Religionsunterricht ist möglich

P. Werder SDS und Erich Schrall (Bilder) haben die Hauptschule Neustadt/Donau in der Diözese Regensburg besucht. Heidemarie Anthofer (39), die hier 26 Stunden in der Woche Religion unterrichtet, und ihre Schüler/innen der Klasse 8b gewährten Einblick.

Die Idylle vom Land?

Neun Schülerinnen und fünf Schüler sitzen mit ihrer Lehrerin im Kreis auf dem Boden, in der Mitte zwei Plakate mit allen Namen der Schülerinnen und Schüler. Zu jedem Namen sollen nun positive Eigenschaften geschrieben werden. Nach anfänglichem Zögern kommt die Runde in Gang, die Mädchen und Jungen können viel Gutes voneinander schreiben. Frau Anthofer geht auf Sven (Name geändert) zu, der sich noch heraushält und bewegt ihn, sich zu beteiligen, Thomas darf heute zuschauen, er hat den linken Arm im Gips und kann nicht schreiben. Weiter achtet Frau Anthofer darauf, daß die Schüler nicht etwa Namen von Außenseitern "übersehen". Uwe ist im evangelischen Religionsunterricht, er wollte nicht dabei sein, wenn Besuch in die Klasse kommt.
Die Schüler arbeiten mit Freude, sie sind bei der Sache. Diese Beobachtung gilt für die ganze Stunde. Ist hier in Neustadt/Donau, einem Städtchen von kaum 10 000 Einwohnern zwischen Regensburg und Ingolstadt die Welt noch in Ordnung?

Die heile Welt gibt es nicht

Der Schulleiter Klaus-Peter Berg (53) zerstört die Illusion. Eine Schwierigkeit sei, die verschiedenen Volksgruppen unter einen Hut zu bekommen. Viele Familien aus den neuen Bundesländern hätten sich hier niedergelassen, Flüchtlinge aus Bosnien und eine wachsende Zahl Rußlanddeutscher. "Vom Elternhaus kommt nichts mehr bzw. es kommen viele negative Einflüsse, ja die Familiensituation wird zunehmend problematischer", schildert Berg die Situation weiter. Diese Probleme würden jetzt, da das Geld allgemein knapper werde, noch sichtbarer. Das habe zur Folge, daß von der Erziehung her keine Moralbegriffe mehr da seien, kein Schuldbewußtsein; für Themen, die im Religionsunterricht besprochen würden, sei überhaupt kein Interesse mehr da. Schließlich äußere sich das auch in massiven Unterrichtsstörungen. "Ein Religionslehrer muß heute mehr denn je ein Psychologe sein, ein aufgeschlossener Mensch; sehr oft ist es seine vorrangige Aufgabe, Familienthemen aufzuarbeiten, da kommt das Wort "Gott" wahrscheinlich gar nicht vor", so die Erwartungen des Schulleiters an seine Religionslehrer.

Selbstwert der Schüler stärken

Heidemarie Anthofer weiß, wovon ihr Schulleiter spricht und sie versteht es, auf die Schüler einzugehen. Heute will sie mit dem Thema "Ich bin Ich und Du bist Du" das Selbstwertgefühl der Schüler stärken. Sie klebt das Bild eines Mädchens mit dem Namen "Claudia" an die Tafel und erzählt mit leiser Stimme ihre Geschichte. Claudia ist für ihr Alter von 14 Jahren viel zu groß. In der Klasse fühlt sie sich als Außenseiterin, beim Einkaufen hat sie Schwierigkeiten, sie mag sich selber nicht mehr. Die Lehrerin fordert die SchülerInnen auf, sich in Claudia hineinzudenken, sich in sie einzufühlen und hält ihre Äußerungen an der Tafel fest: es ist ihr peinlich, sie hat kein Selbstbewußtsein, sie ist unsicher, sie hat Angst. Jetzt geht es darum, daß die Schüler/innen in sich selbst hineinhören: "Sei mal ehrlich, geht es dir nicht auch so?"

Sie erhalten ein Blatt, auf das der Umriß eines Menschen gezeichnet ist. Dahinein sollen sie schreiben, was ihnen an sich selbst nicht gefällt. Ihre Aufzeichnungen wird niemand zu Gesicht bekommen, da darf jede und jeder ganz bei sich selbst sein.
Frau Anthofer erzählt die Geschichte weiter. Marc, Claudias Bruder, hat eine ganz ähnliche Krise schon durchgestanden. Er trifft Claudia, wie sie ganz am Boden ist. Jetzt kann er seine Schwester ermutigen. Was wird er ihr gesagt haben? Die Lehrerin hält die Antworten aus der Klasse wieder an der Tafel fest: Ich mag Dich wie Du bist, Du bist Du, Du sollst Dich selbst mögen.

Eine Lehrerin mit Selbstvertrauen

Sie hat es nicht nötig, laut zu sprechen, sie weiß, daß sie ankommt, sie kann sich mit den Schülern/innen auf den Boden setzen, sie kann sich klein machen ohne die Sorge, daß ihr die Schüler über den Kopf wachsen. Mit ihren blauen Jeans, ihrer blauen Bluse und mit dem Halstuch, das an Pfadfinder erinnert, ihren kurzen rostbraunen Haaren wirkt sie locker und selbstsicher. Heidemarie Anthofer ist eine aktive Frau. Neben ihren 26 Religionsstunden betreut sie noch eine Praktikantin, sie hat Familie mit zwei Kindern, schließlich ist sie noch in der Kirchengemeinde tätig z.B. als Begleiterin der Mütter, die die Kinder auf die Erstkommunion vorbereiten.
Dennoch gab es auch schon schwierige Zeiten, sie erinnert sich an die Anfänge an der Schule vor 16 Jahren. Heulend sei sie manchmal aus der Klasse rausgegangen. Im Gespräch mit ihrem Kollegen List stellt sie dankbar fest: "Sie haben mich damals zum Lehrervolleyball eingeladen, so fand ich in das Kollegium hinein, das war für mich ganz wichtig." Auch heute sei sie froh, wenn sie mit schwierigen Klassen im Kollegium Rückhalt und Verständnis finde. Die gute Zusammenarbeit im Kollegium trage viel dazu bei, daß der Religionsunterricht bei den Schülern nicht ganz ins Abseits gerate.

Zum Schluß der Stunde befassen sich die Schüler mit dem Psalm 139, in dem es heißt: "Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich, ich danke dir, daß du mich so wunderbar gestaltet hast." Und Frau Anthofer faßt die Stunde in einem Gebet zusammen, das sie mit den Worten des Psalms formuliert: "Herr, unser Gott, du umschließt uns von allen Seiten, wir danken dir, daß du jeden und jede von uns so wunderbar gestaltet hast." - Große Stille.

Themen- oder schülerzentriert?

Nicht immer kann der Religionsunterricht Themen behandeln, die die Schüler so persönlich in ihrem gefühlsmäßigen Erleben ansprechen. "Da muß ich manchmal mit den Schülern ein gentlemen agreement treffen", erklärt die Lehrerin. "Dann sind die Schüler schon bereit, auch einmal drei Stunden über die Geschichte der abendländischen Kirchenbaukunst zu reden, wenn ich ihnen verspreche, daß wir dann wieder ein Thema machen, das sie interessiert, auch wenn es vielleicht nicht im Lehrplan steht." Für diesen zwanglosen Umgang mit dem Lehrplan hat sie die volle Unterstützung ihres Schulleiters Berg: "Der Stoff muß sein, das wissen wir, aber der Religionslehrer hat doch einen größeren Spielraum, und wir sind dankbar, wenn er den nützt, um auf die Schüler einzugehen, um Ansprechpartner für die Schüler zu sein, wenn sie Probleme haben."
Gegen 13 Uhr ist die Schule aus. Meist ist Frau Anthofer mittags die letzte aus ihrer Familie, die nach Haus kommt. Aber sie hat Glück: "Mein Mann ist Grafiker und hat sein Büro zu Hause, er sorgt auch für's Mittagessen, wenn ich dann endlich da bin, können wir uns zusammen mit den Kindern zu Tisch setzen."