Zum Tod von Mutter Teresa

Agnes Gonxha Bojaxhiu wurde am 27. August 1910 im mazedonischen Skopie geboren. Als Achtzehnjährige trat sie in den irischen Orden der "Schwestern von Loreto" ein und ging als Lehrerin nach Indien. Mitte der vierziger Jahre bat sie darum, außerhalb des Klosters leben zu dürfen und gründete dann die "Missionarinnen der Nächstenliebe". Als Mutter Teresa wurde sie weltweit bekannt, 1979 erhielt sie den Friedensnobelpreis. Mutter Teresa starb am 5. September 1997 in Kalkutta.

Der konkrete Mensch statt Weltverbesserungsideologien

Nach dem Schock von Vietnam, nach dem russischen Einmarsch in Prag und der Entlarvung stalinistisch-kommunistischer Weltverbesserungsideologien, nach den ersten Enttäuschungen über die sexuelle Emanzipation, die antiautoritäre Erziehung und mitten in den Erschütterungen des Fortschrittsglaubens suchten Teile der Jugend plötzlich wieder Vorbilder. Und man entdeckte ungewöhnliche Gestalten eines sozialen, eines humanistischen Christentums: Helder Camara, Pater Maximilian Kolbe, Edith Stein, Prior Roger Schutz und – Mutter Teresa. Ihre Gemeinschaft bot eine äußerst asketische, doch lebensnahe Frömmigkeit all denen an, die auf Gerechtigkeit hofften, von der Realpolitik enttäuscht waren und doch ihren Traum einer ganzheitlichen Selbstverwirklichung nicht aufgeben wollten.
Auf dem indischen Kontinent, der eine reiche religiöse Tradition, jedoch keine Vorstellung vom Gemeinwohl entwickelte, mußte Mutter Teresas kastensprengende, universale Sicht von Humanität wie eine Revolution erscheinen. Und dies war es auch. Sie erregte Anstoß und Ärgernis gerade bei den gebildeten, bei den elitären Schichten. Sie tat, was man nicht tut. Mutter Teresa scheute nicht die Körperlichkeit. Sie berührte, faßte an, wusch, atmete den Pesthauch der Kranken. Gerade die Aussätzigen, die Aids-Infizierten fanden bei ihr Heimat – wenn auch oft unter armseligsten Bedingungen und manchmal nur für die letzten Wochen, Tage, Stunden ihres Lebens. Das ist der Mensch, das ist dein Nächster.

Schon einmal wurden unpolitische Gemeinschaften geschichtsmächtig

Mutter Teresa knüpfte mit ihrer Gemeinschaft an die christlichen Bruderschaften und Schwesternschaften des europäischen Mittelalters an, die mit einfachsten Mitteln versuchten, Leiden zu lindern, wo es am größten war. Ohne diese Geschichte der Caritas hätte sich das universale Menschenrechtsverständnis nicht herausgebildet, wonach jeder einzelne als Person vor Gott und vor dem Gesetz die gleiche Würde hat. Was die unpolitische Gemeinschaft der Missionarinnen und Missionare der Nächstenliebe auf Asien übertrug und so als geistig-geistliche Herausforderung in Gang setzte, bedeutet dort geradezu einen Modernisierungsschub, einen Quantensprung im gesellschaftspolitischen Bewußtsein.

Allein Nähe kann die Hoffnung und den Glauben retten.

Der Verzweiflung des Menschen, daß Geburt Tod bedeutet, setzte sie sich aus mit der Überzeugung, daß der Eintritt in den Tod der Austritt ins Leben ist. Im Sterben wollte sie ein letztes Mahnzeichen sein für die Unanfechtbarkeit und die ewige Würde des Lebens. An dieser letzten Grenze der Wahrnehmung – davon war sie überzeugt – kann allein Nähe die Hoffnung und den Glauben retten.
Martin Kämpchen, der seit Jahrzehnten in Indien lebt, meinte, in Mutter Teresa sei für die breite Weltöffentlichkeit sichtbar geworden, was der erste Korintherbrief die "Torheit des Kreuzes" nennt. Der geschundene Körper und die verletzte Seele Jesu waren für sie kein Mythos, sondern historische Realität, erlebbar in jedem einzelnen Enttäuschten, Verwundeten, Geschlagenen, Vereinsamten, Leidenden und Sterbenden. Sie offenbaren Christus. Mutter Teresa wollte präsent sein, wo das Schweigen Gottes und das Verstummen des Menschen unerträglich werden.


Johannes Röser, aus einem Artikel in der Wochenzeitung "Christ in der Gegenwart" Nr. 38/97