„Sagten Sie Mission?“
von Prof. Dr. Jakob Mitterhöfer SVD
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Stein des Anstoßes Überraschung und Erstaunen klingen mit. Dieser junge Mann - ein Missionar? Es gibt heute noch Mission? Eine lange Geschichte der Beziehung - beinahe 2000 Jahre - zwischen Völkern ist nicht glücklich verlaufen. Weder der christliche Staat noch die christliche Kirche achteten die Völker, zu denen der eine als Eroberer des Landes, die andere als Eroberer der Seelen kam. Gott sei Dank meldete sich dagegen sofort das christliche Gewissen energisch zu Wort, man denke an Bartolomé de Las Casas und viele andere, doch die Vernunft der Macht und deren Interessen behielten die Ober- hand. Diese Geschichte ist längst nicht zu Ende, heute lebt sie in Form der Globalisierung noch aggressiver, aber klug verschleiert, fort, dennoch bleibt der „Schmutz der Geschichte“ an der Kirche und ihrer „Mission“ hängen. Der Vorwurf an die Mission: Exzessiver Eifer, „heiliger Krieg“, religiöse Intoleranz und Miss-achtung eigenständiger Kulturen und Religionen, deren Zerstörung und Ausrottung, noch schlimmer Missachtung der Menschen selbst, deren Versklavung, sogar Ethnozid. Alle diese Vorwürfe wurden 1992 anlässlich der 500 Jahre „Entdeckung Amerikas“ aufgelistet. Die Mission kam dabei schlecht weg, nicht dass sie eigenhändig Völker ausgerottet oder versklavt hätte, aber weil sie die geistigen Grundlagen geliefert hatte und aktiv an der Verteufelung ihrer Kulturen und Religionen beteiligt war. In den Kolonien des vergangenen Jahrhunderts lieferten sich die christlichen Missionen zur Verwirrung der einheimischen Bevölkerung einen unwürdigen Wettlauf um Seelen. „Kind“ der Neuzeit „Mission“ findet sich in der Bibel, doch der „klassische Begriff“, wie wir ihn heute kennen, ist eine Schöpfung der Neuzeit. Beinahe 1500 Jahre (!) verstand die Kirche unter „Mission“ die Verkündigung der Frohen Botschaft. „Mission“ im klassischen Sinn meint: „Spezialisten“ (sprich: Missionare) in „Übersee“; eine Folge ist die Entfremdung („Schisma“) von Kirche (in der Heimat) und Mission (in Übersee). Heute betreiben alle Religionen Mission - fundamentalistische Freikirchen in aggressiver Form - selbst unter Christen. Wie sollen Kirchen (katholische und evangelische) „Mission“ Menschen verständlich machen, wenn sich diese vom Glauben und Religion entfernt haben? Menschen, denen Glaube nichts mehr bedeutet, können und wollen ihn auch nicht verbreiten! Mission wird sogar zum Schimpf-wort: Politikern beispielsweise wird ein „missionarischer Eifer“ angedichtet, wenn sie hartnäckig auf ihren Ideen beharren. |
Aus den Quellen trinken Die Kirchen nehmen die Lektion aus der Geschichte an. In unserer Zeit besinnen sie sich wieder auf ihre Anfänge, sie trinken - wie Theologen aus Lateinamerika sagen - wieder aus ihren Quellen. Nehmen wir als Beispiel das Zweite Vatikanische Konzil (1962 - 65). Dort heißt es: Die ganze Kirche ist „wesentlich missionarisch“. Das heißt, sie lebt inmitten der Welt, sie nimmt die konkrete Realität der Welt ernst - zu denken an die große Mehrheit der Menschheit in Armut und Elend - und verkündet in diese Welt die „Frohe Botschaft“ von Gott zur Befreiung. Oder: Die Kirche ist als „Volk Gottes“ unterwegs in die Völkerwelt hinein, in ihre Kulturen und Religionen. Die „Welt“ wird zum „Zeichen der Zeit“, darum muss sich die Kirche als Anwältin der Menschen und ihrer Religionen verstehen. Die Einschätzung der Kulturen und Religionen durch die Kirche hat sich „kopernikanisch“ gewandelt: Kulturen und Religionen sind Projekte des Lebens der Menschen. Für die Kirche gilt: Wie Gott durch Jesus Christus in die Menschheit eingetreten ist (Inkarnation), so tritt die Kirche immer neu in die Menschheit ein (Inkulturation). Die Texte des Konzils wenden sich energisch gegen jeden Versuch, die Frohe Botschaft durch Gewalt oder List oder geistige und ökonomische Überlegenheit den Menschen aufzudrängen. Die Quellen, aus denen die Kirche trinkt, gebieten ihr aber, diese Botschaft von der Anwesenheit Gottes in der Welt anzubieten. So versteht die Kirche heute ihre „Mission“ - dieser Begriff ist mit neuem Inhalt gefüllt. Die Mission der Kirche nimmt unterschiedliche Formen an - je nach der Situation, in welcher sie als Kirche lebt. Es kann Entwicklungshilfe sein oder Anwaltschaft oder Dialog mit den Religionen. Im Dialog sind die Religionen gleich- wertige Partner, welche aus der Mitte ihres Glaubens die Frage nach Gott, das Heil und die Befreiung durch Gott stellen. Auf diese Weise ist „Mission“ ein gegenseitiger Lernprozess. Innerhalb der Kirche nimmt der Lernprozess vielfältige Formen an. Die neuen jungen Kirchen außerhalb Europas denken selbst über ihre traditionellen Religionen und über die Frohe Botschaft nach. So entsteht in allen Ländern der Welt eine Vielfalt eigenständiger Theologien. Eine Lehre aus der Geschichte darf die Kirche nie vergessen: Sie muss sich vor dem Dämon der Macht hüten. Das bedeutet: Sie muss alle Fragen aus ihren Quellen angehen und sie muss sich hüten, andere zu bevormunden. Oder positiv: Der größte Teil der Christen- heit lebt längst in der südlichen Halbkugel. Aufgabe der Weltkirche ist, Umschlagplatz zu sein - zwischen den vielen Kirchen und unter-schiedlichen Theologien - , sie zu fördern, damit alle aus der gemeinsamen Quelle trinken können. |
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