| Man kennt sich in der Nachbarschaft, das Verhältnis ist familiär. Dennoch hütet Nicole B. (Name von der Redaktion geändert) ein Geheimnis, von dem keiner der Nachbarn je etwas erfahren soll: Seit zehn Jahren arbeitet die ehemalige Krankenschwester als ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der Telefonseelsorge in Essen. Hier ist Anonymität das erste Gebot zum Schutz der Anrufer und zum Schutz der Mitarbeiter/innen.
"Mehr als ein Helfersyndrom"
Warum Telefonseelsorge? Nicole B.: "Ich hatte nach einigen Jahren als Hausfrau das Gefühl, daß viele meiner Talente brachlagen und wollte mich neu orientieren." Für sie als junge Mutter war auch entscheidend, daß sie sich hier ihre Schichtzeiten von jeweils vier Stunden dreimal im Monat frei einteilen und gut mit den Bedürfnissen der Kinder abstimmen konnte. "Außerdem", fügt sie hinzu, "suchte ich eine Arbeit, bei der ich etwas für mich selbst tun konnte und zugleich etwas Sinnvolles für andere. Ich wollte mich persönlich weiterentwickeln. Meine Arbeit bei der Telefonseelsorge entspringt also nicht einfach einem Helfersyndrom."
Psychische Belastbarkeit ein Muß
Allerdings haben die katholische und evangelische Kirche, die die Telefonseelsorge gemeinsam tragen, vor die Arbeit an der Hotline erst einmal eine einjährige Ausbildung gesetzt. Und dies aus gutem Grund. Nicht jede/r ist der seelischen Belastung dieses Ehrenamtes gewachsen. "Man muß", so Nicole B., "psychisch belastbar sein und bereit, an sich selbst zu arbeiten. Außerdem sind ein Schuß Humor, Kreativität und unkonventionelles Denken gefragt. Und: die eigene Familie sollte die Arbeit unterstützen."
Ihr Ausbildungskurs begann damals mit zehn Personen, nur sechs haben die Arbeit angetreten. Manche spüren auch erst in der Praxis, daß sie der Aufgabe auf Dauer nicht gewachsen sind. Entsprechend groß ist der Schwund. Außerdem kommen weniger Ehrenamtliche nach, als altersbedingt ausscheiden. Die Krise des Ehrenamtes zeichnet sich auch hier ab.
Nach der Ausbildung findet während der gesamten Zeit des Ehrenamtes zweimal monatlich eine obligatorische Supervisionsgruppe statt. Nicole B.: "Wir tauschen uns über schwierige Fälle aus. Aber ich kann hier auch meine privaten, ganz persönlichen Probleme besprechen. Ohne die |
Gruppe säße ich mit meiner Arbeit wie auf einer einsamen Insel." Hier fühle sie sich aufgehoben und getragen, während sie in den Pfarrgemeinden oft erlebe, daß Frauen in ihrem ehrenamtlichen Engagement recht alleingelassen werden.
Angst vor Veränderung und Weiterentwicklung
Wie aber reagiert ihre Familie auf ihr zeitaufwendiges Engagement? "Mein Mann hatte zuerst Angst vor meiner Veränderung, meiner Weiterentwicklung. Er sagte nie: 'Ich hab keinen Bock, auf die Kinder aufzupassen', oder ähnliches. Das war kein Thema. Aber er fragte sich einfach: 'Wo kann ich mich denn als Mann weiterentwickeln? Wo finde ich meinen Raum für mich?'" Seit er diesen Raum im Engagement für eine Ausländergruppe und in Meditationskursen gefunden hat, löst sich diese Angst immer mehr auf.
Und die Kinder? "Nach anfänglichem Maulen: 'Immer bist du weg', sieht meine Älteste das Ehrenamt mittlerweile positiv, paßt auf die Kleineren auf und sagte mir kürzlich: 'Ich bin eigentlich froh, daß ich keine Mutter habe, die abends immer vor dem Fernseher hockt und Heimatfilme glotzt."
"Einer steht hinter mir, der stärker ist ... "
Religiöses Pathos ist ihr zuwider. Sie sucht nach Worten, die ausdrücken sollen, wieviel es ihr bedeutet, in ihrer Arbeit nicht alles selbst leisten zu müssen: "Ich habe immer die Gewißheit: Einer steht hinter mir, der stärker ist als ich. Wenn ich mal keinen Draht zu einem Menschen finde, dann vertraue ich einfach darauf und sage: Gott, jetzt bist Du dran. Ich weiß, ich kann das Schicksal eines Menschen nicht wenden, kann nicht für alles Verantwortung übernehmen." Und leise fügt sie hinzu: "Ich will die Menschen so lassen können wie sie sind. Das hilft mir auch im Umgang mit meinen Kindern und meinem Mann."
Ob es wohl diese Haltung ist, die ihr dieses hohe Maß an Unbekümmertheit verleiht? Ihr Glaube scheint leicht und fröhlich. Ihm haftet nichts von der Schwere, dem Ernst, der eigentümlichen Gedrücktheit und Freudlosigkeit an, die im kirchlichen Milieu so häufig zu finden sind. In ihrer Gegenwart scheint alles ganz leicht, die Welt ist nur halb so schlecht, und selbst die Sonne scheint ein kleines bißchen heller. |