Zisterzienserin Sr. M. Gabriela Hesse

Vor dem Herrn tanzen, singen und spielen

Selbstverwirklichung im Kloster
"Wie ist es eigentlich in einem Kloster mit der Selbstverwirklichung?" Als mir ein Jugendlicher zum ersten Mal diese Frage stellte, stutzte ich. Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Aber ich bin der Frage nachgegangen und kam zu dem Schluß: Immer wenn Gott mich persönlich anrief und ich seinem Ruf folgte, war da als Rückkoppelung auch eine Selbstbestätigung, die ich gut und gerne Selbstverwirklichung nennen kann. Ich weiß noch den Ort, den Tag, die Stunde, als Gott in mein Leben einbrach. Danach war ich total aufgewühlt. Aber immer rechtzeitig schickte Gott mir Menschen, die mir bei der spannenden Liebesgeschichte zur Seite standen. Eine Liebesgeschichte wurde es wirklich: erst ganz zart und verhalten, dann drängend und fordernd. Diese Zeit meiner ersten Liebe vergesse ich nie. Es war ein stetiges Hineinwachsen ins geistliche Leben. Dazu die Freude, die ich bei der Feier des Gottesdienstes empfand.

Innere Sicherheit
Nicht zuletzt der "Ringkampf mit meinem Gott" im Gebet (vgl. Genesis 32,23-32, mein Klostername Gabriela). Mir war bald klar geworden, daß Gott mich in ein monastisches Kloster rief. Aber in welches? Meine Suche lohnte sich. Als ich das erste Mal in die Zisterzienserinnen- Abtei Sankt Marienstern kam, wußte ich mit innerer Sicherheit: Hier oder nirgends! Ich beendete meine Ausbildung als Krankenschwester. Den Tag meines Eintritts konnte ich kaum erwarten. Es war 1981. Ich war gerade 21. Der Abschied von den Eltern, von allem was mir zuhause lieb war, fiel mir erstaunlich leicht. Den Schmerz meiner Eltern konnte ich gut verstehen. In mir brannte eine starke Sehnsucht. Nichts hätte mich abhalten können. So fiel mir das Einleben in diese so ganz andere Lebensform relativ leicht. Die Abtei gab es schon 750 Jahre, dazu mit einer fest verwurzelten monastischen Tradition. Manchmal mußte ich diesen Wert erst entdecken. Oft rannte ich mir fast

den Schädel ein, weil ich dies und das nicht einsehen wollte. Ans Fortlaufen aber dachte ich nie. Geduld ist nicht meine starke Seite. Da habe ich tüchtig Lehrgeld bezahlt.

Musik und Finanzen
Nach dem Noviziat übertrug mir die Äbtissin verschiedene Büroarbeiten. Ich fand Geschmack daran. Die Cellerarin starb kurz nach meiner Feierlichen Profeß. Plötzlich stand ich mit allem alleine da. Ich kniete mich in die neue Aufgabe hinein: es klappte. Dazu durfte ich als Kantorin amtieren und das Orgelspiel lernen. Über diese Möglichkeit freute ich mich sehr. Den Gottesdienst gestalten, empfinde ich als wunderbares Angebot. Gut 16 Jahre bin ich schon im Kloster. Mehr als 10 Jahre lebe ich im Spannungsfeld von Musik und Finanzen. Für mich gleicht das eine das andere aus. Beides befruchtet sich gegenseitig.

Ich, eine Frau
Nicht ganz unproblematisch für mich ist es, mich als Person selbst anzunehmen. Schon die Tatsache, eine Frau zu sein, bereitete mir jahrelang Schwierigkeiten. Der Himmel schenkte mir die Freundschaft eines Priestermönches. Der Dritte im Bunde kann so Christus sein. Daraus wird – so Gott will – viel Segen erwachsen. Gott selbst schickt mir immer neue Aufgaben: Kontakt zu einem Gefangenen, Briefwechsel mit vom Leben hart bedrängten Menschen, Trösten und Beraten hier vor Ort. So darf ich wissen, warum ich im Gebet viele Stunden vor Gott stehe oder in welcher Gesinnung ich alle meine Aufgaben erfüllen kann: Ich bin von Gott, meinem Schöpfer und Erlöser, gewollt, geliebt und getragen. Aus dieser Glaubensfreude erwächst für mich die unzerstörbare Gewißheit der eigenen Würde und Freiheit, dazu die einmalige Chance, täglich mit meinen Mitschwestern vor dem Herrn zu tanzen, zu singen und zu spielen. (vgl. 2 Sam 6)