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Das Schlüsselwort dieses Artikels heißt Spiritualität: ein großes Wort, ursprünglich ein Wort der religiösen Sprache. Inzwischen wird es aber auch in vielen profanen Bereichen unserer Gesellschaft gebraucht. Es meint einfach meine persönliche Grundhaltung dem Leben gegenüber, all dem, was im Letzten mein Tun und Lassen in den entscheidenden Dingen meines Lebens bestimmt. Diese Grundhaltung wird wesentlich von meiner Sehnsucht geprägt, von dem, wovon ich träume, wonach ich verlange, was mich tagtäglich antreibt und motiviert. Spiritualität ist deshalb die Art und Weise, wie wir mit unserer Sehnsucht, die wir im Herzen tragen, wie wir mit unserer Lebensenergie umgehen.
Diese Sehnsucht trägt uns auch noch in unserer letzten Lebensphase. Deshalb ist es wichtig, uns immer wieder klar zu machen, was uns auch noch im Alter antreibt und lebendig erhält. Die Spiritualität des Alterns möchte uns also helfen zu erkennen und zu verstehen, worauf es im Alter wirklich ankommt.
Wer heute in Westeuropa Glück hat, wird alt, vielleicht sogar sehr alt. Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es gleichzeitig so viele betagte Menschen wie heute. In der Bundesrepublik ist ein Viertel der Gesamtbevölkerung über sechzig. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer liegt bei 75, die der Frauen sogar schon über 80.
Seit es Menschen gibt, suchte man nach Wegen, bei seelisch-körperlichem Wohlergehen ein hohes Lebensalter zu erreichen. Früher träumte man vom sagenumwobenen Jungbrunnen und von Wundermitteln, die auch im Alter noch Jugendlichkeit und Spannkraft schenken konnten. Heute liegt die Hauptursache für eine verlängerte Lebenszeit in der weit fortgeschrittenen ärztlichen Kunst, vor allem aber in der Verbesserung der Lebensbedingungen und der individuellen Lebensführung. Trotzdem hat die Natur es so eingerichtet, dass die Lebensuhr jedes Lebewesens nur auf eine bestimmte Zeit eingestellt ist. Irgendwann beginnt der Prozess, der alles zum Abschluss bringt. Altwerden und am Ende Sterben und der Tod gehören deshalb wesentlich auch zu unserem Menschenleben. Sie sind seine Vollendung.
Der Schreiber dieser Zeilen lebt seit l0 Jahren zusammen mit 100 alten Männern und Frauen in einem Altenpflegeheim. Tagtäglich erlebt er hautnah den Prozess des Altwerdens in all seinen verschiedenen Möglichkeiten: also alternde Menschen, die in wunderbarer Gelassenheit, erstaunlicher Milde und Weisheit und einem ansteckenden seelischen Frieden Ja sagen können zu zunehmender Gebrechlichkeit. Aber auch nicht wenige, die sich wehren gegen die wachsenden Schwächen, gegen die zunehmende Machtlosigkeit und Einsamkeit, und damit in einer Welt von Angst und Depression landen. Aber gleich, in welcher Haltung man den Alterungsprozeß durchsteht, immer steht am Ende der Tod: manchmal in erschütternder Plötzlichkeit, öfter aber als Krönung eines langen, aber sehr bewusst und in großer Ergebung durchstandenen Sterbeprozesses.
Immer noch lebt in unserer Gesellschaft das Bild vom „Grufti und Composti“, vom zittrigen und hilflosen Alten. Nur langsam beginnt sich, Gott sei Dank, ein neues Altersbild durchzusetzen. Wir wissen heute, dass es DEN alten Menschen so gar nicht gibt. Dank moderner Medizin und relativem Wohlstand sind heute viele alte Menschen auch noch mit 85 voll da und durchaus selbständig und unternehmungslustig. Altwerden kann man auf die unterschiedlichste Weise. Allgemein gültige Rezepte gibt es da nicht.
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Für jeden von uns ist Älterwerden die größte und schwierigste Herausforderung unsres Lebens. Auf der einen Seite lassen unsere geistigen und körperlichen Kräfte spürbar und zunehmend nach. Gleichzeitig wird aber verlangt, dass der alternde Mensch zu diesem Abnehmen der Kräfte und all seinen praktischen Folgen voll ja sagt und in diesem ständigen Prozess des Loslassens sogar einen neuen Sinn und ein neues Lebensziel findet.
Es bedarf keiner Beweise, dass dieser Vorgang für niemand einfach ist und manchmal an den Rand der Verzweiflung und den Verlust allen Lebensmutes führen kann. Geht es doch um so einschneidende Erfahrungen wie das Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess und damit oft schwindender Anerkennung der sozialen und beruflichen Kompetenzen, des Aussteigens aus verschiedenen Verantwortlichkeiten und damit verbunden einen spürbaren Verlust persönlichen Ansehens. Die Erfahrung lehrt, dass nur, wer voll und ganz bewusst sich diesem Prozess des Altwerdens stellt und ihn wirklich in seiner rauen Wirklichkeit annimmt, dann auch den Segen des Alters erfahren kann. Das aber verlangt vom alternden Menschen eine radikale Ehrlichkeit. Alte, die sich diese Ehrlichkeit erringen, vielleicht erst in langsamen und zuweilen schmerzlichen Schritten, erfahren ihr Alter als Geschenk und werden auch für ihre Mitmenschen zu einem Segen und zu einer wertvollen Bereicherung.
Schwung und Jugendlichkeit, Leistung und Erfolg, Fortschritt und Selbstverwirklichung sind die hohen Werte unserer Gesellschaft. Alte Leute können damit nicht mehr konkurrieren. Aber glücklicherweise gibt es auch andere Werte, die nicht weniger entscheidend für ein geglücktes Menschenleben sind. Es sind gerade diese Werte, die auch im Alter zu einem echten Ansporn werden können: Innerer Frieden und Gelassenheit, zunehmendes Freiwerden von von außen auferlegtem Müssen, von inneren Zwängen, endlich Zeit für Stille und Besinnung, Zeit und Raum zum Beten, vor allem aber immer wieder die Einladung, endlich wirklich ja zu sagen zu sich selber, zu allem, zu dem man in einem langen Leben nun mal geworden ist, mit all seinen Stärken und Schwächen, durch allen Erfolg, aber auch mit all seinem Versagen. Letztlich aber die Gnade, einzusehen und zu akzeptieren, dass ich genau so, wie ich nun mal jetzt bin, von Gott an-gesehen und geliebt werde.
Eine alte, lebenserfahrene Frau hat das so formuliert: „Es wird spät für uns. Aber gerade, wenn die Sonne am Horizont verschwindet, wird die Glut ihres Feuers tiefer und wirft ein stärkeres, satteres Licht.“ Das zu erkennen und in den Altersalltag umzusetzen, dazu möchte die sogenannte Altersspiritualität uns anregen. Alles, was hier nur skizzenhaft und eher zusammenfassend angedeutet wurde, kann man natürlich in einem Kurs ausführlich darstellen. Wichtig aber ist letztlich nur: Wenn es dem alternden Menschen gelingt, seine letzten Jahre würdig zu gestalten und zu leben, wenn das Alter eine Zeit der Ernte und der Abrundung seines Lebens werden kann, dann können diese Jahre zu den fruchtbarsten des ganzen Lebens werden. Vielleicht darf man sogar sagen, dass die reifen Alten die wirklichen Propheten unserer Tage sind: Zeugen , dass trotz allem Schweren und Bedrückenden auch unsere Zeit eine Zeit voller Möglichkeiten und einer guten Zukunft ist.
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