Missionare und Missionarinnen auf Zeit

Auf der Suche nach dem „Mehr“ im Leben

von Doris Köhncke, Stuttgart

 

Das Phänomen MaZ
MaZ ist ein Phänomen. Die drei griffigen Buchstaben umschreiben eine moderne Form von Jugendarbeit. MaZ bringt junge Leute und Kloster zusammen: junge Erwachsene lassen sich darauf ein, mit Ordensleuten im Ausland - „in der Mission“ - mitzuleben, mitzubeten und mitzuarbeiten. MaZ fordert die jungen Leute heraus: Sie müssen sich auf eine neue Welt einlassen - auf eine fremde Kultur, eine fremde Sprache, fremde Menschen und auf die für sie neuen Klosterstrukturen. Vermutlich sind es diese Herausforderungen, die die Jugendlichen von heute reizen.

Mission ist wieder gefragt
Während sich in den Pfarrgemeinden oft immer weniger Jugendliche sehen lassen, steigt das Interesse bei MaZ und ähnlichen Angeboten, z.B. Freiwilligendiensten der Diözesen, in den letzten Jahren zunehmend. Und das, obwohl der Name „MaZ, „Missionar / Missionarin auf Zeit“ viele erst einmal abschreckt. Denn viele verbinden mit dem Wort Mission „etwas aufzwängen“, „andere bekehren“. Der Name des Projektes ist anstrengend – er löst oft fragende Gesichter und auch Ablehnung und Kritik bei Freunden und Familie aus. 
Und doch identifizieren sich die jungen Leute gerade mit dem, wie die Kirche heute Mission versteht: im eigenen Glauben verwurzelt sein, aus dieser Kraft heraus auf andere zugehen und das Leben mit ihnen teilen. Im Gespräch und Dialog, im Tun und Handeln. Im Mitmachen, Dienen und Helfen. So geben sie Zeugnis von der Liebe Gottes zu den Menschen.
Die jungen Menschen sind Missionare auf Zeit im Ausland und nach der Rückkehr „auf Lebenszeit“ in Deutschland als Menschen, die aus dem Glauben leben, als Fürsprecher für das Land und die Menschen, die sie kennen und schätzen gelernt haben, als „Mitarbeiter“ am Reich Gottes.

Wie alles begann
MaZ entstand vor 25 Jahren als Antwort auf die konkrete Anfrage junger Menschen, die eine Zeit ihres Lebens „in der Mission“ mitarbeiten wollten. Sie wollten nicht Schwester oder Pater werden, aber doch einen Teil ihres Lebens zur Verfügung stellen. Die Orden überlegten, wie die Zusammenarbeit mit „Laienhelfern“ in der Mission aussehen könnte. Erste Schritte wurden versucht – der erste junge Mann ging 1978 mit der Gemeinschaft der Spiritaner nach Brasilien und teilte dort Leben, Arbeit und Gebet. 1982 konnte dann zum ersten Mal offiziell das Programm „MaZ“ am Katholikentag in Düsseldorf präsentiert werden. Der Name MaZ, MissionarIn auf Zeit, entstand in Anlehnung an „Kloster auf Zeit“. Und schon begannen die ersten Interessenten, sich auf ihre Einsätze vorzubereiten.

MaZ heute: auf der Suche nach dem „Mehr“ im Leben
Heute hat sich MaZ etabliert und auch gewandelt. Waren es am Anfang vor allem Leute mit Ausbildung, die sich vorstellten, für eine längere Zeit - drei bis fünf Jahre - in der Mission mitzuarbeiten, sind es heute überwiegend AbiturientInnen, die nach den 13 Jahren Schule etwas Praktisches tun, Auslandserfahrung sammeln und mehr über sich und unsere Welt erfahren wollen. Auch als Ersatzdienst anstelle von Zivildienst kann ein MaZ-Einsatz anerkannt werden. Und noch immer gibt es einzelne, die sich mit Beruf und Berufserfahrung für drei Jahre auf den Weg machen. 
Die jungen Leute benennen bei Orientierungsseminaren ihre Beweggründe für einen MaZ-Einsatz so: Sie wollen „eine andere Kultur kennen lernen“, „den Horizont erweitern“, „weg von der Konsumgesellschaft“, „lernen, was wirklich wichtig ist im Leben“, „helfen“, „sehen, wie Leben auch anders gehen kann“, „Kirche und Glauben neu erfahren“.

Mitarbeit in der „Dritten Welt“
„Seit meiner Kindheit war Afrika ein Traum von mir“, erzählt Margot Feller. Sie arbeitet seit Januar in Sansibar (Ostafrika) bei den Mariannhiller Missionsschwestern in einem Altersheim für Leprakranke und bringt ihr Können als Physiotherapeutin ein. Wunden verbinden, Lymphdrainagen legen, Bewegungsübungen mit den alten Menschen sind ihr Alltag. Die Verständigung erfolgt auf Ki-swahili - diese Sprache lernt sie nach und nach.

So wie Margot entsenden die Ordensgemeinschaften jährlich etwa 80 - 100 MissionarInnen auf Zeit im Alter zwischen 18 und 35 Jahren nach Afrika, Lateinamerika, Asien oder Osteuropa. Dort teilen sie den Alltag, die Arbeit und das Gebetsleben. Sie arbeiten in sozialen Projekten mit, zum Beispiel in Kinderheimen, Behindertenzentren, Schulen oder Krankenstationen. Johanna Kammerer, bei Spiritanerinnen in Congo Brazzaville, Westafrika, im MaZ-Einsatz, arbeitet in einer Vorschule mit. Sie schreibt: „Als ich nach den Ferien zum ersten Mal wieder die Schule betrat, kamen mir die Kids schreiend entgegen und freuten sich riesig, dass ich nicht, wie befürchtet, mit den anderen weißen Besuchern weggegangen bin. Von vielen bekomm ich auf einmal viel mehr noch zu spüren, dass sie sich über meine Anwesenheit freuen, was mich natürlich sehr glücklich macht.“

MaZ bietet Qualität 
Siebzehn Ordensgemeinschaften bieten MaZ an - manche in kleinem, andere in größerem Stil. Wichtig ist ihnen allen, eine gute Qualität im MaZ-Programm zu bieten. Deshalb haben sie Qualitätsstandards festgelegt, die eine gute Vorbereitung und Begleitung der jungen Leute garantieren. Darüber hinaus kooperieren die MaZ-Verantwortlichen der verschiedenen Gemeinschaften eng miteinander, tauschen sich aus und bilden sich regelmäßig fort. So wird gewährleistet, dass die jungen Leute im MaZ-Programm gut aufgehoben sind. Dieser Einsatz lohnt sich: „Wenn ich aus irgend einem Grund nicht ausreisen könnte - allein die Vorbereitungsseminare haben sich schon gelohnt und mir sehr viel gegeben“, sagen MissionarInnen auf Zeit immer wieder. Das bestätigt, dass MaZ mehr ist als eine aufregende Zeit in einem exotischen Land. Durch den gemeinsamen Weg der Vorbereitung und Begleitung entwickelt sich in den jungen Menschen selbst sehr viel. Sie setzen sich mit der Welt auseinander, nehmen die Armen in den Blick, hinterfragen unsere materialistische, konsumorientierte Gesellschaft, suchen nach Gott und dem Sinn des Lebens, finden Gemeinschaft und wachsen in ihrem eigenen Glauben.

Erfahrungen fürs Leben
Die Erfahrungen, die die jungen Leute bei MaZ sammeln, prägen fürs Leben. Reich beschenkt kehren sie aus dem Ausland zurück nach Deutschland. Und hier beginnt eigentlich erst so richtig ihr missionarischer Einsatz: zu Hause umzusetzen, was sie in der Ferne erfahren haben. Roland Heinzen, der ein Jahr bei Spiritanern in Tansania mitgelebt hat, beschreibt es so: „Rückblickend auf die vergangenen Jahre ist das MaZ - Projekt eine Offenbarung in meinem Leben. Eine Offenbarung, die mich von vielen zwanghaften Vorstellungen befreit hat, die mir ermöglicht hat, einen Lebensweg einzuschlagen, der mehr oder minder frei ist von Modeerscheinungen, aber gefüllt ist mit Werten: Liebe, Glauben, lebendige Gemeinschaft, Selbstvertrauen, Engagement.“

Laienbewegung in der Kirche
So schließt sich der Kreis: die jungen Erwachsenen kommen aus der deutschen Kirche - mal mit mehr kirchlicher Anbindung, mal mit weniger - lassen sich auf den Weg der Vorbereitung ein, sammeln missionarische Erfahrungen im Ausland, kehren zurück und wirken nun hier wieder missionarisch, als „Sauerteig“ in unserer deutschen Kirche und Gesellschaft. Über 1000 Missionare und Missionarinnen auf Zeit gibt es wohl inzwischen deutschlandweit, die einen MaZ-Einsatz irgendwo auf der Welt geleistet haben. Sie alle bilden eine wichtige Laienbewegung in der deutschen Kirche, die im Kleinen wie im Großen wirkt. Einige engagieren sich in regionalen Gruppen oder auf deutschlandweiter Ebene, andere vor Ort in der Gemeinde, im Beruf und in der Familie. Ob Katholikentag oder Ökumenischer Kirchentag, Erlassjahr-Kampagne oder Attac-Kundgebung, Eine-Welt-Camp und Eine-Welt-Laden oder Vorträge in Schulen und Gemeinden, Jugendfreizeiten oder Studentengemeinde - MissionarInnen auf Zeit bringen sich vielfältig ein. Vor allem aber sind sie Menschen, die einen bewussten, christlichen Lebensstil führen und nicht auf Kommerz und Konsum aus sind, sondern auch die Kleinen und Benachteiligten im Blick haben. Sie braucht unsere Gesellschaft nötiger denn je.