Zum 800. Geburtstag der hl. Elisabeth von Thüringen

„Ich habe es doch gesagt, wir sollen die Menschen froh machen.“

von Dr. Birgitta Klemenz, Stiftsarchivarin der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs

 

Im Sommer 1207 – überliefert ist der 7. Juli – wurde die hl. Elisabeth von Thüringen in Ungarn, als Tochter des Königspaares Andreas II. und Gertrud, geboren.
In ihrer radikalen Frömmigkeit und in der beispiellosen Fürsorge für Arme und Kranke setzte sie völlig neue Maßstäbe im Leben einer Fürstin. So ließ sie während einer großen Hungersnot die fürstlichen Kornspeicher öffnen und verteilte sämtliche Vorräte an die Bedürftigen. Sie organisierte jedoch auch „Hilfe zur Selbsthilfe“, wenn sie arbeitsfähige Bedürftige mit fester Kleidung und Werkzeug versorgte. Von ihrem Ehemann, Ludwig IV, wurde sie bestärkt und unterstützt, bei Hofe hat sie sich damit nicht nur Freunde gemacht. Ludwig befürwortete um 1226 auch die Wahl des Magisters Konrad von Marburg zu Elisabeths Beichtvater und geistlichem Führer. Konrads Einfluss schlug sich auf vielerlei Weise nieder, z. B. im Gelübde der Ehelosigkeit nach einem möglichen Tod des Gemahls. Manche seiner Ratschläge und Entscheidungen sind für uns heute nicht mehr nachvollziehbar. Im so genannten Speiseverbot, der Ablehnung aller Speisen, die nicht von den Eigengütern des Landesherrn stammten und deshalb das Ergebnis ungerechter Fron hätten sein können, offenbart sich jedoch eine geradezu moderne Einsicht in Ursache und Wirkung.
Drei Kinder gingen aus der Ehe mit Ludwig hervor. Die jüngste Tochter Gertrud wurde 1227 geboren – da war ihr Vater auf dem Kreuzzug nach Jerusalem bereits an einer Seuche gestorben. Elisabeth war nun mit erst 20 Jahren Witwe. Sie verließ mit ihren Kindern die Wartburg und übersiedelte nach Marburg, wo sie aus den Mitteln ihres Wit-wengutes ein Hospital gründete. Dort lebte sie bis zu ihrem frühen Tod 1231 ganz im Dienst an den Armen und Kranken. Sie verrichtete schwere körperliche Arbeit, die normalerweise den niederen Ständen vorbehalten war, und erfuhr dabei auch Erniedrigung und Missachtung. Zweifel an der Richtigkeit ihres Tuns und Momente der Gottverlassenheit blieben ihr nicht erspart. Doch gerade die Überwindung solcher Zweifel, ihr Gottvertrauen und die Treue zum einmal eingeschlagenen Weg machen die Größe ihrer Persönlichkeit aus. Ihr heutiger Festtag, der 19. November, ist der Tag ihrer Beisetzung. Bereits 1235 wurde sie heilig gesprochen.

Elisabeth war eine Zeitgenossin des hl. Franz von Assisi. An seinem Armutsideal hat sie sich orientiert. In der aktiven Sorge um Kranke und Notleidende – nicht Almosen gebend von oben herab, sondern im gemeinsamen Leben mit ihnen – verkörpert Elisabeth eine neue geistliche Lebensform: radikale Nachfolge Christi in der Welt, nicht im abgeschlossenen Lebensraum eines Klosters. In den Beginen, einer religiösen Frauenbewegung der damaligen Zeit, wird dieses neue Ideal deutlich. Dabei spielt auch die Entstehung der Städte und der sich darin sammelnden Not eine Rolle. An die Seelsorge und vor allem an die Caritas, die tätige Nächstenliebe, wurden damit ganz neue Anforderungen gestellt. „Sanctae modernae in diebus nostris“ – „neue Heilige unserer Tage“ traten hervor. So haben bereits Zeitgenossen einige Generationen von Frauen des Hoch- und Spätmittelalters umschrieben, die sich durch eine neue Lebenseinstellung und ein neues, nicht nur religiöses, Bewusststein auszeichneten.
Elisabeth ist nach dem Tod ihres Gemahls ganz bewusst in der Welt geblieben und wurde damit „eine neue Heilige (auch) unserer Tage“. Die beiden bekanntesten Legenden aus ihrem Leben, das Rosenwunder und der Aussätzige im ehelichen Bett, der sich bei der Rückkehr des Gemahls in das Bild des Gekreuzigten verwandelte, sind für ihr Leben bezeichnend: alles teilen und nichts für sich behalten und in jedem Menschen Christus erkennen.
Manches in ihrem Leben mag uns heute nur schwer nachvollziehbar erscheinen, vieles ist nur vor dem Hintergrund ihrer Lebenszeit zu verstehen. Eines aber macht Elisabeth zu einer zeitlosen und damit modernen Gestalt: Sie verkündet eine zeitlos gültige Bot-schaft: Christus als den Gekreuzigten und Auferstandenen. Und dass es sich bei dieser Botschaft um eine Frohbotschaft handelt, dafür steht das von ihr authentisch überlieferte Wort:
„Seht, ich habe es doch gesagt, wir sollen die Menschen froh machen.“