Der Glaube vereint

von Pia Frei

Köln im Ausnahmezustand - Fahnen aller Nationen wehen über der Masse rund um den Kölner Dom. Der Papst wird bereits vier Stunden vor seiner geplanten Ankunft um sieben Uhr sehnsüchtig erwartet. Die Strecke vom Rhein bis zum Dom, die das Papamobile entlang fuhr, war gesäumt von tausenden von Jugendlichen die mit Sprechgesängen und heftigem Jubel darauf warteten, für einen kurzen Moment Benedikt XVI. zu sehen. Hätte man nicht gewusst wen diese riesige Menge empfängt, so hätte genauso gut Lance Armstrong im nächsten Moment um die Kurve fahren können.

Ebenso spektakulär gestaltete sich der Weg zum englischen Gottesdienst im Fußballstadion an der Frankfurter Straße. Angekommen an der besagten U-Bahnhaltestelle war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. „Hier gibt es kein Stadion" hieß es solange, bis ein Mädchen aus dem Nichts auftauchte und auf uns zu kam. Einen hellblauen Rucksack auf dem Rücken, wie alle Pilger, und eine neuseeländische Flagge im Gepäck. Sie fragte uns „Wollt ihr auch zur Messe?" und so führte sie uns zu einer weiteren Haltestelle an einer anderen Frankfurter Straße. Das war wirklich Glück im Unglück! Wir waren an der falschen Haltestelle ausgestiegen und ein Mädchen, das vom anderen Ende der Welt angereist war, zeigte uns den richtigen Weg.

Dies unendliche große Hilfsbereitschaft konnte man in diesen Tagen besonders spüren. Immer wenn unsere Gruppe nicht mehr wusste wohin, bekamen wir sofort Hilfe. 27.000 HelferInnen waren im Rahmen des Weltjugendtages im Einsatz. In allen Ecken Kölns waren sog. „Info-Points" und überall liefen freiwillige Helfer in roten T-Shirts mit der Aufschrift „Volunteer" herum. So waren sie schnell zu finden und nicht ein einzigstes Mal haben wir es erlebt, dass jemandem der Geduldsfaden riss. Mit einer Ausdauer und viel Liebe zur Sache selbst wurde uns in allen Situationen weitergeholfen.

Es war einfach unglaublich wie sich die Wege hier in Köln kreuzten und die Nationen in vollkommener gegenseitiger Akzeptanz aufeinander trafen. So auch im bereits erwähnten Gottesdienst, den australische, neuseeländische, kanadische und andere Jugendliche aus englischsprachigen Ländern miteinander feierten.

Die Gefühle im Rahmen dieser Feier übermannten uns. Gitarrenmusik und gemeinsame Gesänge untermalten die Messe. Trotz der englischen Sprache ließ sich der Messablauf gut nachvollziehen und es war ein tolles Gefühl, uns auch ohne die gleiche Sprache zu sprechen zu verstehen. „Peace be with you" oder „Friede sei mit dir", „The body of Christ" oder „Der Leib Christi"... wäre man der englischen Sprache nicht mächtig, würde man allein durch die gleiche gemeinsame Zeichenhandlung verstehen, was gemeint ist.

Dieses Phänomen der Einheit war besonders auf dem Marienfeld zu spüren. Dort fand die gemeinsame Abschlussmesse mit unserm Papst Benedikt XVI. statt. Als wir auf dem Feld ankamen, fanden wir müde Pilger die erschöpft in ihren teils nassen Schlafsäcken lagen. Die Fahnen waren für eine Zeit in die Erde gesteckt, um sich vor der zweieinhalbstündigen Messe noch ein bisschen auszuruhen. Doch ehe man sich versah änderte sich die Situation schlagartig, als um zehn Uhr die Nachricht verkündet wurde, dass Benedikt XVI. soeben auf dem Marienfeld angekommen ist. Bis auf einige wenige deren Erschöpfung zu groß war, erhob sich die Menge von rund einer Million Pilgern und Tagesbesuchern, um den Heiligen Vater gebührend zu empfangen. Wieder tönte es von allen Seiten „Viva il Papa", „Benedetto!" und die Fahnen kamen zum letzten Einsatz.

Unser Platz lag etwa einen Kilometer vom Altar entfernt, der auf einem Hügel unter einer Kuppel errichtet wurde. „Ich sehe einen gelben Punkt. Das muss unser Papst sein" mutmaßten wir und da die Distanz einfach zu groß war, ließ sich die Messe in den hinteren Teilen des Feldes nur über riesige Leinwände verfolgen.

Die Feier selbst gestaltete sich äußerst eindrucksvoll. Papst Benedikt XVI. begann seine Predigt auf Deutsch und führte sie schließlich auf English, Spanisch, Französisch und Italienisch fort. Dies war sehr beeindruckend und unterstrich die Einheit der verschiedenen Nationen im Glauben unserer Kirche. Während der ganzen Messe wechselten sich die unterschiedlichen Sprachen ab und Jugendliche aus aller Welt führten durch den Gottesdienst.

Die Kommunionausteilung gestaltete sich in diesem Ausmaß besonders eindrucksvoll. Mehrere hundert Priester und Kommunionhelfer strömten aus, um jedem die Möglichkeit zu geben, eine Hostie zu empfangen. Ich habe mich schon gefreut als der Priester zu uns kam. Ich legte meine Hände ineinander und war eigentlich schon darauf eingestellt, im nächsten Moment die Kommunion zu empfangen. Doch der Priester lief nicht nur auf mich zu, sondern im gleichen Moment auch an mir vorbei. Verfolgt von einer Horde Jugendlicher die, als er ein paar Meter weiter zwischen all den Schlafsäcken endlich Platz gefunden hatte, eine riesige Menschentraube um ihn bildeten. Es war wirklich spektakulär und schön zu sehen, dass auch noch in unserer Zeit der Glaube eine solche Euphorie auslösen kann. In diesem Moment habe ich fest daran geglaubt, dass wir gemeinsam Berge versetzten könnten.

Nach einer halben Stunde hatte ich schließlich doch noch die Chance die Kommunion zu empfangen. „Dosos Christi" sagte der Priester zu mir und ich antwortete ihm „Amen." Und wieder war es diese besondere Art der Völkerverständigung im Zeichen des Glaubens, die ich erfahren durfte. Ein kleiner Dialog, der in Wirklichkeit unheimlich groß ist.

Der Weg vom Feld zu den Zügen war ein weiteres Highlight. Es ist kaum vorstellbar wie es möglich sein soll, dass sich eine Million Menschen mehr oder weniger gleichzeitig auf den Weg macht. Aber auch dies hat funktioniert. In einer ungefähr acht Meter breiten und mehrere Kilometer langen Kolonne zogen die Jugendlichen los. Querfeldein und über eine Autobahnbrücke auf der uns die Autos von unten mit lautem Hupen begrüßten, ging unser aller Weg nach Horrem. Dort brachten 400 Sonderzüge die Pilger in die verschiedenen Richtungen und so endete der diesjährige Weltjugendtag friedlich. Für manche ging es noch einen Tag länger, da es nicht möglich war alle zu transportieren. Ein paar Pilger wurden daraufhin in Notunterkünften untergebracht.

In diesen Tagen durfte ich das erste Mal erfahren wie es ist, wenn die „Jugend der Welt" sich versammelt um „IHN anzubeten". Es war ein überwältigendes Gefühl, unter einem Dach vereint zu sein. Vereint unter dem Dach des Glaubens. Es spielte keine Rolle wer du bist, was du sprichst oder wie du aussiehst. Hier in Köln herrschte absoluter Frieden. Dieser Frieden war stets gegenwärtig und in den verschiedensten Situationen erfahrbar.

Sei es in der S-Bahn in der kleine Gruppen anfingen zu singen oder eine Andacht zu halten. Sei es am Bahnsteig, wenn Brasilien und Spanien sich über die Gleise hinweg mit Lobgesängen und Tänzen gegenseitig bei Laune hielten. Sei es, wenn wir wie so oft nicht wussten wohin, dein Nächster dir weiter hilft ohne dass du auch nur fragen musstest. Und sei es nicht zuletzt im Gottesdienst, wenn dir drei verschiedene Nationen in ihrer Sprache den Frieden wünschen.

Und doch wird jeder Einzelne aus dieser großen Gemeinschaft, am Ende dieses Weltjugendtages wieder in sein Heimatland zurückkehren. Dort angekommen, werden wir erneut mit den alltäglichen Problemen unserer Welt konfrontiert. Die Presse ist erfüllt von Schreckensnachrichten. Ein Attentat folgt dem nächsten und die Länder haben noch immer nicht aufgehört sich zu bekriegen.

Wie schön wäre es, wenn wir uns im täglichen Umgang miteinander stets daran erinnern würden, unseren Nächsten so zu lieben wie uns selbst. Der Weltjugendtag hat es geschafft ein Zeichen zu setzten. Ein Zeichen, dass es möglich ist sich ohne viele Worte zu verständigen und gemeinsam an einer gerechten Welt zu bauen.

Hoffen wir auf den Tag, an dem auch die mächtigsten Menschen dieser Welt verstehen, dass „das Gebet die größte Weltmacht ist" (P. Jordan).