Die Charismen der Frauen -
ein Beitrag zur Ganzheit(lichkeit) der Kirche

von Marion Telgenbüscher

Frauenliturgien
An vielen Orten, innerhalb wie außerhalb der kirchlichen Strukturen, bilden sich Frauengruppen, die sich den Raum nehmen, selbstbewußt einen eigenen spirituellen Weg zu gehen. Oft ist der Ausgangspunkt für die Frauen eine diffuse Unzufriedenheit in den herkömmlichen Gottesdiensten: das Gefühl "mir fehlt etwas" oder "ich fühle mich als Frau nicht angesprochen". Frauenliturgie, so wie wir sie in der Kath. Hochschulgemeinde Aachen feiern, meint eine persönlich angelegte liturgische Feier, wechselnd geleitet von Frauen und ausschließlich unter uns Frauen. Frauenliturgie bedeutet bei mir anzufangen, meine Bedürfnisse und Erfahrungen wahr- und ernst zu nehmen und sie in Beziehung zu anderen Frauen und Gott zu setzen. Dabei suchen und finden wir immer neue ganzheitliche Ausdrucksformen unserer Spiritualität. Wir begrüßen uns persönlich, tauschen uns aus, formulieren eigene Gebete, entwickeln eigene Rituale, tanzen, singen, malen, berühren, segnen uns und essen miteinander. Thema der Frauenliturgie ist das, was mich bewegt, meine Erfahrungen, die auch spirituelle Erfahrungen sind und die ich feiere. Zur Leitung ist jede ermächtigt – jede hat die Chance ihre Themen einzubringen. Hier erfahre ich mich selbst und die anderen Frauen als Subjekte unserer Spiritualität und als liturgisch kompetent Handelnde. Die unterschiedlichsten Charismen von Frauen werden deutlich, da jede aktiv mitgestaltet. Vor allem aber spüre ich eins:

Jede Frau hat spirituelle Kompetenz
Das zu begreifen und zu leben ist ein Grundpfeiler der Frauenliturgie und hat weitreichende, lohnende Konsequenzen für uns Frauen in der Kirche. Ausgangspunkt ist der Glaube daran, daß jede einzelne Frau Göttliches in sich trägt und auf ihre individuelle Art zum Ausdruck bringen kann: "Ruach lebt in uns". Ruach stammt aus dem Hebräischen und bezeichnet die weibliche Form/Kraft des in unserer Sprache männlich besetzten Hl. Geistes. Spirituelle Kompetenz ist nicht etwas, das wir erwerben können oder müssen. Sie ist in jeder von uns grundgelegt. Wir brauchen sie nur zu entdecken, entfalten, spür- und sichtbar zu machen.

Die Charismen der Frauen
Jede Frau ist ermächtigt und aufgefordert, die Ruach in sich zum Ausdruck zu bringen, und jede wird eigene Formen dafür finden. Diese unterschiedlichsten Ausdrucksformen der eigenen Spiritualität sind für mich die Charismen der Frauen. Sie sind so vielfältig wie die Frauen selbst und spiegeln so die Vielfalt Gottes wider. Bewußt habe ich hier nicht den Begriff "weibliche" Charismen benutzt; denn er legt die Reduzierung im Sinne unseres "typisch weiblich" nahe. Trotzdem gibt es Tendenzen, in denen deutlich wird, daß Frauen mit ihren Charismen bestimmte Ausdrucksformen besonders hervorbringen, z. B. mehr Körperbezogenheit, Ganzheitlichkeit, Integration, zyklische Lebensart etc. Gerade die Erfahrung, daß sog. "weibliche" Anteile in dieser Kirche fehlen oder vernachlässigt sind, macht das bewußte Erspüren und Leben dieser Seiten nötig. Das Ziel kann jedoch nicht sein, den Dualismus und die Reduzierung von weiblich/männlich mit den entsprechenden Bewertungen weiter festzuschreiben. Vielmehr zeigt es sich, daß die Charismen der Frauen gerade in ihrer Vielfalt derzeit für die Kirche nötig und unglaublich wertvoll sind bzw. sein könnten. In der Frauenliturgie erlebe ich konkret Charismen der Frauen z. B. zu segnen, heilende, lebensnahe Rituale zu entwickeln, Dualismen aufzulösen, Macht positiv leitend wahrzunehmen
(und das sind nur einige wenige Beispiele).

Wie geht das nun -
die eigenen Charismen oder die spirituelle Kompetenz zu entdecken? Wie so oft ist der Weg ein stetiger Prozeß: suchen und finden, ausprobieren, aktiv sich erleben und einbringen. Ein erster Schritt kann sein, sich der eigenen Stärken und Fähigkeiten überhaupt bewußt zu werden. Wichtiger ist jedoch, der Intuition zu trauen, die innere Stimme wahr- und ernst zu nehmen, Impulsen, Bedürfnissen nachzugehen – Fähigkeiten, die wir Frauen zwar durch unsere Sozialisation gelernt haben, die wir aber häufig für andere und nur mühsam für uns selbst einsetzen. Wir haben es nicht gelernt, uns im spirituell-religiösen Bereich auf uns selbst zu verlassen. Deshalb ist es gut, sich mit anderen Frauen zusammenzutun, sich gegenseitig zu ermutigen und gemeinsam Charismen zu entdecken und auszuprobieren. Ohne den Druck, in einen bestimmten Rahmen passen zu müssen und ohne Angst vor Sanktionen finden wir Ungeahntes – Ruach kann wirklich lebendig sein und fließen. Die Frauenliturgie bietet eine solche Möglichkeit. Wir erleben diesen Prozeß manchmal als schmerzhaft, da Verletzungen offener zu Tage treten, aber überwiegend als befreiend und lustvoll. Wer sich auf einen solchen Prozeß mit sich, Gott und anderen Frauen einläßt – sei es in Formen wie der Frauenliturgie oder anderswo – geht gestärkt und mit einem neuen Selbst-bewußt-sein hervor. Das hat natürlich Konsequenzen für die Kirche und kirchliche Berufe.

Die Charismen der Frauen als Chance für die Ganzheit(lichkeit) der Kirche
Wenn ich die Ruach in mir ernst nehme, wird klar: ich als Frau habe alle Voraussetzungen für spirituelles Handeln in der Kirche. Ich bin würdig und fähig, meine Spiritualität als eine Ausdrucksform Gottes zu leben und bin wertvoll für die Gemeinschaft der Kirche, für kirchliche Ämter und Arbeitsfelder, zu denen ich mich berufen fühle, zu denen Ruach mich treibt. Es lohnt sich, dieses für viele Frauen neue Selbstbewußtsein zu erleben und sich für den je eigenen Platz in der Kirche einzusetzen. Dieses Bewußtsein sprengt sicher auch den Rahmen der bislang für Frauen vorgesehenen "Dienste" in der Kirche. Wichtig erscheint mir, bei egal welcher Tätigkeit, die Wertschätzung als Frau mit meinen Charismen in der Kirche und die Möglichkeit, diese – wo immer sie mich hinführen – auch leben zu können. Dafür können wir uns offensiv in kirchlichen Berufen einsetzen. Als Frauen unsere Charismen einzubringen, sehe ich als Chance für die Kirche zu einer neuen Ganzheit(lichkeit) im Sinne der Ergänzung fehlender Charismen und letztlich der Vielfältigkeit Gottes. Wenn immer mehr Frauen sich ihrer spirituellen Kompetenz bewußt werden, wenn sie selbst-bewußt ihre Charismen einbringen, dann bekomme ich die Vision einer lebendigen, sich in Beziehung zu Gott und den Menschen befindenden Kirche, die endlich ganz und heil wird und somit auch ganzheitliche Spiritualität und Heilung leben kann.

Marion Telgenbüscher (30) ist als Dipl. Sozialpädagogin Referentin für Frauenarbeit des Bistums Aachen. Ihre Aufgabe besteht schwerpunktmäßig in der pädagogischen Beratung und Begleitung der Ehrenamtlichen im Verband Kath. Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd). Nebenberuflich ist sie tätig und anfragbar in den Bereichen Social-Groupwork (Soziale Gruppenarbeit) und Frauenspiritualität/Frauenliturgie.

Kontakt: Marion Telgenbüscher, Martinstr. 25, 52062 Aachen