Radikale Nächstenliebe
Das Leben des heiligen Johannes von Gott

 Kolumbus segelt nach Amerika, Gutenbergs Buchdruckkunst verbreitet sich über Europa. Michelangelo beginnt mit den Entwürfen für seine Pieta: Der Humanismus steht in voller Blüte, die Reformation ist im Anzug. Der Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit bewegt das Abendland.
Scheinbar im Schatten der Weltgeschichte wird 1495 im portugiesischen Städtchen Montemor o Novo, rund 80 Kilometer östlich von Lissabon, Joao Ciudad Duarte, der spätere heilige Johannes von Gott, geboren. Als Achtjähriger verläßt er sein Elternhaus, wahrscheinlich von einem unbekannten Kleriker entführt.

Etwas von der Welt sehen

Als junger Erwachsener will er etwas von der Welt sehen und seine Freiheit genießen. 1523 wird er Soldat im Heer Kaiser Karls V. Unter anderem zieht er 1532 in seinem Gefolge gegen die Türken vor Wien.

Später verdingt er sich als Gastarbeiter beim Ausbau der Festungsmauern rund um die portugiesische Stadt Ceuta im heutigen Marokko.

Doch den unsteten Wanderer hält es auch nicht in Ceuta. Über Gibraltar führt sein Weg nach Granada. Hier läßt sich Juan als Buchhändler in einem kleinen Laden am Elvirator nieder.

Juan erlebt sein Pfingsten

Anfang 1539 erlebt Juan sein Pfingsten. Eine Predigt des heiligen Johannes von Avila bringt ihn an den Rand des Wahnsinns. Er rennt wie ein Verrückter durch die Stadt und schreit um Barmherzigkeit. Seine Bücher und Kleider zerreißt er oder verschenkt sie. Prompt wird er ins königliche Hospital eingeliefert. In einer noch heute erhaltenen Zelle muß er die damalige Behandlung Geisteskranker am eigenen Leib erfahren: Er wird gefesselt und ausgepeitscht. So wollte man die "vom Teufel besessenen Sünder" zur Vernunft bringen. Bald schon wird Juan ruhiger und hilft beim Waschen der Kranken und beim Putzen.
Nach seiner Entlassung beginnt Juan sich der Armen und Kranken auf den Straßen und Plätzen Granadas anzunehmen. Zuerst bringt er sie im Innenhof einer wohltätigen Adelsfamilie unter. Über dem Tor der "Casa de los Tiros" ist noch heute die Inschrift zu lesen die Johannes von Gott zum Wahlspruch wurde: "Das Herz befehle".

Das erste Hospital

In der Lucenastraße gründet er wenig später sein erstes Krankenhaus, das zugleich als Schlafplatz für Bettler und Pilger dient. Juan kümmert sich um alles, er erbettelt die nötigen Nahrungsmittel und das Geld.
Zusehends gewinnt Juan Ansehen und wird ein gesuchter Ratgeber. Doch der Heilige ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. Die Bedürftigen kommen nicht nur in die Lucenastraße, Juan geht auch zu ihnen, gerade zu einsamen und notleidenden Frauen. Jeden Freitag besucht er das Bordell, bezahlt wie ein Freier und versucht, die Prostituierten im Gespräch zu bekehren. Aus diesem Milieu kommen übrigens seine ersten Gefährten: Anton Martin, ein Zuhälter, der eigentlich den Mörder seines Bruders umbringen wollte. Dieser Mörder, Pedro Velasco, wird der zweite Anhänger des Heiligen.

Neue Wege in der Krankenpflege

Zu der Trennung der Bettler und Pilger von den Kranken kommen eigene Abteilungen für Frauen, psychisch Kranke und sogar für Findelkinder. Vielleicht kann man Johannes von Gott mit einem Biographen als "Begründer des modernen Krankenhauses" bezeichnen.
Im Jahr 1549 will er einen Buben aus dem über die Ufer getretenen Fluß Genil ziehen, doch die Aktion mißlingt. Hiervon erholt sich Juan nicht mehr. Er stirbt am 8. März 1550 im Haus der befreundeten Familie Pisa - knieend mit dem Kreuz im Arm.

Der Orden verbreitet sich auf der ganzen Welt

Zum Begräbnis macht sich halb Granada auf die Beine. Es gibt kaum Unterschiede zwischen Arm und Reich, Johannes ist eine stille soziale Revolution gelungen. Über Madrid verbreitet sich der bald gegründete Orden der Barmherzigen Brüder in die ganze Welt.
Johannes schreibt in einem Brief: "Übt stets die Nächstenliebe, denn wo keine Liebe ist, da ist auch Gott nicht." Ein ganz einfacher Mensch hat Großes erkannt: Im Nächsten kommt uns Gott entgegen.

(Johannes Schießl)