Gesandt sein / Sendung

von Maria Anna Leenen

 

1. Vorausbild der Sendung
Tiefes Erschrecken muss ihn erfüllt haben, eine das Herz rasen machende Furcht, vielleicht sogar Todesangst. Denn niemand kann Gott sehen und am Leben bleiben (Exodus 33,20); das wusste jeder gläubige und seinen Glauben praktizierende Jude. Mitten in einer Zeit der Abkehr von JHWH, im Vorfeld der Bedrohung durch die Assyrer bestimmt Gott einen Mann aus Jerusalem zum Abgesandten und Propheten. Im Moment der Berufungsvision muss der neue Prophet den unbegreiflichen Abstand erkennen zwischen dem absoluten, heiligen Gott und dem kleinen und gebrochenen Menschen. Dieses tiefe Erkennen der menschlichen Unvollkommenheit und Schwäche schwingt qualvoll im Schrei des Mannes mit: „Weh mir, ich bin ein Mann mit unreinen Lippen mitten in einem Volk mit unreinen Lippen“ (Jesaja 6,5). Doch wen Gott zur Sendung beruft, den kann er auch befähigen und stärken. Im Bild vom Berühren der Lippen mit der glühenden Kohle geschieht diese Befähigung und Jesaja kann zustimmen und sich zur Verfügung stellen: „Hier bin ich, Herr, sende mich“. Die Schriftstelle aus dem Prophetenbuch des Alten Testamentes findet ihre endgültige und alle Welt und Zeit umgreifende Vollendung in den Aussagen des Neuen Testamentes. 
Die Berufung des Jesaja kann als Vorausbild der Sendung eines jeden Gläubigen begriffen werden und die Zustimmung des alttestamentlichen Propheten fordert auch die Leser und Leserinnen heute auf, sich dem Anruf Gottes zu stellen und die Heil bringende und Sinn stiftende Botschaft von der Liebe und vom unergründlichen Erbarmen Gottes zu leben und weiterzusagen, sie durch das eigene Leben zu verkünden. 
Diese Sendung gehört zu den ureigensten Aufgaben aller, die zur Kirche berufen sind; ist drängender Aufruf sich zu denen auf den Weg zu machen, die ebenfalls die Botschaft hören sollen. Zu denen, die ohne Abstriche eingeladen sind, erfahren zu dürfen, begreifen und verstehen zu dürfen, was es bedeutet, diesen Gott und seine Botschaft ins Herz einzulassen. 

2. Sendung in der Nachfolge des Gesandten
Hinaus gehen zu allen Völkern und ihnen vom menschgewordenen Gott erzählen, von seinem Leben und Sterben, von seinem Tod und seiner Auferstehung - der Auferstandene selbst erteilte in seiner machtvollen und zugleich unfassbaren Präsenz seinen Jüngern diesen weltweiten Auftrag. Er gilt bis heute und nicht nur für die Apostel und ihre Nachfolger! Jedem Getauften wurde mit dem Sakrament der Eingliederung in den mystischen Leib Christi, der die Kirche ist, der Auftrag und die Befähigung geschenkt, das Evangelium zu verkünden. 
Das II. Vatikanum hat diese Glaubenswahrheit immer wieder deutlich gemacht und in Erinnerung gerufen: „(Das Konzil) hat den missionarischen Charakter des ganzen Volkes Gottes erläutert, besonders das Apostolat der Laien. Und es hat den besonderen Beitrag unterstrichen, den sie in der Missionsarbeit zu leisten berufen sind. Daß alle Gläubigen diese Verantwortung mittragen, ist nicht nur eine Frage der apostolischen Wirksamkeit, sondern eine Pflicht und ein Recht, das in der Taufwürde gründet, wodurch ‚die gläubigen Laien ihren bestimmten Anteil haben an dem dreifachen Amt Jesu Christi - dem priesterlichen, prophetischen und königlichen.‘ “(Redemptoris Missio).

3. Durch den Geist formen lassen
Unaufhaltsam breitet sich das erlösende Wort Gottes aus, strahlend vor Kraft und heilender Macht, anziehend für alle, die sehnsüchtig suchen nach Sinn und Orientierung in dieser gefährdeten Welt. Es steckt an mit seiner tiefen Lebendigkeit, lockt und sucht das Herz des Menschen, der in Dunkelheit und Angst verzweifelt. 
Doch wer das Wort weitergeben will, setzt sich ihm gleichzeitig aus. Er wird auch konfrontiert mit dem Menschen und seiner Kultur, dem er das Wort sagen will. Zur Sendung gehört darum unabdingbar die Auseinandersetzung: mit mir und meinen Glaubensvorstellungen, mit meinem Gegenüber, seinem Volk, seinen Lebensumständen, mit den Strukturen seines Landes. Das Reich Gottes hat schon begonnen, hier und jetzt, aber es ist noch im Werden, es muss wachsen und reifen.
Und der vom Wort angesteckte und vom Auferstandenen gesandte kleine Mensch wird immer auch erfahren, wie sehr sich „die Welt“ dem Reich Gottes entgegenstellt. Er wird - vielleicht schmerzhaft – spüren, dass dem Wort nicht geglaubt wird; dass sich dem Wort Hindernisse, Mauern, Misstrauen und Verachtung in den Weg legen. 
Dabei erwachsen störende und die Sendung beeinträchtigende Hindernisse nicht nur von außen. Auch die eigene innere Verfasstheit kann die Verkündigung erschweren, in welchem Rahmen sie auch immer geschieht. So beinhaltet Sendung auch immer eine Herausforderung für die, die sich gesandt wissen, zur demütigen Erforschung der eigenen Motivation. Missionarisch leben, arbeiten, Gemeinschaft neu zu stiften zu versuchen bedeutet dann auch sich von dem, der sendet, formen zu lassen. Bedeutet sich dem Wort auszusetzen und sich begeistern zu lassen, um nicht sich selber zu verkünden, sondern Jesus Christus.

 

Geduld, Aufmerksamkeit und Offenheit, achtsames, bewusstes Interesse für die Menschen sind unverzichtbare Eigenschaften eines Gesandten. Und vor allem in Ländern, deren Lebensstandard sich deutlich und gravierend von denen des eigenen Landes unterscheidet, gehört eine sensible und respektvolle Haltung den unbekannten Lebensumständen gegenüber dazu. Fremdes achten, Hintergründe und Traditionen versuchen zu verstehen und auch die Glaubenserfahrungen des anderen zu akzeptieren, das schafft ein Klima, in dem der offene Austausch über die christliche Botschaft möglich werden kann. Indoktrination, Zwang oder trickreiche Kunstgriffe sind mit dieser Auffassung von Sendung absolut nicht zu vereinbaren.
Mahatma Ghandis von tiefer Weisheit durchtränkte Worte gelten darum bis heute: „Verwechseln Sie die Lehre Jesu nicht mit dem, was als moderne Zivilisation gilt. Ich bitte Sie, die Missionare sind, tun Sie den Völkern, für die Sie sich einsetzen, keine unbewusste Gewalt an. Es gehört nicht zu Ihrer Berufung, versichere ich Ihnen, das Leben der Menschen des Ostens an den Wurzeln zu zerreißen.“

4. Eine unendliche Geschichte
Ob für einige Monate oder auf Lebenszeit, als frei gewählte Beruf(ung)ssituation oder als ganz persönliches, inneres Glaubensverständnis: missionarisch sein, die Sendung leben kann viele Koordinaten eines Lebens verändern. Eine neue Blickrichtung, ein echter „Durchblick“ öffnet sich, verändert, bereitet den Boden für neue und tiefere Erkenntnisse. Durch die Bereitschaft sich auf andere Menschen und ihre Kultur einzulassen kann die Kraft des eigenen Glaubens tiefer erfahren werden. Und das Zeugnis des Glaubens im respektvollen Dialog abgelegt und durch mitfühlende Hilfe bekräftigt, schenkt seinerseits demjenigen, der bezeugt, eine erneuerte und verstärkte Sensibilität für das der Welt innewohnende Geheimnis Gottes. Ein Prozess, der auch nach den Erlebnissen und Erfahrungen einer betont missionarischen Zeit nicht aufhört. Denn zurück in der Heimat wartet nicht selten ein weiterer Kulturschock auf Menschen, die tief in andere Länder und Kulturen eingetaucht waren. Die vielleicht erregend und inspirierend neu aufgegangene Lebendigkeit der Botschaft Jesu prallt an fest gefahrene, selbstzufriedene oder abgestumpft-routinierte Glaubensvollzüge zu Hause. Eine Aufgabe, die Kraft und Mut erfordert, die aber die Universalität von Glauben und Sendung überraschend bestätigen kann.

5. Eine bleibende Verbindung
Die vielleicht schönste Erfahrung einer missionarisch gelebten Zeit ist das gewachsene Gespür für die unsichtbare, tief verborgene und doch alles tragende Verbindung untereinander durch die Gemeinschaft in Gott. Der Einsatz für die Menschen fremder Länder und Kulturen ist Ausdruck und dankbare Frucht aus diesem ‚Einssein in einem Leib‘ (vgl. 1 Korinther 12,12).Und auch wenn Aktion und Einsatz aus den unterschiedlichsten Gründen weniger werden - das Gebet füreinander ist immer realisierende und stärkende Kraft über alle Grenzen hinweg! Nicht umsonst ist die Heilige Therese von Lisieux , die außer einem Kurzbesuch in Rom nie aus Frankreich herauskam, die Patronin der Mission. Dem Fremden, dem die Gnade Gottes ebenso wie mir geschenkt werden soll, erreicht vielleicht keine Spende oder keine tatkräftige Hilfe. Mein Gebet aber erreicht ihn immer.

Weggeleit

Am liebsten
legte ich
wie einen Mantel
mein Gebet
um dich
gewebt
aus Gottesglut
und Feuergeist
doch
ganz behutsam nur
stell ich 
mein Dunkelgebet
an deinen Weg
vielleicht
daß es
dich trägt
Sr.Maria Magdalene Bauer OSC