Eine Pionierin des Glaubens

Gott ist tot – es lebe der Tod

Madeleine Delbrêl wurde 1904 in der kleinen südfranzösischen Stadt Mussidan/Dordogne geboren. Aufgewachsen in einem liberalen, religiös indifferenten Elternhaus, wird sie in ihrer Jugend zur erklärten Atheistin. Die Erfahrung des Ersten Weltkriegs hinterläßt in ihr zudem eine Erschütterung, die jeden Glauben an einen letzten Sinn vernichtet. "Gott ist tot – es lebe der Tod" – zu diesem Ergebnis kommt die Siebzehnjährige, als sie bereits an der Pariser Sorbonne Philosophie studiert.
Ihr Lebenshunger ist jedoch stärker als alle Todessehnsucht. Wie viele Gleichaltrige gibt sie sich dem Trubel der frühen zwanziger Jahre hin. Sie bewegt sich in Künstlerkreisen, tanzt, malt und schreibt Gedichte, für die sie sogar einen begehrten französischen Literaturpreis bekommt. Als "fröhlich und ziemlich verrückt" beschreibt sie eine Freundin zu dieser Zeit – als "lyrisch und schwermütig" eine andere.

Die Erfahrung der Liebe erschüttert

Menschliche Begegnungen leiten dann eine Wende ein. Am einschneidendsten erlebt sie ihre Liebe zu Jean Maydieu, einem jungen Studenten der Ingenieurwissenschaften. An Madeleines neunzehntem Geburtstag feiern sie ihre Verlobung. Doch bald darauf zeichnet sich für Jean ein ganz anderer Weg ab: er löst die Verlobung, um ins Noviziat der Dominikaner einzutreten. Als Ordensmann wurde er später eine der wegweisenden Gestalten für die Erneuerung des französischen Katholizismus.
Für Madeleine Delbrêl bricht nach dieser plötzlichen Trennung die Welt zusammen. Doch die Verarbeitung dieses Schmerzes wird für sie zu einer heilenden Spur, auf der sie schließlich zu ihrem eigenen Weg findet. Madeleine kann die Liebe, die sie einmal erfahren hat, nicht mehr rückgängig machen; stattdessen sucht sie nach ihrem tiefsten Fundament. Niemals hätte sie sich allerdings von einem vordergründigen Trost beschwichtigen lassen. Mit ihrem untrüglichen Realitätssinn mißtraut sie allem, was eine selbstgemachte religiöse Idee oder ein religiöses Gefühl sein könnte.

Ich entschloß mich zu beten

Gerade so erkennt sie aber dann den Realismus des Glaubens bei einer Gruppe gleichaltriger Christen und Christinnen, die sie von ihrer Lebensgestaltung her tief überzeugen. Durch diese jungen Menschen gerät ihr eigener Atheismus ins Wanken. Sie spürt, daß sie sich der Frage nach Gott noch einmal ganz neu stellen muß und zwar so konsequent, wie es ihrer Art entspricht:

"Wenn ich aufrichtig sein wollte, durfte ich Gott, der nicht mehr strikt unmöglich war, auch nicht so behandeln, als ob er ganz gewiß nicht existierte. Ich wählte deshalb, was mir am besten meiner veränderten Perspektive zu entsprechen schien: ich entschloß mich zu beten ... Dann habe ich, lesend und nachdenkend, Gott gefunden; aber indem ich betete, habe ich geglaubt, daß Gott mich fand, und daß er lebendige Wahrheit ist, und daß man ihn lieben kann, wie man eine menschliche Person liebt."(Aus: "Christ in einermarxistischen Stadt")

Dies war die Einleitung zu einem Ereignis, das ihr ganzes Leben verändern sollte: ihre Begegnung mit Gott, die sie zeitlebens als "überwältigende Umkehr" zum Leben empfand, als die Gewißheit einer Liebe, die nicht mehr zur Wahl steht. Zeitlebens war und blieb sie davon durchdrungen, dieses Geschenk auch anderen weiterzugeben – gerade dort, wo Gott keinen Widerhall mehr zu finden scheint.
Nach dem Einschnitt ihrer Gotteserfahrung denkt sie daran, in den Karmel einzutreten. Sie verzichtet jedoch darauf, weil ihre Eltern in einer belastenden Situation sind. Stattdessen verwurzelt sie sich in der nächstgelegenen Pariser Pfarrei, engagiert sich als Pfadfinderinnen-Führerin und nimmt an einem Bibelkreis junger Frauen teil. Aus dieser Runde erwächst eines Tages der Impuls nach einer Lebensgemeinschaft von Laien im Geist des Evangeliums – ohne Gelübde und ohne Klausur, mitten unter den Menschen der Pariser Bannmeile.

 

"Du lebtest, und ich wußte es nicht. Du hattest mein Herz nach deinem Maß geschaffen, mein Leben, um so lange zu währen wie du, und weil du nicht da warst, erschien mir die ganze Welt als klein und häßlich und das Schicksal als stumpfsinnig und böse. Als ich erfahren hatte, daß du lebst, habe ich dir dafür gedankt, daß du mich ins Leben gerufen hast, und ich habe dir für das Leben der ganzen Welt gedankt. Das Leiden, das auf Erden erlitten wird, erschien mir auf einmal viel größer und viel kleiner zugleich und die Freuden, die hier erfahren werden, viel wahrer und viel kleiner auch sie." (Madeleine Delbrêl, 1960).

Christsein in einer marxistischen Stadt

Madeleine Delbrêl läßt nun eine vielversprechende künstlerische Laufbahn hinter sich und beginnt mit dem Studium der Sozialarbeit. Zusammen mit zwei Gefährtinnen bricht sie 1933 nach Ivry, einer Arbeiterstadt in der Bannmeile von Paris auf, die als erste französische Stadt kommunistisch regiert wird. Über dreißig Jahre lang – bis zu ihrem Tod im Oktober 1964 – lebt Madeleine Delbrêl in Ivry. Sie arbeitet dort als Sozialarbeiterin – zunächst im kirchlichen Dienst, dann im Rathaus von Ivry, Seite an Seite mit den führenden Männern der Kommunistischen Partei. 1946 gibt sie zu aller Erstaunen den Beruf auf zugunsten ihrer kleinen Gemeinschaft von Frauen, die sich zunehmend vergrößert hat. Sie inspiriert und begleitet diese Frauengruppe als Verantwortliche, führt den Haushalt und empfängt die zahlreichen Gäste, die ins Haus kommen und meist Hilfe benötigen.

"Wir andern, wir Leute von der Straße, glauben aus aller Kraft, daß diese Straße, daß diese Welt, auf die uns Gott gesetzt hat, für uns der Ort unserer Heiligkeit ist. Wir glauben, daß uns hier nichts Nötiges fehlt, denn wenn das Nötige fehlte, hätte Gott es uns schon gegeben."
(Aus: "Wir Nachbarn der Kommunisten")

Als Madeleine Delbrêl 1964 ganz plötzlich stirbt, hinterläßt sie trotz alledem nicht viel: ihr Buch "Christ in einer marxistischen Stadt" und einige Texte; einen Freundeskreis, der kaum weiterreicht als über die Grenzen einer kirchlichen Minderheit hinaus. Doch die Ausstrahlung ihrer Botschaft beginnt. Ihre Texte werden posthum in mehreren Büchern herausgegeben und in verschiedene Sprachen übersetzt. Sie gilt als Pioniergestalt einer christlichen Existenz in der säkularisierten Welt – und es wird immer offenkundiger, wie sehr sie schon zu Lebzeiten viele Frauen und Männer – Laien, Priester und Bischöfe – in ihrer Suche nach einem lebendigen Glauben inspiriert hat.

Das Evangelium allein genügt

Es war und ist vor allem ihre kompromißlose Suche nach dem Kern des Glaubens, die viele fasziniert hat und fasziniert. Sie findet zur einfachen Grundlinie des Evangeliums: dem Doppelgebot der Liebe, die sie dreißig Jahre lang als ihre wichtigste und im Grunde einzige Aufgabe erkennt. Von diesem Zentrum aus gestaltet sie das, was sie ihre Berufung nennt: ihre Lebensform in einer kleinen Frauengemeinschaft, die auf jede Art von Spezialisierung verzichtet und sich ohne Regeln, ohne Gelübde und ohne Klausur auf ein Leben im Geist des Urchristentums einläßt; ihre Weise, ein kontemplatives Leben im Lärm einer Arbeiterstadt zu führen – als immer neue Suche danach, die geistliche Kompetenz aller getauften Glieder der Kirche ernstzunehmen; ihr Kampf um soziale Gerechtigkeit, den sie Seite an Seite mit ihren kommunistischen Nachbarn und Nachbarinnen durchträgt; schließlich ihr leidenschaftliches Verlangen, die Botschaft des Evangeliums auch und gerade denen nahezubringen, die sie nicht kennen oder sich davon distanziert haben – oft nicht ohne Schuld der christlichen Gemeinden.

"Gegenüber dem Ruf Jesu gibt es nicht 'die Antwort', die typische Antwort. Für jeden Menschen gibt es alle Tage eine Antwort, die richtig ist." Madeleine Delbrêl 1962

Madeleine Delbrêl ist durch die ihr eigene Intensität, das "ganz Gewöhnliche" des Glaubens zu leben und zu vermitteln, zu einer Vorläuferin des Konzils und zu einer Prophetin für die Nachkonzilszeit geworden.

Empfehlenswert ist das Buch der Autorin über M. Delbrêl: Vgl. "Lesetips" Seite 19