Zufrieden älter werden

von Otto Pötter, Rheine

Es gibt nicht „das Alter“. Es ist eine Frage der Einstellung, ob wir zuversichtlich altern oder mürrisch alt werden. Dabei gilt: Ohne gläubige Zuversicht, Herzlichkeit und Güte ist Zufriedenheit im Alter nicht möglich. Die Bibel empfiehlt als beste Altersvorsorge „ein weises Herz“; denn: Verhärtet das Herz, wird das Alter zum Schmerz. Natürlich ist vieles nicht vorhersehbar. Deshalb ist es gerade mit zunehmendem Alter wichtig, „die Antennen unserer Seele“ zu pflegen, um „gut-mütig“ das anzunehmen, was das Alter so an Überraschungen für uns bereithält. Was immer da auch kommen mag, es setzt die Kraft der Annahme und Bejahung voraus.
Altersforscher sind sich einig, dass Lebenskraft und Lebensqualität im Alter weniger von den äußeren, sondern vielmehr von der inneren Einstellung, also von der Gesinnung und Bewertung der Lebensumstände abhängig sind. Dabei ist „der Glaube an den lieben Gott“ die stärkste Kraftquelle überhaupt. Erst dadurch verbessert sich die Fähigkeit zur Gelassenheit und einem milden, großzügigen Denken in liebender Haltung. Dank unserer Glaubenskraft werden auch Enttäuschungen, belastende Erlebnisse, (schwere) Krankheiten oder der Tod Nahestehender seelisch besser verarbeitet. So unverzichtbar auch ein gesundes Anspruchs- und Versorgungsdenken ist; bin ich jedoch nur auf meine eigenen Bedürfnisse fixiert, entgleitet mir das Denken – und Klugheit und Weisheit bleiben dabei auf der Strecke.

Weisheit ist nicht zweckgebunden. Sie muss sich nicht an Machbarem oder materiellen Gütern beweisen. Deshalb auch sind der Glaube und die Weisheit nicht voneinander zu trennen. Ohne diese religiös fundierte Weisheit fühlen sich viele Ältere ausgenutzt, vom Leben betrogen, nicht ernst genommen, übervorteilt, abgeschoben – und sind mürrisch und verbittert. Um dem zu entgehen gilt es, mit dem ständigen Vergleichen aufzuhören. Es gibt immer Menschen, die mehr oder weniger Aufmerksamkeit bekommen als man selbst, denen es wirtschaftlich oder gesundheitlich besser oder schlechter geht. Wer sein Befinden vom Vergleich zu anderen abhängig macht, wird nie Ruhe und Zufriedenheit finden, weil sein Denken, Sinnen und Trachten ständig hin- und hergerissen ist. Darum ist auch die Dummheit immer ich-zentriert. Mehr noch: immer wenn ich meine (nun erst recht), etwas verdient zu haben, wird damit bereits der Keim für Zwistigkeiten gelegt. Enttäuschungen werden so geradezu programmiert. Niemals entspringen (auch vielleicht noch so berechtigte) Erwartungshaltungen einem weisen Herzen.

Eine religiös fundierte Weisheit flieht auch nicht vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Sich solange wie möglich fit und frisch zu halten, heißt wohl kaum zugleich, unsterblich zu sein. Auch das wäre dumm, einen falschen Jugendwahn zu pflegen und sich mit seiner eigenen Endlichkeit nicht auseinandersetzen zu wollen. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Wer denkt schon gern an ihn? Entscheidend aber ist, wie ich darüber denke. Nie war der Mensch aus sich heraus seinem Anfang und Ende gewachsen. Ist sein Verhalten hierzu aber wirklich nur rat- und wehrlos? Das wäre schlimm. Es heißt nicht umsonst: Wie gelebt, so gestorben. Damit ist nicht „ein feines Leben“ gemeint, sondern die Frage, aus welcher Grundüberzeugung wir leben.
Natürlich ist es nicht leicht, sich von Liebgewordenem zu lösen. Natürlich tut es weh, Abschied zu nehmen von dem, was einst so schön war. Es wäre unmenschlich, diese Gefühle nicht wahrhaben zu wollen. Das macht stumpf und am Ende verbittert. Auch die Melancholie sollte man im Alter zulassen, diese sehnsuchtsvolle Melodie des Lebens, von der Viktor Hugo (1802 – 1885) so treffend sagt, sie sei „das Glück traurig zu sein“. Darin liegt trotz nicht zu leugnender Wehmut über die Vergänglichkeit auch Dankbarkeit – und eben nicht die abgrundtiefe Depression. Wie schön, dankbar auf gelebtes Leben zurückzuschauen, statt nur auf das Ende hin fixiert zu sein. Wie schön, Gott dem Schöpfer und Vollender des Lebens zu danken und Ihm zu vertrauen – komme was mag. Darin liegt die alle Verzweiflung besiegende Ruhe und Kraft.
Zufriedenheit und Gelassenheit sind zwei Seiten einer Medaille. Zufriedenheit setzt immer zugleich die Bereitschaft voraus, loslassen zu können. Gerade im Alter bedeutet das, sich nicht im Vergangenen zu verstricken, sondern auch offen zu sein für die Träume der Jugend und „offen zu sein für mehr“. Statt zu bedauern, was ich nun alles nicht mehr kann, gilt es darauf zu schauen, was ich statt dessen kann. Und da bleibt immer noch sehr viel. Viktor Frankl (1905 – 1997), der Begründer der Logotherapie, meinte einmal: „Selbst wenn ich zum Pflegefall würde und nichts mehr könnte, könnte ich immer noch für einen lieben Menschen beten. Ist das nichts?“ Andererseits gibt es alte Menschen, die haben das Lachen verlernt und an nichts mehr Interesse. Sie werden sich und anderen zu Last. Resigniert fragen sie: „Was soll das alles noch?“ Wo ist da die Offenheit für mehr....?
Nur dann, wenn ich bereit bin, meine Egozentrik zu überschreiten, eröffnen sich mir neue Sinnquellen, ja, dann zeigt sich mir Gott. Dazu gehört gerade im Alter, alte Fixierungen und Lebensvorstellungen loszulassen und in weiser Umsicht und Bewertung zu korrigieren. Nur dann besteht die Möglichkeit, dass sich das Herz öffnet und es sich eben nicht verhärtet. Loslassen können bedeutet, mit dem Anfang und dem Ende insgesamt gut umgehen zu können; demütig und dankbar, gutmütig und verzeihend, liebevoll und feinfühlig. Erst dann ist es möglich, dass sich statt Verzweiflung über das Vergangene die Tage mit weiser Umsicht füllen und sich „die Sicht auf mehr“ hin öffnet. Das macht friedlich und damit zufrieden - „trotz allem“.