MAGAZIN FÜR BERUFE DER KIRCHE

Scharnier sein
zwischen Mensch und Kirche

von Stephanie Knauer

„Den Glauben leben im Alltag – daran wird gemessen“, sagt Anton Stegmair und: „Ein ´gesundes´ Christ-Sein ist für mich wichtig“ auch im Beruf. Der Pastoralreferent arbeitet seit 1995 im Referat Weltkirche – Mission und Entwicklung der Diözese Augsburg. Er ist zuständig für die Bildungsarbeit zum Thema „Eine Welt“, von der kirchlichen Entwicklungs- bis zur Missionsarbeit. Zugleich ist er Ansprechpartner für die 1039 Pfarrgemeinden der Diözese: „Als Scharnier“ zwischen den weltweiten Hilfswerken und den Gemeinden sieht sich Stegmair. Es dauerte, bis alles „wie geschmiert“ lief. Auch für die Wahl seines Berufs hat er sich Zeit genommen. Geboren wurde der 46-Jährige nahe dem schwäbischen Markt Pöttmes: „Ich bin in einem katholischen Gebiet aufgewachsen“, erinnert er sich. Die Arbeit des Vaters brachte mehrere Ortswechsel mit sich. Gleiches gilt für die Tätigkeit des Pastoralreferenten. Denn als Theologe, der für den pastoralen Dienst ausgebildet ist, wird er im ganzen Bistum gebraucht. Das Aufgabenfeld ist groß: Vom Kindergarten, der Jugendpastoral, der kategorialen und der Hochschulseelsorge bis zum Fachreferat oder der Bistumsverwaltung reicht das Spektrum.

An den „Schnittstellen des Lebens“ - da sieht auch Michael Wrage seinen Beruf. Der Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft der Pastoralreferenten in Deutschland“, die sich Ende des Jahres zur Berufsgemeinschaft formieren will, ist Tourismusseelsorger im Nordseebad St. Peter-Ording. „Das Gespräch ist eine wichtige Sache“ findet er und: „Die Leute neugierig machen auf Kirche.“
Anton Stegmair kam durch einen Freund zum Ministrantendienst. Mit 14 übernahm er dann die Leitung einer Jungkolpinggruppe, andere folgten. Diese Zeit bis zum Bundeswehrdienst habe er „sehr intensiv erlebt“, bemerkt Stegmair.

Angelika Zwerger mit den Polizeibeamten

Auch Angelika Zwerger wurde von der kirchlichen Jugendarbeit geprägt. „Den Glauben bezeugen und lebendig umsetzen“: Das machte ihr schon immer Freude. Außerdem haben „kirchliche Berufe in meiner Familie Tradition.“ Ihr Onkel, ein Salesianerpater, gab die Anregung zum Theologiestudium. Heute ist die 43-jährige Pastoralreferentin Polizeiseelsorgerin in Murnau: eine Arbeit, die mindestens genauso vielfältig ist, wie in der Gemeinde, vielleicht aber mehr geschätzt wird, denn „es gibt nichts, was es nicht gibt“, so beschriebt sie ihre Tätigkeit. Schulungen zu Themen wie „Psychosekten“ und „Überbringen einer Todesnachricht“ gehören ebenso zu ihren Aufgaben wie Gespräche oder die Gestaltung von Gottesdiensten. Aber auch „Ad-hoc-Einsätze“, etwa wenn ein Beamter verunglückt. Oft hilft den Kollegen bereits das Da-Sein, die tatkräftige Unterstützung. Einen Rahmen geben – das sei dann „sehr, sehr wichtig“, betont sie.

Die Begleitung durch ein Ritual, das Gespräch als „Geländerfunktion“: Beides spielt auch bei Renate Ilg eine wichtige Rolle. Die gebürtige Fürtherin arbeitet in der Klinik- und Notfallseelsorge, der pastoralen Supervision und unterstützt das Ausbildungsteam im „Hospizverein im Pfaffenwinkel“. Bereits während ihrer Berufseinführung war Renate Ilg Mentorin gewesen. Nach der Kinderpause begann sie in der Pfarrei zu arbeiten, verzichtete zugunsten eines Kollegen darauf und wendete sich wieder der Seelsorge, diesmal in der Klinik, zu. Eine Berufung, die sie „reizt“, erzählt sie. Auch weil dazu die Trauerbegleitung gehört, bis die Trauernden „von selber loslassen.“ Von trösten redet sie dabei nicht. Lieber von „versöhnen mit schweren Schicksalen in Blick auf das Gute, das auch war.“ Das kann durch Verabschiedungsschritte geschehen, durch den Hinweis auf den „Frieden im Gesicht des Verstorbenen“; auch ein gemeinsames Durchforsten des Terminkalenders, um abzusagen, was möglich ist, und damit bei dem sterbenden Vater sein zu können. Oder durch eine der drei jährlichen, ökumenischen Gedenkfeiern für die Verstorbenen, die Renate Ilg vorbereitet und durchführt.
Doch ist der Beruf auch belastend: „Es gelingt mir nicht immer, zur professionellen Routine innerhalb kürzester Zeit zurückzukehren“, verrät sie. Dennoch gibt es viele Lichtmomente: wie der kürzliche Besuch des Hospizvereins in der nahe gelegenen Moschee Penzberg und die „wunderschöne interreligiöse Begleitung moslemischer Patienten“.

Begegnungen gehören für Anton Stegmair ebenfalls zum Beruf. Auf Reisen nach Palästina, nach Indien oder Südafrika überzeugte er sich vor Ort von der Arbeit der Projektpartner der kirchlichen Hilfswerke. „Wir gehen nicht raus und machen was, sondern wir unterstützen“, betont er. Begegnungen bestimmten auch seinen Weg. „Ich erlebe mein Leben schon als Führung“, ist Stegmair überzeugt. Selbst wenn die Wahl manchmal „ein hartes Ringen“ war. Noch unentschieden begann er ein Studium der Religionspädagogik, das sich später zusammen mit seiner Erfahrung in der Jugendarbeit als „gutes Rüstzeug“ erweisen sollte. Doch „mir hat etwas gefehlt“, erinnert er sich: „Ich wollte noch mehr studieren.“ Es folgten ein Theologiestudium und der Eintritt ins Priesterseminar. Sein Freijahr verbrachte der Priesteramtskandidat in Paris. Ein Freund habe ihn „drauf gebracht“, erinnert er sich. „Ich habe überhaupt kein Französisch gekonnt.“ Heute kann er seine erworbenen Kenntnisse gut gebrauchen. Aber für die Priesterweihe entschied er sich nicht: „Da hatte ich zu viele offene Fragen“, gibt er zu. 


Markus Wolf in seinem Büro

Auch Richard Willburger wählte statt der Ordensgemeinschaft das Laienapostolat. „Eine schwierige Entscheidungsphase“ sei das gewesen: „Wie erkenne ich meine Berufung?“ Seit zehn Jahren arbeitet der 50-Jährige in der Gefängnisseelsorge. Zuvor war er in der Gemeinde tätig. „Bei mir ist damals ein Wechsel angestanden“, erzählt er. Als ihm die Stelle angeboten wurde, dachte er spontan an das Wort: „Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“ Richard Willburger entschied: „Ja, ich probier´s mal.“ Inzwischen ist er für zwei Gefängnisse zuständig. Eine „sehr eigene Arbeit“ mit „eigenen Gesetzen“ sei das. Viele Häftlinge hätten das Gefühl, „dass sie die Menschenrechte an der Pforte abgegeben haben.“ Ihnen „wirklich als Menschen zu begegnen“, laute da die Aufgabe. Manchmal wird das zum Balanceakt zwischen Justiz, Seelsorge und der eigenen Sicherheit. „Ich muss mir immer überlegen: Was ist Seelsorge?“, betont Willburger. Dazu gehören Gespräche, Gottesdienste, Bibelgruppen - aber auch die Unterstützung bei dem Wunsch nach so Einfachem wie Kaffee oder Tabak. Seit fünf Jahren leitet der Seelsorger im Gefängnis einen Chor, dazu eine Gitarrengruppe. Kain bekam zwar ein Kainsmal, aber wurde nicht verstoßen, gibt er zu bedenken. „Eigenverantwortlich und christlich mit seiner Schuld umzugehen“, dabei will Richard Willburger begleiten. So lange er die Neugier spürt. „Die muss ich mir erhalten“, betont er. Trotzdem stellt sich nächstes Jahr die Frage nach dem weiteren  Weg: „Das habe ich mir als Ziel gesteckt.“. Flexibilität und Selbständigkeit sind wichtig für einen Pastoralreferenten.
Erst nach dem 2. Vatikanischen Konzil schälte sich das Berufsbild heraus. Zwar werden die hoch gebildeten Laien von ihrem Ortsbischof gesandt, „am Aufbau einer lebendigen Kirche mitzuwirken“. Wie dieser Auftrag seit fast 40 Jahren „geerdet wird, ist in der Praxis unterschiedlich“, weiß Michael Wrage. Verbindlich sind ein abgeschlossenes Theologiestudium und die früh zu beantragende, drei- bis vierjährige Berufseinführung als Pastoralassistent meist in der Gemeinde. Hier zeigt sich, „ob das was ist“, so Wrage.

Anton Stegmair wusste bald, „dass mir das zusagt“. Der damalige Augsburger Generalvikar hatte ihn bei der Berufsfindung unterstützt. Seine Assistenzzeit verbrachte Stegmair in Wertingen: „Ich habe viel gelernt, das war echt toll.“ Denn der Pfarrer und Kaplan waren ebenfalls neu dazu gekommen. So konnte vieles anders konzipiert, probiert werden – natürlich im Einklang mit der Gemeinde, fügt Stegmair hinzu.
Anton Stegmair in Mexiko
Im Dienst an den Menschen etwas verändern, „mehr auf den modernen Menschen reagieren“: Diese Aufgabe hat sich auch Margot Wienhardt gestellt. Ab September beginnt die „frisch gebackene“ Pastoralreferentin ihre Stelle in der regionalen Jugendarbeit. Zuerst sei sie bei ihrer Entscheidung schon unsicher gewesen, gesteht sie. Doch da die Position sonst nicht besetzt worden wäre, habe sie sich dazu entschlossen. „Jetzt freue ich mich drauf“, sagt sie lachend. Die 37-Jährige arbeitete bereits als Gemeindereferentin, als die Waage zugunsten der theologischen Ausbildung sank: „Was mich interessiert, wollte ich vertiefen.“ Ihr abgeschlossenes Studium in Religionspädagogik, Voraussetzung für den Gemeindereferenten, wurde als Vordiplom anerkannt, die Ausbildungsdauer um zwei Jahre verkürzt. Margot Wienhardt findet beide Berufe wichtig. „Bei uns in der Diözese versucht man klar zu trennen“, betont sie. Das ist nicht überall so. Gerade in der Gemeindearbeit vermischen sich die Tätigkeitsfelder. Dabei verdienen Gemeindereferenten deutlich weniger als ihre theologisch geschulten Kollegen und sind in der Überzahl: 4.446 Gemeindereferenten arbeiteten letztes Jahr laut Statistik der Deutschen Bischofskonferenz bundesweit. Bei den Pastoralreferenten waren es 3.078, davon kaum jemand im Osten Deutschlands. Nur ein bis zwei Stellen werden in der Diözese Augsburg jährlich neu besetzt. Oft gilt bereits radikaler Einstellungsstopp. Manche sehen bereits das Ende des Berufs Pastoralreferent. „Eine Notwendigkeit der Rechtfertigung besteht.“ Das bemerkt auch Michael Wrage: „Es gibt Überlegungen, die beiden Berufsgruppen in irgendeiner Weise zusammenzuführen.“ „Oder die Empfehlung einer zweiten Ausbildung“. So bietet die Philosophisch-Theologische Hochschule Benediktbeuren Studenten der katholischen Theologie die Zusatzqualifikation „Soziale Praxis“ an. Dabei arbeiten die Pastoralreferenten „schon noch etwas anders“, findet Margot Wienhardt: „reflektierter, fundierter“, als „Vermittler zwischen Pfarrer und Gemeinde.“ Oder als Verwalter des Gedächtnisses wie Ludwig Schmidinger, Pastoralreferent an der KZ-Gedenkstätte Dachau. „Ohne die Erinnerung an die Opfer würde die Kirche ihren Urauftrag verraten“, betont er: Eine Art „Anwalt“ zu sein – das sei eine ganz wichtige Sache. „Die Beschäftigung mit dem Gewissen lässt mich bis heute nicht los.“ Aufmerksam machen, Vorhänge aufziehen helfen, mit Menschen Wege gehen, die Freude am Glauben teilen, Gemeinden mitgestalten – und die Auseinandersetzung mit dem Selbst: Ein Pastoralreferent ist in vielem gefordert. „Vielleicht macht genau das sein Charisma aus“, überlegt Michael Wrage: die Selbständigkeit im Tun mit klarem Auftrag. ⊗