Gefragt: Priester mit spiritueller Erfahrung

"Der Priester der Zukunft wird Geistlicher sein oder er wird nicht sein."

? Esoterik, östliche Meditationsformen, Sekten haben Konjunktur. Wie deuten Sie diese Erscheinungsformen unserer Zeit?

! Sie sind, glaube ich, eine Gegenbewegung gegen diese ganz rationale, technisierte Umwelt. Viele Leute spüren einfach, daß es mehr geben muß, als das, was im Alltag zweckmäßig ist, so daß sie nach anderen Dimensionen suchen, nach religiösen Erfahrungen. Auch innerhalb der Kirche gibt es heute viel mehr Interesse an einem erfahrungsgesättigten Glauben.

? Wie reagiert die Kirche auf dieses Bedürfnis?

! Ich sehe da schon eine größere Bewegung, gerade in den Intensivzeiten Fastenzeit und Advent: Frühschichten, Exerzitien im Alltag, die sich immer mehr verbreiten; auch Jugendfahrten, wo versucht wird, eine Gemeinschaftserfahrung und eine vertiefte religiöse Erfahrung zu machen; Wallfahrten haben eine ganz neue Aktualität bekommen, weil Glaube dann eben nicht nur diskutiert, sondern erfahren wird.

? Glauben Sie, daß durch solche Aktivitäten Erfahrung schon im tieferen Sinne ermöglicht wird?

! Letztlich ist geistliche Erfahrung nicht machbar. Auch wenn wir noch so tolle Angebote haben, wir können Gott nicht programmieren, wir können nur versuchen, die Rahmenbedingungen optimal zu gestalten. Zum anderen, wenn ich bedenke, aus welchen Beweggründen die jungen Leute in unser Haus kommen, dann sind es weniger bestimmte Angebote, sondern persönliche Begegnungen mit Menschen, die überzeugend ihren Glauben leben.

? Aber das muß eine Begegnung mit jemand sein, der selber etwas erfahren hat.

! Von daher ist eine wichtige Frage: wie helfen wir Erfahrungen zu erschließen? Da ist für mich der intensivste Weg die geistliche Begleitung. Für jemand, der Priester werden will, ist geistliche Begleitung unverzichtbar. Geistliche Begleitung aber nicht als Instrument der Indoktrination, sondern als Hilfe, die eigenen Erfahrungen transparent zu machen auf Gott hin. Von der GCL (Gemeinschaft christlichen Lebens) gibt es das Motto: "Leben lesen lernen", darum geht es. Nicht nur die Exegese eines Schrifttextes zu betreiben, sondern die Exegese des eigenen Lebens zu lernen, die Spuren Gottes zu entdecken im eigenen Leben.

? Machen die Priesterseminaristen auch Erfahrungen in dem, was man im engeren Sinn Meditation nennt?

! Die Meditationswelle, die es so Ende der 70er Jahre gab, die ist meines Erachtens vorbei. Damals erwartete man sich das Heil von Meditationskursen, bei denen man die Techniken gelernt hat, daß man z. B. richtig sitzt oder Meditationsworte so mit dem Atem mitlaufen läßt. Heute geht es darum, eine große Palette von "geistlichen Übungen" anzubieten aus unserer christlichen Tradition wie auch aus dem asiatischen Bereich, speziell was die Meditation anbelangt, und dem einzelnen zu helfen, daß er die ihm gemäße Form findet. Wir entdecken heute z.B. neu Ignatius v. Loyola mit seinem Exerzitienweg, benediktinische Elemente und solche, die auf die Wüstenväter zurückgehen. Es gibt nichts so Individuelles wie die Spiritualität.

? Welche Formen bevorzugen sie, üben sie ein?

! Da gibt es eine große Bandbreite. Viele Studenten haben in ihrem Zimmer ihre Gebetsecke, wo sie zu den Gebetszeiten auf ihrem Hocker knien und meditieren, Schriftbetrachtung, Bildbetrachtung machen. Eine Gruppe trifft sich jeden Tag zum Rosenkranz, relativ viele Studenten nehmen die wöchentliche eucharistische Anbetung wahr und sagen, daß das für sie eine ganz wichtige Zeit ist. Wir haben Bibelkreise, die sich regelmäßig treffen und oft mit der Methode des "Bibelteilens" arbeiten. Einige Studenten machen Eutonie, Leibarbeit unter Anleitung.

? Bischof Walter Kasper hat einmal gesagt: Die Ehe ist der Ernstfall des Glaubens. Das gilt sicher auch für die ehelose Lebensform des Priesters.

! Der Zölibat ist nicht so sehr eine Frage der Entscheidung, sondern vielmehr der Berufung. Es genügt nicht, ihn um des Priestertums willen in Kauf zu nehmen, und auch nicht, bloß zu sagen: im Laufe des Nachdenkens bin ich zu dem Schluß gekommen, Zölibat ist sinnvoll, und deshalb entscheide ich mich dafür. Der einzelne muß seine eigenen Erfahrungen beachten und fragen: wie hat Gott mich denn geschaffen, ist das mein Charisma, paßt das zu mir?
Ich sage oft zu den Studenten: "Fragen Sie sich: wo will Gott mir begegnen? Begegnet mir Gott in der Beziehung zu einer Frau, in der Ehe" – die Ehe ist ein Sakrament und keine Versuchung – "oder begegnet mir Gott in einer unmittelbareren Weise?"
Deswegen ist für eine priesterliche Spiritualität wesentlich, wie konkret und wie lebendig sie ist. Ist die Beziehung zu Gott so konkret, auch so ganzheitlich, daß das die tragende Beziehung meines Lebens wird? Das muß einer ausprobieren, das kann man nicht theoretisch klären.

? Manche Pfarrer tun sich nicht leicht mit kooperativer Seelsorge, die Vielfalt der Berufungen anzuerkennen, ja zu wecken. Welche Spiritualität ist hier gefordert?

! Ich sehe den Priester nicht als einen Manager oder als jemand, der vielleicht theologisch besondere Kompetenz hat. Es gibt inzwischen sehr qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pastoral, die theologisch oder organisatorisch vielleicht mehr drauf haben als der Priester. In Abwandlung eines Wortes von Karl Rahner würde ich sagen: Der Priester der Zukunft wird Geistlicher sein oder er wird nicht sein.
Wenn ich ausgehe vom gemeinsamen Priestertum aller Getauften, d. h. wenn alle Getauften das Recht und die Pflicht haben, das Evangelium zu verkünden, dann werden dadurch die besonderen Priester nicht überflüssig, sondern im Sinne von Eph 4,12 haben sie die Aufgabe, die "Heiligen zu rüsten für ihren Dienst". Von daher, denke ich, gibt es keine Konkurrenz, ich sehe den Priester inmitten von "Geistlichen", von vielen, die im Heiligen Geist am Aufbau der Kirche mitarbeiten.

? Was kann ein Pfarrer an Spiritualität an seine Gemeinde weitergeben? Ich frage das auch auf dem Hintergrund des Priestermangels.

! Das Typische der Weltpriester-Spiritualität besteht nicht in festen Zeiten für das geistliche Leben, wie das bei den Mönchen üblich ist. Es geht darum, daß der Priester alles, was er tut, aus dem Hl. Geist heraus tut, auch eine Kirchenverwaltungssitzung hat dann etwas mit Spiritualität zu tun.
Die wichtigste Aufgabe des Priesters ist, Jesus Christus sichtbar zu machen. Der Priester wird in Zukunft Geistlicher sein müssen, sonst wird kein Bedarf für ihn bestehen.
Damit der Priester in den vielen alltäglichen Aufgaben und Begegnungen diese Transparenz auf Christus hin zu eröffnen vermag, wird er freilich selber immer wieder auch ausdrückliche Zeiten brauchen, wo er auftankt. Ja, ich bin der Überzeugung: je mehr Arbeit wir haben, desto mehr Zeit brauchen wir für das Gebet.

?Das ist sicher richtig, aber wer geht in einer Gemeinde auf die jungen Leute zu, die das Außergewöhnliche suchen, die sonst vielleicht in zweifelhaften Zirkeln landen?

! Da liegt sicher das Hauptproblem unserer Pfarreien, damit sind wir wieder bei Ihrer ersten Frage nach der Esoterik und so weiter. Ganz schlimm am Priestermangel ist, daß viele Leute den Eindruck haben, der Pfarrer hat sowieso keine Zeit. Das zwingt uns zu einer neuen Prioritätensetzung. Ich bin überzeugt, daß der Pfarrer nicht alles tun muß, was er bisher tut, z.B. im Verwaltungsbereich. Der Priester muß einer sein, der Menschen begleitet auf ihrem Weg.
Zweitens, der Priester muß es nicht alleine machen. Die Aufgabe des Pfarrers wird künftig mehr eine indirekte sein, d. h. die "Begleitung der Begleiter". Er wird in Zukunft alle Hände voll damit zu tun haben, mit seinen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geistliche Wege zu gehen. Dadurch werden diese fähig, in den unterschiedlichsten Bereichen ihren Glauben zu leben und zu bezeugen. Wenn ich mir anschaue, in wievielen Gemeinden Exerzitien im Alltag laufen: die werden zum größten Teil nicht von Priestern geleitet, sondern von Laien, und die machen das oft sehr qualifiziert.