Dr. Ralph Bergold, Bonn

Erwachsenenbildung – ein Beruf?

Welche Bedeutung hat Kath. Erwachsenenbildung, wer übt sie aus? Dr. Ralf Bergold, Bundesgeschäftsführer der Kath. Bundesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (KBE), Bonn, gibt Einblick.

Die katholische Erwachsenenbildung hat sich zum zweitgrößten Träger im Bereich der allgemeinen, politischen und wertbezogenen Bildung nach den Volkshochschulen entwickelt. Ihr Arbeitsumfang ist groß: Im Jahre 2002 gab es 222.000 Veranstaltungen mit 2,23 Mio. Unterrichtsstunden, an denen 4.3 Mio. Menschen teilnahmen.

Nach Schätzungen verdienen in Deutschland 80.000 bis 100.000 Pädagogen in der Erwachsenen- und Weiterbildung ihren Lebensunterhalt. Genaue Zahlen gab es bisher nicht, eine bundesweite Weiterbildungsstatistik wird erst seit 2002 aufgebaut.

Für den Bereich der Katholischen Kirche werden ca. 1.800 hauptberuflich Mitarbeitende genannt, davon 500 im Bereich der Verwaltung, 400 im Wirtschaftsbereich (hauptsächlich in Heimvolkshochschulen) und nur ca. 700 als eigentlich pädagogisches Personal.

Starkes Ehrenamt

In der Fachdiskussion wird diese Situation als Semi-Professionalisierung bezeichnet, und sie macht eine Besonderheit der Erwachsenenbildung aus. Die pädagogische Arbeit in Kursen und Seminaren wird nämlich fast ausschließlich von nebenberuflichen Kursleiterinnen und Kursleitern geleistet.

Die Planungsarbeit in den kirchlichen Gemeinden, wo die jährlichen Programme in Absprache mit den Vereinen, Verbänden und Gruppierungen entstehen, ist zum großen Teil Sache ehrenamtlicher Mitarbeiter/-innen. Diese Ehrenamtlichen – man schätzt ihre Zahl auf ca. 6.000 – sorgen dafür, dass Bildungsangebote nicht am grünen Tisch geplant werden, sondern auf die Bedürfnisse vor Ort zugeschnitten sind.

Die Ehrenamtlichen erfüllen aber nicht nur eine wichtige Planungsaufgabe, sie bringen auch unentgeltlich Leistungen ein, ohne die das lebenslange Lernen nicht – und längst nicht so kostengünstig - funktionieren würde: Sie halten Kontakt mit den Gastdozenten, eröffnen und moderieren Veranstaltungen, kassieren Gebühren, lassen Teilnahme-Listen ausfüllen, führen Statistiken ...

Profession Erwachsenenbildung

Seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts wuchs dann die Erkenntnis, dass Erwachsene anders als Kinder lernen, Erwachsenenbildner deshalb spezielles Wissen über Lernpsychologie, Methodik und Didaktik brauchen, aber auch über gesellschaftliche Trends und Veränderungen, aus denen sich der Lernbedarf ergibt, und über Bildungsmarketing und Betriebswirtschaft. Heute kann man an 30 deutschen Universitäten Erwachsenenbildung studieren. Zugleich schufen die Weiterbildungsgesetze in etlichen Bundesländern die Möglichkeit, hauptberuflich geleitete Bildungswerke einzurichten. Erwachsenenbildung sollte – das war die Vision der 70er Jahre – wie Schule und Hochschule professionalisiert und zur „vierten Säule" des Bildungssystems werden.

Der Beruf des „Dipl.-Erwachsenenbildners" hat sich allerdings nicht durchgesetzt. Gerade in kirchlichen Institutionen sind stärker als Diplom-Pädagogen Fachleute aus anderen Feldern vertreten: Theolog/inn/en, Pastoral- und Gemeindereferent/inn/en, sogar Volkswirte, Juristen und Pflegefachkräfte werden wegen ihrer Fachkenntnisse gern beschäftigt.

Qualitätsstandards

Im Jahre 1996 haben die Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (KBE) in Bonn und ihre evangelische Schwesterorganisation DEAE diese Situation zum Anlass genommen, in einem Projekt „Berufseinführung" Qualitätsstandards für die Profession Erwachsenenbildung zu erarbeiten und eine zweijährige Einführungsphase zu konzipieren. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert und ist heute Rückgrat des jährlichen ökumenischen Fortbildungs-angebots. Dabei wird die Breite des Tätigkeitsfeldes besonders berücksichtigt, sie macht den Reiz des Berufsbildes aus. Denn Erwachsenenbildner müssen Spezialisten in vielen Bereichen sein: Von der Bedürfnisermittlung bis zur betriebswirtschaftlichen Kostenrechnung, von der erwachsenengerechten Seminargestaltung bis zu Marketing und Mitarbeiterführung.

Sparzwänge

Der Trend zur Professionalisierung der Erwachsenenbildung hat sich nicht durchgesetzt, trotz vieler politischer Bekenntnisse zur Notwendigkeit des Lebenslangen Lernens. Gegenwärtig sind sogar deutlich rückläufige Tendenzen zu beobachten: Bildungseinrichtungen fusionieren oder werden ganz geschlossen, kirchliche Mittel werden zurückgefahren. In einem eindringlichen Appell an die deutschen Bischöfe hat die Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (KBE) deshalb davor gewarnt, gewachsene Strukturen durch radikale Sparkonzepte zu zerstören. Die KBE weist dabei auf die „Türöffner-Funktion" ihrer Einrichtungen hin, die für viele Menschen der erste und einzige Begegnungsort mit der Kirche seien.