hat; er hat neue Freude
an seinem Dienst gewonnen. Die Verbindung und der Kontakt zwischen
Priestern und Bischöfen gestalten sich in Deutschland aufgrund der
enormen flächenmäßigen Ausdehnung vieler Diözesen schwierig, aber
gerade deswegen sind sie besonders notwendig. Zu würdigen ist in diesem
Zusammenhang auch die bemerkenswerte Hilfe, die die Priester von Laien
in hauptamtlicher und ehrenamtlicher Tätigkeit erfahren. Allerdings
ist bei aller aufgrund des Priestermangels notwendigen personellen
Planung darauf zu achten, daß hauptamtliche Laienmitarbeiter nicht
in die Rolle des "Ersatzpriesters" oder "Ersatzkaplans" schlüpfen.
Dies gilt vor allem in den Pfarreien, die keinen eigenen Seelsorger
mehr haben. Die geistliche Formung der Priesteramtskandidaten in den
Seminarien und theologischen Fakultäten ist entscheidend für die Entwicklung
der Persönlichkeit des Priesters: "Es handelt sich _ um eine geistliche
Formung, die allen Gläubigen gemeinsam ist, die aber entsprechend
jenen Sinngehalten und Merkmalen gestaltet werden will, die sich aus
der Identität des Priesters und seines Dienstes herleiten" (Pastores
dabo vobis, 45). Ferner sind häufige und regelmäßige Kontakte der
Bischöfe mit den Professoren an den theologischen Fakultäten unabdingbar.
"Die Theologen und die Bischöfe [stehen] im Dienst der Kirche selbst
bei der Vertiefung des Glaubens, sie sollen wechselseitiges Vertrauen
entfalten und pflegen und in diesem Geist auch die Spannungen und
Konflikte überwinden" (ebd., 67). Die augenblicklichen Sparzwänge
in Eurem Land berühren auch den Universitäts- und Hochschulbereich.
Bei eventuellen Notwendigkeiten, das Personal zu reduzieren, ist dennoch
darauf zu achten, daß die inhaltliche Ausbildung in den verschiedenen
Fächern nicht noch weiter reduziert wird. Gewisse Fächer können nicht
einfach ersatzlos gestrichen werden. So sind zum Beispiel die Katholische
Soziallehre und der Beitrag zu ihrer Entwicklung gerade im deutschsprachigen
Raum Verpflichtung genug, ihr auch weiterhin den ihr zukommenden Stellenwert
beizumessen. Von entscheidender Bedeutung für die nächsten Jahre ist
Euer Einsatz für die Berufungspastoral. Die Berufungen gibt es; denn
der Herr läßt es nicht an den Gaben mangeln, derer die Kirche bedarf.
"Die Erzieher und besonders die Priester sollen sich nicht fürchten,
die Berufung zum Priestertum klar und nachdrücklich als eine reale
Möglichkeit für jene jungen Männer vorzuschlagen, bei denen sich zeigt,
daß sie die entsprechenden Gaben und Anlagen besitzen" (ebd., 39).
Neben Eurer Verantwortung als Bischöfe und jener der Priester ist
es die christliche Familie, der eine besondere Aufgabe für das Entstehen
von geistlichen Berufen obliegt (vgl. ebd., 41). Familienpastoral
muß einen stärkeren Akzent als bisher zur Berufungspastoral hin enthalten,
wobei auf eine enge Zusammenarbeit mit den religiösen Orden Wert zu
legen ist: "Die Aufgabe der Förderung von Berufungen muß so erfüllt
werden, daß sie zunehmend als eine gemeinsame Verpflichtung der ganzen
Kirche erscheint. Sie erfordert daher die aktive Zusammenarbeit von
Seelsorgern, Ordensleuten, Familien und Erziehern" (Vita consecrata,
64).
- Das Problem der Förderung von Berufungen kann natürlich nicht isoliert
von der Frage der Weitergabe des Glaubens betrachtet werden. Um den
Glauben weitergeben zu können, ist die Rolle der Familie entscheidend:
sie ist die Hauskirche. Auch von diesem Aspekt her ist die Familienpastoral
ein entscheidender Eckpfeiler kirchlicher pastoraler Arbeit, vor allem
was unsere Verantwortung für die Unauflöslichkeit der Ehe und für
die Heiligkeit der Familie betrifft. Dies ist eine besondere Pflicht,
die wir gegenüber den jungen Menschen und gegenüber den künftigen
Generationen haben. Mit den Problemen der Familie hängen die Situation
und die Rolle der Frau in der Gesellschaft eng zusammen. "Zweifellos
rechtfertigen die gleiche Würde und Verantwortlichkeit von Mann und
Frau voll den Zugang der Frau zu öffentlichen Aufgaben. Andererseits
verlangt die wirkliche Förderung der Frau auch, daß der Wert ihrer
mütterlichen und familiären Aufgabe im Vergleich mit allen öffentlichen
Aufgaben und allen anderen Berufen klare Anerkennung finde. Übrigens
müssen solche Aufgaben und Berufe sich gegenseitig integrieren, soll
die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung wahrhaft und voll
menschlich sein" (Familiaris consortio, 23). In der Familie hat die
Frau eine unersetzliche und vorrangige Aufgabe in der Weitergabe des
Lebens und der Erziehung der Kinder. Aufgrund der sozialen Entwicklung
erleben wir heute eine alarmierende Schwächung der Beziehung Mutter
— Kind. Achtet vor allem darauf, daß in der Sozialgesetzgebung nicht
auf Kosten der Schwächeren verfahren wird, die keine oder nur eine
kleine Lobby bei den Verfassungsorganen besitzen.
- Dieses Problem weitet sich natürlich auch auf den Schutz des Lebens
aus. Die Kirche verteidigt das menschliche Leben ohne irgendeinen
Kompromiß, vom Anfang bis zum Ende. "Wie kann es Freiheit geben, wenn
das Leben, jedes menschliche Leben, nicht angenommen und geliebt wird?
Wie kann es wahren sozialen Fortschritt geben, wenn die Bedrohungen
und Angriffe auf das Leben des Menschen, das freie Geschenk der Liebe
und Vorsehung Gottes, gerechtfertigt und legalisiert werden? ... Das
Leben muß immer verteidigt, mit Liebe angenommen und mit ständiger
Achtung begleitet werden" (Angelus, 3.2.1991). Von immer größerer
Dringlichkeit ist auch die Notwendigkeit des Eintretens gegen jede
Form von Euthanasie. "Wenn die Neigung vorherrscht, das Leben nur
in dem Maße zu schätzen, wie es Vergnügen und Wohlbefinden mit sich
bringt, erscheint das Leiden als eine unerträgliche Niederlage, von
der man sich um jeden Preis befreien muß" (Evangelium vitae, 64).
Die Euthanasie ist eine schwere Verletzung des göttlichen Gesetzes,
da es sich um die vorsätzliche Tötung einer menschlichen Person handelt.
In diesem Zusammenhang danke ich Euch aufrichtig für Eure gemeinsame
Initiative "Im Sterben: Umfangen vom Leben", die Ihr zusammen mit
den Evangelischen Kirchen Deutschlands ergriffen habt. Zum Problem
der Organtransplantationen in Verbindung mit der Feststellung des
Augenblicks des Todes verweise ich ebenso auf die entsprechenden Ausführungen
in der Enzyklika Evangelium vitae, vor allem auch im Hinblick auf
eine Bewertung der Gesetzesentwürfe, die der Bundestag zu prüfen haben
wird. Im Zusammenhang mit dem Gesetz über die Schwangerschafts-Konfliktberatung
steht die Entscheidung über die Zuordnung der kirchlichen Beratungsstellen
zur staatlich geregelten Beratung an. Diese Entscheidung muß mit großer
Sorgfalt im Bewußtsein unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen
vorbereitet und gefällt werden. Von unserem Glauben her ist klar,
daß von kirchlichen Institutionen nichts getan werden darf, was in
irgendeiner Form der Rechtfertigung der Abtreibung dienen kann.
- Viele andere Fragen wären noch einer Erwähnung oder Vertiefung wert;
Fragen, die ebenso einen ausgesprochenen Aktualitätscharakter besitzen.
So ist das Recht auf Religionsunterricht an den staatlichen Schulen
neu zu betonen. "Zu sagen, daß es der religiösen Gemeinschaft und
nicht dem Staat zusteht, sich dessen, ,was Gottes ist' (vgl. Mt 22,21),
anzunehmen, heißt der Macht des Menschen eine heilsame Grenze setzen;
diese Grenze ist der Bereich des Gewissens, der letzten Ziele, des
letzten Sinnes der Existenz, der Offenheit für das Absolute" (Ansprache
vor dem Europäischen Parlament in Straßburg, 11.10.1988). Die Schule
ist nicht nur eine Veranstaltung des Staates, sondern der Gesellschaft.
Der Staat hat eine dienende und ordnende Funktion im Bereich der Schule.
Der Elternwille ist entscheidend zu berücksichtigen. Was an Werten,
Symbolen und Vorstellungen in der Schule Platz hat und gelehrt wird,
darüber entscheiden die Eltern und Schulträger. Das Recht der Religionsfreiheit
ist kein Recht zur Verhinderung der Religion. Wer Gott aus unserem
Leben und das Kreuz aus unserer Gesellschaft verbannt, der wird auch
die Gottes- und Nächstenliebe, Solidarität und Toleranz, die Achtung
vor Menschenwürde und Menschenrecht aus unserem Leben und unserer
Gesellschaft entfernen. In der Frage des Religionsunterrichts an den
Schulen bitte ich Euch auch, auf den Glauben und eine qualifizierte
Ausbildung der Lehrer zu achten. Die Missio kann nicht nur Formalität
sein. Wer sie annimmt, bekundet damit, daß er nicht Privatmeinungen
über Glaube und gläubiges Leben in den Unterricht bringen, sondern
den Glauben der Kirche vermitteln will, der ihm selbst zum Weg des
Lebens geworden ist. Das innere Ja des Lehrers zu diesem Glauben wird
ihm helfen, zum einen das nötige Wissen weiterzugeben, es aber zugleich
mit Überzeugung anzufüllen, die wieder Überzeugung schafft. Der Katechismus
der katholischen Kirche muß selbstverständlich methodisch in vielfältigen
Weisen umgesetzt werden. Aber er gibt allem Religionsunterricht die
großen Inhalte vor, um die es geht und die nicht durch schnell vorübergehende
theologische Moden verdeckt werden dürfen. Ich bitte Euch von Herzen
darum, dafür zu sorgen, daß die Katechese in all ihren Formen vom
Katechismus her ihren gemeinsamen festen Grund erhält. Zugleich möchte
ich allen Religionslehrern danken für ihren Mut und für ihr Zeugnis.
- Das Problem der Arbeitslosigkeit stellt sich in Eurem Land in einem
vorher nicht gekannten Ausmaß. Es ist vor allem wegen der schweren
Konsequenzen für die jungen Menschen besorgniserregend, aber auch
wegen der Verursachung neuer Armut. "Die Verpflichtung, im Schweiße
seines Angesichts sein Brot zu verdienen, besagt gleichzeitig ein
Recht. Eine Gesellschaft, in der dieses Recht systematisch verweigert
wird, in der es die wirtschaftspolitischen Maßnahmen den Arbeitern
nicht ermöglichen, eine befriedigende Beschäftigungslage zu erreichen,
kann weder ihre sittliche Rechtfertigung noch den gerechten sozialen
Frieden erlangen" (Centesimus annus, 43). Die Kirche bietet ihre Soziallehre
an, aber keine technischen Lösungen; sie möchte jedoch vor allem in
sozial schwierigen Zeiten mit allen betroffenen Parteien aus menschlicher
Solidarität in engem Kontakt bleiben, um ihren Beitrag zu leisten,
die Gegensätze zwischen den Partnern abzubauen und neue Begegnungspunkte
zu finden.
- Um in diesem bedeutsamen Augenblick der Geschichte die schwierigen
Aufgaben, die vor der Kirche liegen, anzugehen, bedarf es einer großen
Geschlossenheit des Episkopats: einer Geschlossenheit, die nichts
von der nötigen Freiheit des Meinungsaustausches nimmt und die in
keiner Weise die Verantwortung "de iure divino et canonico" eines
jeden Bischofs in seiner eigenen Diözese vermindern könnte; die Koordination
in der pastoralen Tätigkeit, die vor allem im Bereich der Bischofskonferenz
erfolgt, ist darauf ausgerichtet, die harte Arbeit der Bischöfe zu
erleichtern und ihre Autorität zu unterstützen. Indem ich die Gaben
des Heiligen Geistes auf Euch herabrufe, erteile ich Euch von Herzen
den Apostolischen Segen.
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