Kirchliche Akademien

Unverbrauchte Potenziale

Von Hans Hermann Henrix, Aachen

Was sind heute die Aufgaben und Chancen Kirchlicher Akademien? Hans Hermann Henrix, Direktor der Bischöflichen Akademie Aachen und Vorsitzender des Leiterkreises der Kath. Akademien in Deutschland, beschreibt Veränderungen und neue Perspektiven.

Kultur und Bildung haben es in ökonomisch schwierigen Zeiten schwer. Auch die Kirchen werden von zum Teil dramatischen Haushaltsnöten eingeholt sind. Da wird denn auch öffentlich über den Stellenwert der kirchlichen Akademien nachgedacht, hier und da unter der Überschrift: „Einst Pioniere der kirchlichen Bildung – heutige Dinosaurier?"

Unbequeme Fragen sind nicht niederzuhalten, sondern aufzunehmen. Und dabei kann sich herausstellen, dass sie einen Ausschnitt treffen, aber nicht das Ganze. Die kirchlichen Akademien haben nach einem ersten Gründungschub Anfang der fünfziger Jahre tatsächlich pionierhaft gewirkt und vielfach beste Dienste zur Analyse, Orientierung und Wegweisung in den kirchlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Umbrüchen leisten können. Ihre Funktion hat man in den 50er und 60er Jahren mit der Metapher „Seismographen der Zeit" benannt. Ihr Gewicht ist in der Folgezeit schwächer geworden. So sprach man von ihnen nüchterner als „Fenster".

Voneinander lernen: Kirche und Welt

Das Fenster eines Hauses ermöglicht den Blick aus dem Haus auf die Welt und Umgebung. Wenn die Kirche mit den Augen des Glaubens auf Welt, Zeit und Kultur sieht, dann werden sie und ihre Theologie angefordert, den Glauben nicht „vernunftlos" zu leben, sondern argumentativ Rechenschaft von der Hoffnung zu geben, die in diesem Glauben steckt, und also die Frömmigkeit zu denken. Aber das Fenster ermöglicht auch den Blick der Gegenrichtung, neben dem Ausblick aus dem Haus in die Welt auch den Einblick der Welt in dieses Haus. Wenn die Akademien Einblick in Kirche für die ihr fernen „Weltleute" anbieten, dann lassen sich Kirche, Glaube und Theologie gleichsam von den Augen der Welt anblicken. Das kann die Frage evozieren: kommt der Kirche aus diesem Blick der Welt etwas von Gott her entgegen? „Gott hat eben nicht die Religion, sondern die Welt geschaffen", sagte einmal der jüdische Religionsphilosoph Franz Rosenzweig. Darin steckt der Hinweis, dem Blick der Welt in und auf die Kirche und ihren Glauben auch so etwas wie eine Botschaft Gottes zu entnehmen, neben dem Denken der Frömmigkeit auch der Frömmigkeit des säkularen Denkens auf der Spur zu sein. Dies zählt zu den Aufgaben kirchlicher Akademien, die über ein unverbrauchtes Potenzial verfügen. Sie sind lebendige Sachwalter der beiden Blickrichtungen und ihrer spezifischen Tugenden: Orte kirchlichen Selbstbewusstseins und kirchlicher Demut zugleich.

Und dies gelingt ihnen auch. Wo klassische Veranstaltungstypen problematisiert werden, probieren sie Neues; wo traditionelle Bereiche und Milieus für sie wegbrechen, finden neue Gesichter den Weg zu ihnen.

Religion in säkularer Gesellschaft

Für zwei Problemstellungen ist die bleibend notwendige Funktion der kirchlichen Akademien besonders augenfällig. Diese drängen sich nicht zuletzt vom Datum des 11. September 2001 her auf: es ist zum einen das Verhältnis von Religion und Säkularität und zum anderen die Beziehung zwischen den Religionen. Jürgen Habermas hat bei seiner Frankfurter Rede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels wenige Wochen später davon gesprochen, dass am 11. September „die Spannung zwischen säkularer Gesellschaft und Religion... explodiert" sei. Die fließende Grenze zwischen säkularen und religiösen Faktoren festzulegen, müsse als „kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen". Diese Aufgabe hat ihren natürlichen Ort in den kirchlichen Akademien, die an der Schwelle von Religion und Säkularität, von Kirche und Gesellschaft oder von Theologie und Naturwissenschaft angesiedelt sind.

Dialog der Religionen

Nicht schlechter gerüstet sind die Akademien für die Aufnahme der anderen Herausforderung: des Dialogs zwischen den Religionen. Sie haben die Tradition der interreligiösen Begegnung schon früh aufgenommen und bleiben ihr verpflichtet. Gerade hier praktizieren sie in großer Beharrlichkeit ihre Funktion als Fenster der Kirche zur Welt als Welt der Religionen. Die katholischen und evangelischen Akademien schreiben hierfür zum Teil gemeinsam ihre Erfolgsgeschichten wie bei der EXPO 2000 in Hannover oder beim Ökumenischen Kirchentag von Berlin 2003.

In den Akademien wird nicht die große Symphonie des Lebens selbst gespielt. Aber in ihnen kann man die notwendigen Fingerübungen machen, damit die christliche Symphonie des Lebens und des Glaubens besser klingen und schwingen kann. Durch die Akademien als Fenster schaut eine weite Welt in die Kirchen. Die Fenster ermöglichen den Dialog und Austausch „von Angesicht zu Angesicht". Die Fenster gehören zu Häusern, die fensterlos keine Stätten des Wohnens und Lebens wären. Es ist für die Bewohner von Häusern notwendig, solche Fenster zu haben und sie zu nutzen. Die Fenster machen die anderen neugierig und sagen ihnen: „Kommt und seht". Diese Einladung richten die katholischen Akademien aktuell und lebendig aus.