Berufung beginnt in der Familie

 Zwei Erfahrungen

Das Alte Testament berichtet, daß die kinderlose Frau Hanna Gott versprach: Wenn du mir ein Kind gibst, will ich es dir für den Dienst im Tempel schenken (1 Sam 1). So manche Frau und Mutter hielt das in kirchlicher Tradition auch so. Sie versprach: Wenn sie einen Sohn bekomme, solle er Priester werden.
Heute ist wohl eher das Gegenteil der Fall. Da erwägt eine Tochter, einem Orden oder Säkularinstitut beizutreten. Die Reaktion der Eltern: "Hilfe, unsere Tochter will ins Kloster."

0ffenheit für die Vielfalt der Berufungen

In beiden Fällen fühlen sich Söhne und Töchter in ihrer Freiheit verletzt und nicht ernst genommen. Daß Eltern ihnen ins Leben verhelfen, sie in den sogenannten "Ernst des Lebens" begleiten, dagegen hat wohl niemand etwas. Doch bevormunden in dem, was der Lebensinhalt und die Lebensform angeht – nein!

Jugendliche und junge Erwachsene erwarten von ihren Eltern Offenheit für die vielfältigen Möglichkeiten der Berufswahl. Sie erwarten Unterstützung bei der Suche nach dem, wofür sie geeignet sind und was sie besonders gut können. Sie erhoffen sich Hilfe, wenn sie Pläne für ihr Leben entwickeln und Wege suchen, diese Pläne umzusetzen. Viele finden es gut, wenn die Eltern für sie beten.

Wenn Gott bei der Suche nach dem richtigen Beruf und der richtigen Berufung ins Spiel kommt, ist die Frage der Eltern wichtig: Was will Gott für unseren Sohn oder unsere Tochter? Söhne und Töchter finden es hilfreich, wenn sie erleben: Meine Eltern wollen nicht ihren Willen und ihre Vorstellungen durchsetzen. Sie versuchen, mit mir gemeinsam Gottes Weg für mich zu erspüren! Diskrete und zurückhaltende Eltern werden mehr geschätzt als solche, die alles genau wissen.

Berufung beginnt nicht erst mit 18

Begleitung zur richtigen Berufung beginnt jedoch nicht erst dann, wenn die Berufsausbildung oder das Studium anstehen. Diese Begleitung beginnt mit dem ersten Tag des Lebens.

Berufung zum Menschsein
Wenn Eltern ihren Kindern während der ersten Lebensjahre, besonders während der ersten Monate, jenes vielbesprochene "Urvertrauen" in die Welt schenken, dann haben sie Berufung grundgelegt. Wenn sie vermitteln "Du bist unser geliebter Sohn, unsere geliebte Tochter", dann können Kinder und Jugendliche auch glauben, daß Gott sie beim Namen ruft.

Berufung zum Christsein
Kinder spüren sehr genau, ob das Christsein ihrer Eltern nur Tradition und Fassade oder Überzeugung ist. Jugendliche und junge Erwachsene werden mit aller Schärfe und zu Recht urteilen, ob der Glaube der Eltern es wert ist, weitergeführt zu werden oder nicht. Sicher sind

Eltern nicht allein Zeugen des Glaubens, aber wegweisend, ob Christsein und Nachfolge Jesu als Grund-Berufung in Frage kommt.

Berufung zu einer Lebensform
Das Lebensgefühl in einer Familie entscheidet wesentlich mit, welche Lebensform Jugendliche und junge Erwachsene wählen: Möchte ich auch eine Ehe wagen? Veranlassen mich die schlechten Erfahrungen zu Hause, als Single zu leben? Kann ich mich auf ein Leben als Priester, als Ordensfrau oder Ordensmann, als Mitglied einer geistlichen Gemeinschaft einlassen?

Berufung zum Dienst am Glauben anderer
Die Berufung, dem Leben und dem Glauben anderer Menschen hauptberuflich zu dienen, ist eine Entscheidung mit besonderer Brisanz. Offenheit und Bereitschaft der Eltern sind als Hilfe besonders wichtig.