Vorbilder
In Frankfurt am Main bin ich als 4. Kind in eine Beamtenfamilie hineingeboren, in der ich früh vom christlichen Glauben, aber auch von der elterlichen Überzeugung geprägt wurde, daß für jeden Menschen gesellschaftspolitisches Engagement zum Leben dazu gehört. Nach dem Krieg kam die Zeit der großen Frauen: Helene Weber, Mitglied des Deutschen Bundestages und Gertrud Ehrle, Präsidentin des Katholischen Frauenbundes; sie waren für uns junge Frauen Vorbilder. Sie waren es, die den Kampf der Frauenbewegung unserer Großmütter und Mütter weiterführten, um uns ein Stück weit Mut und Zuversicht zu geben, diesen Weg wiederum weiterzugehen. Mein Engagement galt in diesen Nachkriegsjahren zunächst meinem Pädagogikstudium. Auch in der Frauenbewegung der 60er Jahre war ich mehr eine Beobachterin, da ich zu der Zeit als Lehrerin bereits voll berufstätig war und wir drei kleine Kinder hatten.
Die "Frauenfrage"
Mein späteres Engagement in Partei, Kirche und Lehrerverband hatte zur Folge, daß ich die sogenannte "Frauenfrage" bewußt erlebte und mich konsequent für die Anliegen der Frauen eingesetzt habe und auch heute noch in vollem Umfange einbringe.
Meine Kraft galt immer den Frauen, die selber nicht in der Lage waren, ihr Leben zu meistern. Als ehrenamtliche Vorsitzende des Katholischen Sozialdienstes e.V. Stuttgart liegen mir junge schwangere Frauen, Alleinerziehende und obdachlose Frauen am Herzen.
Bei meiner täglichen Arbeit gehen mir oft viele Fragen durch den Kopf (die ich als Mitglied der Kirchenleitung auch laut stelle). Wie geht die katholische Kirche mit dem Thema Chancengleichheit um? Wie werden sich die Frauen zukünftig in die Kirche einbringen? Wird das Diakonat für Frauen |
kommen? Wie sehen die Chancen der Frauen auf dem Arbeitsmarkt Kirche aus?
Auf diese Fragen eine zufriedenstellende Antwort zu finden, setzt auf beiden Seiten bestimmte Kriterien voraus. Da "man" immer noch unterstellt, daß sich Ehe und Muttersein nicht mit einer Führungstätigkeit vereinbaren lassen, liegt es oft auch ein Stück weit an den Frauen, durch ein besonderes Organisationstalent, durch Beständigkeit und Durchsetzungsvermögen zu überzeugen. Ich denke auch, Frauen werden lernen müssen, Forderungen zu stellen, Konflikte durchzustehen, Sicherheit zu dokumentieren und Empfindlichkeiten abzubauen.
Verantwortung der katholischen Kirche
Leider ist der "neue Mann" immer noch der alte Adam. Was heißt, den schönen Worten folgen oft nicht die Taten. Das gilt vor allen Dingen der Aufgabenteilung im Haushalt, bei der Erziehung der Kinder und bei dem im allgemeinen den Männern vorbehaltenen Vorschlagsrecht, qualifizierte Frauen in verantwortliche Funktionen zu übernehmen. Der katholischen Kirche wächst deshalb zunehmend Verantwortung und Verpflichtung in bezug auf die Frauen zu.
Papst Johannes Paul II. bekundet in seinem Brief an die Frauen der Welt nicht nur den Willen der Kirche, ihren Beitrag zur Verteidigung der Würde, der Rolle und der Rechte der Frauen anzubieten, sondern er fordert in seiner Botschaft die tatsächliche Gleichheit der Rechte von Mann und Frau, die stärkere Miteinbeziehung der Frau und ihre stärkere soziale Präsenz.
Wenn in dem Maße und Umfang, wie es der Papst sich für die Frauen wünscht, die Frauenförderung konsequent weitergeführt wird, werden wir auch bei der Kirche mit der Sache der Frauen ein gutes Stück vorankommen. Ich denke, der Anfang ist gemacht und Wille und Bereitschaft sind vorhanden. |