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Papst Johannes Paul II.
Predigt im Ökumenischen Gottesdienst im Hohen Dom zu Paderborn
am Samstag, den 22. Juni 1996
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
- In der kleinasiatischen Stadt Troas hatte der Völkerapostel Paulus
auf seiner zweiten Missionsreise eine nächtliche Vision: "Ein Mazedonier
stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns!"
(Apg 16,9). Paulus versteht diese Vision als Ruf Gottes, umgehend
nach Europa überzusetzen, um dort die Frohbotschaft des Herrn zu verkündigen:
"Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren;
denn wir waren überzeugt, daß uns Gott dazu berufen hatte, dort das
Evangelium zu verkünden" (Apg 16,10). Diese Begebenheit markiert eine
entscheidende Stunde in der Geschichte Europas: Der Geist Gottes selbst
hat dem Evangelium den Weg nach Europa gewiesen.
- Aus dem Gang der Geschichte wissen wir, mit welch unermüdlichem
Einsatz der Apostel Paulus zusammen mit seinen Mitarbeitern dem Ruf
Gottes gefolgt ist. Er hat mit der Gründung der ersten Gemeinden jene
Fundamente gelegt, auf denen jede spätere Mission aufbauen konnte.
Die Bemühungen um die Evangelisierung waren und sind kein leichtes
Unterfangen. Dies mußte der Völkerapostel Paulus bereits bei seiner
Verkündigung des Evangeliums in Athen, Korinth und Rom erfahren. Dies
erfuhren in ähnlicher Weise diejenigen, die das Evangelium in späteren
Jahrhunderten zu neuen Völkern gebracht haben: der heilige Patrick,
der heilige Bonifatius, der heilige Kilian, der heilige Willibrord,
der heilige Emmeram, die heiligen Brüder Cyrillus und Methodius. Und
dies erfuhren in unserem Jahrhundert jene evangelischen, katholischen
und orthodoxen Christen, die gegenüber den totalitären Diktaturen
mutig und unerschrocken ihr Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums
ablegten: Edith Stein, Alfred Delp, Bernhard Lichtenberg, Karl Leisner
und Bernhard Letterhaus, Dietrich Bonhoeffer und Helmuth Graf Moltke.
- "Komm herüber und hilf uns!" Der Ruf, für die Wahrheit des Evangeliums
Zeugnis abzulegen, ergeht heute an uns. Unsagbar viel hängt davon
ab, ob das Evangelium glaubwürdig verkündigt und gelebt wird. Seit
meinem letzten Besuch in Deutschland im Jahre 1987 hat sich das politische
Bild Europas in einer geradezu unvorstellbaren Weise verändert. Die
Mauer ist gefallen; den Menschen jenseits des Eisernen Vorhangs wurde
nach 40jähriger kommunistischer Diktatur das kostbare Geschenk der
Freiheit zuteil. Diese neue Freiheit gilt es nun gemeinsam zu gestalten.
Neue Möglichkeiten und Aufgaben tun sich auf, sich neuen Herausforderungen
im Osten wie im Westen zu stellen und sie zu bestehen. Im Osten haben
die atheistischen Regime geistig-seelische Wüsten in den Herzen vieler
Menschen und insbesondere bei der Jugend hinterlassen, während im
Westen der Gefahr einer übermäßigen Konsumorientierung zu begegnen
ist, die die geistigen Werte der Gesellschaft zu ersticken droht.
Neu-Evangelisierung ist daher das Gebot der Stunde. Dabei geht es
nicht um die "Restauration" einer längst vergangenen Epoche. Vielmehr
müssen neue Schritte gewagt werden. Gemeinsam haben wir den Menschen
Europas erneut die froh- und freimachende Botschaft des Evangeliums
zu verkündigen. Auf diese Weise gilt es zugleich, die christlichen
Wurzeln Europas wiederzuentdecken, um damit eine Zivilisation zu gestalten,
in der die vom christlichen Glauben vermittelten Werte wahrer Menschlichkeit
ihren festen Platz haben.
- Herzlich grüße ich von hier aus die Teilnehmer und Teilnehmerinnen
des Kirchentages in Eisleben, der von katholischen und evangelischen
Christen gemeinsam vorbereitet wurde. Sie sind aus Anlaß des 450.
Todestages von Martin Luther zusammengekommen. Möge ihr gemeinsames
Nachdenken dazu beitragen, uns einander näher zu bringen. "Komm herüber
und hilf uns!" Wir dürfen heute nicht zögern, uns der drängenden Aufgabe
der Neu-Evangelisierung zu stellen. Ihre Kernbotschaft lautet: "Gott
hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige
Leben hat" (Joh 3,16). In Jesus Christus haben wir Anteil an seinem
Sieg über Sünde und Tod; in Jesus Christus ist uns Auferstehung und
ewiges Leben verheißen. Dieses Wissen um Sünde und Tod sowie um Auferstehung
und ewiges Leben relativiert die Mächte und die Mächtigen dieser Welt
und verleiht uns die Kraft, bei der Gestaltung Europas in einer immer
mehr eins werdenden Welt mitzuwirken, damit die aus dem Glauben kommenden
sittlichen Kräfte darin auf neue Weise wirksam werden können.
- Der Auftrag der Evangelisierung geht alle Christen — Katholiken,
Orthodoxe, Protestanten — gleichermaßen an. Das Zeugnis für Jesus
Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, der von den Toten auferstanden
ist und allen Menschen das Antlitz des einen Gottes offenbart, muß
einmütig von uns in die Welt hineingetragen werden. Alle Christen
sind aufgerufen, sich entsprechend ihrer Berufung dieser Aufgabe zu
stellen. Der Auftrag der Evangelisierung schließt das Zueinandergehen
und Miteinandergehen der Christen von innen her mit ein; Evangelisierung
und Einheit, Evangelisierung und Ökumene sind unlösbar aufeinander
bezogen. Wie ich in meiner Enzyklika über den Einsatz für die Ökumene
Ut unum sint betont habe, "liegt es auf der Hand, daß die Spaltung
der Christen im Widerspruch zu der Wahrheit steht, die sie zu verbreiten
beauftragt sind, und daher ihr Zeugnis schwer verletzt" (Nr. 98).
Daher ist — um die Worte meines Vorgängers Papst Paul VI. zu gebrauchen
— "das Schicksal der Evangelisierung mit aller Bestimmtheit an das
von der Kirche gebotene Zeugnis der Einheit gebunden" (Evangelii nuntiandi,
77). Weil mir das Anliegen der Neu-Evangelisierung ein Herzensanliegen
ist, sehe ich als Bischof von Rom in der Überwindung der Spaltung
der Christenheit "eine der pastoralen Prioritäten". "Wie kann man
denn das Evangelium von der Versöhnung verkünden, ohne sich gleichzeitig
tätig für die Versöhnung der Christen einzusetzen?" (UUS, 98).
- Unser heutiges Bemühen um das gemeinsame Zeugnis für die Einheit
kann nicht darauf verzichten, auch auf Martin Luther einzugehen. Heute,
450 Jahre nach seinem Tod, ist es aus dem zeitlichen Abstand heraus
möglich, Person und Wirken des deutschen Reformators besser zu verstehen
und ihm besser gerecht zu werden. Nicht nur die Forschungen bedeutender
evangelischer und katholischer Wissenschaftler haben dazu beigetragen,
ein vollständigeres und differenzierteres Bild von der Persönlichkeit
Martin Luthers zu entwerfen. Auch der lutherisch-katholische Dialog
hat einen bedeutenden Beitrag geleistet, alte Polemiken zu überwinden
und einer gemeinsamen Sichtweise näher zu kommen. Luthers Denken war
geprägt durch eine starke Betonung des Individuums, wodurch das Bewußtsein
für die Anforderungen der Gemeinschaft geschwächt wurde. Luthers Ruf
nach Reform der Kirche war in seiner ursprünglichen Absicht ein Aufruf
zu Buße und Erneuerung, die im Leben eines jeden einzelnen zu beginnen
haben. Daß dennoch Trennung aus diesem Anfang geworden ist, hat viele
Gründe. Dazu gehört jenes Versagen in der katholischen Kirche, das
bereits Papst Hadrian VI. mit bewegenden Worten beklagt hat, sowie
das Hereintreten politischer und wirtschaftlicher Interessen, aber
auch Luthers eigene Leidenschaft, die ihn weit über das anfangs Gewollte
hinaus in eine radikale Kritik der katholischen Kirche, ihrer Lebensordnung
und ihrer Lehre hineingetrieben hat. Wir alle haben Schuld auf uns
geladen. Deshalb sind wir alle zur Buße aufgefordert und müssen uns
alle immer wieder neu vom Herrn reinigen lassen.
- "Komm herüber und hilf uns!" Heute kommt es mehr denn je darauf
an, daß alle Christen ihre besonderen Gaben und Charismen in das geistige
Leben Europas einbringen, damit der eine vom Reichtum des anderen
lernen kann. Die protestantische Christenheit hat mit ihren Kirchenliedern,
ihrer großen Kirchenmusik und ihrer unablässigen theologischen Reflexion
die ganze Christenheit bereichert. Die Göttliche Liturgie, das Mönchtum
und die mystische Frömmigkeit der Orthodoxie wie ihr beharrlich von
den Vätern her genährtes Denken sind ein Schatz, der uns allen zugute
kommt. Die katholische Kirche hat mit der Fülle missionarischer und
sozialer Ordensgemeinschaften, mit ihrer eucharistischen Frömmigkeit,
mit der Liebe zu Maria, die sie mit der Orthodoxie teilt, mit der
Kraft ihres Lehramtes, besonders mit der weltweit vernommenen Stimme
der Päpste, wiederum eigene Gaben, ohne die das christliche Zeugnis
in der Welt von heute nicht zu denken ist. Es gehört zu den grundlegenden
Erkenntnissen, daß es den Christen im neuen Europa vor allem dann
gelingt, sich Gehör zu verschaffen, wenn sie gemeinsam Zeugnis für
die Wahrheit des Evangeliums und für die Verantwortung gegenüber der
Welt ablegen. Von daher ist es unerläßlich, dieses gemeinsame Zeugnis
zu verstärken.
- In Deutschland gibt es bereits eine gute Tradition intensiver Zusammenarbeit
zwischen den Konfessionen auf ethisch-sozialem Gebiet: angefangen
von den Bemühungen, sich den Herausforderungen und Aufgaben zum Schutz
des menschlichen Lebens zu stellen, bis hin zur Entwicklung gemeinsamer
Perspektiven zur wirtschaftlichen und sozialen Verantwortung. Wir
wollen dem Herrn danken, daß es heute möglich ist, daß Protestanten,
Orthodoxe und Katholiken in vielen zentralen Fragen mit einer Stimme
sprechen. Dies ist nicht zuletzt eine Frucht langjährigen Bemühens,
im ökumenischen Dialog die bestehenden Lehrunterschiede aufzuarbeiten.
Führende Theologen aus Deutschland haben dazu sowohl auf nationaler
wie auf internationaler Ebene einen entscheidenden Beitrag geleistet.
Im Anschluß an meinen ersten Deutschlandbesuch hat sich eine Expertengruppe
darangegeben, die Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts im ökumenischen
Dialog historisch und systematisch zu behandeln. Gerade vorhin bin
ich bei meiner Begegnung mit dem Herrn Ratsvorsitzenden der EKD ausführlich
auf die Ergebnisse dieser Studie eingegangen. Viele der damaligen
Kontroversen erscheinen heute dank dieser Untersuchung in einem neuen
Licht. Es wurden Gräben überbrückt, die frühere Generationen für unüberbrückbar
hielten. Die in Deutschland erarbeiteten Ergebnisse reichen in der
Bedeutung auf dem Weg der Wiederannäherung von Katholiken und Protestanten
weit über den nationalen Rahmen hinaus und geben Hoffnung an der Schwelle
des dritten Jahrtausends christlicher Geschichte.
- Nur noch wenige Jahre trennen uns vom Jahr 2000. Diese Zeit ist
eine einzigartige Gelegenheit für alle Christen zur Verkündigung des
Evangeliums. Gleichzeitig "spornt das Herannahen des Endes des zweiten
Jahrtausends alle zu einer Gewissensprüfung und zu passenden ökumenischen
Initiativen an, so daß man im Großen Jubeljahr, wenn schon nicht in
völliger Einheit, so wenigstens in der Zuversicht auftreten kann,
der Überwindung der Spaltungen des zweiten Jahrtausends sehr nahe
zu sein" (Tertio Millennio Adveniente, 34). Der bevorstehende Übergang
ins neue Jahrtausend sollte uns alle antreiben, für die zentralen
Wahrheiten unseres Glaubens in verstärktem Maße gemeinsames Zeugnis
abzulegen, "damit die Welt glaubt" (Joh 17,21). "Komm herüber und
hilf uns!" Diesen Bittruf richte ich in dieser Stunde an den Herrn;
denn ich weiß, daß die Evangelisierung nur gelingen kann, wenn er
selbst uns hilft. "Komm herüber und hilf uns!" Dieser Bittruf verlangt
aber zugleich auch, daß wir alle diesen Ruf ernst nehmen und uns als
Zeugen des Herrn aussenden lassen. Es geht dabei um die Zukunft der
Welt. Möge das einmütige Gebet aller Christen (vgl. Apg 1,14) dazu
beitragen, den Tag beschleunigt herbeizuführen, an dem der Herr selbst
vor aller Augen sichtbar das "gute Werk vollenden wird, das er bei
uns begonnen hat" (Phil 1,6). Amen!
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