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Metropolit Augoustinos Lambardakis der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland und Exarch von Zentraleuropa

Geistliches Wort beim Ökumenischen Gottesdienst im Hohen Dom zu Paderborn

am Samstag, den 22. Juni 1996

Am Ende dieses Jahrhunderts blicken wir zurück auf eine der bewegtesten Epochen der Weltgeschichte. Über die Menschheit brachen zwei Weltkriege herein, Revolution und Umsturz, Völkermord und grausamste Tyrannei, brutale Unterdrückung, Hungersnöte, Tod und Verderben in einem bis dahin unbekannten Ausmaß. Die Kirche blieb von diesen Ereignissen nicht verschont. Sie erlebte die schwersten Christenverfolgungen ihrer Geschichte, sogar Glaubensverrat und Abfall. Die Gottlosigkeit nahm überhand.

Dennoch durfte die Kirche auch sichtbar die Barmherzigkeit Gottes erfahren. Gott schenkte ihr mutige Bekenner, bis zum Tode treue Glaubenszeugen, standhafte Bischöfe, weise Lehrer und immer wieder Erneuerung im Heiligen Geist.

Ein besonderes Gnadengeschenk Gottes an die Christenheit unseres Jahrhunderts ist die ökumenische Bewegung. Es erwachte die Sehnsucht nach Einigung der Kirchen, und der Wunsch nach Überwindung der Spaltungen verstärkte sich mehr und mehr. Denn die Christen hatten erlebt, daß die mangelnde Einheit im Glauben und im kirchlichen Leben die Verkündigung der Frohen Botschaft belasteten oder gar lähmten. Andererseits hatten die Christen aber auch erfahren, daß die gemeinsam erlittene Verfolgung zu einer vorher nicht gekannten geistlichen Gemeinschaft untereinander führte.

Die Erkenntnis setzte sich durch, daß der dreieinige Gott selbst die Einheit der Christen will und daß wir diesem Willen Gottes gehorsam sein sollen. Es gibt aber nicht nur das Gebot der Einheit, sondern zugleich die Realität der Einheit als einer göttlichen Wirklichkeit. Sie bestimmt das gottmenschliche Sein der Kirche und läßt die an Christus Glaubenden eins werden mit und in der Lebensgemeinschaft des dreieinigen Gottes.

Hier und jetzt aber sind die Christen bereits geeint im gemeinsamen Bekenntnis des apostolischen Glaubens und durch die eine Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes. Diese Taufe fügt uns ein in den Leib Christi und macht uns zu Gliedern nicht einer Organisation, sondern eines göttlich-menschlichen Organismus. Wir werden durchströmt vom Geist göttlichen Lebens und dürfen und sollen deshalb mitwirken am Heilswerk Gottes in dieser Welt.

Wir stehen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend nach der Geburt unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus. Niemand unter uns wird irgendwelche Illusionen hegen hinsichtlich des Zustandes unserer Welt. Sie ist der Barmherzigkeit Gottes und seines Erlösungswillens bedürftig wie vor zweitausend Jahren. Und die Menschen sehnen sich mehr denn je nach dem wahren Frieden, einer nicht nur innerweltlichen Gerechtigkeit und nach der echten Gemeinschaft, die nur in Gott ihren Ursprung und ihr Ziel haben kann.

Nicht nur die Kirchen als Ganzes, auch jeder einzelne Christ, — wir alle haben die Aufgabe und heilige Pflicht, der Welt und den Menschen die Gute Botschaft Gottes zu bringen und das Evangelium mit ihnen zu verwirklichen. Insbesondere müssen wir diejenigen damit bekanntmachen, die atheistisch erzogen wurden und durch Jahrzehnte hindurch keine Gelegenheit hatten, den christlichen Glauben kennenzulernen. Auch unsere Versäumnisse haben möglicherweise dazu beigetragen.

Nun aber sollen wir unsere Scheu und Trägheit und alle Bedenken überwinden, dem Wort unseres Herrn nachzuleben, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Die Verheißung Gottes, die Liebe seines Sohnes Jesus Christus und die Kraft des Heiligen Geistes werden mit uns sein!