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Landesbischof D. Horst Hirschler, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD)

"Wort zur Schrift" im Ökumenischen Gottesdienst im Hohen Dom zu Paderborn

am Samstag, den 22. Juni 1996

Liebe Gemeinde!

Es ist mir eine große Freude, daß wir diesen ökumenischen Gottesdienst miteinander feiern können, und daß Sie, Euer Heiligkeit, als Bruder in Christus unter uns sind.
Wir wollen zuerst auf das Wort Gottes hören.

Paulus an die Korinther.
Es geht in diesem 1. Kapitel gleich eindrucksvoll los. Erst dankt er Gott feierlich für diese Gemeinde. Aber gleich danach bekommt sie kräftig eins um die Ohren. "Es ist mir bekannt geworden, daß es Zank und Streit unter euch gibt", schreibt Paulus. Vier Konfessionen scheint es in Korinth zu geben: Paulus-, Petrus-, Apollos- und Christusanhänger. Wenn man so will, da gibt es also evangelische Paulus-Freunde, römisch-katholische Petrus-Nachfolger, freikirchliche Apollosanhänger und eine Christusgruppe, wohl die Schwierigsten, weil die Jesus für sich gepachtet haben. Die Gemeinde in Korinth als Vorschau auf die Kirchengeschichte. Denen schreibt Paulus zornig: "Ist Christus etwa zerteilt?" Unversöhnlich getrennte Kirchen sind wie Schnitte im Leib Christi. Interessant ist nun, was Paulus tut. Er sagt nicht, die einen liegen richtig, die anderen werden verdammt. Er sagt: "Einen anderen Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist, nämlich Jesus Christus" (vgl. 3,11). Paulus versucht also, diese Gemeinde dadurch wieder zusammenzubringen, daß er sie alle bei ihrer Christusliebe packt. Darauf zielt auch unser Wort aus den Herrnhuter Losungen für diesen Tag: Christus — und sonst niemand und nichts — ist uns gemacht von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung. Damit sind wir mitten in der Rechtfertigungsbotschaft. Und wir sind Ihnen, verehrter Bruder in Christus, dankbar, daß Sie es uns vorhin im Gespräch noch einmal bestätigt haben: Nach jahrelangen intensiven theologischen Vorarbeiten hat sich gezeigt: Unsere Kirchen sind im Verständnis dieser Grundwahrheit unseres Glaubens auf einem gemeinsamen evangelisch-katholischen Weg. An dem Rechtfertigungsthema haben sich unsere Kirchen getrennt. An diesem Thema müssen wir auch wieder zueinander finden. Ich habe freilich eine Sorge: Die Rechtfertigungsbotschaft — können die Menschen heute überhaupt verstehen, was das ist? Warum uns das so wichtig ist? Können wir damit auf dem Markt unserer Zeit landen? Ich will andeuten, warum ich diese Grundwahrheit unseres Glaubens so faszinierend finde: Wir gründen unser Selbstwertgefühl normalerweise auf unsere Taten. Leiste ich was, so bin ich was. Dadurch sind wir freilich insgeheim von einer tiefen Angst besetzt: Was ist, wenn ich nichts leiste? Was ist, wenn ich krank, wenn ich arbeitslos werde, wenn ich mein Gesicht verliere. Wenn ich nichts mehr bin vor den Menschen, wie Paulus es von den Korinthern sagt, was rechtfertigt dann mein Dasein? Wer sich auf sich selbst gründet, ist aus Angst um sich selbst in einer tiefen Weise unfrei. Die Botschaft vom gekreuzigten Christus aber macht uns frei von solcher Angst um uns selbst. Das Kreuz Christi zeigt nämlich: Selbst wenn ich mich von Gott und allen guten Geistern verlassen fühle und nur noch schreien möchte: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen, ist Gott mir im gekreuzigten und auferstandenen Christus nahe. Durch ihn bekomme ich eine innere Stabilität und Zuversicht zugesprochen, die mich verwandelt und prägt. Martin Luther schreibt am Schluß seiner berühmten Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen", die er 1520 an Papst Leo X. schickte: "So lebt ein Christenmensch nicht mehr in sich selbst — d. h. er gewinnt seine Identität nicht mehr aus seinen Taten — sondern (er lebt) in Christus und in seinem Nächsten. In Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe _ Siehe, das ist die rechte geistliche und christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, die alle andere Freiheit übertrifft, wie der Himmel die Erde." Daß Christus uns frei spricht ohne unser Verdienst — das ist das Zentrum unseres Glaubens. Wenn wir uns darin einig werden, dann muß das auf alle noch ungeklärten Fragen ausstrahlen.

Wie ist es dann aber mit der gegenseitigen Teilnahme am Abendmahl? Die Taufe eint uns ja. Unsere evangelischen Kirchen haben die Einladung zum Abendmahl für die getauften Christen der anderen Konfession ausgesprochen. Wir zeigen dadurch, daß wir die verbleibenden Lehrunterschiede nicht mehr in der Weise für kirchentrennend halten, daß man sich vom Abendmahl ausschließen muß. Wenn Christus der Einladende beim Abendmahl ist, und Er sich uns darin selbst gibt, muß das dann nicht der Ort der Grenzüberschreitung sein? Ich meine, wir brauchen ein neues, theologisch wohldurchdachtes Modell für die Gemeinschaft unserer Kirchen. Es verbindet uns viel mehr, als uns trennt. Wir wirken evangelisch-katholisch vielfältig zusammen. Das zeigt auch dieser Gottesdienst. Wir brauchen aber ein Modell der Einheit, wie wir uns mit unseren Unterschieden ertragen können. Das ist dann ja nicht nur negativ. Es macht das Bild der Christenheit auch farbiger. Nicht nur im Fernsehen.

Sie haben, verehrter Bruder in Christus, mit Ihrer jüngsten Enzyklika die Diskussion um das Papstamt in dankenswerter Weise angestoßen und damit ein Beispiel für Gesprächsbereitschaft und Festhalten der eigenen Identität gegeben. Vielen Menschen in unserem Land sagt der christliche Glaube nichts mehr. Deshalb müssen wir die christliche Wahrheit gemeinsam in "versöhnter Verschiedenheit" offensiv auf den Markt bringen, damit man es uns glaubt: Christus allein ist unsere Weisheit, unsere Gerechtigkeit und Heiligung, unsere Erlösung. Ihm sei Dank in Ewigkeit. Amen.