Berufung paßt in kein Schema |
Gott stellt sich in den Weg"Adam, wo bist du?" läßt der zweite Schöpfungsbericht Gott rufen. Wie bei einer guten Gewohnheit scheint Gott bei einem Spaziergang im Garten Eden "gegen den Tagwind" einherzuschreiten. Obwohl es in dieser Geschichte eigentlich um das zerbrochene Verhältnis von Mensch und Gott geht, steht sie doch zugleich auch dafür, wie es denn sein soll: Mensch und Gott in einem gemeinsamen Lebensraum, der Schöpfer in seiner Schöpfung im vertrauten Umgang mit seinen Geschöpfen. Aber die Bibel kann nicht anders, sie muß realistisch, wie sie ist, davon erzählen, daß unser Leben anders geprägt ist, daß das Paradies zunächst verloren ist. Und deswegen erzählt sie auch davon, wie Menschen von Gott gerufen werden, um ganz konkret ein Stück des Paradieses, ein weniges nur an gelingendem Leben in seinem Namen zu gestalten. Ungestüm brechen sie über die Menschen herein, die Berufungen, von denen das Alte Testament erzählt. Berufung wühlt aufDie Urgestalt einer Berufung, Abraham aus Ur in Chaldäa, steht vor meinem inneren Auge, ein Patriarch, der im hohen Alter noch Vater wird, als eigentlich alle Fruchtbarkeit schon erstorben scheint. Was ihn auszeichnet, ist zweierlei. Zunächst das unbedingte Vertrauen auf die Zusage seines Gottes: "Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen". Und zum anderen der fraglose Gehorsam, als er seinen eigenen Sohn, den Träger der Verheißung für seine Zukunft, auf dem Berge Moria opfern soll. Diese beiden Geschichten sind mit seinem Namen verbunden und so auch zum Kriterium geworden, ob Menschen sich ganz auf Gott einlassen. Aber sie treffen nicht die ganze Gestalt des Abraham: Es ist der gleiche Mann, der in der langen Wartezeit auf die Erfüllung der Verheißung mit Hagar den Ismael zeugt, der Gott seine Zweifel vorträgt, ob denn seine Frau Sarah wirklich mit hundert Jahren ein Kind bekommen kann, der mit Gott um die Rettung von Sodom und Gomorra feilscht. So ungestüm sich die Berufungen im Alten Testament zu ereignen scheinen, so selten sind die Lebensläufe derer geradlinig, die da berufen werden. Aber das ist nur dann irritierend oder störend, wenn man die Idee einer Einbahnstraße im Kopf hat, die Vorstellung, mit der Erkenntnis einer Berufung sei nun alles geklärt, im folgenden gehe es nun nur noch darum, den Willen Gottes zu tun. Die Erzählungen des Alten Testaments wie auch des Neuen zeigen aber deutlich, daß dies nicht so einfach ist. Berufung bedeutet keine GlücksgarantieSeine eigene Alltäglichkeit und Begrenztheit steht dem Propheten Jesaja nur allzu deutlich vor Augen. In seiner Berufungsvision beschreibt er sich und seine Situation: "Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen, und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen." Aus seiner Perspektive ist die Sachlage klar: Er ist es nicht wert, vor Gott zu stehen, viel zu viel trennt ihn von seinem König, der alle Macht hat. Aus Gottes Perspektive sieht das anders aus: Er nimmt von sich aus Verbindung zu diesem sündigen Menschen auf, nimmt dessen Schuld von ihm und macht ihn so fähig, die Frage "Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?" mit einem "Hier bin ich, sende mich!" zu beantworten. Und damit beginnt eine der kreativsten Berufungsgeschichten, die sich in der Bibel finden. Und auch sie ist nicht geradlinig, denn in ihr gibt es keine Glücksgarantie: Niemand weiß, was Jesaja gedacht hat, als er drei Jahre lang nackt und barfuß "ein Zeichen setzen" mußte. |
Leidenschaftlicher Einsatz für die Sache, von der man ergriffen wurde, konsequent durchgehalten auch in skurrilen und existenzgefährdenden Situationen, auch das ein Kennzeichen für Menschen, die von Gott gerufen wurden. Das Milieu macht nicht die BerufungGanz anders beginnt der Lebensweg des Samuel. Er wächst im Tempel zu Schilo auf, wächst unter der Aufsicht des Eli ganz alltäglich in den Dienst an Gott hinein. Und ganz eigenartig finde ich, daß er diesen Dienst ausübt, obwohl es heißt, daß er den Herrn noch nicht kannte, daß ihm das Wort des Herrn noch nicht offenbart worden war. Er steht ohne jede Frage im Dienst eines Gottes, den er nicht kennt. Seine Mutter hatte ihn in den Dienst des Heiligtums gegeben, weil sie in seiner Geburt Gottes Handeln an ihr erlebt hatte. Für Samuel aber ist das wichtigste am Heiligtum der Priester Eli, ihm leistet er seinen Dienst. So rennt er denn auch in der Nacht, da Gott ihn ruft, zu diesem Eli und fragt nach seinen Wünschen. Erst beim dritten Mal erkennen beide, daß es Gott ist, der Samuel gerufen hat. Auch das scheint ein Kennzeichen zu sein für die Art, wie Gott Menschen beruft: Es gibt weder die "richtige Umgebung" noch das einfache Hineinwachsen. Die Söhne Elis nämlich werden von Gott nicht gerufen, obwohl auch sie an diesem Heiligtum aufwachsen und Dienst tun. Sie haben, trotz korrekter Dienstleistung, keinen Kontakt zu ihrem Gott, weil sie ihren Dienst selbstsüchtig ausüben. Berufung für eine einzige AufgabeAlles andere als selbstsüchtig handelt eine der faszinierendsten Frauengestalten des Alten Testaments. Judit aus Betulia macht sich auf, um ihre Heimat, um Jerusalem und ihr Volk zu retten. Aber die Erzählung ihrer Rettungstat im Buch Judit spielt mit der Verwirrung, die dann entsteht, wenn ein außergewöhnlicher Mensch mit außergewöhnlichen Mitteln ein Problem löst, an dem alle Verantwortlichen bislang gescheitert sind. Sie ist ein Beispiel dafür, daß es Menschen gibt, die von Gott zu der einen Tat herausgefordert werden, an der sich alles entscheidet und die dann zurückkehren in die Alltäglichkeit. |
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