MAGAZIN FÜR BERUFE DER KIRCHE

Pastoralreferent/-in – ein moderner Seelsorgeberuf

von Dr. habil. Georg Köhl unter Mitarbeit von Gabriele Kloep und Sheila Weiler


Dr. habil. Georg Köhl
1.Berufsprofil
„Pfadfinder“ und „Grenzgänger“ zwischen Kirche und Gesellschaft
Die Sinus-Milieu-Studie hat uns deutlich gezeigt, dass wir als Kirche gerade in zwei bis drei von zehn Milieus noch eine Rolle spielen. Die Zeit des katholischen Milieus mit selbst-verständlichem Glaubens- und Kirchenbezug ist endgültig vorbei. Auch in Deutschland muss das Evangelium (immer)wieder neu in der jeweiligen Kultur, im jeweiligen Milieu überzeugend gelebt und verkündet werden.
Dazu braucht es engagierte selbständig denkende Frauen und Männer, die als kritische Zeitgenossen in der Lage sind, die Sorgen und Nöte, die Freuden und Hoffnungen der Menschen wahrzunehmen und in die kirchlichen Vollzüge einzubringen, damit unsere Verkündigung und unsere Gottesdienste wieder an Lebensbedeutsamkeit für möglichst viele Menschen aller Altersstufen und verschiedener Herkunft gewinnen.
Im Zentrum ihres Seelsorgeverständnisses sollten Leben („Geschöpflichkeit“) und Tod („Erlösungsbedürftigkeit“) der Menschen stehen - vor allen religiösen und konfessionellen „Schranken“. Jesus hat allen Menschen einerseits „das Leben in Fülle“ versprochen. gleichzeitig wissen wir um unsere Gebrechlichkeit und Hinfälligkeit: „Wir sind nur Gast auf Erden…“. In diesem Spannungsfeld ist Seelsorge angesiedelt.
Neben dem persönlichen Lebenszeugnis ist bei Pastoralreferent/-in (PR) vor allem die Fähigkeit gefragt, mit Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen „nach Spuren Gottes in ihrem Leben“ zu suchen.
Das kann nur gelingen, wenn die Seelsorger/ innen den Menschen offen und interessiert begegnen, sich in ihre Lage möglichst gut hineinversetzen können und ihnen bei der Klärung von Lebensfragen zu helfen versuchen.
Die Hoffnung auf die endgültige Vollendung des Reiches Gottes durch Gott selbst wird in schwierigen Lebenssituationen nur dann trösten, wenn personale Begegnung „auf Augenhöhe“ stattfindet.
Wichtig ist neben einer hohen Sozialkompetenz (menschliche Reife) eine solide theologische Ausbildung, die eine existentielle Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben - vor allem mit dem Gottes- und Menschenbild - einschließt sowie zur Selbst- und Rollenreflexion befähigt.

Pastorale Planer und Brückenbauer
Ein Schwerpunkt der Arbeit von PR - vor allem auf der mittleren Ebene - ist die Initiierung und inhaltliche wie organisatorische Unterstützung gezielter Planung in Pfarreien und Dekanat, etwa als Dekanatsreferent/in. Neben der pastoralen Planung sind die Förderung von Initiativen, die Entwicklung, Beratung von Projekten und Aktionen sowie die Vernetzung von Gruppen und Initiativen wichtige Aufgaben.
Die kommunikativen Kirchenbilder des II. Vatikanischen Konzils „Volk Gottes unterwegs (zum Reich Gottes)“ und „Leib Christi“ bestimmen ihr Kirchenverständnis. PR verstehen sich in ihren Handlungsfeldern als Praktische Theologen. Sie arbeiten nach dem Dreischritt „Sehen-Urteilen-Handeln“.

Theologisches und soziologisches Profil
PR sind durch ein Hochschulstudium theologisch qualifizierte Laien, die auf der sakramentalen Grundlage von Taufe und Firmung vom Bischof ausdrücklich beauftragt selbständig (Arbeitsplatzbeschreibung) unter der Leitung des zuständigen Vorgesetzten ein oder mehrere pastorale Handlungsfelder bearbeiten (Konzept- und Durchführungs-verantwortung) in Pfarrei, Dekanat oder in der kategorialen Seelsorge.
PR (und Gemeindereferent/-in) sind nach MQ 1972 und EN 1975 Laien durch den jeweiligen Ortsbischof übertragene (Dienst-)Ämter (ministeria), nach CIC can 145 Laien übertragene Kirchenämter. Soziologisch gehören PR und GR zu den helfenden Berufen, näherhin zu den vier Seelsorgeberufen. Eine große Nähe zur Situation und Problematik der PR hat der Dienst der neutestamentlichen und altkirchlichen Lehrer („didaskaloi“).
Eine bedeutende Rolle spielte der „didaskalos“ vor allem im syrisch-palästinesischen Raum, wo er zunächst als Wanderprediger wirkte; später ließen sich die Lehrer aus pastoralen Gründen in einzelnen Gemeinden nieder und wurden unter den Gemeindediensten aufgeführt (Röm 12,7; Gal 6,6; 1 Kor 12,28; Eph 4,11; Apg 13,1; Jak 3,1.16). Die Funktionen der urchristlichen Lehrer waren nicht einheitlich. Eine wichtige Aufgabe war die Schriftauslegung.

2. Arbeitsbereiche und Aufgaben
Im Bistum Trier z. B. leisten Pastoralreferenten(inn)en in vielen pastoralen Handlungsfeldern konzeptionelle Arbeit, um die Seelsorge in Dekanat und Pfarreien situations- und sachgemäß gestalten zu können: Kirchliche Jugendarbeit, Ehe- und Familienpastoral, religionspädagogische Qualifizierung und Begleitung von pädagogischen Fachkräften in Kindertageseinrichtungen, Schulung und Begleitung von Gottesdienstmitarbeiter(inn)en, Begleitung von Caritasmitarbeiter(inn) en, Dritte(Eine)-Welt-Arbeitskreisen, Initiierung von Projektgruppen verschiedenster Art, Förderung und Begleitung von eigenständigen Ehrenamtlichen.
Auch in der kategorialen Seelsorge (Krankenhaus, Justizvollzugsanstalt, Hochschulgemeinde) leisten Pastoralreferente(inn)en qualifizierte und methodisch versierte Arbeit. Im Rahmen von Gestellungsverträgen sind sie als religionspädagogisch qualifizierte Lehrer(inn)en an verschiedenen Schultypen tätig und an der Entwicklung von Schulseelsorge- Konzepten entscheidend beteiligt.
In den unterschiedlichen Arbeitsbereichen sind Beteiligung von Betroffenen, Dialog, Subsidiarität und soziale Kreativität Handlungsprinzipien. PR leisten entscheidende Beiträge – exemplarisch in den Dekanaten - für die Konzeptentwicklung und das pastorale Handeln auf Bistumsebene (z.B. Krankenhauspastoral, Trauerpastoral, Arbeitslosenseelsorge, kirchliche Jugendarbeit, Kindertagesstättenseelsorge, interkulturelle Seelsorge, pastorale Bildung von Ehrenamtlichen, Hospizarbeit, Altenheimseelsorge).
Viele Innovationen in Form von konkreten Projekten auf den verschiedenen pastoralen Ebenen des Bistums Trier sind ohne die Berufsgruppe der Pastoralreferent(inn)en nicht denkbar. In vielen anderen Diözesen sind die PR stärker in der Pfarrseelsorge eingebunden mit ähnlichen Aufgaben wie in Trier auf Dekanatsebene, teilweise übernehmen sie - angesichts des zunehmenden „Priestermangels“ - verstärkt Aufgaben der Gemeindeleitung (vor allem in der deutschsprachigen Schweiz).

3. Ausbildung und Übernahme in den Dienst
Hochschulstudium, Praktika, Besinnungstage und Exerzitien, Mitgliedschaft in einem Bewerberkreis, Kontakte zur Ausbildungsleitung.
In der Regel dreijährige Berufseinführung mit Praktika in Pfarreien und Dekanaten oder kirchlichen Einrichtungen Abschluss mit der zweiten Dienstprüfung und Übernahme in den Dienst (wenn konkrete Stellen vorhanden sind). Alle kirchlichen Dienste und Ämter sind in Situationen entstanden, in denen sich die Kirche vor neue Aufgaben gestellt sah. Sie waren notwendig. Die theologische Deutung erfolgte im Nachhinein, um ihre bleibende oder vorübergehende Bedeutung für die kirchliche Praxis herauszustellen. Gesamtkirchlich gibt es „von alters her“ drei Ämter: Bischof, Priester und Diakon, die durch Weihe übertragen werden. Daneben haben sich in den verschiedenen Ortskirchen, die das Konzil theologisch aufgewertet hat, lokale Dienstämter entwickelt, die den Bedürfnissen der jeweilige Ortskirche entsprechen: Katechist(inn) en und „Gemeindevorsteher/-innen“ in den Ortskirchen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens, Gemeinde- und Pastoralreferent(inn)en in vielen deutschsprachigen Diözesen.
Die Apostelgeschichte berichtet von der Bestellung der Sieben (Diakone) zu „Interessenvertretern“ und Leitungspersonen für die neu entstandenen heidenchristlichen Gemeinden (Apg 6,1-7). Der Beruf der Gemeinde/- oder Diasporahelferin (Vorläufer des Berufs Gemeindereferent/-in) verdankt sein Entstehen der Not der Frauen durch die Industrialisierung am Beginn des 20. Jahrhunderts (Arbeiterinnen in den Tabakfabriken und „Lumpensortieranstalten, weibliche Strafgefangene, Flussschifferseelsorge).
Entstehungskontext des Berufs Pastoralreferent/-in ist neue Bestimmung des Verhältnisses von Kirche und Welt durch das Konzil in GS 1. Es ist Auftrag des Berufs an der Anschlussfähigkeit von Kirche an die gesellschaftliche Entwicklung zu arbeiten durch „kritische Zeitgenossenschaft“. Sie stehen für eine dialogische Kirche des Konzils (Einheit in und durch Vielfalt) und für eine „pluriforme“ Seelsorge.
Sie bringen christlich gelebte Hoffnung mit Christenmut und Sachverstand ein in die großen Fragen der Menschheit Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Weiterführende Literatur:
C. Olbrich/R. M. W. Stammberger (Hrsg.): Und sie bewegen sie doch, Freiburg (Schweiz) 2000.
G. Köhl: Pastoraler Beruf zwischen Kirche und Gesellschaft. In: Anzeiger für die Seelsorge 111(2002), Heft 1, 11-14.
G. Köhl: Der Beruf des Pastoralreferenten. Freiburg (Schweiz) 1987.
G. Köhl: Die Profile der einzelnen pastoralen Dienste und die Personalentwicklungsprozesse auf dem praktischtheologischen Prüfstand. In: TThZ 116(2007), 335-347.
G. Köhl(Hrsg.): Seelsorge lernen in Studium und Beruf, Trier 2006. ⊗