Missionarin auf Zeit in Tansania

Glaube verbindet

von Cornelia Baumann

 

Schon lange vor meinem Abitur 2005 war für mich klar, dass ich nicht gleich wieder die Schulbank drücken möchte, sondern dass ich erst einmal ein Jahr „aussetzen“ werde. Dass ich mich letztendlich für das „MaZ-Programm“ entschieden habe, erklärt sich auch durch meinen Lebenslauf.
Ich wurde in einem kleinen Dorf im oberschwäbischen Allgäu geboren und wurde mit meinen Geschwistern katholisch erzogen. Glaube, Gebet und Gottesdienstbesuch gehörten für mich von Anfang an zum Leben dazu. 
Bis zu meiner Ausreise engagierte ich mich als Oberministrantin und Lektorin in meiner Gemeinde. Neben der Gemeindearbeit gab es allerdings noch ein anderes wichtiges Standbein für meinen Glauben: die Schule.
Als Schülerin am Salvatorkolleg in Bad Wurzach habe ich zuerst an Angeboten der Schulseelsorge teilgenommen und später habe ich sie selbst aktiv mitgestaltet. Ich habe gerne Verantwortung für mich und andere übernommen, deshalb habe ich mich auch in der KSJ (Katholische Studierende Jugend) engagiert.
Im Kontakt zu und in der Freundschaft mit den Salvatorianern hatte ich immer Ansprechpartner in Lebens- und Glaubensfragen. Im Laufe der Zeit wurde mir immer stärker bewusst, dass ich nicht „nur“ ein „Freiwilliges Soziales Jahr“ machen möchte, sondern dass ein Schwerpunkt solch eines Jahres der Glaube sein sollte. Ich habe mich auch aus dem Glauben heraus entschieden, mich in einem fremden Land für andere Menschen einzusetzen und diese Tatsache wollte ich nicht vernachlässigen. Die Entscheidung für „MaZ“ war natürlich auch mit der Hoffnung verbunden neue Impulse für mein Leben und meinen Glauben zu bekommen und ganz in eine andere Kultur eintauchen zu können, immer in dem Bewusstsein meiner eigenen kulturellen Identität. 
Auf der Suche nach dem passenden Programm bin ich bei „MaZ“ gelandet. Ich fand es zum einen sehr ansprechend, weil es über das Jahr verteilt mehrere Vorbereitungsseminare und eine dreiwöchige Mitlebezeit im Kloster vorsah, und zum anderen, weil ich gespannt darauf war, was „Missionarin sein“ heute bedeutet.
Während der Vorbereitung sind wir (ca. 20 Teilnehmer, großteils AbiturientInnen) als Gruppe richtig zusammengewachsen, was sich später im Einsatz als besonders hilfreich erwies.
Schon bei den Seminaren bemerkten wir, dass wir – mehr oder weniger – alle die gleichen Hoffnungen, Sorgen und Ängste hatten.
Natürlich hat jeder seine eigene Vorstellung von einem Einsatz als „MaZ“. So ist es auch nicht verwunderlich, dass wir alle ein bisschen geschockt vom ersten Kurs heimgekehrt sind. Wir wurden mit harten Fakten konfrontiert: Organisationsaufwand, Gesundheitsrisiko, Finanzierung,... 
Ich bin etwas entmutigt, aber mit einer realistischeren Sicht auf den Einsatz, nach Hause gekommen und es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich all die Informationen verarbeitet hatte. Dennoch wollte ich meinen Traum nicht aufgeben und so habe ich mich neben der Abiturvorbereitung intensiv mit Malaria, Versicherungen, Impfungen, verschiedensten Anträgen,... auseinandergesetzt. Es war nicht immer einfach und manchmal habe ich mich schon gefragt, ob sich der ganze Stress überhaupt lohnt; aber als ich erfahren hatte, wo meine Einsatzstelle sein wird, waren all die Mühen vergessen.
Ein weiterer wichtiger Schritt auf meinem Weg zur „MaZ“ war der Kurs mit einem Psychologen. Bei diesem Seminar habe ich mich nochmals richtig hinterfragt und das war unglaublich wichtig.
Natürlich habe ich auch mit meiner Familie und mit Freunden über Zweifel und Ängste gesprochen, doch war ich oft diejenige, die versucht hat den anderen ihre Ängste zu nehmen. Der Begriff „Afrika“ lässt eben viele Gedanken aufkommen: der schwarze Kontinent, wilde Tiere, fremde Kulturen, gefährliche Krankheiten, schlechte Gesundheitsversorgung, Kriminalität,... und so weit weg von daheim. Es tat mir persönlich gut, einmal aus der „Verteidiger – Rolle“ aussteigen zu können und ganz offen über meine gemischten Gefühle bezüglich des Einsatzes reden zu können. Es ging nicht nur um Probleme, die im Einsatzland auf uns zukommen können, sondern auch um die im Heimatland. Viele Menschen werden zurückgelassen, Beziehungen können zerbrechen, wir werden uns – wie alle anderen auch – weiterentwickeln und verändern. Es wird glückliche und traurige Momente im Leben der Daheimgebliebenen geben, ohne dass wir etwas davon wissen, und ihr Leben wird ganz normal weitergehen - auch ohne uns.
All diese Themen haben mich sehr bewegt und mir wurde die Reichweite meiner Entscheidung nochmals neu bewusst. Trotzdem oder gerade deshalb wollte ich nicht aufhören, denn ich habe deutlich gespürt, dass das der Weg ist, den ich gehen soll.
Parallel zur heißen Phase des Abiturs wurden auch meine Reisevorbereitungen immer konkreter. Während meine Mitschüler zu Einstellungstests und Vorstellungsgesprächen gingen, lief ich zu Tropenärzten und Reisebüros. Viele haben mein Vorhaben unterstützt, manche haben mich aber auch für verrückt erklärt, denn „in Deutschland hat man doch alles“. Direkt nach dem Abitur habe ich meine dreiwöchige Mitlebezeit in einem Kloster absolviert und es hat mir gut getan, viel Zeit für mich zu haben, um mit der Schule richtig abzuschließen und mich auf das Neue vorzubereiten.
Abschied nehmen war natürlich mit das Schlimmste, aber nach drei Wochen „Tschüss sagen“ und einem schönen Aussendungsgottesdienst in meiner Gemeinde stieg ich mit einem guten Gefühl ins Flugzeug. Ich wusste, dass ich von meiner Gemeinde, von Bekannten und Freunden und besonders von meiner Familie und meinem Freund in Gedanken und im Gebet begleitet und getragen würde. So habe ich Deutschland mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlassen.

Zusammen mit zwei anderen Missionarinnen wurde mir in Daressalaam/Tansania ein unglaublich herzlicher Empfang bereitet. Meine ganze Schwesterngemeinschaft war mit den besten Schülerinnen der Hauswirtschaftsschule und dem Priester, der zugleich der Direktor des Msimbazi Centres ist, gekommen. Ich wurde in einem Bus voller singender, lachender und kreischender Schülerinnen zu meiner Einsatzstelle und Heimat für die nächsten zwölf Monate gefahren und ich war einfach nur überfordert von all den Eindrücken.
Das Msimbazi Centre wurde von der Erzdiözese Daressalaam als Abendschule für Frauen gegründet und ist mittlerweile zur Hauswirtschaftsschule erweitert worden. Außerdem gehören noch mehrere große Gästehäuser, Hallen, Werkstätten, eine Kantine und Mitarbeiterhäuser dazu. Betrieben wird das Centre von dem Priester, den Schwestern und unzähligen Mitarbeitern. Eigentlich sollte ich Computerkurse für Anfänger geben. Da es aber nur Fortgeschrittenenkurse gab, fiel diese Tätigkeit weg. Ich musste mir eine andere Aufgabe suchen und habe zum Glück die Leiterin des nahegelegenen Kinderheims kennengelernt. In dem Heim, in dem Kinder im Alter von einem Tag bis zwei Jahre betreut werden, die ihre Mütter verloren haben, habe ich die ersten sieben Monate verbracht. Die Arbeit mit den Kindern hat mir besonders viel Spaß gemacht, weil ich auch miterleben konnte, wie die Kinder von ihren Angehörigen besucht wurden und nach den zwei Jahren zu ihren Familien zurückkehren konnten. Sie waren aus dem Gröbsten raus.
Schnell wurden die Kinder zu „meinen kleinen Monstern“. Ich habe mich mit ihnen gefreut und habe mit ihnen gelitten. Manche der Kinder hatten große Probleme und für mich war es eine besondere Herausforderung ihnen das Vertrauen in die Menschen zurückzugeben. Es war unglaublich schön zu sehen, wie viel man mit ein bisschen gutem Willen, Aufmerksamkeit, viel Zeit und Liebe erreichen kann. Natürlich war die Arbeit nicht immer leicht und manchmal hat mich das Geschrei genervt, aber dann musste nur eines meiner „Monster“ lächeln und mein Ärger war verflogen. Ich habe geglaubt, dass diese Kinder es geschafft hätten, sie mussten nicht auf der Straße leben, bekamen ausreichend zu Essen und wurden umsorgt. Es ging ihnen besser als dem Großteil der anderen Kinder. Doch leider kam es anders. Anfang des Jahres hatten wir Magen - Darm - Grippe im Heim und fast alle 50 Kinder waren infiziert. Innerhalb von zehn Tagen starben acht meiner „Monster“ und es war wirklich eine schreckliche Erfahrung für mich. Ich wusste, dass in Deutschland keines der Kinder hätte sterben müssen... In dieser schweren Zeit ist die Gemeinschaft der Mitarbeiterinnen ganz besonders zusammengewachsen und wir haben den Schmerz geteilt. Ich habe erfahren, wie emotional und stark die Tansanier trauern, dass aber nach einer gewissen Zeit das Leben ganz normal weitergeht. Man lässt sich hier nicht von der Trauer lähmen, denn der Tod gehört viel selbstverständlicher zum Leben dazu als bei uns, weil er einfach alltäglicher Begleiter ist. Alle fünf Minuten stirbt ein Tansanier an Malaria und 36% der HIV-Tests sind positiv. Sterben ist hier „so normal“.
Aufgrund dieser Erfahrungen und auch aufgrund meiner beruflichen Zukunft habe ich mich entschieden, die letzten fünf Monate in einer diözesanen Arztpraxis mit Schwangerenvorsorge, Kreißsaal und Wochenstation zu arbeiten. Ich wollte mit dem „Gesundheitssystem“ vertrauter werden.
Geld regiert die Welt, das ist auch hier so. Wer es sich leisten kann, der geht zum Arzt und holt sich Medikamente; wer es sich nicht leisten kann, der hat Pech gehabt. Es handelt sich um Centbeträge, dennoch gibt es immer noch unglaublich viele, die sich zwischen Nahrung und Arztbesuch entscheiden müssen, weil das Geld einfach nicht für beides reicht. In unserer diözesanen Praxis werden Leute auch kostenlos behandelt, doch das ist leider die Ausnahme. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass man nicht allen helfen kann.
Doch mein Leben besteht nicht nur aus Arbeit. Tansania liegt in Afrika und dementsprechend geht es hier zu. No hurry in Africa - kein Stress in Afrika - und das ist wirklich wahr. Der Bus fährt erst ab, wenn er mit Fahrgästen so richtig vollgestopft ist; im Straßenverkehr zählt das Recht des Stärkeren; das ganze Leben spielt sich auf der Straße ab und generell braucht man hier sehr viel Geduld, denn es geht alles „polepole“ (Kisuaheli: langsam). Doch die Menschen sind herzlich, offen, unglaublich gastfreundlich und haben eigentlich immer Zeit.
Meine Kisuaheli - Kenntnisse werden immer besser und ich genieße es, mich während der Arbeit oder in meiner Freizeit mit den Leuten zu unterhalten. Mit meinen Nachbarn ver-
stehe ich mich sehr gut und ich nehme schon seit längerem am wöchentlichen Bibelkreis teil. Ich fühle mich sehr wohl und habe hier wirklich eine zweite Heimat gefunden. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass ich hier einige sehr gute Freunde gefunden habe. Die meisten von ihnen arbeiten bei uns in der Kantine, deshalb bin ich dort auch sehr häufig anzutreffen. Ich kann mit ihnen reden, die Zeit verbringen und nebenbei lerne ich noch afrikanisch kochen.
Viele Menschen leben in wirklich armen Verhältnissen, dennoch strahlen sie enorme Lebensfreude aus. Das fasziniert mich immer wieder aufs Neue.
Eigentlich habe ich mich ganz gut angepasst, doch an Gewohnheiten wie das Müllwegwerfen oder Unpünktlichkeit will ich mich einfach nicht gewöhnen.
Meine Zeit neigt sich dem Ende zu und schon bald werde ich zurück in Deutschland sein - einer anderen Welt. Der Abschied von Tansania wird mir schwer fallen, aber ich spüre, dass es kein Abschied für immer sein wird.

Rückblickend kann ich sagen, dass diese „Auszeit“ das Beste war, was ich machen konnte. Dieses Jahr hat mich geprägt und mir wurde einmal mehr bewusst, dass einzig der Glaube alle Völker verbindet. Die Liturgie ist überall gleich, egal in welcher Sprache und man kann darin sofort ein Stück Heimat finden.