Ein Berufswunsch, der nicht in Erfüllung ging

Eine moderne Frau

Wenn man die Hülle des Kitsches bei der jungen Französin, Therese von Lisieux, durchstoßen hat, gelangt man zu einer leidenschaftlichen jungen Frau, die ihr Leben radikal in ihrer Ordensberufung im Karmel gelebt hat. Die Begriffe der damaligen Sprache: "Ich will Seelen retten und für die Priester beten" müssen heute etwas zurückhaltend betrachtet werden. Therese hat im Karmel in kurzer Zeit eine gewaltige geistige Entwicklung erfahren, die ihr Bewußtsein der Gleichwertigkeit in der Jesusnachfolge im Verhältnis zu den zum Priestertum Berufenen erkennen ließ. Heutige junge Menschen können von der Leidenschaft der geistlichen Berufung Thereses lernen, aber nicht im Sinne weiblicher Ergänzung zum auserwählten Mann, sondern im Sinne von Geschwisterlichkeit, im Gerufensein zum gleichen Ziel. Die theologische Auseinandersetzung Thereses mit dem Priestertum wurde in fast allen Büchern über sie verdrängt, übersehen, nicht ernstgenommen, zumal diese ihre bahnbrechenden Ansichten erst später in den edierten Erinnerungen ihrer Schwester Celine bekannt wurden. Diese Gespräche Thereses mit ihrer leiblichen Schwester zeigen sie als moderne, denkende Frau, die sich als gleichwertige Partnerin in ihrer Berufung erfährt.

Entmythologisierung

Thereses Priesterbild entsprach den idealistischen Vorstellungen ihrer Zeit und war durch die behütete Atmosphäre ihres Elternhauses geprägt, in welchem seit ihrem fünften Lebensjahr der kritische Humor der Mutter Zelie Martin fehlte.

Nach der Heilung von Skrupeln in der Weihnachtsnacht 1886 begann Therese, sich von einseitigen Vorstellungen zu lösen. Die Romreise vor dem Karmeleintritt brachte der Fünfzehnjährigen Erfahrungen, die sie auf den Erdboden stellten. Sie schreibt: "Die zweite Erfahrung, die ich machte, betrifft die Priester. Da ich ihnen in meinem Leben nie nähergekommen war, konnte ich den Hauptzweck der Reform des Karmel nicht verstehen. Für die Sünder beten, das begeisterte mich, aber für die Priester beten, von denen ich meinte, sie seien reiner als Kristall, das fand ich erstaunlich. In Italien habe ich meine Berufung verstanden. Eine so nützliche Einsicht war die weite Reise wert." Therese wurde klar, Priester waren Menschen wie andere Leute, ihre "hohe Würde" bewirkte nicht automatisch eine Veränderung des Verhaltens.

Solidarität

Thereses aktiver Natur entsprach es, etwas für die Priester zu tun. Sie gab ihre Missionspläne auf, verließ die Buissonnets, "das Nest ihrer Kindheit", um in einem strengen Mönchsleben Tag und Nacht vor dem Herrn für die Menschen dazusein. Die Not der Priester war für die fünfzehnjährige Ordensschwester ein Stimulans, seelische und körperliche Leiden zu ertragen.
Thereses hochgespannter Idealismus wich einer nüchternen Erkenntnis der Wirklichkeit. Sie verdrängte nicht die Tatsache des Versagens, sie nahm sie bei sich und anderen an. Jetzt erblickte sie eine Chance darin, daß der Mensch fallen kann, daß Gott auf krummen Linien gerade schreibt und daß der erste Papst ein Sünder war. Was ihre Mutter mit Humor durchschaute, mußte die sensible Tochter auf mühsamen Wegen eigener Niederlagen erkennen. Auf der Romreise hatte sie noch die Absicht, sich für die weniger Guten, für die Versager einzusetzen. Im Karmel wußte sie sich selbst als Sünder und wurde mit ihnen solidarisch.

Nicht Furcht, sondern Liebe

Die Priester des 19. Jahrhunderts verkündeten oft ein jansenistisch verkürztes Gottesbild, das mehr von Furcht als von Liebe geprägt war. Dies hatte dazu beigetragen, daß Therese schon mit dreizehn Jahren in eine seelische Krankheit fiel. Man warnte bereits Kinder vor Gericht und Hölle, jagte ihnen Furcht vor jeder kleinen Übertretung ein und unterstrich die Gefahr der Todsünde.
In ihrer Not fand Therese Hilfe bei einem Franziskaner aus Caen. Die Mitschwestern schätzten diesen Pater nicht sehr. Sie sagten, er verstehe besser mit Sündern als mit Ordensfrauen umzugehen. Gerade dieser Pater aber verstand Therese und ermutigte sie auf ihrem Weg des Vertrauens und der Liebe. Zum erstenmal wurde ihr im Namen der Kirche gesagt, daß Gott weder ein Tyrann noch ein Kleinlichkeitskrämer ist; daß es menschliche Fehler und Schwächen gibt, die Gott nicht beleidigen.

Wie gern wäre ich Priester geworden

Oft ist es bezeugt – sei es in den Erinnerungen ihrer Schwester Celine, in Thereses Autobiographie und Briefen oder in ihren letzten Gesprächen –, daß sie äußerte, sie wäre gern Priester geworden. Die Not ungenügender priesterlicher Betreuung, unsachliche Marienpredigten, mangelhaftes Wissen der Beichtväter, fehlender Zugang zur Heiligen Schrift ließen in ihr diesen Wunsch aufsteigen. Da ihrer kindlichen Art jede emanzipatorische Schärfe fehlt, wirken ihre Aussagen um so ursprünglicher.

"Wäre ich Priester gewesen", sagte sie zu Celine, "hätte ich Hebräisch und Griechisch studiert, um das Wort Gottes so lesen zu können, wie er sich würdigte, es in menschlicher Sprache auszudrücken." Celine berichtet: "Zu wiederholten Malen hat sie im Laufe ihres Lebens ihr Bedauern, nicht Priester sein zu können, ausgedrückt. Als sie sich im Juni 1897 sehr krank fühlte, sagte sie zu mir: ðGott wird mich in einem Alter holen, in dem ich nicht Zeit gehabt hätte, Priester zu werden, wenn mir das möglich gewesen wäreÐ."

Thereses Forschen nach dem Verständnis der Schrift, ihre Abneigung gegen eine übertriebene marianische Theologie, ließen sie eigene theologische Gedanken über das Evangelium und Maria entwickeln. "Wie gerne wäre ich Priester geworden, um über Maria predigen zu können. Ich glaube, ein einziges Mal hätte genügt, um meinen Gedanken in dieser Sache restlos Ausdruck zu verleihen."
In ihrer Autobiographie spricht sie von ihrem Verlangen, das Wort Gottes den Menschen zu künden: "Ich fühle in mir die Berufung zum Priester. Mit welcher Liebe trüge ich dich, Jesus, in meinen Händen mit welcher Liebe reichte ich dich den Menschen. Jedoch, sosehr ich wünschte, Priester zu sein, so bewundere und beneide ich dennoch die Demut des heiligen Franz von Assisi und spüre in mir die Berufung, ihn nachzuahmen Wie können die Begierden meiner armen kleinen Seele Verwirklichung finden? Trotz meiner Kleinheit möchte ich die Seelen erleuchten wie die Propheten, die Kirchenlehrer, ich habe die Berufung, Apostel zu sein."

Therese wußte sich von Gott gesandt, sie machte keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Alles gehört allen, weil alle in Christus sind. Diese Leidenschaft, ihre Berufung ganz von Christus her zu entfalten, macht Thereses Aussagen über das Priestertum glaubwürdig. Sie sind nicht Ausdruck sentimentaler Sehnsucht eines jungen Mädchens, das zu denen gehört, die nicht Priester werden können, sondern Ausdruck der Kraft des Gottesgeistes, der in Mann und Frau wirkt, wie er will.