„Gewonnene Freiheit“

 

 

Mechthilde Hessling ist Leiterin des Referates Seniorenseelsorge im Bischöflichen Generalvikariat Münster. Michael Bönte fragt sie nach der Situation alter Menschen in der heutigen Zeit.


Michael Bönte: Gibt es die Großgruppe „Senioren“ noch?

Mechthilde Hessling: Nein. Wir haben es mit einer wachsenden Komplexität und Vielseitigkeit in der Gruppe älterer Menschen zu tun. Das zeigt sich schon am Sprachgebrauch, wenn wir von Älteren, Alten, Rentnern, Pensionären, jungen Alten, alten Alten oder Hochbetagten sprechen. Die Gruppe dieser Menschen ist heterogen geworden und zeigt eine Vielzahl an Lebenswelten und -situationen.

Michael Bönte: Wo liegen die Gründe?

Mechthilde Hessling: Zunächst einmal müssen wir sehen, dass die Lebensspanne, die wir heute als Alter bezeichnen, einen viel längeren Zeitraum beschreibt als früher. Die Menschen sind länger alt und haben in diesem Zeitraum große Möglichkeiten, ihr Leben weiter auszudifferenzieren. Alle Mechanismen, die heute dazu führen, dass die Gesellschaft sich so plural zeigt, treffen dabei auch auf die Generation der älteren Menschen zu. Individualisierung etwa oder Verjüngung und Dynamisierung des Lebens. Es gibt viele Faktoren, die dann dazu führen, dass der eine alte Mensch eine ganz andere Lebenswirklichkeit entwickelt als der andere.

Michael Bönte: Kann man spezielle Gruppen benennen?

Mechthilde Hessling: Es ist wichtig, die Senioren nicht nach ihrem Alter, sondern nach ihrem Alltag und ihrer Lebenssituation zu unterscheiden. Es gibt den gebrechlichen 60-Jährigen, der bereits auf Hilfe angewiesen ist, und den vitalen 90-Jährigen, der sein Leben noch allein organisieren kann. Wenn man auf alte Menschen zugeht, muss man schauen, wo und wie sie körperlich, geistig und sozial im Leben stehen. Zudem ist ein Wissen um die zeitgeschichtlichen, gesellschaftspolitischen und die lebensbiografischen Hintergründe erforderlich. Die Generation, die den Krieg bewusst miterlebt hat, stellt sich heute andere Fragen als diejenige, die während oder nach dem Krieg geboren worden ist.

Michael Bönte: Ist die gewonnene Lebenszeit immer ein Gewinn?

Mechthilde Hessling: Grundsätzlich ist die gewonnene Zeit erst einmal gewonnene Freiheit. Freiheit, das eigene Leben gestalterisch in die Hand zu nehmen, eventuell sogar neue Felder kreativ zu entdecken. Die verbesserte Medizin, vorhandenes Geld, die Möglichkeiten der Mobilität und das wachsende Angebot für Senioren öffnen vielfältige Chancen für die persönliche Weiterentwicklung. Dabei dürfen wir aber auf keinen Fall die Gruppe derer übersehen, der sich diese Chancen nicht bieten. Es gibt eine wachsende Zahl an resignierenden Älteren, die sozial, materiell benachteiligt und körperlich beeinträchtigt sind. Dazu gehört auch, dass sie ihr ganzes Leben lang unter Umständen nicht gelernt haben, ihr Potenzial auszuschöpfen. Im Alter gelingt ihnen das dann erst recht nicht.

Michael Bönte: Müssen wir Traditionen und Mechanismen im Umgang mit alten Menschen überdenken?

Mechthilde Hessling: Wir sind im Umgang mit der älteren Generation lange Zeit von einem defizitären Bild ausgegangen: Vom Aufstieg als Kind und junger Mensch auf den Zenit der Familiengründung und der Berufstätigkeit, von dem es dann langsam wieder die Stufen herabgeht. Nicht nur vor dem Hintergrund vieler neuer Lebensentwürfe muss man dieses Bild vom Alter und vom Altern heute korrigieren und neue Bilder des Alterns entwerfen. Sicher gibt es Ebenen, auf denen man jenseits des Zenits die Stufen wieder herabsteigt. Aber in vielen anderen Bereichen gibt es gerade nach dem Berufsleben neue Chancen, sich weiterzuentwickeln. Denken Sie an den im Schulsystem eingebundenen Musiklehrer, der mit der Pensionierung endlich Zeit hat, seine instrumentalen Fertigkeiten zu intensivieren und auszubauen. Oder denken Sie an die Zeit, die plötzlich da ist, um durch Reisen oder Studien den Horizont zu erweitern.

Michael Bönte: Müssen wir auf das Alter anders reagieren?

Mechthilde Hessling: Wir müssen weg von der immer noch präsenten Vorstellung der Versorgungsmentalität. Diese kann schon allein deswegen nicht mehr greifen, weil es demnächst mehr alte als junge Menschen gibt. Das Vorstellungsmodell muss aktivierender sein. Ältere Menschen haben ein vielfach ungenutztes Potenzial an Ressourcen und Fähigkeiten, das es zu aktivieren und auszuweiten gilt.

Michael Bönte: Welche Ressourcen können dabei das Zusammenleben bereichern?

Mechthilde Hessling: Im Miteinander können die Generationen unglaublich viel voneinander lernen. Wissen, Lebenspraxis, handwerkliche Fähigkeiten sind sicher Dinge, die alte Menschen auch in einer so schnelllebigen und multimedialen Welt an jüngere Menschen weitergeben können. Einen ganz wichtigen Bereich sehe ich dabei auch in den Sinnfragen. Viele alte Menschen besitzen eine große Tiefe im Glauben, ein Wissen um die höheren Dinge und ein Wissen um das Eingebundensein in die Schöpfung Gottes. Ein Wissen, das jungen Menschen oft verschlossen ist.

Michael Bönte: Ist der Bedarf da?

Mechthilde Hessling: Ein enormer Bedarf sogar. Wenn es gelingt, zwischen den Generationen eine Kommunikation herzustellen, so dass man sich gemeinschaftlich Sinn- und Glaubensfragen stellt, kann die jüngere Generation davon viel lernen und zehren. Für mich liegt in solchen Ansätzen eine Zukunft von Seniorenpastoral.

Michael Bönte: Wie muss die Kirche dabei auf die alten Menschen zugehen?

Mechthilde Hessling: Auch in der Kirche müssen wir uns auf die unterschiedlichen Lebenswelten der Senioren einstellen. Der Automatismus „Im Alter kommt Psalter“ gilt heute nicht mehr. Es ist erwiesen, dass auch die älteren Menschen sehr differenziert ihren Weg im Glauben gehen. Es gibt die Gruppe derer, die traditionell in einer Art stützender Struktur ihren selbstverständlichen Weg im Glauben weiter gehen. Andere wiederum sind bereits in Kinder- und Jugendzeiten eher kritisch und distanziert mit traditionellen Glaubensformen umgegangen und finden sich auch im Alter eher in neuen Ansätzen wieder. Und daneben gibt es jene, die erst im Alter eine größere Innerlichkeit entdecken und dann Glauben in ganz unterschiedlichen Formen suchen.

Michael Bönte: Muss Kirche deshalb unterschiedliche Angebote machen?

Mechthilde Hessling: Auch in der Seniorenpastoral darf nicht nur nach Milieu, Ressourcen, Begabung und Geschlecht geschaut werden, sondern auch auf die individuelle Glaubenswirklichkeit. Dementsprechend muss eine ganz heterogene Angebotspalette präsentiert werden, in der der klassische Seniorennachmittag genauso seinen Platz hat wie neue, innovative Formen.

Michael Bönte: Was kann neu und innovativ sein?

Mechthilde Hessling: Wir wissen heute um den engen Zusammenhang von Lebensbiografie und Glaubensgestalt. Eine Glaubensgestalt, die sich immer dann wieder neu ausprägt, wenn lebensbiografische Ereignisse und Krisen aufs Neue Antworten auf Sinnfragen herausfordern. Hier gilt es, die Menschen in ihren individuellen Nöten wahrzunehmen und sie einfühlsam zu begleiten. Außerdem ist es wichtig, dass die Angebote ganzheitlich ansprechen. Der Mensch ist eine Einheit von Körper, Geist und Seele und will in seiner Ganzheit gesehen werden. Das Wahrnehmen der Körperlichkeit, der Wunsch nach Bewegung oder das Bedürfnis, geistig gefordert zu werden, sollten bei den Angeboten genauso beachtet werden wie Glaubens- und Sinnfragen.

Michael Bönte: Können Gemeinden das leisten?

Mechthilde Hessling: Vielleicht müssen wir dabei auch über die Gemeindegrenzen hinausblicken, um für die Zielgruppen der Senioren passende Angebote machen zu können. Da muss hin und wieder mehr kategorial geschaut werden. Man könnte in Zentren vielfältige Möglichkeiten bündeln. Ich denke hier etwa an geistliche Zentren in Klöstern oder die derzeit entstehenden Mehrgenerationenhäuser.

Michael Bönte: Hat Kirche bei der Vielzahl der Angebote heute eine Chance?

Mechthilde Hessling: Mir begegnen viele ältere Menschen, die tief im Glauben verwurzelt sind. Es geht darum, dieses selbstverständliche Wissen um ein größeres Ganzes auch nach außen hin zu zeigen. Es gilt, ein Gefühl zu entwickeln, mit dem ich sage: Ich trage gerade mit meiner Religiosität einen wichtigen Teil zum Leben in Kirche und Gesellschaft bei.

Quelle: www.kirchensite.de