Bundespräsident Dr. Roman Herzog
Ansprache zur Begrüßung von Papst Johannes Paul II. auf dem Flughafen
Paderborn/Lippstadt
am Freitag, den 21. Juni 1996
Heiliger Vater,
ich freue mich sehr, Sie auf deutschem Boden begrüßen zu können. Mit
mir begrüßen Sie viele tausend Menschen, die hier zusammengekommen sind.
Aber nicht nur hier in Paderborn, in unserem ganzen Land freuen sich
die Menschen über Ihren Besuch.
Als Sie 1987 zum letzten Mal nach Deutschland kamen, hat niemand ahnen
können, welche politischen Umwälzungen uns allen bevorstanden. Wenn
Sie übermorgen in einem freien und geeinten Berlin durch das Brandenburger
Tor gehen, werden Sie bemerken, daß die Spuren der Vergangenheit, die
Trennung von Ost und West, inzwischen kaum noch zu erkennen sind.
Die Welt ist eine andere geworden. Wir Deutschen haben davon in besonderer
Weise profitiert. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich Dank für
das zum Ausdruck bringen, was Sie durch Ihr Amt und durch Ihre Person
zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen haben. Ein großer Teil der
Freiheitsbewegung im Osten Europas fand durch Sie Zuspruch und Hilfe.
Im Mittelpunkt Ihres Besuchs steht die Seligsprechung zweier Deutscher.
Sie haben als Priester dem nationalsozialistischen Regime Widerstand
geleistet. Sie haben gezeigt, welche Kraft der Glaube gibt, zur Verteidigung
der Rechte und der Würde des Menschen. Pater Leisner und Propst Lichtenberg
sind nicht nur Märtyrer der katholischen Kirche, sondern auch Vorbilder
für alle Deutschen.
Heiliger Vater,
das Land, in das sie heute wiedergekommen sind, ist das Land der Reformation.
Katholische und evangelische Christen leben hier zusammen. Ich wünsche
mir sehr, daß der Dialog zwischen den Kirchen intensiv und konsequent
fortgesetzt wird, zum Wohl aller.
In unserem Land leben aber nicht nur Christen. Menschen der verschiedensten
Religionen und Glaubensrichtungen wohnen hier oft Tür an Tür. Wir wissen
- leider nicht nur aus der Geschichte -, daß unterschiedliche religiöse
Überzeugungen zu Streit und sogar zu blutigen Auseinandersetzungen führen
können. Wir wissen aber auch, welche friedenstiftende Kraft vom Glauben
ausgehen kann. Das haben Sie vor einigen Jahren beim Friedensgebet in
Assisi mit Vertretern aller Religionen in eindrucksvoller Weise gezeigt.
Ich hoffe sehr, daß Ihr Wirken und das Wirken aller Menschen, die
sich von religiöser Überzeugung leiten lassen, zur Gerechtigkeit, zum
Frieden und zur Verteidigung der Menschenwürde beitragen. Möge Ihr Besuch
hier bei uns in diesem Sinn wirksam werden. Willkommen in Deutschland.