Neue Lernformen, neue Themen

Katholische Erwachsenenbildung profiliert sich

Im einer Zeit des Wandels profiliert sich die kath. Erwachsenenbildung auf dem Weiterbildungsmarkt. Diplompädagogin Gisela Bolmer, Leiterin der Kath. Erwachsenenbildung Lingen (Ems), beschreibt einige wichtige Aspekte der Entwicklung.

Familien stärken

Die Katholische Erwachsenenbildung vollzieht derzeit einen Perspektiven-Wechsel: Weg von einer Belehrungspädagogik – wo der scheinbar allwissende Dozent den Zuhörern Wissen vermittelte, das sie vielleicht gar nicht brauchen konnten -, hin zu einer Ermöglichungsdidaktik: Menschen sollen ihre Kompetenzen ausschöpfen, wo nötig zielgerichtet dazulernen und sich an Aufgaben heranwagen, deren Lösung sie ein Stück weiter bringt, fachlich und in ihrer persönlichen Entwicklung.

Dabei steht die Familie in all ihren Erscheinungsformen im Vordergrund der pädagogischen Arbeit. Das hat sich in gleichem Maße entwickelt, in dem Deutschland zu einem kinderarmen und kinderfeindlichen Land geworden ist. Kinder stellen heute ein Armutsrisiko dar. Besonders junge Eltern fühlen sich allein gelassen, die Kinderbetreuung setzt bei uns später als in den meisten europäischen Ländern ein, Kindergartenplätze sind rar und teuer. Eine Folge: Es gibt einen regelrechten Run auf die Eltern-Kind-Gruppen der katholischen ebenso wie der evangelischen Erwachsenenbildung, die sich in nahezu allen Kirchengemeinden etabliert haben. Hier finden in entspannter Atmosphäre Diskussionen über kindliche Entwicklung und Erziehung statt, es werden Erfahrungen ausgetauscht, es wird – gemeinsam mit den Kindern – gespielt, gesungen und gebetet.

Diesem problem- und praxisnahen Lernen gehört die Zukunft, weil Erwachsene es zunehmend ablehnen, Wissen anzuhäufen, das sich als nutzlos erweist, und passgenau das lernen wollen, was ihnen das Überleben im Alltag erleichtert. An dieser Stelle hat sich die Kath. Erwachsenenbildung als kompetenter und einfühlsamer Partner bei der Realisierung von lebensnahen Lernangeboten und der Qualifizierung von Leiterinnen und Ansprechpartnerinnen bewährt. Und noch etwas kennzeichnet Eltern-Kind-Gruppen: Für viele Mütter (Väter finden sich leider immer noch selten) sind sie eine Chance nach Jahren der Abstinenz und Entfremdung wieder Nähe zur Kirche zu finden.

Übergänge gestalten

Erwachsene müssen heute nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben weiterlernen, denn Übergänge von einer Lebensphase zur anderen werden einschneidender als in früheren Generationen und schmerzhafter erlebt. Die Fachleute sprechen von „Statuspassagen", die der moderne Mensch bewältigen muss. Dabei will die kirchliche Erwachsenenbildung helfen. Sie richtet Gesprächskreise für

 Alleinerziehende und Geschiedene ein, für Schwerkranke und trauernde Hinterbliebene, für „Frauen nach Krebs" und für Eltern, die ein Kind verloren haben. Dabei macht sie die ermutigende Erfahrung, dass allein das regelmäßige Gespräch, der Kontakt mit anderen Menschen in ähnlicher Situation und die behutsame pädagogische Begleitung Schritte aus der Krise ermöglichen.

Statuspassagen liegen aber auch dann vor, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, wenn der Arbeitsplatz verloren geht oder die Berufstätigkeit mit der Pensionierung endet. Hier hat die Katholische Erwachsenenbildung die Aufgabe, die fällige Neuorientierung mit Kurs- und Seminarangeboten so zu unterstützen, dass neue Lebensziele und Aufgaben sichtbar und erreichbar werden.

Mit den Übergängen von innen nach außen, von der Privatsphäre in die Öffentlichkeit, tun sich besonders Frauen schwer, bedingt durch Erziehung und Biographie. Das Kurskonzept „Frauen - kompetent im öffentlichen Handeln" wurde von der Kölner Erwachsenenbildung übernommen und den Bildungsbedürfnissen von Frauen im ländlichen Raum angepasst. Denn in vielen Frauen schlummert ein Potenzial, das durch Belastungen in Familie, Erziehung und Beruf nicht zu tragen kam. Sie wissen, wo in der Nachbarschaft, im Dorf oder Stadtteil der Schuh drückt, sie sind kontaktfreudig, aktiv und durchsetzungsfähig. Dieses Kursmodell befähigt und ermutigt zu öffentlichem Handeln im politischen, kirchlichen und bürgerschaftlichen Engagement.

Und das Lernen im Glauben?

Die Zeit der großen theologischen Kontroversen, mit denen die Katholische Erwachsenenbildung in den 60er und 70er Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hervorgetreten ist, scheint vorbei. Mit den Reizthemen von damals wird man heute keine Säle mehr füllen. Hier entwickeln sich aber, schaut man genau hin, neue ehrgeizige Formen religiösen Lernens.

So veranstalteten zur Fastenzeit 2003 evangelische und katholische Einrichtungen gemeinsam in Oldenburg eine sechswöchige Aktion zur Geheimen Offenbarung des Johannes, die um 39 moderne Gemälde zur Apokalypse gruppiert war. Vorträge, Meditationen, Kunstfahrten und Gesprächskreise in den Gemeinden bildeten zusammen ein Programm von mehr als 60 Veranstaltungen. Die Aktion ist jetzt mit dem Innovationspreis des Niedersächsischen Ministers für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet worden, weil sie eindrucksvoll gezeigt hat, dass überraschend viele Menschen sowohl für die moderne Kunst als auch für ein schwieriges Buch der Bibel begeistert werden können, wenn man es nur geschickt anfängt.