„Es muss mehr als alles geben...."

von Holger Winterholer

Eigentlich war ich auf dem besten Weg in eine gute Zukunft. Eine erfolgreiche Berufsausbildung als Justizbeamter beim Gericht hatte ich abgeschlossen. Nun fand ich eine interessante und abwechslungsreiche Tätigkeit beim Jugendstrafgericht in Stuttgart. In meiner Freizeit pflegte ich genüg Hobbys und der erste Bausparvertrag legte die beste Voraussetzung für die weitere Zukunft. Das Leben konnte kommen!

Eigentlich – so müsste man doch meinen – dürfte ich zufrieden gewesen sein. Und dennoch hat etwas mich umgetrieben! „Es muss mehr als alles geben ..." dieses Zitat der Dichterin Nelly Sachs gibt wieder, was sich in mir regte. Fragen kamen in mir auf: Wo ist mein Platz? Was hält die Zukunft für mich bereit? Gibt es einen Gott und wenn ja, was hat er dann mit mir zu tun?

Aufgewachsen in einer katholisch geprägten Gemeinde am Fuße der Schwäbischen Alb war man „gläubig". Der sonntägliche Gottesdienstbesuch gehörte für meine Familie selbstverständlich dazu. Aber in meinem eigenen persönlichen Glauben war ich noch am Anfang einer Suche.

Erst im Gespräch mit Gleichaltrigen fand ich einen ganz neuen und tieferen Zugang zu meinem Glauben. Wir diskutierten gemeinsam über den Glauben, schlossen uns einem Bibelkreis an, um so miteinander ins Gespräch zu kommen über Gott und mit ihm. Schließlich wollte ich es genauer wissen. Wenn es Gott gibt, dann müsste es auch Folgen haben für mein Leben! Mit dieser Anfrage trat ich meinen Zivildienst bei einer Sozialstation an, die von Vinzentinerinnen aus Untermarchtal geführt wurde. Anstrengend und zehrend war der Dienst – Menschen habe ich gepflegt in ihren schweren Krankheiten und schließlich begleitet bis in den Tod hinein.

Diese Erfahrungen ließen mich aufbrechen! Aber wohin soll es gehen? Einen kirchlichen Beruf konnte ich mir so richtig nicht vorstellen. So suchte ich erste Antworten auf Einkehrtagen in Klöstern und in der Begleitung bei einem Pfarrer. Schnell wurde klar, dass ich ein Gespräch mit jemanden von „Berufe der Kirche" brauchte. An einem Wochenende im Priesterseminar in Rottenburg tauschte ich mich mit Gleichgesinnten aus und der erste Kontakt zur Berufsstelle wurde geknüpft. Im Gespräch fand ich hilfreiche Tipps und vor allem Unterstützung für meine Suche. Da ich das Abitur noch nicht hatte war meine nächste Anlaufstelle das Spätberufenenseminar St. Pirmin in Sasbach in der Erzdiözese Freiburg.

Ich wagte einen neu Schritt. Von meinem Beruf ließ ich mich erst einmal beurlauben und begann erneut die Schulbank zu drücken. Neben den vielen Schulfächern war die Zeit dort nicht nur geprägt vom Lernen, sondern ich setzte mich mit dem Glauben auseinander und mit meinen Fragen, auf die ich noch soviel Antworten brauchte: Was will wohl Gott von mir? Soll ich wirklich Priester werden? Fragen, die sich nun langsam immer mehr zu einem Weg mit vielen Etappen entwickelt – meinem Lebensweg!

Immer wieder traf ich mich mit meinem Geistlichen Begleiter Rudolf Hagmann, dem ich viel auf meinem Weg zu verdanken haben und dem ich heute freundschaftlich verbunden bin. Daneben war mir Rolf Seeger, der damalige Leiter der Berufsstelle in unserer Diözese eine große Stütze und Hilfe. Anhalten und Zurückschauen auf meine bisherige Route hat mir immer wieder neue Kraft gegeben für die anstehende Strecke.

Nach dem erfolgreichen Abitur begann ich in Tübingen Theologie zu studieren. Im Wilhelmsstift – dem Theologenkonvikt der Diözese – waren wir eine Schar von jungen Männern, die sich noch einmal vertiefter auf die Suche nach ihrem Weg machten. Während meines Studiums durfte ich immer mehr die Fußspuren Gottes in meinem Leben erkennen und seinen Ruf in seine Nachfolge hören.

Mit dem abgeschlossenen Studium war es dann für mich klar: ich bewerbe mich um Aufnahme ins Priesterseminar in Rottenburg. Nach meiner Diakonenweihe und meiner Diakonatszeit im Schwarzwald wurde ich nun am 9. Juli dieses Jahr im Münster in Rottweil mit weiteren 8 Mitbrüdern zum Priester geweiht. Auf eine ganz besondere Weise darf ich jetzt erfahren: mit Gott geht es um dieses „mehr als alles"!

So ist für mich der Priester Zeuge und Werkzeug für Gottes Handeln. Er tritt in unsere Welt hinein und schafft mit uns Menschen eine lebendige Beziehung. Dieses Handeln Gottes ist für mich die Priorität. Für diese Priorität steht mein Amt des Priesters – es soll in meinem ganzen Tun zum Vorschein kommen. Denn in der Beziehung mit Gott sind wir nicht die „Macher", wir sind ganz Beschenkte von ihm.