Anbetung

Kraft aus der Stille

 

Am monatlichen Gebetstag für geistliche Berufe wird in vielen Gemeinden eine Anbetung gehalten, oft im Anschluss an eine Eucharistiefeier am Abend. Pastoralreferentin Sr. Marie-Catherine Müller (33) von der Kongregation der Franziskanerinnen von Sießen, Diözese Rottenburg-Stuttgart, beschreibt das Wesen dieser Andachtsform.

Wer in unsere Klosterkapelle kommt, der findet stets Schwestern und Gäste, die vor dem Allerheiligsten in Stille beten. Seit dem Ersten Weltkrieg pflegen wir den ganzen Tag hindurch die eucharistische Anbetung.

Uns Schwestern ist neben dem anbetenden Lobpreis in Wort, Gesang und Tanz auch die Stille wichtig. Gäste, die zu uns kommen, bringen immer wieder zum Ausdruck, wie gut ihnen die Stille tut. Obwohl die Sehnsucht nach Stille groß ist, nehmen sich viele im Alltag nicht die Zeit dazu. Zudem fällt es vielen Menschen schwer, eine gewisse Zeit der Stille auszuhalten, weil sie nichts mit der stillen Zeit anfangen können oder Angst haben vor dem, was an Fragen auftauchen könnte.

Anbetung beginnt mit staunen können

Wenn wir kleine Kinder beobachten, dann können wir oft sehen, wie sie minutenlang vor einer krabbelnden Ameise verharren können oder einem Regenwurm zusehen, wie er sich des Weges entlang schlängelt. Intuitiv spürt das Kind das Wunder, das dahinter steckt, welches es letztlich über das eigene Dasein hinausweist. Anbetung ist nicht nur einfach mit Staunen gleichzusetzen, sie ist mehr. Aber Staunen ist eine Voraussetzung, dass ich in die Bewegung und Dynamik hineinkomme, die in der Anbetung Gottes in Gang kommen will.

Anbetung heißt zunächst einmal, dass ich mich freigebe und mich hineinfallen lasse in eine andere Wirklichkeit, dass ich mich ergreifen lasse von einem Größeren, staunen kann darüber, dass es einen gibt, der größer ist als ich und der sich mir aus Liebe schenkt. Anbetung heißt, meine ganz persönliche Antwort zu geben, indem ich mich diesem Größeren hingebe und mich in meinem Innersten berühren lassen kann.

Lehre uns beten

So wie die Jünger Jesus baten, ihnen das Beten zu lehren, so ist es notwendig, dass wir die Menschen, die zu uns kommen, in das Beten, in die Anbetung einführen, Hilfen geben, um die Zeit der Anbetung zu gestalten. Bei der Hilfe geht es aber nicht darum, dass die Zeit der Anbetung möglichst kurzweilig wird, sondern darum, dass Schritt für Schritt Leib und Seele auf Gott ausgerichtet werden.

1. Komm zu mir

In zwischenmenschlichen Begegnungen gibt es Begrüßungsrituale. Auch für die Begegnung mit Gott braucht es eine Form, um bei ihm anzukommen. Deshalb ist es gut, sich zunächst bewusst zu machen, dass Jesus mich ruft, dass er sich freut, wenn ich ihm meine Zeit schenken will. Ich entscheide mich bewusst, eine von mir festgesetzte Zeit vor Gott da sein zu wollen. Ich versetze mich in den Raum der Gegenwart Gottes. Er ist da! Die Zeit des Ankommens bei Gott kann ich mit einem selbst formulierten oder einem bekannten Gebet beginnen oder mit einem Lied, welches mich hineinführt in die Gegenwart Gottes.

Dann kann ich mit Gott ein Zwiegespräch führen wie mit einem Freund. Teresa von Avila sagt, die Anbetung ist ein „Austausch in Freundschaft, wo man oft miteinander spricht. Von Herz zu Herz, ganz allein mit Gott, von dem wir wissen, dass er uns liebt". Ich darf Gott alles hinhalten, alles sagen, was mich bewegt, ohne Beschönigungen.

2. Bleib bei mir

In einer weiteren Phase des Gebetes geht es darum, vom Reden ins Hören zu kommen. Hören auf das, was Gott mir sagen will. Um hören zu können braucht es Stille. Doch wenn es äußerlich still wird, dann wird es in mir oft laut. Es kommen viele Gedanken, Ablenkungen oder das Gefühl von Langeweile. Dieses Hören und Bleiben ist demnach etwas höchst Aktives, es verlangt eine Entscheidung, da die Nähe Gottes nicht immer zu spüren ist.

„Christus in die entferntesten Tiefen unseres Inneren hinabsteigen zu lassen, in jene Bereiche unseres Menschseins, die sich weigern oder außerstande sind, Christus anzugehören" (Frère Roger Schutz). Es geht darum, meinen Intellekt und meine Gefühle auf Gott hin auszurichten, weg von mir - hin zu Gott, vom stets um mich selbst kreisenden Ich zum Du Gottes, der sich mir ganz schenken will. Dabei können ganz schlichte Du-Anrufungen helfen: Du bist das Licht, Du bist der Weg, Du bist groß, …

Es kann sein, dass die Zeit trocken ist, dass es keine hohen Gefühle zu verzeichnen gibt. Der Wert des Gebetes ist davon nicht abhängig. Anbetung ist zweckfreie Hingabe. Was zählt, ist das Dasein vor Gott im Glauben, dass der Herr sich über mich freut.

3. Geh mit mir

Gottes Gegenwart, der ich mich in der Anbetung aussetze, geht nicht spurlos an mir vorüber. Sie verändert mich ob ich es wahrnehme oder nicht, weil Gott immer an mir handelt. Auch wenn es nicht um Ergebnisse geht, ist es gut, am Ende der Anbetung auf die vergangene Gebetszeit zurückzuschauen und sich zu fragen, welche Botschaft, welches Wort, welchen Gedanken ich in den Alltag mitnehme. Denn Berufung hat immer mit Sendung zu tun.

Edith Stein formuliert es so: „Je tiefer jemand in Gott hineingezogen wird, desto mehr muss er auch in diesem Sinn aus sich heraus gehen, d.h. in die Welt hinein, um das göttliche Leben in sie hineinzutragen". Anbetung zielt nicht darauf, die Verbindung zur Welt abzuschneiden, sondern sie will konkret in die Welt hineinwirken. Der Mensch soll mit Hilfe des Heiligen Geistes die Welt mitgestalten.

Am Ende einer Begegnung steht die Verabschiedung. Das gilt für rein menschliche Zusammenkünfte ebenso wie für die Begegnung mit Gott. Dieses Abschiedsritual kann ein Dankgebet sein, das in freier oder gesungener Form zusammenfasst, was mir wichtig wurde. Nun kann ich mit neuer Kraft zu den Menschen und zu meinen Aufgaben gehen, zu denen mich Gott sendet.