Christusnachfolge auf den Straßen dieser Welt

Säkularinstitute – Symbol einer Öffnung der Kirche zur Welt

Die katholische Kirche hat in den letzen 50 Jahren ein unglaubliches Experiment gewagt, die "Öffnung zur Welt". Durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962 - 1965) wurde in fast eruptiver Weise ins öffentliche Bewußtsein gehoben, was schon Jahre zuvor in vielen Ansätzen begonnen hatte. Ein wichtiges Datum dieser Vorgeschichte ist der 2. Februar 1947, als Papst Pius XII. mit der Apostolischen Konstitution "Provida Mater" eine neue Form des gottgeweihten Lebens kirchenrechtlich ermöglichte: die Säkularinstitute. Dieses Ereignis kann als Symbol einer Entwicklung gesehen werden, die bis zum heutigen Tag nicht abgeschlossen ist.

Ist das Experiment gescheitert?

Die Säkularinstitute gehören heute ganz selbstverständlich zu den Gemeinschaften gottgeweihten Lebens. Allerdings nimmt sich die relativ kleine Anzahl von weltweit 180 Instituten mit etwa 40 000 Mitgliedern neben dem Ordensbereich eher bescheiden aus. Auch wenn einzelne Institute eine lebendige Dynamik entwickelt haben, sind viele Gemeinschaften überaltert und sogar vom Aussterben bedroht. In vielen Ortskirchen spielen die Säkularinstitute keine Rolle.
Den Welt-Gemeinschaften scheint es (noch?) nicht in größerem Umfang gelungen zu sein, eine neue Synthese von "Kirche und Welt" zu verwirklichen. Der Versuch einer solchen Synthese geht vielmehr auf den mächtigen Impuls des Konzils zurück.
Heute wird freilich die kritische Frage gestellt, ob das so mächtig und fast lawinenartig sich entwickelnde Experiment der Zuwendung der Kirche zur Welt gelungen oder nicht in vielerlei Hinsicht gescheitert ist. Der Weltgeist scheint mehr in die Kirche hereingebrochen als der Glaubensgeist in die Welt eingedrungen zu sein. Der Wind scheint aus Enttäuschung umzuschlagen. Auch kritische Christen fordern die qualifizierte Alternative und weniger das "mitten drin". Ist das Experiment, für das die Säkularinstitute und das Konzil stehen, gescheitert?

 Vertiefung statt Rückzug

Hier könnte den Säkularinstituten eine wichtige Aufgabe zuwachsen. Sie dürfen sich gerade im Blick auf die derzeitige Polarisierung nicht vereinnahmen lassen. Sie müßten aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus der Kirche helfen, das Problem dort zu erkennen und anzugehen, wo es wirklich liegt: in der großen Spannung zwischen der herkömmlichen kirchlichen Mentalität und der modernen Welt. Es braucht vor allem eine neue Spiritualität, in der die Liebe zu Gott und zur Welt nicht als Gegensatz erlebt werden.
Die glühende Hingabe an Christus muß sich verbinden lassen mit der Wertschätzung und Entfaltung der humanen Werte. Zugespitzt formuliert: Die anstehende Durchdringung aller modernen, freiheitlichen Lebensverhältnisse mit der Kraft des Evangeliums kann letztlich nur von heiligen Christen erreicht werden, in denen sich radikale Hingabe an Gott (Mystik, Gottesverwurzelung) mit der Hinwendung zur Welt (Welthaftigkeit, moderne Humanität) verbindet. Eine Gestalt wie Madeleine Debrêl steht für diese Verbindung. (Vgl. Seiten 16/17)
Das Experiment, das mit Provida Mater 1947 eröffnet wurde, ist in einem ersten Anlauf nur teilweise zum Ziel gekommen. Gerade die gegenwärtigen restaurativen Tendenzen müssen die Säkularinstitute neu herausfordern. Die Institute könnten mithelfen, daß die zum Vorschein kommenden Probleme nicht mit dem Rückzug ins katholische Ghetto beantwortet werden.