Das Licht wird kostbarer am Abend

von Maria Anna Leenen

 

Ein spannungsreicher Prozess
Das Leben ist einfach so: Krankheit, Altern und die Angst vor dem Tod bestimmen unser menschliches Da-Sein; je mehr Jahre wir zählen, umso nachdrücklicher spüren wir unsere Grenzen und die Vergänglichkeit alles Irdischen. Und nicht wenige sind der Ansicht: alles, was wir in unserem Leben lernen müssen, ist, mit diesen Tatsachen umzugehen.
Wer mit alten Menschen zusammenlebt, sich um sie kümmert, sie betreut und ihnen hilft, die letzte Phase ihres Lebens zu gestalten, wird in einen spannungsreichen Prozess mit hinein genommen. Während sich in früheren Jahren die sogenannte Altenhilfe oft nur in der Befriedigung physischer Bedürfnisse erschöpfte – Stichwort: satt, sauber, warm – ist heute der Blick auf den ganzen Menschen gerichtet. Lebensqualität in möglichst breiter Form zu erhalten und eine selbstbestimmte Gestaltung der letzten Jahre entspricht der Würde jedes Menschen.
Die theologische Folie, von der christlich verstandener, fürsorgender Beistand alter Menschen eine Hintergrundfarbe bekommt, ist die breite und prall bunt gefächerte Palette der schöpfungstheologischen Glaubenswahrheiten. Im Prozess des Alterns kann deutlich werden: Alles Irdische, jedes Leben ist kontingent, nicht notwendig; hat sich nicht aus sich selbst heraus geschaffen. Aber es ist Schöpfung, von Gott gewollt, geplant und ins Dasein gesetzt, ist aus bedingungsloser Liebe geschaffen. Jedes Leben. Ohne Ausnahme.
Die unerbittliche Grenze menschlicher Vergänglichkeit birgt so als Kehrseite die Erfahrung einer tiefen und ohne Vorauszahlung geschenkten Annahme durch Gott. Der spannungsreiche Prozess des Alterns bringt somit nicht nur eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen in Gang. Er wird auch zur Konfrontation mit Glaubenskraft und Gottvertrauen. Und Betreuer und Helfer, Pflegedienste und die ehrenamtlichen Besuchsdienste werden in diesen Prozess einbezogen.

Annehmen, was war
„Nach Mittag ist das Licht kostbar“, schreibt der Schriftsteller Gotthard de Beauclair in einem Gedicht. Der Satz zeichnet ein Bild, welches die gelebten Jahrzehnte als einen einzigen Tag vor den Augen des Betrachters aufscheinen lässt. Mit diesem Blick sein Leben zu betrachten, kann das Grundmotiv meines Denkens und Handelns in Strukturen und Beziehungen deutlich machen. Weit zurückliegende Ereignisse, unveränderliche Gegebenheiten, äußere und innere Einwirkungen werden sichtbar, helfen Schuld und Versagen wahrzunehmen, erinnern an Glück und Frieden. Rückblickend werden Gottes Spuren, seine Führung und Hilfe sichtbar wie feine Goldfäden in dem schlichten Gewebe meines Lebens. Der Anfang dieses Tages, Kindheit und Jugend, das Zuhause mit Eltern und Geschwistern, vielleicht froh und unbelastet, voller Geborgenheit und frei von Sorgen blieb vielleicht bestimmend für die ersten Jahre. Oder schon früh der Bruch, eine Last, die die folgenden Jahre mit dunkler Farbe tönte. Wie erstaunt, wie berührend und oft entlastend ist die Erkenntnis, dass nachfolgende Schwierigkeiten hier ihre erste Ermöglichung hatten.
Dann die kraftvolle Entfaltung am Mittag. Sie führte die Lebenslinien und Prägungen weiter, doch verhüllte vielleicht das Bemü-hen um Sicherung des Unterhaltes oder die Wirren von Krieg und Gewalt Lebensfreude und Lebenskraft. Familienbande, berufliche Kämpfe, Schwierigkeiten mit dem Partner, mit Kindern oder Freunden waren bestimmend. Der Goldfaden von Gottes heilender Anwesenheit - nur schwach geahnt, selten bewusst wahrgenommen, - verschwand im Wirbel einer aktiven, vielleicht sogar kämpferischen Zeitspanne.
Und auch wenn am Nachmittag eines Lebens eine Zeit der Ernte gekommen zu sein schien, so blieben doch oft der Nachhall früherer Sorgen oder anhaltende Schmerzen im Vordergrund. Und nun ist der Abend des Lebenstages gekommen, es gilt, die einzelnen Minuten und Stunden anzunehmen und in Gottes weise Hände zurückzulegen.

Ausschau halten nach dem, was kommt
Annehmen, was ein Leben lang prägte, schmerzte oder vehement antrieb, kann nur, wer darauf hoffen darf, dass Versöhnung möglich ist.
Auf Gottes Erbarmen zu hoffen aber kann dem sehr schwer fallen, der allein und ohne Zuspruch die Last seines nun endenden Lebens tragen muss. Wer übt denn auch schon in jungen Jahren Rückblick, Reflexion und Versöhnung? Wenn es gilt aufzubauen, scheint Innehalten Zeitverschwendung zu sein. Hier sind gläubige Menschen gefragt, die mit Geduld bei dem aushalten, der sein Leben als Scherbenhaufen ansieht; Menschen, die verknotete Lebensfäden zu entwirren helfen und sich schmerzhafte Ereignisse immer wieder anhören. Und die im Vertrauen auf Gottes große Güte den Mut zur Versöhnung und die kleinen Schritte der Hoffnung fördern und sorgsam begleiten. Die Heilige Schrift ist hier wie auch in allen anderen Lebenslagen treue und sichere Verkünderin einer über alle Abgründe hinweg helfenden Brücke ins Ewige. Die Psalmen sind besonders gute Lehrmeister. Sie bündeln in sich die Lebenserfahrungen von Völkern und Generationen. In ihren Versen schwingen Menschenwort und Gotteswort zu Angst lösender Einheit zusammen. Mit ihnen kann der alte Mensch beten: „Einst war ich jung, nun bin ich alt, nie sah ich einen Gerechten verlassen.“ (Psalm 37.Vers 25).

Vertrauen auf Gottes unbedingte Heilszusage
Jesu Leben, seine Predigten und sein Handeln an den Menschen künden von einer Gottesherrschaft, die jetzt schon in der von Schuld und Unheil geprägten Welt beginnt. Bekräftigt durch seinen Tod und seine Auferstehung schenken Jesu Worte von einem allen Menschen angebotenen Heil eine tiefe Freude, die stärkt und Vertrauen schafft. Ein Vertrauen, das Menschen immer mehr und immer tiefer den Schritt wagen lässt, sich diesem Gott völlig zu öffnen, um Vergebung zu bitten und sich mit dem Frieden beschenken zu lassen. Manchmal reicht ein Satz, ja sogar nur ein Wort im richtigen Augenblick in den schmalen Spalt eines aufgerissenen Herzens gesprochen, um den Schutzwall einzureißen, um Härte und Abwehr zu überwinden und nach Gott die Arme auszustrecken. Menschen in der letzten Phase ihren Lebens sehnen sich oft danach, diesen Schritt tun zu können. Selbst wenn ihre äußere Gestalt – zerquält von Schmerz, verhärtet durch lange Einsamkeit, abgeschottet durch verzerrte Gottesbilder – dies nie vermuten lassen würde: erreicht ein Wort des Herrn ihr Inneres, zerbricht die Maske und die tiefe Sehnsucht nach Gottes erbarmender Nähe bricht sich Bahn. Wer erkennen muss, dass er um nichtige Dinge kämpfte und nie eine wahre Heimat hatte, dessen Herz sehnt sich danach, einen Ort, ein Zuhause zu bekommen. In so eine Angst hinein kann Jesu Wort wahrhaft heilend fallen: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“ (Johannes 14,1)
Menschen, die in der letzten Lebensphase stehen, den Tod vor Augen, können zerrissen sein von Angst und Hoffnung zugleich. An einem Tag kämpfen sie um eine weitere Woche Leben. Am folgenden Tag wollen sie loslassen, aufhören, hingeben. Hier treu zu begleiten und nicht zu fliehen vor den großen Spannungen, erfordert Mut und kostet Kraft. Seelsorgerinnen und Seelsorger in der Seniorenarbeit brauchen da-rum nicht nur Kompetenz und Erfahrung, geistliches Handwerkszug und persönlich gelebten Glauben. In dieser großen Spannung auszuhalten und wirksam zu helfen kann nur, wer selber Zeiten der Stille und des Kraft Tankens konsequent einhält. Und wer sich einlässt auf die ersten Spuren des Alterns an und in sich.

Sanft angebotene Hände
Menschen auf dem Weg bis zum dunklen Tor des Todes zu begleiten ist eine kostbare Einladung. Vielleicht darf ich Zeuge werden, wie Menschen plötzlich begreifen, dass ihr Leben über einen langen Zeitraum in falschen Gleisen lief und die jetzt den Schmerz zulassen und weinen und endlich vertrauen können. Die endlich glauben können, dass ihnen Gottes Liebe ohne Leistung als reines Geschenk angeboten wird. Die nach Kampf und Krampf, nach Angst und verzweifeltem Anklammern sich lösen, entspannen und friedlich einschlafen.
Darum sind Pathos und frömmelndes Wortgeklapper in diesen Stunden nicht nur unangebracht, sondern rücksichtslos. Sie erschweren dem Sterbenden den Schritt in das Dunkel und beruhigen in der Regel nur den Helfer, der sich überfordert fühlt. Still und sanft angebotene Hände, an denen der Sterbende sich „festhalten“ kann, können dagegen zur echten Hilfe werden. Sie bereiten den Weg für das vertrauensvolle Fallenlassen und können durch die warme und tröstende Berührung ein lebendiges Zeichen für Gottes gütige Hände sein.
Mit Sterbenden leben, die letzten Tage und Wochen mit ihnen zu verbringen, ist nicht nur eine kostbare Einladung. Es ist eine kostbare Lehrzeit. Menschen in dieser Zeit zu helfen ist nicht nur ein Mitgehen und Begleiten. Es zeigt mir, der ich diesem Menschen helfen will, wie ich selber bin. Die Schwierigkeiten, die Ängste, die Glücksgefühle bei Bewältigung und neuem Vertrauen, lösen auch im Helfer Prozesse aus, vertiefen seinen Glauben und schärfen seinen Blick. Grundsätzlich Menschliches wird bewusst, klar erkannt und hilft, das eigene Altern zu bestehen.