Berufen zum Gebet
Von Domkapitular Prälat Dr. Bertram Meier, Augsburg
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„Gebetssturm um geistliche Berufe füllt leer stehendes Priesterseminar" So lauteten vor knapp zehn Jahren Schlagzeilen aus der Kirchenpresse, als nach langer Flaute im holländischen Bistum s`Hertogenbosch eine Gegenbewegung einsetzte und über Jahre hinweg wieder acht bis zehn junge Männer zu Priestern geweiht werden konnten. Ist hier inmitten der geistlichen Krisenlandschaft der Kirche in Europa ein Wunder geschehen? Blenden wir zurück! Seit der gesellschaftlichen Liberalisierung, die Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts (68er Generation) einsetzte, war es gerade in Holland zu enormen Einbrüchen im kirchlichen Leben gekommen. Für die nur noch wenigen Theologiestudenten mit dem Berufsziel Priester wurde seitdem auch keine eigene Seminarausbildung mehr angeboten. Erst der Bischof von s`Hertogenbosch eröffnete 1986 wieder ein neues Priesterseminar. Doch damit nicht genug! Als „flankierende Maßnahme" setzte er noch einen weiteren Akzent: die tägliche Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten um geistliche Berufe. Ihr Ort ist die Seminarkirche - etwa 100 Meter vom Dom entfernt. Nicht nur Priesterseminaristen kommen (freiwillig!) zum Beten, die Kirchentüren stehen täglich von 16 bis 18 Uhr für alle Gläubigen offen. Wie ich höre, umfasst der Gebetskreis mehrere Tausend Mitglieder. Die meisten beten zu Hause. Einige haben sich zu festen Gebetszeiten in der Seminarkirche verpflichtet, damit immer jemand einfach da ist vor dem Herrn, auch während der Ferien. Das Gebet als „Notenschlüssel" Einen besonderen spirituellen Akzent hat auch der scheidende Bischof Viktor Josef Dammertz OSB gesetzt. Er hat das Kirchenjahr 2003/2004, in das sein Abschied von seinem aktiven Dienst fiel, für die Diözese Augsburg zum „Jahr der Berufung" erklärt. Viele Gemeinden und Orden, Gemeinschaften und Kreise, Verbände und Berufsgruppen haben sein Anliegen aufgegriffen und tragen dazu bei, dass Berufung zum „Wasserzeichen" der Pastoral im Bistum wird. In seinem Hirtenwort, mit dem er das „Jahr der Berufung" ankündigte, kleidet Bischof Dammertz die Bedeutung des Gebetes in ein schönes Bild: „Wie ein Notenschlüssel der `Symphonie der Berufungen´ ist das Gebet. Berufungen sind nicht menschliches Werk, sondern Geschenk von Gott. Damit sie geweckt werden, müssen wir auf die Kraft des Gebetes setzen". Ist das nicht eine Binsenweisheit? Die Kultur des Gebetes Leider wird Selbstverständliches oft übersehen. Ich habe den Eindruck, dass wir auch in der Berufungspastoral manchmal zu viel organisieren und managen. Doch Berufungen können wir nicht machen. Sonst hätte McKinsey auch schon in der Berufungspastoral Einzug gehalten! Was tun, wo nichts zu „machen" ist? Beten! Freilich wäre es ein Kurzschluss, wollte man einen |
Ursache-Wirkung-Zusammenhang herstellen nach dem Motto: „Je mehr Gebete zum Himmel steigen, desto zahlreicher werden die geistlichen Berufungen". Solche Rechenspiele sind fehl am Platz. Die Kultur des Gebetes wächst nicht nach den Regeln der Mathematik. Berufungen sind Geschenke des Himmels. Doch was vom Himmel kommt, wächst meistens aus der Erde, d.h. durch unser menschliches Zutun. So ist das treue und ehrliche Gebet um Berufungen die atmosphärische Innenseite aller übrigen, nach außen geklappten pastoralen Bemühungen. Das Gebet ist ein Testfall dessen, was wir Gottes Geist wirklich zutrauen. Gegen das Floriansprinzip Doch Hand aufs Herz: Wie beten wir? Ist das Gebet um geistliche Berufe eine Formel, die hin und wieder in den Fürbitten auftaucht, oder fließt auch Herzblut ein? Die Bitte um Priester- und Ordensleute gehört in den Grundwortschatz unseres Gebetslebens. Sie zählt zu den Anliegen, die uns Jesus neben den Vater-Unser-Bitten und dem Wunsch nach Einheit persönlich empfiehlt: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (Lk 10,2). Außerdem sollte das Gebet um geistliche Berufe nicht nach dem Floriansprinzip verrichtet werden: „Verschon mein Haus, zünd´ and´re an!". Wie reagiere ich (als Vater oder Mutter, als Freund, als Priester oder Ordenschrist), wenn ein junger Mensch den Wunsch äußert, in die besondere Nachfolge zu treten? Für eine Infrastruktur des Gebetes In Holland ist ein junger Keim zum Sprießen gekommen. Bei uns in Deutschland haben wir schon eine gute Tradition: Seit 70 Jahren gibt es den monatlichen Gebetstag um geistliche Berufe. Diese Pflanze, im rauen Klima des Nationalsozialismus von Salvatorianerpater Paschalis Schmid zusammen mit dem seligen Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg in einen damals dornigen, kirchenfeindlichen Boden gepflanzt, ist ein stattlicher alter Baum geworden. An uns liegt es, dass er nicht morsch wird. Es ist sicher im Sinn von P. Paschalis, seinen Baum in doppelter Weise wieder zum Blühen zu bringen: A mit einer neuen „Infrastruktur" des Gebetes, d.h. durch Gebetsgruppen auf Pfarreiebene, die „Vorbeter" und „Vorbeterinnen" brauchen. Gerade in Gemeinden, wo während der Woche keine hl. Messe mehr gefeiert werden kann, könnte allein schon dieser seelsorgliche Notstand Ansporn für die Gründung solcher Gebetsgruppen sein. A mit sog. „Pfarrei-Berufungs-Teams", die in den Gemeinden das Thema „Berufung" im Auge behalten und begleiten. Eine Pfarrei ist nicht schon dann lebendig, wenn sich von der Krabbelgruppe bis zur Seniorengymnastik möglichst viel rührt, sondern wenn möglichst viele vom Geist Gottes bewegt werden, d.h. ihre Berufung und ihren Platz entdecken und ausfüllen! |
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