Was mich mit dem Papst verbindet

von Stephan Horn SDS

Mit Papst Benedikt verbinden mich vor allem die Jahre, in denen er Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in Regensburg war. Ich erlebte ihn dort im Kreis seiner Doktoranden, einer ziemlich international gefärbten Gruppe. Sie trafen sich etwa alle acht oder vierzehn Tage zu gemeinsamen Gesprächen mit ihrem Doktorvater nicht an der Uni, sondern im Priesterseminar, da sie Theologie nicht als etwas bloß Intellektuelles verstanden. Deshalb wollten sie zuerst miteinander Eucharistie feiern. Einer der Doktoranden oder Habilitanden legte dann ein Ergebnis seiner Forschung vor und stellte es zur Diskussion. Wir versuchten es denn auch mit Wohlwollen aber doch zugleich kritisch auf die Waage zu stellen. J. Ratzinger führte das Rundgespräch ziemlich locker und ließ zuerst uns zu Wort kommen, bevor er dann selbst ein Element des Gesprächs aufgriff und seine eigenen Überlegungen einfügte. Er konnte das Gespräch auf den Punkt bringen und zugleich aus einer ganz außerordentlichen Kenntnis der Glaubens- und Theologiegeschichte heraus die Sache weiterführen. Ich konnte bald erleben, dass er das, was ich - etwa als Referent - zu sagen hatte, besser und klarer in Worte fassen konnte, als es mir selbst möglich war. Er konnte wirklich zuhören. Dann begann eine neue Diskussionsrunde, und es kam nicht darauf an, dass etwas zu Ende diskutiert wurde...

Wir fühlten uns in dieser offenen Diskussionsatmosphäre trotz aller kritischen Analysen wohl. Sie nahm uns die Scheu uns zu äußern. Es kam uns auch immer weniger darauf an, uns zu profilieren und groß herauszukommen. Im Gespräch mit Peter Seewald - in "Salz der Erde" - hat Kardinal Ratzinger selbst von seinem Doktorandenkreis gesprochen:

„Das ist für mich über­haupt eine sehr wichtige, auch menschliche Erfahrung ge­worden, dass ich die Doktoranden nicht einzeln betreut habe, sondern dass wir jede Woche etwa zwei Stunden mit­einander gearbeitet haben und jeder der Reihe nach seine Er­kenntnisse vortrug und zur Debatte stellte. Ich glaube, dabei haben alle gewonnen.

Wir haben das dann sehr bald dadurch erweitert, dass wir auch große Leute besucht haben. Wir waren einmal bei Congar in Straßburg, wir waren bei Karl Barth in Basel, wir ha­ben umgekehrt Karl Rahner zu uns eingeladen. Das war schon ein sehr lebendiger Kreis. Wir haben uns da auch nichts erspart. Wir wußten, dass wir uns nicht bös’ gesinnt sind, sondern dass wir uns helfen, indem wir analytisch zu­greifen. Andererseits haben wir auch versucht, nicht in der Analyse hängenzubleiben, sondern zur Synthese zu kom­men."

Schon in Bonn und in Münster, später auch in Tübingen hatte der junge Professor Ratzinger die Studenten magnetisch angezogen. Es war für sie eine frische Theologie: Ratzinger ging es darum, in das geistige Ringen der Zeit einzutreten. Aber seine Vorlesungen waren zugleich geprägt von einem tiefen Eindringen in die geistige Welt so großer Theologen wie Augustinus und Bonaventura. Hörer aus dieser Zeit berichten, wie der junge Ratzinger mit dem Fahrrad zur Vorlesung kam und wie im Hörsaal, auch wenn in ihm mehr als 1000 Studenten waren, absolute Stille eintrat, sobald er den Hörsaal betrat. Die Studenten spürten, dass ihnen auf höchstem intellektuellem Niveau in einer schlichten, verständlichen Sprache etwas geboten wurde, was ihnen geistigen und zugleich geistlichen Halt gab oder was ihnen half, zum Glauben an Christus zurückzufinden. Das wichtigste Zeugnis seiner schöpferischen Theologie in dieser Zeit ist wohl seine "Einführung in das Christentum", die Niederschrift von Vorlesungen vor Hörern aller Fakultäten in Tübingen.

In Bonn entdeckte Kardinal Frings den jungen Theologen Ratzinger und machte ihn zu seinem Konzilstheologen. Er selbst fand dort Kontakt mit dem Indologen Paul Hacker. Das bedeutete für ihn das Gespräch mit einem führenden Religionswissenschaftler. Ratzinger war damals Fundamentaltheologe, und das Thema des Verhältnisses von Religionen, Philosophie und Glaube beschäftigten ihn jetzt deshalb besonders stark, zumal es ihn schon seit seinen Studien über Augustinus fasziniert hatte. Er lernte damals auch zwei gescheite

orthodoxe Theologiestudenten kennen, die ihm die Welt der orthodoxen Kirchen nahebrachten und die später wichtige Stellungen einnehmen sollten. Mit einem von ihnen sollten sich die Schüler von Professor Ratzinger Jahrzehnte später in Chambésy bei Genf zum Gespräch über das Papsttum im Blick auf die orthodoxen Kirchen treffen. In den Regensburger Jahren (Herbst 1969 bis Frühjahr 1977) gaben ihm dann die "Regensburger Ökumenischen Symposien" die Möglichkeit, das Gespräch mit orthodoxen Bischöfen und Theologen zu pflegen. So verwundert es nicht, dass es zu seinen vorrangigen Zielen als Papst gehört, vor allem zu ihnen hin Brücken zu bauen und mit ihnen zu einer tieferen Einheit zu kommen. Das Gespräch mit evangelischen Theologen war ihm schon durch die Zugehörigkeit zum sog. „Stählin-Jaeger-Kreis" und durch seine Studien vor allem evangelischer Exegeten selbstverständlich. Gerade in diesen Jahren machte J. Ratzinger die wichtigsten Vorschläge, in den ökumenischen Bemühungen voranzukommen.

Darin liegt für mich schon eine erste Antwort auf die Frage, die so oft gestellt wird: ob sich bei Prof. Ratzinger nicht doch irgendwann nach dem Konzil eine klare Wende ereignet habe. Er war keineswegs der rückwärtsgewandte Professor geworden, als der er nun seit den siebziger Jahren in den Medien gerne dargestellt wurde. Das erlebten wir Schüler jedes Jahr aufs neue, seitdem er in seiner Zeit als Erzbischof von München den Vorschlag aufgriff, mit dem großen Kreis von ehemaligen Doktoranden jährlich theologische Begegnungen durchzuführen. So entstand aus den Doktorandenseminarien von Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg der „Schülerkreis", der sich von da ab bis heute - also fünfundzwanzig Jahre hindurch - fast jedes Jahr traf. Diese Treffen führte Kardinal Ratzinger und seine Schüler zum Gespräch mit anerkannten Professoren über die Konfessionsgrenzen hinaus zusammen, um die unterschiedlichsten aktuellen Fragen der Theologie und der Kirche aufzunehmen und freimütig zu diskutieren.

Unser Lehrer gehörte freilich nicht zu denen, die im Zweiten Vatikanischen Konzil vor allem ein Ereignis sahen, das einen radikalen Einschnitt, ja geradezu einen Bruch mit der Vergangenheit bedeutete. Er selbst suchte, ganz in der Linie des Konzils, die Fülle des Katholischen, das in der Kirche durch die Zeiten hindurch gegenwärtig blieb, aufzunehmen und in die Zukunft hineinzutragen. Als Bischof und als Präfekt der Glaubenskongregation wurde ihm dabei freilich seit 1977 die Aufgabe eines Hirten anvertraut, die ihm eine besondere Verantwortung für den „Glauben der Kleinen" (vgl. Mt 11,25) auferlegte. Die „einfachen Gläubigen" - alle Gläubigen - mussten bei allem Wandel, der sich in der Kirche vollzog, sehen können, dass die Identität des Glaubens und des kirchlichen Lebens gewahrt blieb. Das hinderte ihn aber nicht, im Rahmen des Glaubens der Kirche von neuem theologische Vorstöße ins Spiel zu bringen. In diesen Jahren zeigte sich bei ihm immer mehr der Mut, dem Diktat der öffentlichen Meinung zu widerstehen, und der paulinische Freimut, für die Wahrheit des Evangeliums und des Glaubens der Kirche offen einzutreten, klare Positionen zu beziehen und, wo es nötig war, auch gegen den Strom zu schwimmen. Er erkannte weitsichtig Entwicklungen, die sich besonders in Deutschland und Europa zuerst wie unter einer Decke anbahnten, und versuchte frühzeitiger als mancher andere gegenzusteuern.

Er musste es sich gefallen lassen, auch in manchen katholischen Kreisen als Buhmann angesehen zu werden. So wuchs ihm eine große innere Freiheit zu, die auch seinen Vorgänger, Papst Johannes Paul II. auszeichnete. Für uns wurde dabei auch etwas anderes noch deutlicher, das ihn immer geprägt hatte: er persönlich trat hinter das zurück, was er glaubte, bezeugte und als Theologe deutete. Er blieb auch als berühmter Professor und dann als Kardinal bescheiden. Er wollte schon als Theologe einfach das sein, was er jetzt als Papst sein will: ein demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn.