Berührt

von Danijela Pöschl, DBdK München

„...berührt von Seinem Geheimnis" lautete der Spruch zu meiner Aussendung 1997 durch unseren Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter. Ein Satz- nein nur vier Worte, die aus Gedanken von Theresia Hauser stammen und nach Jahren meiner eigenen Lebens- und Glaubensentwicklung, eine Wahrheit aussprachen, die ich zuvor nie in Worte hatte fassen können. Spüren konnte ich den Sinngehalt der Worte als junges Mädchen in der Jugendarbeit, im Studium der Religionspädagogik, in der Pfarrei als Gemeindeassistentin; spüren und auch durch ein unerschütterliches Vertrauen leben.

Es geht bei diesen Worten um die existentielle Erfahrung, dass Gott sich in das Innere meiner Seele von Anfang an hineingelegt hat, dass er meine Seele berührt mit seiner Liebe, ER Wohnung nimmt in mir. Bei dem Wort „Berührung" denke ich auch an Zärtlichkeit. Gott hat sich ganz leise, ganz zärtlich in den Menschen hineingelegt und uns damit eine Sehnsucht eingepflanzt, ganz der Mensch werden zu wollen, als der wir gedacht sind: Sohn und Tochter Gottes und damit Bruder und Schwester Christi. Als solche sind wir nach Paulus von Gott bereits vorher gekannt und vorher bestimmt (Röm 8,29).

Seit 2001 bin ich nun an der Diözesanstelle Berufe der Kirche für die Berufungspastoral tätig. Hier bekam ich einmal mehr die Klarheit geschenkt, dass der eigene Ruf vor allem der Berufung anderer dienen soll. Die Erfahrung ein von Gott berufener Mensch zu sein, drängt geradezu danach sich mitzuteilen, lässt das Herz überfließen vor Freude. Berufung meint nicht nur mit Gottes Wort leben, sondern es verlebendigen und die Menschen mit Gott bekannt zu machen. Diese Gangart ist jedoch eng verwoben mit dem Wissen, dass Gott jeden Menschen zur Liebe und zur Heiligkeit beruft. Diese Berufung spricht jede Lebensaufgabe, jeden Lebensstand an und meint die Verwirklichung der Liebe Gottes in der je aktuellen Lebenssituation. Genau hier setzt eine sinnvolle Berufungspastoral an.

Sie konfrontiert den Menschen geradewegs dazu den eigenen Lebensweg, die eigene Nähe zu Gott zu gestalten und bereit zu sein zum Hören. Hier geht es nicht um fertige und perfekte Lebensentwürfe, die Hauptamtliche bieten könnten, sondern um das Innere der Seele, dass das Leben, damit immer wieder neu Mensch werden kann. Wer sein Leben so entfaltet, der verwirklicht ein Stück „Reich Gottes" in der Welt.

Wenn also junge Menschen zu uns kommen und nach ihrer Berufung suchen, dann geht es in erster Linie nicht darum einen passenden äußeren Ausdruck der Berufung zu finden, also einen Beruf, sondern sie ernst zu nehmen in ihrer Beziehung zu Gott und darum die richtigen Fragen zu stellen: wo und wie lebt Gott in meinem Alltag? Was prägt und gestaltet mein Leben? Auf wen höre ich? Wer ruft? Ist mein Leben Gebet? Dabei ist es uns ein großes Anliegen einen Blick dafür zu schaffen, dass Berufung Engagement bedeutet für ein Leben in Fülle, für ein „ganzes" Leben! Wer sich dann von Jesus gerufen weiß und sich auf diesen Ruf einlässt wird ständig in einem Werden sein. Dabei wird der Mensch selbst zum Rufer, er wird einer, an dem sich der Glaube entzündet, von dem ein Funke überspringt, ungeachtet seines Berufsstandes in der Kirche. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass es die Lebensweise von Berufenen ist, deren Charisma, das neugierig macht und andere Menschen provoziert zum Hinschauen auf den eigenen Weg.

„Solch einen festen Grund möchte ich auch in mir finden", hat eine sechzehnjährige Praktikantin einmal zu mir gesagt. Diese Erkenntnis war für mich der Anstoß ein Projekt zu initiieren, das Schülerinnen und Schülern aller Schularten ermöglichen soll, Menschen in einem Beruf der Kirche zu erleben. Mir war aufgefallen, dass weder Schüler noch Lehrer bei der Wahl der sogenannten Betriebspraktika die Kirche und ihre vielen Möglichkeiten in Betracht zogen. Mit einer Postkartenaktion konnte ich gemeinsam mit dem Schulreferat Schüler und ihre verantwortlichen Lehrer aufmerksam machen nicht nur auf Berufe mit Sinn, sondern auf Berufe, die einer ganz besonderen Lebensgestaltung bedürfen.

In selbst durchgeführten Praktika und in Rückmeldungen ließ sich feststellen, dass ich die Idee des Praktikums, die Idee eines „offenen Pfarrhauses" den Schülern vor Augen stellen konnte, dass es zuallererst um ein gelingendes Menschwerden und dann erst um die Berufswahl geht. Die jungen Menschen konnten Männer und Frauen erleben, die mit einer inneren Freude ihr Leben gelingend leben. Dabei heißt es die eigenen Schwächen und Gaben annehmen. Berufene, das heißt Menschen, die sich von Gott berühren lassen sind dabei nicht frei von Ängsten. Aber in der Beziehung zu Gott liegt auch der Mut sich den Lebenssituationen zu stellen. Gemeint sind damit: Selbstverantwortlichkeit, Vergewisserung was für ein Mann, was für eine Frau ich bin und sein kann? Letztlich lebe ich Berufung, ich gestalte sie durch lebendiges Sein, aber sie wird und bleibt eine lebenslange Aufgabe, besonders in der Begegnung mit den Menschen und ihren Anliegen, ihrem Glauben und ihren Zweifeln, ihren Freuden und auch ihren Nöten.

Berufung ist nicht gleich zu setzen mit Sicherheit. Vor den Fragen und Gefahren der Zeit sind auch Berufene nicht gefeit. Jedoch lassen sie sich gerade als Berufene anfragen und hinterfragen, ob Gottes Wirken durchscheinen kann durch unser Handeln.

Berührt, berufen, engagiert

So lauten die drei aufeinander aufbauenden Wegweiser für unsere Diözesanstelle Berufe der Kirche. In einem längeren, gemeinsamen Denkprozess konnten wir die Aufgaben, denen wir uns in der Berufungspastoral stellen wollten in diesen drei Worten verankern. Dabei haben wir uns Ziele gesetzt, die es immer wieder zu erneuern gilt, gemessen an den Bedürfnissen der Menschen, die zu uns kommen und mit der Diözesanstelle in Kontakt sind. So schaffen wir Begegnungen, Zeiten und Räume, in denen Menschen beim Entdecken ihrer Berufung begleitet werden. Ob die Möglichkeit zum Praktikum, Besinnungswochenenden und Exerzitien oder die vielen Gespräche, immer geht es in der Berufungspastoral um Begegnung. Authentische Begegnung mit einem suchenden Menschen. Christinnen und Christen sollen hier bei uns ihre persönliche Berufung entdecken können und auch nachdenken über einen kirchlichen Beruf.

In dieser verantwortungsvollen Aufgabe geht es, so scheint mir, jedoch nicht um große „events", sondern um diese leisen, zärtlichen Töne. Daher sind wir zu dritt vor allem die Wege gegangen, die uns zu den jungen Menschen hin geführt haben. In meiner zweiten Aufgabe, in der Arbeit als Jugendseelsorgerin konnte ich in vielen Begegnungen und auch gemeinsamen Gottesdiensten und Gesprächen zarte Pflänzchen vorfinden, die wachsen und sich entfalten möchten im Glauben. In allen Themen und Planungen in der Jugendarbeit kann man immer wieder „auf den Punkt" kommen. Wir können helfen, dass junge Menschen ihren aktuellen Lebensinhalt im Lichte ihres Glaubens sehen. Wir können das Vertrauen stärken, dass jedem Menschen eine Melodie geschenkt ist, die nur er oder sie unverwechselbar ins Orchester der Welt einspielen kann.

Unsere Wege in der Berufungspastoral führen uns jedoch auch zu vielen Kooperationen hin.

Vor allem in der Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, dem Ministranten- und Schulreferat und in der gemeinsamen Gestaltung von Jugendgottesdiensten in den Dekanaten sind wir mit dem Thema Berufung präsent und lassen uns anfragen. Auch mit Gebetszeiten für Mitarbeiter im eigenen Haus oder Einkehrtagen für Seelsorger, mit dem Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung für alle Dienste in der Kirche, wollen wir durch solche äußeren Impulse bewusst machen, dass der Mensch die in ihm angelegten Lebensmöglichkeiten realisieren muss und dass Berufungspastoral uns alle angeht! Dabei ist es zunächst nicht wichtig, ob Priester junge Männer zum Priestersein anwerben oder eine Gemeindereferentin für ihren Beruf wirbt! Es geht um den einmaligen Gedanken Gottes, der im Menschen Wirklichkeit werden will. Wer sein Leben als solches begreift, der verlebendigt seinen Ruf, sein nur ihm geschenktes Wort in die Welt und in unsere Zeit hinein. Der eine Mensch wird dies im Orden tun, ein anderer wiederum als gute Mutter, als Priester oder auch als Frau im Dienst der Kirche. Daher geschieht Berufungspastoral immer zweckfrei und vor allem aus dem Vertrauen heraus, dass Gott es ist, der sein Wort spricht und weiß, wie es wirken wird!