Wie entdecke ich meine Berufung? (4)

Lebenslange Berufung

von Dr. Wunibald Müller, Münsterschwarzach

Ich kenne viele Menschen, darunter auch Priester und Ordensleute, bei denen sich herausstellt, dass die Grundentscheidung ihres Lebensweges richtig war. Diese Grund-entscheidung musste aber immer wieder einem Prozess unterzogen werden, damit sie im aktuellen Leben lebbar und sinnvoll war. Folgende Beispiele fallen mir ein.

Anselm Grün, Benediktinerpater in Münsterschwarzach, sagt von sich, dass die Motive, die ihn damals vor fast 40 Jahren bewogen haben, ins Kloster zu gehen, ihn heute nicht mehr tragen würden. Neue Motive, neue Sinngebungen sind hinzugekommen. Die Grundentscheidung war richtig. Sie stimmt für ihn. Doch die Tätigkeiten, die Aufgaben, die Funktionen, die er mit diesem Beruf in Verbindung brachte, sind für ihn anders geworden. Damals wollte er die Welt verändern, in die Mission gehen. Jetzt sieht er seine Aufgabe als Berater, geistlicher Schriftsteller und Cellerar seines Klosters.

Oder ich denke an Henri Nouwen, den ich Anfang der 80er Jahre in den USA kennen lernte und mit dem ich über viele Jahre freundschaftlich verbunden war. Henri Nouwen war bis zum Ende seines Lebens ein Suchender. Seine Grundentscheidung, Priester zu werden, stimmte für ihn. Auch in einer großen Krise, in der er, wie er mir einmal sagte, von psychologischer Seite den Rat bekam, den Priesterberuf aufzugeben, trug sich seine Berufung durch. Zugleich kann er in aller Demut in seinem letzten Tagebuch von sich sagen, er könne nicht dafür garantieren, dass er, wäre er einer Carmen begegnet, von ihr entwurzelt und davon getragen worden wäre.

Ich erlebe gerade jene, die offen sind für Veränderungen und Ergänzungen der ursprünglichen Berufung, als lebendig und zufrieden mit ihrer Berufung.

Gibt es verschiedene Berufungen?

Auf der anderen Seite gibt es Männer und Frauen, die einst ganz tief in sich eine bestimmte Berufung verspürten und diese Berufung auch in ihrem Beruf und ihrer Lebensentscheidung konkretisierten, an einer Stelle in ihrem Leben aber die Erfahrung machten, dass es auch noch eine andere Berufung gibt. Das kann so weit gehen, dass sie diesen anderen Ruf so stark in sich spüren, dass sie, wollen sie treu bleiben, ihm folgen müssen.

Hat also eine Berufung einen lebenslangen Charakter? Oder kann es in unserem Leben auch verschiedene Rufe und Berufungen geben? Bis dahin, dass eine neue Berufung eine Abkehr von der alten Berufung mit sich bringt? Mancher würde sagen, dass in diesem Fall die alte Berufung vielleicht nicht die wahre gewesen ist. Das mag in einigen Fällen zutreffen. Doch es gilt auch ernsthaft die Frage zu stellen, ob es im Verlauf eines Lebens mehrere echte Berufungen gibt, für die all das gilt, was wir als Berufung verstehen können.

Eine Ordensfrau, ca. 40 Jahre alt, ist vor kurzem aus ihrem Orden ausgetreten. Es ist eine Freude diese junge Frau zu sehen: lebensfroh, zufrieden, glücklich. Es hat lange gedauert, bis ihr klar war, dass es für stimmt, den Orden zu verlassen. Die äußeren Merkmale, aber auch das, was sie innerlich empfindet, sprachen dafür, dass die Entscheidung richtig war. Viele Jahre hatte sie sich im Kloster unwohl gefühlt, hatte sie es als sehr schwierig erlebt, z.B. als eine der wenigen jungen Ordensfrauen mit den älteren Ordensfrauen leben zu müssen. Sie fühlte sich einsam und die meiste Zeit über depressiv. Sie hat sich sehr schwer getan mit der Entscheidung, den Orden zu verlassen. Es hat über viele Jahre gedauert, bis sie soweit war. Auch weil es damals, als sie eingetreten war, für sie klar war, dass es eine echte Berufung war. Sie kann sich jetzt noch nicht erklären, dass das, was damals für sie stimmte, heute nicht mehr für sie stimmt.

Pflege und Kultivierung der Berufung

Bei der Berufung handelt es sich nicht um einen einmaligen Akt, sondern einen Prozess, mitunter einen lebenslangen Prozess. So gibt es besondere Phasen in unserem Leben, in denen eine intensive Auseinandersetzung mit uns selbst, auch um noch mehr mit unserer Berufung in Berührung zu kommen, besonders angezeigt ist. Um eine Berufung lebendig zu erhalten ist es darüber hinaus wichtig, diese Berufung immer wieder zu pflegen und zu kultivieren. Es geht dabei darum, die Berufung mit Leben zu füllen, sie wie ein Kunstwerk zu gestalten. Es geht weiter darum, die Berufung täglich zu bestärken, z.B. durch Rituale. Ein Ritual kann Ausdruck unserer Identität sein. So kann es z.B. für jemanden, der zölibatär lebt, ein wichtiges, seine Berufung stärkendes Ritual sein, vor dem Zu-Bett-Gehen noch einmal Kontakt mit Gott aufzunehmen, mit ihm ins Gespräch zu treten, sich ihm hinzuhalten, sich ihm zu überlassen. Diese Intimität mit Gott, etwa von Priestern oder Ordensleuten, ist so grundlegend wichtig für sie und ihre Entscheidung, zölibatär zu leben, wie die Intimität, die sich Eheleute gegenseitig schenken.

In Zeiten der Krise zueinander stehen

Zur Pflege der Kultivierung der Berufung kann auch gehören, immer wieder die Nähe von Männern und Frauen zu suchen, die den gleichen Lebensweg gehen. Dort kann ich Unterstützung erfahren. Dort kann ich hoffentlich auch dann, wenn ich in einer Krise bin oder wenn es mir schwer fällt, meiner Berufung treu zu bleiben, mich mit anderen, die einen ähnlichen Weg wie ich gegangen sind, austauschen. Ich kann von ihnen erfahren, wie es ihnen ergeht. Ich werde dabei oft erfahren, dass die anderen den gleichen Zweifeln ausgesetzt sind, es auch bei ihnen Stunden und Phasen gibt, in denen sie sich nicht sicher sind, ob das ihre Berufung ist.

Im Gespräch und im Austausch unter Männern und Frauen, die den gleichen Lebensweg gewählt haben, die eine ähnliche oder gleiche Berufung bei sich verspürt haben, sollte eine große Akzeptanz und Toleranz vorhanden sein, wenn es jemanden schwer fällt, der eingegangenen Berufung treu zu bleiben. Hier sollte man den Suchenden nicht zu schnell aufgeben und akzeptieren, dass einer, der sich in einer Übergangszeit befindet, neue Wege ausprobiert und dabei neue Erfahrungen macht, die ihm und ihr helfen können, wieder deutlicher für sich herauszufinden, was ihre eigentliche Berufung ist. Zu oft wird in solchen Situationen jemand einfach fallen gelassen, statt ihnen den Spielraum und die Freiheit zu lassen, die sie brauchen, um ihren Weg zu finden.

Hier ist eine gute Balance zwischen Solidarität und Akzeptanz gefragt: Zum einen, jemandem deutlich zu machen, wie wichtig er einem ist, wie sehr man es auch bedauern würde, wenn er z.B. das Priesteramt aufgeben würde oder den Orden verlassen würde. Zum anderen, ihn und sie spürenlassen, dass, wenn es sich herausstellt, dass es nicht das Richtige ist für sie und für ihn, sie in Gottes Namen, Gottes wegen und ihrer selbst wegen einen anderen Weg gehen sollen. Ihnen sollte weiter vermittelt werden, dass sie keine Angst haben müssen deswegen die Zuneigung und Unterstützung die man ihnen bisher erwiesen hat, zu verlieren. Das schließt nicht aus, dass man enttäuscht über ihren Entschluss ist, man traurig darüber ist und sich vielleicht auch manchmal ärgert oder die Entscheidung nicht versteht. Das nimmt aber nichts weg von dem grundsätzlichen Ja, das man auch dann dem andern nicht verweigert.

Der Abt von Münsterschwarzach, Fidelis Ruppert, hat hier vor einigen Jahren ein Zeichen gesetzt, als er alle ehemaligen Mitbrüder seiner Abtei mit ihren Familienangehörigen in den Konvent einlud. Es war eine Zeit großer Dichte, in der viele Tränen flossen, in der aber auch viel Versöhnung stattfand und Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht wurde.

Förderlich für die Pflege meiner Berufung ist also eine Umgebung, die mich in meiner Berufung bestärkt. Das können Gleichgesinnte sein, das können Menschen sein, die die gleiche Berufung haben. Es können aber auch Menschen sein, die eine ganz andere Berufung haben, die aber in der Art und Weise, wie sie mir begegnen, ihre Hochachtung meiner Berufung gegenüber zum Ausdruck bringen.

Positiv wirkt sich auf meine Berufung aus, wenn sie bei allem momentanen Frust insgesamt mir Freude bereitet. Ich hinter ihr einen Sinn sehe und immer wieder in der Ausübung dieser Berufung Sinnerfüllung erfahre. Sollte ich merken, dass meine Berufung dauernd dazu führt, dass ich mich ständig innerlich aufreibe und nie zu einem inneren Frieden gelange, mag das ein wichtiger Hinweis dafür sein, dass etwas nicht stimmt.

Ich habe auf den Mystiker Thomas Merton hingewiesen, der sagt, Heiligkeit bedeutet, der zu werden, der zu werden du berufen und bestimmt bist und wer nicht er selber wird, hat nicht gelebt. Das gilt auch für die Berufung. Je mehr Möglichkeiten ich habe, das, was ich als Berufung tief in mir spüre zu leben, desto mehr wird das, was ich in mir als Drang verspüre zu tun, von mir umgesetzt werden können. Je mehr es diese Übereinstimmung gibt, umso zufriedener werde ich sein. Das ist leicht gesagt, bleibt aber ein lebenslanges Unterfangen, dem ich mich tagtäglich neu stellen muss, um immer wieder entsprechend der jeweiligen Lebenssituation für mich herauszufinden, was ansteht.

Die Richtung zielt auf Gott hin

Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich als 20jähriger mit dem damals sehr berühmten Theologen Karl Rahner in München führte. Es geschah dies zu einer Zeit, in der ich mir selbst die Frage stellte, ob ich Priester werden sollte. In diesem Gespräch ging es u.a. auch um das Thema Berufung und Karl Rahner sagte mir damals:

Ich kann als junger Mensch sagen: hier ist meine Richtung. Diese Richtung zielt auf Gott, den Herrn der Geschichte und aller Wirklichkeit. Das Übrige muss die Zukunft bringen. Beim Heiraten verhält es sich genauso. Jetzt ist der Ehepartner nett, angenehm, vernünftig, man kommt mit ihm aus. Da muss man auch sagen, man trifft eine Entscheidung und hofft auf Gott und seine Gnade, dass man diese Entscheidung als die innere Entelechie auch in der Zukunft durchtragen kann. Warum soll man das nicht? Ich habe es 50 Jahre probiert. Es ist ja schließlich gegangen. Zwischen 1922, wo ich Jesuit geworden bin und 1972, wo ich es immer noch bin, ist alles Mögliche was in der inneren und äußeren Welt – in der deutschen und in der eigenen Geschichte – passiert, was man nicht voraussehen konnte. Und doch blieb Einheit und Richtung unseres Lebens dieselbe.

Dem Geheimnis des mir zugedachten Weges komme ich auf die Spur, wenn ich mich meinem Selbst überlassend zugleich Gott überlasse, im Vertrauen darauf, dass er in mir den für mich zugedachten Weg zum Ausdruck bringt. Thomas Merton meint dazu: „Finde ich ihn, finde ich mich selbst, und finde ich mein wahres Selbst, so werde ich ihn finden... Der Eine und Einzige, der mich lehren kann, Gott zu finden, ist Gott selber, er allein."