Leben Jesu
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Was wir von Jesus wissen (können)
Die Geschichte der Leben Jesu Forschung
In seiner berühmt gewordenen Geschichte der Leben Jesu Forschung zieht Albert Schweitzer 1913 ein Resumιe der seitherigen Forschung: "Es ist der Leben Jesu Forschung merkwürdig ergangen. Sie zog aus, um den historischen Jesus zu finden und meinte, sie könnte ihn dann, wie er ist, als Lehrer und Heiland in unsere Zeit hineinstellen. Sie löste die Bande, mit denen er seit Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freute sich, als wieder Leben und Bewegung in die Gestalt kam und sie den historischen Menschen Jesus auf sich zukommen sah. Aber er blieb nicht stehen, sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück. Das eben befremdete und erschreckte die Theologie der letzten Jahrzehnte, daß sie ihn mit allem Deuteln und aller Gewalttat in unserer Zeit nicht festhalten konnte, sondern ihn ziehen lassen mußte. Er kehrte in die seine zurück mit derselben Notwendigkeit, mit der das befreite Pendel sich in seine ursprüngliche Lage zurückbewegt" (620f).
Hier spricht Albert Schweitzer ein Problem an, das die ganze Leben-Jesu-Forschung durchzieht: Je nach Fragestellung und persönlichem Standpunkt finden Forscher allzu schnell bei Jesus das bestätigt, was sie selber schon immer gedacht haben. Das Jesusbild entspricht ihren eigenen Vorentscheidungen. Ein Problem, das bis heute alles Forschen über Jesus (und nicht nur über ihn!) begleitet. Es macht auf einen wichtigen Sachverhalt aufmerksam: Es geht nicht nur darum, einen Jesus zu finden, wie man ihn sich wünscht. Es geht darum, auch das Befremdliche, nicht in das eigene Bild Passende, den eigenen "Vorurteilen" Widersprechende an Jesus zu entdecken. Nur eine solche Haltung, die sich selber in Frage stellen läßt, wäre wirklich fruchtbar.
I. Von Reimarus bis Bultmann: Ein "Aus" für die Leben Jesu Forschung?
1. Von Reimarus bis zu A. Schweitzer
Die Leben Jesu Forschung begann mit Hermann Samuel Reimarus (1694-1768). Er war in Hamburg Professor für orientalische Sprachen. Zu seinen Lebzeiten kursierten seine Gedanken nur im engen Kreis von Freunden. Nach seinem Tod veröffentlichte Gotthold Ephraim Lessing sieben Fragmente aus seinem Werk unter dem Titel "Fragmente eines Ungenannten". Das 7. Fragment trägt den Titel "Von dem Zwecke Jesu und seiner Jünger" (1778). Darin unterscheidet Reimarus, soweit wir wissen, zum ersten Mal, zwischen dem historischen Jesus und dem Christusglauben der Apostel. Eine kurze Kostprobe aus dem § 3 dieses Fragments: "Jesus hat selbst nichts schriftlich hinterlassen, sondern alles, was wir von seiner Lehre und Handlungen wissen, ist in den Schriften seiner Jünger enthalten. Was nun seine Lehre besonders betrift, so haben zwar unter seinen Jüngern nicht allein die Evangelisten, sondern auch die Apostel, ihres Meisters Lehre vorzutragen unternommen: Allein ich finde große Ursache, dasjenige, was die Apostel in ihren eigenen Schriften vorbringen, von den, was Jesus in seinem Leben wirklich selbst ausgesprochen und gelehret hat, gänzlich abzusondern."
Wie der Fortgang des Textes zeigt, erkennt Reimarus den Evangelien eine hohe historische Glaubwürdigkeit zu. Daß die Unterscheidung zwischen dem historischen Jesus und dem späteren Christusglauben schon die Evangelien prägt, sieht er noch nicht. Den Christusglauben der Apostel findet er noch nicht in den Evangelien, sondern in den Schriften der Apostel. Doch ist seine Unterscheidung zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens bis heute gültig geblieben. Seine rationalistischen Erklärungen der Wunder und vor allem seine Erklärung des Osterglaubens (Volksbetrug der Jünger) gehören heute zum alten Eisen.
Einen entscheidenden Schritt nach vorn bedeutete das "Leben Jesu" von David Friedrich Strauß (1835/36). Albert Schweitzer urteilt darüber: "Als literarisches Werk gehört Straußens erstes Leben Jesu zum Vollendetsten , was die wissenschaftliche Weltliteratur kennt. Über 1400 Seiten, und kein Satz zuviel" (115). Strauß setzte sich in seinem Leben Jesu einerseits mit der traditionellen Gläubigkeit auseinander, viel schärfer allerdings mit den rationalistischen Versuchen, die Wunder Jesu samt und sonders natürlich zu erklären. Diese Versuche hatten teilweise die absonderlichsten Blüten getrieben. Dahinter stand das Bemühen, auf der einen Seite die Wahrheit der Bibel zu retten (die man eben so verstand, daß alles historisch so gewesen sein müsse), auf der anderen Seite aber auf der Höhe der Zeit zu bleiben. So erklärte man den Seewandel Jesu mit einem schwimmenden Balken, auf dem Jesus gestanden habe, die Brotvermehrung mit einem von den Jüngern vorsorglich angelegten Vorratslager etc. Für solche absurden Versuche hat Strauß nur Spott übrig.
Strauß findet in den Evangelien mythologische Elemente. Man könnte den Eindruck gewinnen, als wolle er damit die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien in Frage stellen. Es geht ihm um Tieferes. Er hält mythische Aussagen für wahre Aussagen, die allerdings auf einer tieferen Ebene liegen, als einer bloßen Konstatierung historischer Tatsachen. Der Mythos spricht Wahrheit aus, er repräsentiert eine Idee, kleidet seine Gedanken in anschauliche Geschichten. Es kommt darauf an, seiner Wahrheit auf die Spur zu kommen.
Hier hat Strauß etwas entdeckt, was bis heute gültig und hilfreich ist, wenn wir auch seine christologischen Aussagen heute nicht mehr nachvollziehen können: in dem historischen Individuum Jesus realisiert sich die Idee der Gottmenschlichkeit, die aber der Menschheit als ganzer zuzuweisen sei. Fast zeitgleich schreibt Ludwig Feuerbach! (Das Wesen des Christentums 1841; Vorlesungen über das Wesen der Religion 1851).
Strauß hat als erster erkannt, daß das Johannesevangelium am stärksten von theologischen Interessen geprägt ist und deshalb für die Rückfrage nach dem historischen Jesus weniger hergibt als die Synoptiker. Auch das ist gültig geblieben bis heute; die neuerliche Frühdatierung des Johannesevangeliums durch Klaus Berger hat bisher kaum Zustimmung gefunden. Als irrig hat sich Straußens Meinung erwiesen, Matthäus und Lukas seien die ältesten Evangelien und Markus ein Auszug aus beiden.
Heinrich Julius Holtzmann (1832-1910) übernahm aus dem Markusevangelium den Aufriß des Lebens Jesu. Das hat sich inzwischen längst als unmöglich herausgestellt. Doch hat Holtzmann einer Erkenntnis zum Durchbruch verholfen, die bis heute gilt: Markus ist das älteste der synoptischen Evangelien. Den Evangelien des Matthäus und Lukas hat nicht nur das Markusevangelium vorgelegen, sondern auch die Redenquelle. Diese sogenannte Zwei Quellen Theorie ist bis heute in der neutestamentlichen Wissenschaft anerkannt und so gut wie unbestritten.
William Wrede wies in seinem Buch "Das Messiasgeheimnis in den Evangelien" (1901) nach: Der nachösterliche Glaube an die Messianität Jesu wird im Markusevangelium in das irdische Leben Jesu zurückprojiziert. Die Theorie vom Messiasgeheimnis sei von Markus geschaffen und präge sein ganzes Evangelium. Damit war endgültig klar, daß auch die ältesten Quellen bereits aus der Sicht des nachösterlichen Christusglaubens auf das Leben Jesu zurückblicken und nicht einfach als Biografien ausgewertet werden können.
Obwohl Albert Schweitzer dann schließlich einen Abgesang auf die Leben Jesu Forschung schrieb, war diese ganze Epoche doch nicht umsonst. Sie hat Erkenntnisse zutage gefördert, die bis heute gültig geblieben sind. Und Albert Schweitzers Urteil ist nach wie vor richtig: "Die Leben Jesu Forschung ist eine Wahrhaftigkeitstat des protestantischen Christentums" (Vorwort von 1950, S.42). Die gut hundert Jahre Forschung von Reimarus bis hin zu Albert Schweitzer sind eine faszinierende Epoche evangelischer Theologie. Die katholische Theologie stand in dieser Zeit eher abwartend beiseite oder beschränkte sich darauf, Gegenschriften zu verfassen. Die sind heute fast alle so gut wie vergessen.
Der eigene Beitrag von Albert Schweitzer ist nicht zu unterschätzen. Nicht nur, daß er endgültig die Unmöglichkeit erkannt hat, ein Leben Jesu historisch zu rekonstruieren, nicht nur, daß er aufgezeigt hat, wie alle bisherigen Versuche, ein Leben Jesu zu schreiben, von den "Vorurteilen" des jeweiligen Autors geprägt waren, seinen eigenen Vorlieben und Wünschen. Vor allem hat Albert Schweitzer deutlich gemacht, wie fremd die Gestalt Jesu in der Gegenwart wirkt, provozierend geradezu. Jesus war ein Mann, der eine merkwürdig fremde apokalyptische Weltsicht vertrat, das baldige Anbrechen des Reiches Gottes erwartete, der mit seinen Erwartungen und Hoffnungen allerdings gescheitert ist. Dieses Bild wird man heute korrigieren müssen. Doch hat Schweitzer eindringlich deutlich gemacht, daß Jesus völlig anders war, als eine bürgerliche Theologie ihn sehen wollte. Vielleicht ist es nicht ganz zufällig, daß Schweitzer dann nicht eine theologische Karriere gesucht hat, sondern sich der Kranken in Lambarene angenommen hat.
Neben der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Leben Jesu gibt es in dieser Zeit eine unglaubliche Fülle von nichtwissenschaftlichen Jesus Romanen, die nicht nur die Angaben der Evangelien zu einer Biografie zusammenstellen wollten, sondern auch die biografischen Lücken mit unglaublicher Fantasie aufgefüllt haben. Karl Heinrich Venturinis "Natürliche Geschichte des großen Propheten von Nazareth" brachte es auf stattliche vier Bände mit insgesamt 2700 Seiten (1800-1802). Karl Friedrich Bahrdts "Ausführung des Plans und Zwecks Jesu in Briefen an wahrheitssuchende Leser" füllte 11 Bände mit zusammen 3000 Seiten (1784-1792). Albert Schweitzer urteilt: "Ihre Schilderung ist naiv und phantastisch zugleich" (S.79). Bei Bahrdt findet sich zum erstenmal die Essener-Hypothese, die in den letzten Jahren immer neue Aufgüsse erlebte. Auch die Theorie, Jesus sei am Kreuz nur scheintot gewesen und dann in einer Essenerhöhle wieder gesundgepflegt worden, findet sich schon bei Bahrdt. Venturini hat sie dann übernommen. Albert Schweitzer über Venturinis Buch: "Es wird bis auf den heutigen Tag fast jährlich neu aufgelegt. Alle romanhaften Leben Jesu gehen direkt oder indirekt auf den Typus, den er geschaffen hat, zurück. Sein Buch wird ausgeschrieben, wie sonst kein Leben Jesu, wenn es auch niemand anführt" (S.87).
Besonders aufschlußreich ist dann ein Buch von Nicolas Notowitsch, "Die Lücke im Leben Jesu" (1894). Die große Lücke in den Evangelien zwischen Jesu Kindheit und seinem ersten öffentlichen Auftreten wird auf phantasievolle Weise gefüllt. Notowitsch läßt Jesus vom 13. bis zum 29. Jahr bei Bramahnen und Buddhisten in die Lehre gehen. Wieder Originalton Albert Schweitzer: "Zum Beleg führt er die Nachrichten über die buddhistische Verehrung eines Issa an, die er in den Klöstern von Klein Tibet gefunden haben will. Das Ganze ist, wie von Fachleuten nachgewiesen wurde, plumper Schwindel und dreiste Erfindung" (S.374f). Das ist 1913 geschrieben! Aber vor einigen Jahren geisterte die Theorie von Issa wieder durch das Feuilleton immerhin der Süddeutschen Zeitung!
Albert Schweitzer fällt insgesamt ein vernichtendes Urteil über diese Art von Jesusliteratur: "Menschen, die gar nicht dazu qualifiziert sind, deren Ignoranz geradezu verbrecherisch ist, die über die wissenschaftliche Theologie hochfahrend schelten, statt sich auch nur einigermaßen mit ihren Forschungen vertraut zu machen, fühlen sich gedrungen, ein Leben - Jesu zu schreiben, um in einer von vornherein unhistorischen Schilderung ihre religiöse Weltanschauung zur Darstellung zu bringen. Und das Abstruseste findet Beifall und wird gierig von der Menge verschlungen". Man muß sich fast die Augen reiben das wurde 1913 geschrieben!
2. Von A. Schweitzer bis zu R. Bultmann
1919 erschien Karl Ludwig Schmidts "Der Rahmen der Geschichte Jesu". Seitdem ist klar und bis heute unumstritten, daß der chronologische und geografische Rahmen der Geschichte Jesu vom Evangelisten Markus geschaffen wurde. Diese Erkenntnis hat sich dann durchgesetzt.
Die Evangelienüberlieferung besteht weithin aus einzelnen Perikopen, die einmal für sich selbst bestanden haben und in der Überlieferung weitergegeben worden sind. Sie beleuchten jeweils einen besonderen Aspekt des Wirkens Jesu. Die Verbindung dieser Perikopen zu den Evangelien erfolgte überwiegend nach sachlichen und theologischen, nicht nach chronologischen Gesichtspunkten. Man kann das gut am Markusevangelium zeigen. Im Kap. 4,1-34 findet sich eine Gleichnissammlung; es folgt 4,35-5,43 eine Sammlung von Wundern. Oder man denke an die großen Redekompositionen, wie die Bergpredigt, im Matthäusevangelium. Die topografischen Angaben dienen meistens dazu, die verschiedenen Kompositionen bzw. Perikopen miteinander zu verbinden. Biografisch sind sie im großen und ganzen ohne Bedeutung. Auch hier: eine bis heute gültige Einsicht. Aber K.L. Schmidt hat den Graben zwischen antiker Biografie und den Evangelien vielleicht zu tief gesehen; heute ist klar: die Evangelien enthalten auch viel Historisches.
Die Einzelüberlieferungen, die dem Markusevangelium zugrundeliegen, sind in ganz bestimmten konkreten Gemeindesituationen weitergegeben worden: Im Gottesdienst, in der Missionspredigt, in der Taufparänese, in der Auseinandersetzung mit Andersdenken usw. Diese Situierung nennt man in der sogenannten "Formgeschichte" den "Sitz im Leben" der jeweiligen Perikope. Von diesem Sitz im Leben sind die Texte ganz selbstverständlich geprägt worden. Sie wurden nicht wie eine tote, unveränderliche Tradition weitergegeben, sondern als je neue, aktuelle Verkündigung. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Auslegung des Gleichnisses vom Sämann, wo offensichtlich das ursprüngliche Jesusgleichnis schon in einer Art "Predigt" in eine ganz bestimmte Gemeindesituation hineingesprochen wird (Mk 4,3-8: das Jesusgleichnis; 4,14-20: seine Auslegung durch die spätere Gemeinde).
Überdies macht die Formgeschichte darauf aufmerksam, daß es für die einzelnen literarischen Formen, etwa Wunderberichte, feste Baugesetze gibt, an denen sich die Texte der Evangelien orientieren, an denen sich im übrigen, etwa im Fall von Streit oder Lehrgesprächen auch schon Jesus orientiert haben kann.
Die Entdeckung, daß die nachösterliche Gemeinde und ihr Glaube an den Auferstandenen die Art und Weise beeinflußt haben, wie von Jesus erzählt wird, und daß natürlich die überkommene Botschaft Jesu in immer neue Problemsituationen der Gemeinde hineingesprochen wurde, hat manchmal dazu geführt, allzu oft und allzu schnell von "Gemeindebildung" zu sprechen. Die Gemeinden waren sicherlich kreativ. Aber zu viel an Kreativität sollte man ihnen nun auch wieder nicht zusprechen.
Schließlich erkannte man, daß die Evangelisten nicht einfach Sammler eines vorgegebenen Stoffes waren, sondern daß sie den Evangelien auch ihr je eigenes Gepräge gegeben haben ("Redaktionsgeschichte"): M.W. war H. Conzelmann mit seinem Buch "Die Mitte der Zeit" (1954) der erste Vertreter dieser neuen Richtung. So setzt sich z.B. der Evangelist Markus sehr intensiv mit dem Kreuzestod Jesu auseinander, der für die frühen Gemeinden ein riesiges Problem war. Man hat sein Evangelium nicht zu Unrecht eine Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung genannt. An drei Stellen im Markusevangelium finden sich Leidensvorhersagen. Alle drei Mal sind sie mit dem Unverständnis des Petrus bzw. der Jünger verbunden, die an ihre Karriere denken. Markus will offensichtlich seiner Gemeinde bzw. ihren Amtsträgern deutlich machen, daß der Glaube an den gekreuzigten Jesus und seine Selbsthingabe in den Tod sich mit eigensüchtigen Karrieregedanken ganz und gar nicht vereinbaren lassen. Ähnliche Schwerpunkte lassen sich für Matthäus und Lukas benennen.
Für die Formgeschichte stehen exemplarisch die Werke von Martin Dibelius, Die Formgeschichte des Evangeliums (1919) und Rudolf Bultmann, Die Geschichte der synoptischen Tradition (1921). Ihre neuen Einsichten haben bei Rudolf Bultmann zu der eigenwilligen These geführt, die Rückfrage nach dem historischen Jesus sei nicht nur unmöglich, sondern auch theologisch überflüssig. Nicht der historische Jesus, sondern der kerygmatische, verkündigte Christus sei entscheidend. Ihm genüge das Faktum des Gekommenseins Jesu, und seines Weggangs in Kreuz und Auferstehung. Entscheidend sei das neue Existenzverständnis, das der Mensch durch das Kerygma gewinnen könne. Gnilka meint in seinem Jesusbuch, diese Diskussion in der Bultmannschule komme dem außenstehenden Betrachter, besonders dem katholischen, doch etwas esoterisch vor (21). Gleichwohl hat diese extreme Position sehr stark nachgewirkt, auch in den katholischen Raum hinein. Ich persönlich kann mich erinnern, daß ich, davon beeinflußt, mich lange Jahre um die historischen Einzelheiten der neutestamentlichen Geschichte kaum gekümmert habe, auch nicht in die Länder der Bibel gefahren bin. Ich hielt das schlicht für überflüssig.
Exemplarisch für Bultmanns Meinung mag der folgende Abschnitt aus seinem Jesusbuch stehen (1926):
"Denn freilich bin ich der Meinung, daß wir vom Leben und von der Persönlichkeit Jesu so gut wie nichts mehr wissen können, da die christlichen Quellen sich dafür nicht interessiert haben, außerdem sehr fragmentarisch und von der Legende überwuchert sind, und da andere Quellen über Jesus nicht existieren. Was seit etwa anderhalb Jahrhunderten über das Leben Jesu, seine Persönlichkeit, seine innere Entwicklung ... geschrieben ist, ist ... phantastisch und romanhaft. ... Ich habe aber in der folgenden Darstellung diese Frage überhaupt nicht berücksichtigt, und zwar im letzten Grunde nicht deshalb, weil sich darüber nichts Sicheres sagen läßt, sondern weil ich die Frage für nebensächlich halte."
II. Ernst Käsemann: Die Notwendigkeit der Rückfrage nach dem historischen Jesus
Ernst Käsemann, selber aus der Bultmannschule kommend, hat dem in einem 1953 in Marburg gehaltenen Vortrag "Das Problem des historischen Jesus" energisch widersprochen und die theologische Notwendigkeit einer Rückfrage nach dem historischen Jesus herausgestellt. Er hat die Frage aufgeworfen, und die ist seitdem ausführlich diskutiert worden, ob es eine Identität zwischen dem irdischen Jesus und dem nachösterlichen erhöhten Christus gibt. Oder anders gefragt: Gibt es für die nachösterliche Verkündigung einen Anhalt im irdischen Leben Jesu?
Bei dieser Rückfrage nach dem historischen Jesus glaubte man zwei Kriterien anwenden zu können, um ein kritisch gesichtetes Minimum "echter" Jesusworte herauszukristallisieren: Jesusworte, die dem überkommenen Judentum radikal widersprechen und auch nicht aus Anliegen der urchristlichen Gemeinde erklärbar sind, sind ganz sicher echt. Dieses Kriterium hat für mich bis heute seine Plausibilität behalten. Doch hat es eine gefährliche Grenze: Es droht nämlich Jesus und das Judentum auseinanderzureißen und kann leicht in antijüdische Aussagen umkippen. Überdies stellt sich Frage, ob Jesus in allen Dingen originell und einmalig gewesen sein muß. Inzwischen, nicht zuletzt auf Grund der neu gefundenen Texte in Qumran, ist wieder deutlich geworden, wie sehr Jesus und sein Denken, aber auch die frühe Kirche und ihre Theologie im Judentum verankert sind und auf dem Mutterboden des Judentums gewachsen sind.
Im folgenden zur Illustration des sogenannten Differenzkriteriums ein Text von Ernst Käsemann aus seinem Vortrag, der dieses Kriterium an einem Beispiel aus der Bergpredigt illustriert:
"Einig ist sich wohl die gesamte Exegese darin, daß an der Authentie der ersten, zweiten und
vierten Antithese der Bergpredigt nicht gezweifelt werden kann. ...Entscheidend ist ..., daß mit dem ..........(= ich aber sage) eine Autorität beansprucht wird, welche neben und gegen diejenige des Moses tritt. ... Dazu gibt es keine Parallelen auf jüdischem Boden und kann es sie nicht geben. Denn der Jude, der tut, was hier geschieht, hat sich aus dem Verband des Judentums gelöst oder er bringt die messianische Tora und ist der Messias. ... Die Unerhörtheit des Wortes bezeugt seine Echtheit. ... Jesus ... ist wohl Jude gewesen und setzt spätjüdische Frömmigkeit voraus, aber er zerbricht gleichzeitig mit seinem Anspruch diese Sphäre."
Paradebeispiel für eine Differenz zur späteren urchristlichen Theologie ist Mk13,32: "Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater." Ein solches Wort konnte in der frühen Gemeinde auf Grund ihres Glaubens an den erhöhten Christus wohl kaum formuliert werden. Es ist sicher ein echtes Jesuswort. Gerade dieses Beispiel zeigt, daß das Differenzkriterium nach wie vor sinnvoll ist, wenn man es nicht zu mechanisch, sondern behutsam anwendet. Vor allem muß man sich davor hüten, Jesus zu sehr im Kontrast zum Judentum zu zeichnen.
Die Frage, wie weit die spätere kirchliche Verkündigung einen Anhalt im irdischen Wirken Jesu hat, stand für meine Generation ganz zentral im Mittelpunkt des Interesses. Ich halte sie nach wie vor für unverzichtbar. Das bleibend Gültige daran ist zu bewahren. Doch ist die Forschung inzwischen weitergegangen.
III. Ein dritter Anlauf in der Frage nach dem historischen Jesus
Inzwischen wurde eine dritte Runde in der Suche nach dem historischen Jesus eingeläutet. So plausibel das von Ernst Käsemann entwickelte "Differenzkriterium" ist und bleibt, es hat zwei entscheidende Schwächen. Es entsteht sehr leicht ein Bild des historischen Jesus "gegen" das Judentum. Vor allem: das dem historischen Jesus Zugeschriebene schmolz arg zusammen.
Die gegenwärtige Forschungslage erscheint diffus, bisweilen chaotisch, was nicht zuletzt am (ärgerlichen) Eigensinn mancher Exegeten liegt. Man wird m.E. einen Weg zwischen den Extremen zu suchen haben. Jürgen Becker hat seinem Jesusbuch eine bedenkenswerte methodische Vorbemerkung vorangeschickt:¨Texte sind dem interpretatorischen Zugriff gegenüber recht wehrlose Geschöpfe. Als Evangelientexte außerhalb ihres traditionellen gottesdienstlichen Gebrauchs der konstruktiven Kraft historischer Vernunft offenstanden, war der Zugriff auf sie zunächst ungehemmt, oft naiv und zu selten einfühlsam. Daß unter solchen Bedingungen der Interpret zuerst sich selbst in Zucht nehmen muß und dann vor allem auf das Befremdliche und Besondere des Textes zu achten hat, bevor er sich den Text aneignet, das war eine Lektion, die erst gelernt sein wollte und immer wieder neu zu erlernen ist" (S.3).
Zur Zeit kommen wichtige Neuentwürfe vor allem aus dem angelsächsischen Raum. Die gegenwärtige Forschung wird von drei Tendenzen bestimmt:
- Jesus wird wieder stärker in Verbindung mit dem Judentum gesehen. Er ist stärker im Judentum verwurzelt, als man oft sehen wollte. Doch sehe ich hier auch offene Fragen, die einer weiteren Diskussion bedürfen: Bei aller Einbettung in das Judentum, was ist das Besondere und Spezifische an Jesus? Was ist mit dem kirchlichen Bekenntnis zu ihm als dem einmaligen Boten Gottes? Ganz sicher war es ein Irrweg, zu sehr die Originalität und Einmaligkeit Jesu herauszustellen und seine Verwurzelung im Judentum zu vergessen. Man darf gespannt sein, zu welchen konsensfähigen Ergebnissen die weitere Forschung in diesem Punkt führt.
- Neu in den letzten Jahren ist die sozialgeschichtliche Fragestellung gewesen, die vor allem das Befremdliche an Jesus neu herausgearbeitet hat, etwa seinen "Wanderradikalismus". Jesus, seine Botschaft und sein Verhalten fügen sich nicht bruchlos in ein "bürgerliches" Christentum ein.
- Vor allem in der angelsächsischen Exegese werden neuerdings auch die apokryphen Evangelien in die Rückfrage nach dem historischen Jesus einbezogen. Ich persönlich bin hier etwas skeptisch. Natürlich können sich in den apokryphen Evangelien (die allesamt erst seit dem 2. Jh. entstehen) echte Jesusworte oder auch historische Erinnerungen bewahrt haben. Doch wird man unter dem Strich weiterhin sagen dürfen: Je größer der historische Abstand einer Schrift, umso vorsichtiger sind aus ihr historische Tatsachen zu erheben.
Insgesamt ist festzustellen, daß das Zutrauen in die Überlieferung der Evangelien wieder gewachsen ist. Joachim Gnilka urteilt: "Wir können davon ausgehen, daß uns in den Evangelien die entscheidenden und für unseren Glauben bemerkenswerte Seiten des Wirkens und Redens Jesu erhalten geblieben sind" (25). Aber ebenso deutlich sagt er, daß die Ostererfahrung den so bedeutsamen Überschritt vom Verkündiger zum Verkündigten einschließt. Der irdische Jesus wird nun im Licht von Ostern gesehen. "Die Evangelien sind darum nicht bloß die Erinnerung an das Gewesene, sondern auch Zeugnis für den lebendigen Christus, sie sind Bericht und Kerygma zugleich, sie sind die Geschichte von einem Lebenden" (26).
Genau aus diesem Grund ist davor zu warnen, allzu großen Wert auf die Unterscheidung zwischen sogenannten echten und unechten, authentischen und nicht authentischen Jesusworten zu legen. Insofern habe ich erhebliche Bedenken dagegen, wenn z.B. Gerd Lüdemann eine Sammlung von sogenannten echten Jesusworten herauspräpariert und nur noch diese als maßgeblich anerkennen will. Wie schon dieser kurze Rückblick auf die Geschichte der Leben Jesu Forschung zeigt, würde man sich damit ziemlich unkritisch den wechselnden Moden der Wissenschaft ausliefern. Die wird sicher auch in Zukunft noch manches aufregend Neue zutage fördern. Davor habe ich übrigens nicht die geringste Angst. So bleibt mein Glaube interessant und in Bewegung und lernt immer neu dazu. Oder fromm gesagt: So wachse ich immer tiefer in die Wahrheit über Gott hinein.
Die Forschung der letzten fünfzig Jahre hat sich darum bemüht, Kriterien zu finden, die uns helfen können, ein zutreffendes Bild des historischen Jesus zu gewinnen. Diese Kriterien sind nicht einzeln und schematisch anzuwenden, sondern nur im abwägenden Miteinander. Es sollte auch nicht darum gehen, sich auf irgendwelche Einzelworte oder Versteile als "historisch echt" festzulegen. Es geht eher um ein möglichst schlüssiges Gesamtbild von Jesus.
- Das "Unähnlichkeitskriterium" wurde bereits erwähnt. Käsemann läßt es als einziges gelten. Seine Grenzen wurden oben schon aufgewiesen. Gnilka: "Das Kriterium ist ein hilfreiches, aber scharfes Schwert. Man kann sicher sein, daß man bei seiner konsequenten Anwendung viel Jesusgut von ihm abschneiden würde. Wäre Jesus immer originell gewesen, gliche er einem Chinamissionar, der sich weigert, Chinesisch zu sprechen. Als Ausgangspunkt aber verdient es unsere Beachtung, gleichsam als Ansatz für einen zu knüpfenden Faden" (30).
- Das "Kohärenzkriterium". Es meint die Übereinstimmung von Wort und Tat Jesu. Als Beispiel sei auf seinen Umgang mit Zöllnern und Sündern hingewiesen und seine gleichzeitige Predigt von der großen Sünderliebe Gottes, wie sie etwa im Gleichnis von den beiden Söhnen zum Ausdruck kommt (Lk15).
- Das Kriterium der vielfachen Bezeugung. Ein Beispiel: Das Abendmahl samt Einsetzungsworten ist sowohl im Markusevangelium als auch im 1. Korintherbrief bezeugt, in zwei voneinander unabhängigen Überlieferungen. Ähnliches gilt für die so wichtige Osterüberlieferung. In praktisch allen Schichten des Neuen Testaments, angefangen in 1Kor15,3-8 (einem der wichtigsten Texte des Neuen Testaments!) ist der Glaube der frühen Kirche an die Auferweckung Jesu aus dem Tod historisch sicher bezeugt. Das Kriterium greift auch, wenn z.B. die Heilungswunder Jesu sowohl in der Erzähl- als auch in der Wortüberlieferung tradiert sind.
- Das Kriterium der Anstößigkeit. Als Beispiel stehe Mk2,27: "Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen". Matthäus und Lukas haben dieses Wort nicht übernommen, vermutlich wegen seiner Anstößigkeit. Auch die Forderungen Jesu zur Unauflöslichkeit der Ehe oder sein Eidverbot haben schon von Anfang an Schwierigkeiten bereitet.
- Das Kriterium des Kreuzes. N.A. Dahl schlägt einen sehr eigenwilligen Weg vor. Er geht vom Kreuzestod Jesu als dem allergewissesten Faktum seines Lebens aus. "Der Ausgang des Lebens Jesu ist dazu geeignet, den Blick für den herausfordernden Vollmachtsanspruch zu schärfen, mit dem er aufgetreten sein muß" (zitiert bei Gnilka 31). Diesen Vollmachtsanspruch findet Dahl nicht zuletzt in den Gleichnissen und der Bergpredigt.
- Das Kriterium des Alters der Texte. Auch dieses Kriterium ist einsichtig. Man solle sich vorzüglich an die ältesten Schichten der synoptischen Tradition halten. Zu diesen ältesten Schichten gehören ganz sicher der Urpassionsbericht, der möglicherweise fast ganz im Markusevangelium enthalten ist sowie die Logienquelle, deren Rekonstruktion in den kommenden Wochen von einer internationalen Forschergruppe veröffentlicht wird (eine deutsche Übersetzung ist erschienen in: BIBEL UND KIRCHE Heft 2, 1999; auch als Sonderdruck erhältlich).
Joachim Gnilka urteilt: "Das Vertrauen der Forschung in die Zuverlässigkeit der Jesusüberlieferungen ist im Gegensatz zur vergangenen Bultmann Ära sichtlich gewachsen. Das uns zur Verfügung stehende methodologische Instrumentarium bietet uns Kriterien und Kennzeichen an, die in ihrem Zusammenwirken erfolgversprechend sind. Vor allem aber muß ein Vorurteil der Kritik zurückgewiesen werden. Es lautet, daß die Beweislast bei jenen liegt, die sich um die Echtheit einer Überlieferung bemühen. Das heißt doch, daß man hier von der prinzipiellen Unechtheit ausgeht. Abgesehen davon, daß der Begriff "Beweis" im Kontext historischen Forschens unzuträglich ist, macht es sich diese Position damit zu leicht" (33)
IV. Was wir von Jesus wirklich wissen (können)
- Jesus hat gelebt. Ihn als Legendengestalt abzutun, wie jüngst ein Grüner im Landtag von Nordrhein-Westfalen, zeugt schlicht von Unwissen. Wir kämen auch nicht auf die Idee, die Existenz etwa eines Sokrates zu bestreiten. Alle Schriften des Neuen Testaments sind Beweis für die irdische Existenz Jesu. Die älteste von ihnen, der 1. Thessalonicherbrief, entstand ziemlich genau 20 Jahre nach dem Tod Jesu. Da gab es im heutigen Saloniki schon eine Gemeinde, die sich auf Jesus berief. Paulus hat ihr den 1. Thessalonicherbrief geschrieben. Auch bei vielen Historikern des Altertums finden sich Hinweise auf die sich sehr bald im römischen Reich ausbreitende Jesusbewegung.
Rudolf Augstein hat in der Pfingstnummer des Spiegel (1999) wieder einmal die Frage nach dem historischen Jesus aufgeworfen . Vieles spräche dagegen, daß es Jesus gegeben hat. Doch schwant ihm selber, daß es z.B. schwer vorstellbar sei, "daß die Evangelien ganz ohne personalen Anlaß hätten entstehen können, ohne Inspiration durch den gewaltsamen Tod eines Menschen". In jenem Spiegel-Artikel wird auch eine Neuauflage des Augsteinschen Jesus-Buches für September 1999 angekündigt. Sollte seine Tendenz die gleich sein wie in dem erwähnten Spiegel-Artikel, kann man sich den Kauf getrost sparen. Augstein gehört für mich zu der erstaunlichen Spezies von Leuten, die auf religiös theologischem Gebiet partout bei ihren Abiturkenntnissen stehenbleiben wollen, eine Spezies Mensch, die es in gläubiger Form auch bei NDern gibt. Eine solche Haltung nachzuvollziehen, fällt mir in beiden Fällen schwer. Würde Rudolf Augstein z.B. diese trotzig verbockte Haltung auch auf allen anderen Lebensgebieten pflegen, hätte sein "Spiegel" längst Pleite gemacht...
- Zwar wissen wir tatsächlich nicht, wo Jesus genau geboren wurde, ob nun in Betlehem, Nazaret oder gar Karfarnaum (Betlehem ist vor allem ein "theologischer" Ort, die Stadt Davids), zwar wissen wir nicht, in welchem Jahr genau Jesus geboren wurde, in welchem Jahr genau er starb. Auch wissen wir nicht, ob er ein oder zwei/drei Jahre öffentlich gewirkt hat; für das erstere sprechen die Synoptiker, für das zweite das Johannesevangelium. Doch ist dieses Unwissen längst nicht so aufregend, wie manche es gern hinstellen. Ein Blick in jedes einschlägige Lexikon kann einen überzeugen, daß wir bei vielen Größen der Antike weder das genaue Geburtsjahr noch Todesjahr, noch den genauen Geburtsort etc. kennen. Johann Wolfgang Goethe war zutiefst erschrocken, als er zum erstenmal einen Lexikon Artikel über seine Person fand, wo die genauen Daten seines Lebens aufgelistet waren. Er war deswegen erschrocken, weil er den Eindruck hatte: Diese dürre, auf einige Jahreszahlen und Orte zusammengedampfte Fassung meines Lebens das bin doch nicht ich!
Doch können wir aus den kanonischen Evangelien ein deutliches Profil von Jesu Lebensart und Lehre gewinnen. Vor allem die (meisten) Gleichnisse der Evangelien geben uns ein anschauliches Bild von der Art und Weise seines Denkens und seiner Lehre. Für diese Gleichnisse finden sich übrigens weder in der jüdischen und hellenistischen Umwelt Jesu noch in der späteren urchristlichen Gemeinde ähnlich überzeugend erzählte Beispielgeschichten. Auch ein Blick in die apokryphen Evangelien zeigt, ein wie überlegenes Erzähltalent in diesen Gleichnissen zur Sprache kommt. In den Gleichnissen, etwa dem vom verlorenen Sohn oder dem anstößigen Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg begegnet uns sozusagen das Urgestein der Verkündigung Jesu, auch wenn man nicht jeden Satz oder Halbsatz als eine protokollarische Wiedergabe des Originaltons Jesus ansehen darf.
- Jesus hat die Überzeugung damaliger Juden geteilt: Unser Leben entspringt nicht blindem Zufall. Es kommt von Gott. Es ist keine sinnlose Bagatelle. Nein, Gott hat das Leben jedes einzelnen Menschen gewollt. Er sieht jeden voller Sympathie und Liebe an. Das Leben eines jeden Menschen hat seinen Sinn und seine Verankerung in Gott.
- Jesus hat von Gott in einer Weise gesprochen, die für damalige Ohren in vielerlei Hinsicht neu und unkonventionell war. Gott will das Leben der Menschen nicht mit Verboten und Vorschriften einengen. Er will die Menschen befreien. Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat (Mk 2,27). Ein für damalige Ohren geradezu revolutionäres Wort!
- Sein Grundanliegen hat Jesus klipp und klar so zusammengefaßt: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Mt 22,37f). Das ist eine bündige Kurzfassung christlichen Glaubens. Auf zwei Dinge, sagt Jesus, kommt es entscheidend an: Daß menschliches Leben in Gott seine Verankerung und Vertrauensbasis hat und daß es mitmenschlich gelebt wird.
Jesus hat das nicht nur gepredigt. Er hat in seinem Leben die Konsequenzen daraus gezogen. Er ist den Menschen mit einer unglaublichen Achtung begegnet, gerade denen, die sonst in der Gesellschaft nicht zählten: den kleinen Leuten, den Unansehnlichen, den Kranken und Behinderten, denen, die gescheitert waren und abgeschrieben. Das ist ein in den Evangelien und auch in der Apostelgeschichte durchgehender Grundzug der Lebenspraxis Jesu.Seine Botschaft von der Liebe Gottes zu allen Menschen war keineswegs bequem. Seine Worte, die heute in der Bergpredigt zusammengestellt sind - Feindesliebe, Verzicht auf Wiedervergeltung - sind eine Herausforderung bis heute geblieben, faszinieren aber auch bis heute, weil viele spüren: hier wird ein Weg gezeigt, heraus aus den Sackgassen von Haß und Gewalt, die unsere Welt zu zerstören drohen. Die radikalen Forderungen der Bergpredigt sind eine unausweichliche Konsequenz seiner Gottesbotschaft ("der seine Sonne aufgehen läßt über Bösen und Guten", Mt 5,44), seiner Botschaft vom Reich Gottes.Jesus hat provozierend einfach gelebt, offenbar ohne festen Wohnsitz, als Wanderprediger. Und er hat (offensichtlich überwiegend) junge Menschen, Männer und Frauen dazu bewegt, sich ihm anzuschließen. Mit seiner Konsequenz ist Jesus angeeckt. Die damals Mächtigen haben ihn als gefährlich eingestuft und ihn umgebracht. Sein Tod am Kreuz ist die Konsequenz seiner unbestechlichen Gottes- und Menschenliebe. Wenn überhaupt ein Ereignis im Leben Jesu geschichtlich gesichert ist, dann ist es sein Tod am Kreuz.Schon bald nach seinem Tod kam sein Jüngerkreis (gegen alle eigene Erwartung, so lassen die Evangelien immer wieder geschichtlich glaubwürdig durchblicken) zu der felsenfesten Überzeugung: Wir haben ihn als den Lebendigen erfahren. Er lebt, auf unvergleichlich neue Weise, in der ganz anderen Welt Gottes. Gott hat ihn im Tod nicht fallengelassen. Er lebt - in der Ewigkeit Gottes. V. Die bleibende Fremdheit Jesu
Die neue Beschäftigung mit der Geschichte der Leben Jesu Forschung war für mich ein spannendes Unternehmen. Sie hat mir neu deutlich gemacht, wie sehr die jeweiligen Jesusbilder von der Fragestellung abhängen, mit der jemand an das Neue Testament herangeht. Das ist nicht nur ein Negativum. Je nach Fragestellung wird man jeweils ganz unterschiedliche Seiten des Wirkens Jesu wahrnehmen, das erst so seinen ganzen Reichtum zeigt und im letzten unausschöpfbar bleibt. Das endgültige "objektive" Jesusbild wird es daher nie geben. Ich halte das für einen Reichtum, nicht für ein Defizit.
Vor allem ist mir deutlich geworden: Ich selber muß mich der "Fremdheit" Jesu intensiver stellen. Wir stehen alle in der Gefahr, uns ein gefälliges, den eigenen Wünschen gemäßes Bild von Jesus zu machen. Gerade hier ist die Rückfrage nach dem historischen Jesus hilfreich. Jesus bleibt fremd und provozierend. Sein Anspruch, wie er etwa in der Bergpredigt greifbar wird, ist eine bleibende kritische Anfrage an die eigene Lebenspraxis wie an die Gestalt der Kirche.
Franz-Josef Ortkemper
Literatur:
- A. Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, 2 Bde, München-Hamburg (Siebenstern),
1966 (=2 1913, mit Vorwort zur 6. Aufl. 1950).
- J. Gnilka, Jesus von Nazaret. Botschaft und Geschichte, Freiburg (Herder) 1990
- G. Theissen-A. Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen (Vandenhoeck) 1996
J. Becker, Jesus von Nazaret, Berlin (de Gruyter) 1996_
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