MAGAZIN FÜR BERUFE DER KIRCHE

Die Einladung Gottes kennt keine Grenze

von Maria Anna Leenen

Der Raum ist eng begrenzt, das Fenster vergittert, von innen kann die Tür nicht geöffnet werden. Die Struktur des Tages ist vorgegeben, nur einige Momente, in denen etwas geschieht. Und auch in ihnen gibt es wenig zu tun. Die Stunden dehnen sich, werden dünn wie altes Zeitungspapier und dahinter tauchen Erinnerungen auf an früher; Erinnerungen, denen nicht mehr ausgewichen werden kann. Es gibt keine Möglichkeit dem zu entfliehen, was vor dem inneren Auge Gestalt annimmt. Immer wieder erscheinen die Bilder, immer wieder höre ich die Worte, ein endloser Film, der mir mein Handeln ins Gedächtnis ruft und mich konfrontiert mit dem, was Leben zerstörte.
Manchmal wachsen Zimmerwände und Decke stündlich mehr nach innen. Die Zelle wird eng und enger bis keine Luft zum Atmen mehr in ihr ist.

Grenzen und Grenzenlosigkeit
Der Mensch ist begrenzt. Schon sein leibliches Dasein ist umgrenzter Raum. Wo ich bin, kann der Andere nicht sein. Meine Grenzen stoßen an die Grenzen dieses Anderen, meines Gegenübers. Sie sind somit auch Ausdruck meines Ich, meines Soseins, meiner Individualität. Sie sind vorgegeben, manche von ihnen kann ich verändern, andere nur wenig oder gar nicht. Immer aber geraten meine Bemühungen um Grenzüberschreitung an eine unverrückbare Konstante menschlichen Lebens: Sie stoßen an die unbedingte und nicht aufzuhebende Grenze der menschlichen Endlichkeit. Grenzen zu setzen ist Zeichen von Macht. Des Menschen Macht aber ist wie sein Leben: endlich. Nur Gottes Macht erstreckt sich - unendlich erhaben - über die Gesamtheit aller Grenzen.
„Dein ist der Tag, dein auch die Nacht, hingestellt hast du Sonne und Mond. Du hast die Grenzen der Erde festgesetzt, hast Sommer und Winter geschaffen.“ (Psalm 74,17)
Als endlicher Mensch bin ich hineingestellt in eine endliche Welt. Eine Welt voller Möglichkeiten, voller Leid und Tod, aber auch voller Schönheit. Eine Welt, die alles zu versprechen scheint, aber nur wenig halten kann.
„Ich sah, dass alles Vollkommene Grenzen hat; doch dein Gebot kennt keine Schranken.“ (Psalm 119, 96) Die Aussage des Psalmisten ist keine rein ideelle Behauptung; das Gebot ohne Schranken kein Hinweis auf eine „Zeit“ ohne zeitliche Grenze in der Ewigkeit. Im Gegenteil umgreift das Gebot des Herrn, das ohne Grenze ist, das Wort Gottes, dem nichts und niemand Halt gebieten kann, alles und alle ohne Ausnahme.
Aber schon jetzt, inmitten aller dem Menschen gesetzten Grenzen, hat Gott einen Ort geschaffen, dessen Grenzen radikal offen sind für alle, die ihn wahrhaftig suchen. Einen Ort, der geöffnet ist hin auf die grenzenlose Liebe des Schöpfers, grenzenlos über Zeit und Raum hinaus. Konkret und mitten in die Menschheitsfamilie hineingepflanzt wächst die Kirche als Ort des schon jetzt beginnenden Reiches Christi und ist Zeuge und Garant für diese grenzenlose Zuwendung Gottes zum Menschengeschlecht.
„Gott hat die Versammlung derer, die zu Christus als dem Urheber des Heils und dem Ursprung der Einheit und des Friedens glaubend aufschauen, als seine Kirche zusammengerufen und gestiftet, damit sie allen und jedem das sichtbare Sakrament dieser heilbringenden Einheit sei. Bestimmt zur Verbreitung über alle Länder, tritt sie in die menschliche Geschichte ein und übersteigt doch zugleich Zeiten und Grenzen der Völker.“ (Lumen Gentium 9)

Nahtstellen und Bruchkanten
Die kleinste Zelle im Corpus der Kirche ist die Familie. In ihr wird Glaubenspraxis erlernt und erfahren und im günstigsten Fall begeistert im persönlichen Leben und im Leben einer Ortsgemeinde vollzogen. Doch nicht nur dass die kleinste Zelle sowie die Struktur der Territorialgemeinde seit Jahren einen schweren Stand haben, - in den westlichen Ländern sogar bröckeln und erodieren – immer wieder wird menschliches Leben herausgerufen oder geradezu heraus katapultiert aus seinen sicheren Schutzzonen. Sei es der Beginn von Lehre und Studium, sei es der Verlust des Arbeitsplatzes, sei es der Umzug in eine völlig unbekannte Stadt. Oder ein Mensch wird straffällig, krank, ist getroffen von Unfall und Katastrophe oder rutscht in Sucht und Abhängigkeit: Bruchkanten, an deren Folgen meist seelisch mehr gelitten wird als körperlich. Es gibt Einbrüche, Zusammenbrüche, die das Leben beeinträchtigen, massiv beschränken oder manchmal fast unmöglich machen.





















Kirche als Versammlung derer, die zu Christus als dem Urheber des Heils glaubend aufschauen, muss hier präsent sein. An den Nahtstellen der oft als hart empfundenen Wirklichkeit braucht der Mensch Ermutigung, Trost, Hilfe und Unterstützung. Ein weiter Raum für seelsorgliches Wirken und ein spannendes Aufgabenfeld, hier den Kern der christlichen Botschaft zu leben und zu verkünden.
Die Erfahrung von Grenzen, von menschlichen, gesellschaftlichen, technischen und biologischen Grenzen birgt dabei die große Chance, Gnade als persönliches Geschenk Gottes an mich zu erfahren. Eine Gnade, die in allen Situationen des Lebens spüren lässt, dass Gott ein Gott des Heiles und des Heilens ist, ein Gott, der Leben und Freude für seine Geschöpfe will und nicht Tod und Angst. „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und er hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde, denn die Gerechtigkeit ist unsterblich.“ (Weisheit 1,13)

Rollentausch
Die besondere Situation der Menschen in Krankenhaus und Gefängnis, in Suchtklinik und psychologischem Zentrum erfordert ebenso wie bei jenen in Betrieb und Hochschule eine große Sensibilität und Offenheit für das Wirken der Gnade. Denn sie ist ja schon da in denen, die um Rat bitten, die einfach einmal jemanden brauchen, der einfühlsam und verständnisvoll zuhört in ihrer schwierigen Lebenssituation. Sie ist ja schon längst da, wo Neugier und Sehnsucht einen suchenden Menschen antreiben, dass er nach Gott fragt und konkrete Wege wagen will. Wer mit dieser inneren Haltung den Menschen begegnet, legt auch ohne große Worte ein deutliches Zeugnis ab von der grenzenlos guten Zuwendung Gottes zu seinem Geschöpf.
Und dann manchmal, ohne große Vorwarnung, im Wortsinn: aus heiterem Himmel, verändert sich plötzlich die Perspektive. Es ist ein verblüffender Rollentausch, ein unerwartetes Geschenk. Der, dem ich Trost und Zuspruch geben konnte, schenkt zurück. Seine Reaktion, seine Dankbarkeit, sein Wort und seine Antwort öffnen mir die Augen und ich darf erkennen: Auch in mir ist in lebendiger, machtvoller Wirksamkeit der gegenwärtig, den ich den Menschen nahe bringen und verkünden soll und will. So ist Seelsorge an den Nahtstellen und Bruchkanten immer ein spannender Prozess zwischen und mit Menschen, die darauf gefasst sein müssen, dass der Herr konkret kommt, auch außerhalb der Schutzzonen von Familie und Gemeinde. Und so muss es ja sein, wenn es stimmt, dass die Kirche der Ort ist, der Keim und Anfang von Christi universalem Reich ist, das schon hier auf Erden beginnt. Und: „Während sie allmählich wächst, streckt sie sich verlangend aus nach dem vollendeten Reich; mit allen Kräften hofft und sehnt sie sich danach, mit ihrem König in Herrlichkeit vereint zu werden.“ (Lumen Gentium 5)

Antwort geben auf die tiefste Sehnsucht des Menschen
Diese darin innewohnende Verheißung ist allen angeboten, die leben. Niemand ist ausgenommen, denn die Einladung Gottes kennt keine Grenze. Diese Einladung Gottes für sich selbst anzunehmen und weiterzugeben an alle, die mir tagtäglich begegnen ist konkreter Vollzug der Sendung der Kirche in die Welt hinein; kein Ort, kein Volk, keine Menschengruppe oder -rasse ist davon ausgenommen. Diese Botschaft in konkreter Liebe zu all denen zu tragen, die mit den Nahtstellen und Bruchkanten ihres Leben konfrontiert werden und sich an ihnen reiben, antwortet auf die oft unausgesprochene, manchmal unbewusste Sehnsucht, die im Herzen vieler Menschen glimmt. Sie antwortet auf das tiefste Verlangen des menschlichen Herzens und zeigt den Weg zu einem klaren, froh machenden Verständnis des Menschseins überhaupt. Diese Botschaft der Kirche „mindert nicht nur den Menschen nicht, sondern verbreitet, um ihn zu fördern, Licht, Leben und Freiheit; und außer ihr vermag nichts dem Menschenherzen zu genügen: ‚Du hast uns auf dich hin gemacht,‘ o Herr, ‚und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.‘“ (Gaudium et spes 21).
Der Heilswille Gottes ist universal, nichts ist ausgenommen. Und sein Wille ist unumkehrbar ausgerichtet auf das Heil aller, „er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Timotheus 2,4). An diesem Ziel mitarbeiten zu dürfen, sich mit seinem Leben und allen Fähigkeiten dafür einzusetzen, ist eine der schönsten Ausdrucksformen des christlichen Lebens überhaupt. Es ist Teilhabe am Wirken Gottes selbst. Es ist das Einschwingen in die immer und jederzeit wirkende Schöpfermacht Gottes zum Heil aller, die leben. ⊗