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Papst Johannes Paul II.
Ansprache bei der Begegnung mit den Repräsentanten der Evangelischen
Kirche in Deutschland (EKD) und dem Präsidium der Arbeitsgemeinschaft
Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK)
im Collegium Leoninum in Paderborn am Samstag, den 22. Juni 1996
Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender,
verehrte Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland,verehrte
Vorstandsmitglieder der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in
Deutschland!
- Es freut mich sehr, Sie hier in Paderborn, an einem Ort kontinuierlicher
Arbeit zur Förderung der Verständigung zwischen den Kirchen und christlichen
Gemeinschaften, begrüßen zu können. Hier ist der Sitz des weit bekannten
Johann-Adam-Möhler-Instituts, und Paderborn war der Bischofssitz eines
der größten Förderer der Ökumene, nämlich von Lorenz Kardinal Jaeger.
Wir sind hier zusammengekommen im Namen des Vaters, der uns aus Liebe
den Sohn gesandt hat (vgl. 1 Joh 4,10), im Namen des Sohnes, der für
uns gestorben ist (vgl. Röm 5,8), und im Namen des Heiligen Geistes,
der uns beisteht (vgl. Joh 16,7) und uns zum Guten antreibt (vgl.
Gal 5,22f.).
- Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie der Einladung zu dieser Begegnung
gefolgt sind. Wir begehen in diesem Jahr die 450. Wiederkehr des Todestages
Martin Luthers. Das Gedenken an ihn läßt uns heute nach Jahrhunderten
leidvoller Entfremdung und Auseinandersetzung deutlicher den hohen
Stellenwert seiner Forderung nach einer schriftnahen Theologie und
seines Willens zu einer geistlichen Erneuerung der Kirche erkennen.
Seine außerordentliche Leistung zur deutschen Sprachentwicklung sowie
sein kulturelles Erbe stehen außer Frage. Seine Aufmerksamkeit für
das Wort Gottes wie auch seine Entschiedenheit, den als richtig erkannten
Weg des Glaubens zu gehen, lassen gewiß nicht seine persönlichen Grenzen
übersehen und ebensowenig die Tatsache, daß grundsätzliche Probleme
im Verhältnis von Glaube, Schrift, Überlieferung und Kirche, wie sie
Luther gesehen hat, bis heute noch nicht ausreichend geklärt sind.
- Ihnen, Herr Ratsvorsitzender, danke ich für Ihre Worte und Ihre
Ausführungen über den Rezeptionsprozeß des Studiendokuments "Lehrverurteilungen
- kirchentrennend?" innerhalb der Mitgliedskirchen der EKD. Gern erinnere
ich mich an unsere erste Begegnung, als Sie im Dezember 1994 in Begleitung
Ihrer engen Mitarbeiter nach Rom gekommen sind, um mir die "Gemeinsame
evangelische Stellungnahme" zum Dokument "Lehrverurteilungen - kirchentrennend?"
zu überreichen. Viele Synodale haben sich mit den Ergebnissen dieses
Studiendokuments intensiv auseinandergesetzt. Ich bin dankbar für
alle Klärungen, die durch die Synoden erfolgt sind. Dabei nehme ich
auch zur Kenntnis, daß polemische und ungebührliche Ausdrucksweisen
der Vergangenheit zurückgenommen und dem geschichtlichen Vergessen
anheimgegeben wurden. An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen,
den Mitgliedern der "Gemeinsamen Ökumenischen Kommission" zu danken,
die im Anschluß an meinen ersten Besuch in Deutschland im Herbst 1980
angeregt haben, die Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts der katholischen
Kirche und der evangelischen Bekenntnisschriften im ökumenischen Dialog
historisch und systematisch zu behandeln. Besonders danke ich den
Mitgliedern des "Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer
Theologen", die diese Untersuchung durch ihren persönlichen Einsatz
verwirklicht haben.
- Viele Kontroversen des 16. Jahrhunderts erscheinen heute dank der
vorliegenden Studie in einem neuen Licht. Gräben wurden überbrückt,
die frühere Generationen für unüberbrückbar hielten. Dieser Fortschritt
ist möglich geworden, weil methodisch sorgsam darauf geachtet wurde,
zwischen dem Glaubensgut selbst und der Formulierung, in der es ausgedrückt
wird, zu unterscheiden (vgl. UUS, 81; Mysterium Ecclesiae, 5 § 6).
Eine solche Unterscheidung ist in der Tat eines der wichtigen Elemente
für die ökumenische Verständigung. Wie das Zweite Vatikanische Konzil
lehrt, ist es zur "Wiederherstellung oder Erhaltung der Gemeinschaft
und Einheit notwendig, ,keine Lasten aufzuerlegen, die über das Notwendige
hinausgehen' (Apg 15,28)" (UR, 18). Die Einheit, die wir anstreben,
erfordert eine echte Übereinstimmung im Glaubensgut selbst. Sie will
damit in keiner Weise die Verbindlichkeit der kirchlichen Lehre antasten;
andererseits zwingt sie jedoch auch nicht dazu, "die reiche Vielfalt
der Spiritualität, der Ordnung, der liturgischen Riten und der theologischen
Darstellung der geoffenbarten Wahrheit, die unter den Christen gewachsen
ist, aufzugeben, sofern diese Verschiedenheit der apostolischen Tradition
treu bleibt" (Ökumenisches Direktorium, 20). Angesichts des Umfangs
und der Qualität der Studie "Lehrverurteilungen — kirchentrennend?"
war es nicht nur angebracht, sondern unabdingbar, die Tragfähigkeit
ihrer Ergebnisse gewissenhaft und gründlich zu überprüfen. Den intensiven
Prozeß auf evangelischer Seite haben Sie, Herr Ratsvorsitzender, soeben
skizziert. Im gleichen Zeitraum ist auch auf katholischer Seite ein
Auswertungsprozeß erfolgt, an dem verschiedene Gremien auf verschiedenen
Ebenen beteiligt waren. Im Jahr 1992 nahm der Päpstliche Rat zur Förderung
der Einheit der Christen in einem sorgsam erarbeiteten Gutachten zu
der Studie des "Ökumenischen Arbeitskreises" Stellung. Im Juni 1994
legte die Deutsche Bischofskonferenz ihre Stellungnahme vor. Beide
Stellungnahmen bekunden Übereinstimmung mit den in der Studie erarbeiteten
Ergebnissen, weisen zugleich aber auch auf Fragen und Probleme hin,
die einer weiteren Erörterung bedürfen. Mit seinen Studien hat der
"Ökumenische Arbeitskreis" zu einem vertieften Verständnis der Lehraussagen
des Konzils von Trient beigetragen. Das Konzil von Trient war darauf
ausgerichtet, die Identität des katholischen Glaubens zu schützen,
und hat damit einen bleibenden Wert für die Lehrentwicklung innerhalb
der katholischen Kirche. Seither hat uns eine erneute Besinnung auf
die geoffenbarte Wahrheit im Gehorsam gegenüber dem Geist Gottes und
in einer Haltung des gegenseitigen Zuhörens einander nähergebracht.
Es ist ein Verdienst der Studie "Lehrverurteilungen — kirchentrennend?",
eine Vielzahl von Übereinstimmungen und Annäherungen in wesentlichen
Glaubensfragen herausgearbeitet zu haben.
- In der Rechtfertigungslehre wurde eine weitreichende Annäherung
erzielt. Wenn man die verschiedenen Konsensdokumente zur Rechtfertigungslehre
insgesamt betrachtet, wird der Eindruck immer stärker, daß man in
den tragenden Grundfragen des Verständnisses der Rechtfertigungsbotschaft
zu einer fundamentalen Übereinstimmung kommt. Damit sind nicht alle
Unterschiede aufgehoben, aber wir können nun genauer fragen, welches
Gewicht die verbleibenden Unterschiede haben. Auch wenn die theologische
Verbindung lutherischer Rechtfertigungsvorstellung mit der katholischen
Tauf- und Kirchenlehre noch weiterer Gespräche bedarf, so ist doch
zu hoffen, daß wir zur Übereinstimmung finden in jener Frage, die
zu den Kernpunkten der theologischen Kontroversen des 16. Jahrhunderts
gehörte. Jede erzielte Verständigung muß von einer erneuten Hinwendung
zum biblischen Zeugnis getragen sein. Eine Verständigung zwischen
Lutheranern und Katholiken in dieser wichtigen Frage ist ihrem Wesen
nach dafür offen, auch mit evangelischen Landeskirchen nicht-lutherischer
Prägung zu ähnlichen Klärungen zu gelangen. In anderen Bereichen und
Einzelfragen, in denen noch keine volle Übereinstimmung erzielt wurde,
hat die Studie den Weg für vielversprechende weitere Gespräche geebnet.
In der Sakramentenlehre und in der Amtsfrage konnten gemeinsame Elemente
aufgezeigt werden, die jedoch noch einer weiteren Vertiefung bedürfen.
Nun gilt es, die noch ungelösten Fragen anzugehen, und dazu möchte
ich Sie nachdrücklich ermutigen.
- Auch wenn die Ökumene der Begegnung mit den reformatorischen Kirchen
in Deutschland einen besonderen Vorrang hat, so richtet sich unser
Blick doch zugleich auf die Kirchen des Ostens. Denn viele Mitglieder
der orthodoxen und der altorientalischen Kirchen leben zum Teil schon
seit Jahrzehnten in Ihrem Land und pflegen dabei die kirchliche Gemeinschaft
mit ihrer Heimat. Ihnen allen sage ich ein herzliches Wort des Grußes.
Für sie haben sich gute ökumenische Beziehungen zu den Kirchen in
diesem Land gebildet. Sie arbeiten aktiv mit in den ökumenischen Gremien,
so besonders in der "Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland"
(ACK). Manche hilfreiche Anregung für die Gestaltung kirchlicher Gemeinschaft
gelangt so auch nach Deutschland. Auch im privaten Leben haben die
Christen aus den Ostkirchen die Nachbarschaft anderer Christen, aber
auch von Nichtchristen und Nichtglaubenden kennengelernt und sich
darauf eingestellt. Ich möchte Sie ermutigen, Ihre Traditionen zu
bewahren und sie in guter Nachbarschaft mit anderen zu leben. So wächst
das Verständnis füreinander, und zugleich stärken sie das Bewußtsein
von einer gemeinsamen Grundlage unseres christlichen Glaubens in der
Mannigfaltigkeit der geschichtlich gewachsenen Formen.
- Zusammen mit den evangelischen und orthodoxen Christen möchte ich
in diesem Wort der Begrüßung und des Segenswunsches auch die Brüder
und Schwestern der evangelischen Freikirchen ansprechen, die ebenso
an der Arbeit der "Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen" beteiligt
sind. Ihr Augenmerk ist dabei besonders auf die Dimension des gelebten
Glaubens in den Gemeinden gerichtet. Es waren wohl auch besonders
Christen aus Ihren Reihen, die die Bekehrung zum Gotteswort der Heiligen
Schrift gefordert haben. Hieraus entwickelte sich dann auch die Idee
eines "Jahres mit der Bibel", das 1992 in Deutschland mit großem Erfolg
durchgeführt worden ist.
- Die Einheit, die wir anstreben, muß schrittweise wachsen. Wir müssen
Mut und Phantasie entwickeln, heute jene Schritte zu tun, die möglich
sind, im festen Vertrauen auf die Führung des Heiligen Geistes, der
uns anleitet und vorbereitet auf jene Schritte, die morgen möglich
sein werden. Ich bin mir bewußt, daß viele Menschen unter der Trennung
leiden. Deshalb ist es unsere Pflicht, Barrieren abzubauen und ein
größeres Maß an Gemeinschaft zu erstreben im festen Vertrauen darauf,
daß der Herr uns zu "jenem segensreichen Tag" führt, "an dem die volle
Einheit im Glauben erreicht sein wird und wir einträchtig miteinander
die heilige Eucharistie des Herrn werden feiern können" (UUS, 77).
Hinter unserer Sehnsucht nach Einheit stehen der Wille Christi und
sein Gebet im Abendmahlssaal. Von ihm kommt uns auch unsere zentrale
Verpflichtung, im theologischen Suchen und Forschen, in konfessionsübergreifenden
Aktionen und Stellungnahmen gegenüber der Gesellschaft und im brüderlichen
Gespräch sowie im gemeinsamen Gebet den schon gewährten Raum des gemeinsamen
Tuns voll auszuschreiten. Deswegen bitte ich Sie, nicht nachzulassen,
den Dialog der Verständigung weiterzuführen. Eine zukunftsträchtige
Ökumene kann es nur geben, wenn wir uns der Frage nach der Wahrheit
selbstlos stellen und wenn wir einander geduldig anhören und einander
auch mit unseren eigenen Lasten tragen (vgl. Gal 6,2). Die ökumenische
Bewegung wird zu einem geistlichen Prozeß persönlicher Bekehrung zur
vollen Wahrheit, nämlich in dem Vertrauen, daß er, "der Geist der
Wahrheit, euch in die ganze Wahrheit führen wird" (vgl. Joh 16,13).
Nachdrücklich wollen wir auf Christus setzen in einer Zeit, die leicht
alle verfolgten Ziele vorwiegend unserem menschlichen Vermögen anvertraut.
Deshalb ist es gut, daß wir uns im Anschluß an unser Treffen ihm,
dem Herrn der Kirche, im herrlichen Paderborner Dom lobend, betend
und fürbittend zuwenden.
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